Der Gang nach Canossa. Ein Produkt der Hybris der römischen Kirche unter Papst Gregor VII.


Hausarbeit, 2018

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Papsttum und Kaisertum im 11. Jahrhundert
2.2 Die Streitschriften
2.3 Der Gang nach Canossa

3. Schlussbemerkung

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Seien Sie außer Sorge, nach Canossa gehen wir nicht – weder körperlich noch geistig.“ Dieser Satz, gesprochen vom eisernen Kanzler Bismarck in seiner Rede vor dem Reichstag am 14. Mai 1872 macht deutlich, dass sich der Gang nach Canossa, auf den der Kanzler hier verweist, tief in das Bewusstsein der Nachwelt eingeprägt hat.[1] Es ist sogar zum Synonym für einen Akt der Demütigung geworden, das buchstäbliche „zu Kreuze kriechen“ ist damit gemeint. Das eigentliche Ereignis fand am 25. Januar 1077 auf der Burg Canossa in Italien statt. Der römisch-deutsche König Heinrich IV. erschien barfüßig im härenen Büßergewand vor dem Burgtor und bat Papst Gregor VII. um Vergebung. Der König war nämlich bei der katholischen Kirche in Ungnade gefallen. Aufgrund seines lasterhaften Lebens und der ständigen Gehorsamsverweigerung gegenüber dem Papst wurde er von diesem mit dem Kirchenbann belegt und verlor überdies auch noch seine Königswürde. Wenn Heinrich IV. nicht ein Leben als Ausgestoßener führen wollte, musste er demnach den Bußgang in Kauf nehmen. Der Historiker Stefan Weinfurter beschreibt die Zeit Heinrichs IV., ab circa 1073 bis zum Wormser Konkordat von 1122[2], auch Zeitalter des Investiturstreits genannt[3], als „Phase des Umbruchs“,[4] in der sich die kirchlichen Elemente von den Weltlichen trennten. Ausgelöst durch die Frage wer das Investiturrecht für Bischöfe und Äbte besäße, zog der Konflikt um Papst und König immer größere Kreise, bis er im Gang nach Canossa seinen fulminanten Höhepunkt fand. Während der Regierung Heinrichs III. herrschte noch die Idee der Einheit von Kirche und Königtum vor.[5] Wie konnten sich die Verhältnisse also derart umkehren, dass das weltliche Oberhaupt der Christenheit und das Geistliche in Konflikt standen? Es prallten zwei gegensätzliche Charaktere aufeinander könnte man sagen – König Heinrich IV. und der ehrgeizige Reformpapst Gregor VII. Jeder beanspruchte für sich das Oberhaupt der Christenheit zu sein, der vicarius Christi. Gregor VII. saß von 1073 bis 1085 auf dem apostolischen Stuhl und hatte sich die libertas ecclesiae [6] in den Kopf gesetzt, die römische Kirche zu erneuern und sie frei zu machen von weltlichen Einflüssen. Bereits zu Lebzeiten war er ein Mensch, der stark polarisierte, mitunter sogar „Höllenbrand“ genannt wurde, in Anlehnung an seinen Geburtsnamen Hildebrand.[7] Gregor VII. kämpfte so verbissen gegen Simonie und Priesterehe, dass er seine Kompetenzen als Papst deutlich überstieg und sich mit seiner Überheblichkeit außerordentlich unbeliebt machte. Alle, die ihm nicht Gehorsam huldigten strafte er als Häretiker ab und drohte mit Exkommunikation. Sein Reformprogramm hielt er schriftlich in einer thesenhaften Notiz fest, dem Dictatus papae. Die 27 darin aufgelisteten Leitsätze beschrieben die Rechte des Papstes und hatten es wahrlich in sich. Das Ziel meiner hier vorgelegten Arbeit ist demnach, aufzuzeigen, dass das übersteigerte Sendungsbewusstsein Papst Gregors VII. verantwortlich war für Heinrichs IV. Gang nach Canossa. Ferner, die kritische Auseinandersetzung mit der Frage nach der Herrscherlegitimation des Königs, sowie den Kompetenzen des Papstes bildet einen entscheidenden Aspekt meiner Arbeit.

Anhand der Streitschriften, dem Briefverkehr zwischen König Heinrich IV.[8] und dem Papst[9], lässt sich erkennen wie sich der Konflikt hochschaukelte. Auch Chronisten[10] aus der damaligen Zeit beschreiben die Ereignisse um Canossa recht gut, wobei man beachten sollte, dass viele Werke nicht von einem objektiven Standpunkt aus geschrieben wurden, sondern politisch, teils auch propagandistisch waren.

2. Hauptteil

Zur besseren Verständlichkeit und Anschaulichkeit des Themas habe ich dieses Kapitel in drei Unterkapitel eingeteilt, beginnend mit dem Machtverhältnis zwischen regnum und sacerdotium von der Spätantike bis ins 11. Jahrhundert hinein. Im zweiten Kapitel widme ich mich der Streitschriften, dem Schriftverkehr zwischen Heinrich IV. und Papst Gregor VII., zwischen den Jahren 1075 und 1077. Das letzte Kapitel handelt von Heinrichs IV. Gang nach Canossa, dessen Ursachen und Nachwirkungen.

2.1 Papsttum und Kaisertum im 11. Jahrhundert

Das 11. Jahrhundert mit den salischen Kaisern[11] war stark davon geprägt, dass sich der König, bzw. Kaiser als höchste Autorität im Reich verstand, der unmittelbar von Christus eingesetzt ist als sein irdischer Stellvertreter.[12] Das Königtum im Mittelalter orientierte sich am antiken Kaisertum, wobei das Jahr 800 mit der Krönung Karls des Großen zum Kaiser durch Papst Leo III. eine Wende darstellte.[13] Dieser Moment ist so bedeutend, weil Karl der Große seine Legitimation erst durch die kirchliche Salbung erhält, demnach empfängt der Kaiser seine Macht nicht mehr von Gottes Gnaden, sondern vom Papst.[14] Durch die Weihe wird er nämlich zum vicarius Christi, auch wenn Gregor VII. später behauptete er sei nur das caput laicorum, also das Oberhaupt der Laien[15] und daher nicht zur Investitur der Bischöfe legitimiert. In der Spätantike dagegen galten regnum und sacerdotium noch als weitgehend gleichgestellt.[16] Auch Heinrich IV. verwies 1076 in einem Manifest auf die Gleichstellung der beiden Gewalten, ohne dabei sein Gottesgnadentum in Abrede zu stellen.[17] Er nutzte dies als Argument gegen Papst Gregor VII., der sich anmaßte über dem König zu stehen. Heinrich IV. hatte demnach das antike Herrschervorbild vor Augen.[18] Dies war der Maßstab für sein Handeln, auch gegenüber der Kirche, die unter seinem Schutz stand.[19] In einer Welt in der Kirche und irdische Ordnung nicht getrennt waren, sah es auch sein Vorgänger Karl der Große in seiner Verantwortung sich sowohl um das Reich, als auch um den Glauben zu kümmern.[20] Diese Begründung ist stark religiös verankert, denn nicht nur die antiken Ideale, sondern auch die christliche Tradition gaben vor, wie ein Herrscher zu regieren hatte.[21] Mit Beginn der gregorianischen Kirchenreform entbrannte ein Wettstreit um das Amt des vicarius Christi, denn eine gleichwertige Koexistenz der beiden Mächte war nun nicht mehr möglich. Der Papst bediente sich zur Rechtfertigung seines Primatsanspruchs der Zwei-Gewalten-Lehre des Papstes Gelasius I.[22] Diese Theorie, die um 500 nach Christus entstand, bezieht sich auf eine Stelle im Lukasevangelium[23] und besagt, dass es insgesamt zwei Schwerter gibt, ein Geistliches und ein Weltliches, eines für den Papst und eines für den König. Dennoch stünde das geistliche Schwert über dem Weltlichen, da der Papst vor dem jüngsten Gericht auch die Verantwortung für die Taten des Kaisers trage, weswegen er das Recht habe, von jedem Christen absoluten Gehorsam einzufordern.[24] Der Kaiser müsse lediglich die Verantwortung für sich selbst tragen. Diese Theorie hielt sich im Mittelalter lange Zeit und spielte eine wichtige Rolle für die Legitimation des Papsttums. Heinrich IV. machte Gregor VII. den Vorwurf, er versuche ihm sein weltliches Schwer, seine Deutungshoheit, zu rauben.[25] Dabei argumentierte er, nur Gott könne ihn richten, nicht jedoch der Papst und Christus hätte für die Kirche beide Schwerter vorgesehen, zum Schutze des Glaubens.[26]

Im Zentrum des Investiturstreits stand demnach der Kampf um die höchste Autorität in der Christenheit. Unter Heinrich III. herrschte das Eigenkirchenwesen vor, bei dem sich Kirchen und Klöster im Besitz des Adels befanden.[27] Auch gab es bis dahin keine Proteste seitens des Papstes gegen die Investitur der Bischöfe mit Ring und Stab durch den Herrscher. Als Heinrich IV. dann an die Macht kam, war die gregorianische Kirchenreform bereits in vollem Gange. Politische Machtspiele und propagandistische Schreiben wurden zum Kampfmittel[28]. Die Kluft zwischen Papst und König wurde immer größer und aus ehemaligen Verbündeten wurden Gegner. Spätestens seit Gregors VII. Dictatus papae, in dem er festlegte, dass es dem Papst erlaubt sei Kaiser abzusetzen[29] wird deutlich, wie stark sich das Herrscherbild seit den antiken Kaisern gewandelt hatte. Der sakrale Charakter des Königtums wurde nicht mehr anerkannt.[30] Hingegen galt nun die Heiligkeit des Papstes – und zwar schon zu dessen Lebzeiten – als unumstößliche Wahrheit.[31] Diese Umkehrung der Machtverhältnisse musste zwangsläufig früher oder später zum Konflikt zwischen Papsttum und Kaisertum führen.[32]

[...]


[1] Vgl. Stefan WEINFURTER, Canossa. Die Entzauberung der Welt (München 2006) S. 25.

[2] Vgl. Johannes LAUDAGE, Der Investiturstreit (Köln 2006) S. 18.

[3] Ebd. S. 17.

[4] Vgl. WEINFURTER, Canossa S. 46.

[5] Ebd. S. 46.

[6] Ebd. S. 79.

[7] Ebd.

[8] Briefsammlungen der Zeit Heinrichs IV., hg. von Carl ERDMANN (MGH Dt. MA 1, Die Briefe der deutschen Kaiserzeit 5, Weimar 1950).

[9] Das Register Gregors VII., hg. von Erich CASPAR (MGH Epp. sel., Berlin 1920/23).

[10] Weiterführende Literatur: Lampert von Hersfeld, Annalen, hg. von Oswald HOLDER-EGGER (MGH SS rer. Germ. 38, Hannover/Leipzig 1894), mit dt. Übersetzung von Adolf SCHMIDT hg. von Wolfgang Dietrich FRITZ (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 13, Darmstadt 1957). Bruno von Merseburg, Buch vom Sachsenkrieg, hg. von Franz-Josef SCHMALE, in: Quellen zur Geschichte Kaiser Heinrichs IV. (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 12, Darmstadt 1974). Paul von Bernried, Vita Gregorii VII., hg. J.M. WATTERICH, Pontificum Romanorum vitae 1 (1862).

[11] Anmerk.: Die Herrschaft der Salier bestand von 1024 bis 1125 und umfasste insgesamt vier Könige, bzw. Kaiser.

[12] Vgl. Stefan WEINFURTER, Das Jahrhundert der Salier (Ostfildern 2004) S. 158.

[13] Vgl. Heike Johanna MIERAU, Kaiser und Papst im Mittelalter (Köln u.a. 2010) S. 41.

[14] Vgl. Johannes FRIED, Das Mittelalter. Geschichte und Kultur (München 2008) S. 121.

[15] Vgl. Anton MAYER-PFANNHOLZ, Die Wende von Canossa. Eine Studie zum Sacrum Imperium, in: Canossa als Wende. Ausgewählte Aufsätze zur neueren Forschung, hg. von Hellmut KÄMPF (Darmstadt 1963) S. 17.

[16] Vgl. MIERAU, Kaiser und Papst im Mittelalter S. 164.

[17] Ebd. S. 169.

[18] Ebd. S. 55.

[19] Ebd. S. 121.

[20] Ebd. S. 181.

[21] Ebd. S. 43.

[22] Vgl. WEINFURTER, Das Jahrhundert der Salier S. 158.

[23] Anmerk.: Lukas 22,38: Als die Jünger in der Stunde der Entscheidung Christus zwei Schwerter reichten, sagte dieser: „Das genügt“.

[24] Vgl. Stefan WEINFURTER, Das Ende Heinrichs IV. und die neue Legitimation des Königtums, in: Heinrich IV., hg. von Josef FLECKENSTEIN (Konstanzer AK für mittelalterliche Geschichte, Bd. 69, Sigmaringen 2009) S. 344.

[25] Vgl. MIERAU, Kaiser und Papst im Mittelalter S. 199.

[26] Ebd.

[27] Vgl. WEINFURTER, Canossa S. 85.

[28] Vgl. MIERAU, Kaiser und Papst S. 70.

[29] Vgl. Register Gregors VII. II, 55a, Nr. 12: “Quod illi liceat imperatores deponere.”.

[30] Vgl. MIERAU, Kaiser und Papst S. 72.

[31] Vgl. Register Gregors VII. II, 55a, Nr. 23: “Quod Romanus pontifex, si canonice fuerit ordinatus, meritis beati Petri indubitanter efficitur sanctus.”.

[32] Vgl. Werner GOEZ, Kirchenreform und Investiturstreit 910-1122 (Stuttgart 2008) S. 118.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Gang nach Canossa. Ein Produkt der Hybris der römischen Kirche unter Papst Gregor VII.
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophische Fakultät, Seminar für mittelalterliche Geschichte)
Veranstaltung
Papst Gregor VII. und seine Zeit
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V444512
ISBN (eBook)
9783668823723
ISBN (Buch)
9783668823730
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dieses Werk befasst sich mit Heinrichs IV. Gang nach Canossa, welche Situationen zu dem Gang geführt haben und was die einzelnen Schritte waren. Im Fokus steht dabei der Briefwechsel zwischen Papst Gregor VII., dem Reformpapst des 11. Jhs. und dem römisch-deutschen König Heinrich IV. Erörtert wird, auf welcher Grundlage der Papst für seine Rechte einstand, wie er diese gegenüber dem König argumentierte und ob sie gerechtfertigt waren. Ferner wurden Heinrichs IV. Argumente untersucht im Hinblick auf seine Weltanschauung und Haltung gegenüber der katholischen Kirche.
Schlagworte
Mittelalter, Papst Gregor VII., Papst, Heinrich IV., Hybris, Kirche, Römische Kirche, Streitschrift, Gang nach Canossa, Canossa, Papsttum, Kaisertum, Papst und Kaiser, Kirchenreform, Investitur, Investiturstreit, 11. Jahrhundert, Dictatus papae, regnum, sacerdotium, katholische Kirche
Arbeit zitieren
Lina Öner (Autor), 2018, Der Gang nach Canossa. Ein Produkt der Hybris der römischen Kirche unter Papst Gregor VII., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444512

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