Die Diskussion um die Reform der sozialen Sicherung bei Pflegebedürftigkeit dauerte fast zwanzig Jahre an. Bis zur Einführung der Pflegeversicherung 1995 war das Risiko der Pflegebedürftigkeit nur ungenügend abgesichert. Die Pflegebedürftigen waren hauptsächlich auf die Hilfe ihrer Familienmitglieder angewiesen und wurden durch die Sozialhilfe finanziell unterstützt. „Als skandalös wurde es betrachtet, dass etwa 70% der stationär gepflegten Personen auf (ergänzende) Sozialhilfe angewiesen waren, bei den häuslich Versorgten sollen es bis zu 25% gewesen sein“(Klie 2001). Um die Sozialhilfe und auch die Familienmitglieder, welche der Pflegebedürftigen Hilfe geleistet haben, zu entlasten, war eine Veränderung der sozialen Sicherung bei Pflegebedürftigkeit nötig.
Igl (1987) unterscheidet fünf Phasen in der Diskussion um die Pflegeversicherung: 1. Phase: Ab Mitte der 70er Jahre gab es eine Aufarbeitung des Problems des Schutzes zur Pflegebedürftigkeit, wobei es Anfangs um die Diskussion der Situation älterer pflegebedürftiger Menschen in Heimen ging. 2. Phase: Es wurden Vorschläge, wie das Risiko der Pflegebedürftigkeit durch sozialrechtliche Regelungen abgesichert werden kann, an den Gesetzgeber gerichtet.
Es gab Vorschläge des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge (1984) und der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege (1983). 3. Phase: Landesregierungen, Bundesregierunge sowie Bundestagsfraktion befassten sich mit Gesetzesentwürfen.
4. Phase: Durch das Gesundheitsreformgesetz, das ab 1989 im Rahmen der Reform des Krankenversicherungsrechts eingeführt wurde, wurde eine Einstiegslösung gefunden, wonach häusliche Pflegehilfen für Schwerpflegebedürftige sowie Leistungen der Kurzzeitpflege für krankenversicherte Personen gewährt wurden. Der Durchbruch aus der Sozialhilfe in das Sozialversicherungsrecht war somit geschaffen.
5. Phase: Es wurde über die unterschiedlichen Lösungsmodelle, Sozialversicherungslösungsweg oder Privatversicherung gestritten.
Auf den Inhalt dieser von Igl beschriebenen Entwicklungsstufen der Pflegeversicherung in der Bundesrepublik Deutschland wird im weiteren Verlauf näher eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Geschichte der sozialen Absicherung im Pflegefall
3. Definition von Pflegebedürftigkeit
4. Das Konzept der Pflegeversicherung
5. Die Grundsätze der Pflegeversicherung
6. Die Leistungen der Pflegeversicherung
7. Ziele der Pflegeversicherung
8. Zur demographischen Entwicklung
9. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung, das Leistungsspektrum sowie die gesellschaftliche Notwendigkeit der gesetzlichen Pflegeversicherung in Deutschland. Zentrale Forschungsfrage ist dabei, wie durch den Wandel von der bedürftigkeitsorientierten Sozialhilfe hin zur systemischen Absicherung ein würdevolles Leben bei Pflegebedürftigkeit gewährleistet werden kann.
- Historische Entwicklung der pflegerischen Absicherung seit den 1970er Jahren.
- Rechtliche Grundlagen und Definitionen von Pflegebedürftigkeit nach SGB XI.
- Strukturelle Prinzipien, Finanzierung und Leistungen der Pflegeversicherung.
- Die Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf das Pflegesystem.
- Qualitätssicherung als Instrument zur Vermeidung von Zweiklassengesellschaften.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Die Diskussion um die Reform der sozialen Sicherung bei Pflegebedürftigkeit dauerte fast zwanzig Jahre an. Bis zur Einführung der Pflegeversicherung 1995 war das Risiko der Pflegebedürftigkeit nur ungenügend abgesichert. Die Pflegebedürftigen waren hauptsächlich auf die Hilfe ihrer Familienmitglieder angewiesen und wurden durch die Sozialhilfe finanziell unterstützt. „Als skandalös wurde es betrachtet, dass etwa 70% der stationär gepflegten Personen auf (ergänzende) Sozialhilfe angewiesen waren, bei den häuslich Versorgten sollen es bis zu 25% gewesen sein“(Klie 2001). Um die Sozialhilfe und auch die Familienmitglieder, welche der Pflegebedürftigen Hilfe geleistet haben, zu entlasten, war eine Veränderung der sozialen Sicherung bei Pflegebedürftigkeit nötig.
Igl (1987) unterscheidet fünf Phasen in der Diskussion um die Pflegeversicherung: 1. Phase: Ab Mitte der 70er Jahre gab es eine Aufarbeitung des Problems des Schutzes zur Pflegebedürftigkeit, wobei es Anfangs um die Diskussion der Situation älterer pflegebedürftiger Menschen in Heimen ging. 2. Phase: Es wurden Vorschläge, wie das Risiko der Pflegebedürftigkeit durch sozialrechtliche Regelungen abgesichert werden kann, an den Gesetzgeber gerichtet. Es gab Vorschläge des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge (1984) und der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege (1983). 3. Phase: Landesregierungen, Bundesregierunge sowie Bundestagsfraktion befassten sich mit Gesetzesentwürfen. 4. Phase: Durch das Gesundheitsreformgesetz, das ab 1989 im Rahmen der Reform des Krankenversicherungsrechts eingeführt wurde, wurde eine Einstiegslösung gefunden, wonach häusliche Pflegehilfen für Schwerpflegebedürftige sowie Leistungen der Kurzzeitpflege für krankenversicherte Personen gewährt wurden. Der Durchbruch aus der Sozialhilfe in das Sozialversicherungsrecht war somit geschaffen. 5. Phase: Es wurde über die unterschiedlichen Lösungsmodelle, Sozialversicherungslösungsweg oder Privatversicherung gestritten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt den zwanzigjährigen Diskussionsprozess zur Reform der sozialen Sicherung im Pflegefall und benennt die fünf Phasen bis zur Etablierung der Pflegeversicherung.
2. Die Geschichte der sozialen Absicherung im Pflegefall: Analysiert die politischen Lösungsmodelle von der Eigenvorsorge bis hin zum gesetzlichen Pflichtversicherungssystem.
3. Definition von Pflegebedürftigkeit: Erläutert die rechtliche Bestimmung des Begriffs der Pflegebedürftigkeit gemäß §14 SGB XI und grenzt diese von allgemeinen Krankheitsbildern ab.
4. Das Konzept der Pflegeversicherung: Beschreibt die Ausgestaltung als Sozialversicherung, ihre Finanzierung über Umlageverfahren und die Rolle der Pflegekassen.
5. Die Grundsätze der Pflegeversicherung: Detailliert die gesetzlich verankerten Prinzipien wie Selbstbestimmung, den Vorrang der häuslichen Pflege und die Mitwirkungspflicht.
6. Die Leistungen der Pflegeversicherung: Definiert die vier Gebiete der Verrichtungen des täglichen Lebens sowie die drei Pflegestufen und deren Leistungsarten.
7. Ziele der Pflegeversicherung: Behandelt die gesellschaftspolitischen Ambitionen, insbesondere die Entlastung der Sozialhilfe und der pflegenden Angehörigen.
8. Zur demographischen Entwicklung: Setzt die Alterung der Gesellschaft und die Problematik des dreifachen Alterns in Bezug zum steigenden Bedarf an Pflegeleistungen.
9. Resümee: Zieht eine Bilanz über die Einführung der Pflegeversicherung als fünfte Säule der Sozialversicherung und blickt kritisch auf zukünftige Herausforderungen.
Schlüsselwörter
Pflegeversicherung, SGB XI, Sozialhilfe, Demographischer Wandel, Pflegebedürftigkeit, häusliche Pflege, Pflegestufen, Altersstruktur, Sozialversicherung, Qualitätssicherung, Alterspyramide, Angehörigenpflege, stationäre Pflege, Eigenvorsorge, Gesundheitsreform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung und Etablierung der gesetzlichen Pflegeversicherung in Deutschland, insbesondere die Transformation von einer stigmatisierenden Sozialhilfeleistung hin zu einem festen Bestandteil des Sozialversicherungssystems.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Genese, den rechtlichen Definitionen der Pflegebedürftigkeit, der Leistungsstruktur, den politischen Zielen und der demographischen Herausforderung einer alternden Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch die Pflegeversicherung ein würdevolles Leben bei Pflegebedürftigkeit ermöglicht und gleichzeitig das bestehende System der sozialen Sicherung durch eine fünfte Säule gestärkt wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Literaturanalyse politischer Berichte, gesetzlicher Regelungen (SGB XI) und wissenschaftlicher Sekundärliteratur zur Sozialpolitik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die inhaltliche Definition von Pflegebedürftigkeit, die Darstellung des Versicherungskonzepts, die Analyse der Grundsätze und Leistungen sowie die kritische Reflexion demographischer Trends.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind hier das SGB XI, die Pflegestufen, die demographische Entwicklung sowie die Entlastung der Sozialhilfeempfänger durch das Versicherungsprinzip.
Was unterscheidet die drei Pflegestufen voneinander?
Die Stufen differenzieren sich nach dem Grad des Hilfebedarfs (erheblich, schwer, schwerst) sowie dem zeitlichen Aufwand pro Tag für Grundpflege und hauswirtschaftliche Versorgung.
Welche Rolle spielt die demographische Entwicklung für die Zukunft der Versicherung?
Die Arbeit betont, dass durch die umgekehrte Alterspyramide und den Anstieg hochbetagter Menschen der Pflegebedarf stetig wächst, was die Zukunftsfähigkeit der Beitragsfinanzierung zu einer zentralen politischen Frage macht.
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- Anne Papais (Author), 2005, Zur Entstehung der Pflegeversicherung - Entwicklung, Leistung und Notwendigkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44463