Claire Zachanassian als Deus ex Machina in Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame"


Seminararbeit, 2017

11 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Clair Zachanassian als im richtigen Moment auftauchende Helferin in einer Notlage
2.2. Claire Zachanassian bringt eine überraschende, unerwartete Lösung der Schwierigkeit mit sich.
2.3. Claire Zachanassian als „Deus“, geheimnisvolle Göttin

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit langem spielen die Frauen eine sehr bedeutende Rolle. Sie sind nämlich imstande ihre Umgebung sowohl zu guten als auch zu äußerst bösen Taten anzuregen. Eben diese gewissermaßen Macht der Frauen ist nicht nur im Alltagsleben, sondern auch in der Welt der Literatur zu beobachten. Das europäische Kulturerbe ist reich an verschiedenen Beispielen, in denen das weibliche Wesen im Vordergrund steht, oder als eine sekundäre Gestalt sehr stark den Handlungsablauf in literarischen Werken beeinflusst. Als Beispiel dient Claire Zachanassian, eine der Hauptfiguren in Friedrich Dürrenmatts Drama „Der Besuch der alten Dame“. In meiner Arbeit versuche ich zu beweisen, dass die Frau als „Deus ex Machina” bezeichnet werden kann.

1.1. Erklärung des Begriffs „Deus ex Machina“

Der Begriff „Deus ex Machina“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Gott aus der (Theater)maschine“. Im antiken Theater schwebten die Götter an einer kranähnlichen Flugmaschine auf die Bühne[1] und haben mit sich jeweils die Lösung eines scheinbar nicht zu lösenden Problems gebracht.. „Deus ex Machina“ wird als unerwarteter, im richtigen Moment auftauchender Helfer in einer Notlage verstanden, er bringt eine überraschende, unvorhergesehene Lösung einer Schwierigkeit mit sich[2]. Dürrenmatt präsentiert aber nahezu parodistische Verkehrung das „Deus-ex-Machina“-Element antiker Dramen.

Der Unterschied zwischen den griechisch-römischen Theaterstücken und der Tragikomödie von Dürrenmatt besteht darin, im antiken Theater Euripides‘ ist eine Gottheit erst am Ende des Stücks erschienen, um einen komplizierten Konflikt zu lösen[3], bei Dürrenmatt jedoch taucht die Milliardärin gleich zu Beginn auf[4].

2. Hauptteil

2.1. Clair Zachanassian als im richtigen Moment auftauchende Helferin in einer Notlage

Die Entbehrung der Stadt, in der sich die ganze Handlung des Dramas spielt, erfährt der Leser schon durch die anfänglichen Didaskalien. Der Bahnhof und seine Gegend, die im ersten Akt beschrieben wurden, stellen ein ganz erbärmliches Bild vor. Auf die Verwahrlosung der Kleinstadt Güllen weisen folgende Worte von den Regieanweisungen hin: „Glockenton eines Bahnhofs, bevor der Vorhang aufgeht. Dann die Inschrift: Güllen. Offenbar der Name der kleinen Stadt, die im Hintergrund angedeutet ist, ruiniert, zerfallen. Auch das Bahnhofgebäude verwahrlost, je nach Land mit oder ohne Absperrung, ein halbzerrissener Fahrplan an der Mauer, ein verrostetes Stellwerk, eine Türe mit der Aufschrift: Eintritt verboten. Dann, in der Mitte, die erbärmliche Bahnhofstraße. Auch sie nur angedeutet. Links ein kleines Häuschen, kahl, Ziegeldach, zerfetzte Plakate an der fensterlosen Mauer[5] “. Die Beschreibung des Städtchens zeigt deutlich, dass Güllen echt verarmt ist, und dass seine Bürger infolge der herrschenden Armut ein freudloses Leben führen. Die erste Szene beginnt mit dem Gespräch von vier Männern, die über ihren niedrigen Lebensstandard klagen. Die Bürger sehen keine Perspektive vor sich, sie sind der Meinung, dass statt einfach zu leben, würden sie nur dahinvegetieren.

DER DRITTE Leben von der Arbeitslosenunterstützung.

DER VIERTE Von der Suppenanstalt.

DER ERSTE Leben?

DER ZWEITE Vegetieren.

DER DRITTE Krepieren.

DER VIERTE Das ganze Städtchen[6].

Durch den weiteren Gedankenaustausch erfahren wir, dass in letzten Jahren fast alle Unternehmen heruntergekommen sind. Die Bürger werden immer ärmer, sie haben kaum Geld, sowohl zum eigenen Gebrauch, als auch zur gemeinsamen Verwendung, die Stadtkassen sind nämlich leer. Auch politisch gesehen, sieht die Situation Güllens eher jämmerlich aus, denn der Pfändungsbeamte kann das Stadthaus pfänden lassen. Die wichtigsten und anerkanntesten Persönlichkeiten der Kleinstadt, wie beispielsweise der Bürgermeister und der Lehrer, versuchen die finanzielle Situation nicht mehr zu verbessern. Es scheint, dass Güllen in eine so schwere Lage geraten ist, dass die Ankunft von Claire Zachanassian die letzte Rettung wäre. Davon können die Worte zeugen:

DER BÜRGERMEISTER Meine Herren, die Milliardärin ist unsere einzige Hoffnung.

DER PFARRER Außer Gott.

DER BÜRGERMEISTER Außer Gott.

DER LEHRER Aber der zahlt nicht.

DER MALER Der hat uns vergessen[7].

Der nächste Aspekt, der auf die schwere Lebenssituation in Güllen hindeutet, ist die schon vergangene Vornehmheit des Städtchens. Natürlicherweise strebt jeder einzelne Mensch nach seelischem sowie materiellem Komfort[8]. Die Lage der Bewohner ist umso schwieriger, als ihr liebe Stadt einst hochverehrt war. Jetzt sieht die Situation völlig anders aus. Für die Bürger ist es schwer, sich an die fortdauernde Armseligkeit zu gewöhnen und sie sind bereit sehr viel zu widmen, um die ersehnte Herrlichkeit zurückzugewinnen.

Am Anfang des 1. Aktes sprechen vier Männer zusammen und sie erinnern sich an die Zeiten, wenn Güllen als Kulturstadt gegolten hat.

DER DRITTE Dabei waren wir eine Kulturstadt.

DER ZWEITE Eine der ersten im Lande.

DER ERSTE In Europa[9].

Die Stadt hat seinen Ruhm verloren und die Bürger träumen vom Wideraufbau Güllens. Sie haben aber keine Mittel, um die finanzielle sowie soziale Lage des Städtchens irgendwie zu verbessern. Von Bedeutung ist es auch, dass mit der Stadt wichtige Persönlichkeiten Deutschlands verbunden sind. Aus dem Text erfährt der Leser, Goethe hat im Gasthof zum Goldenen Apostel übernachtet, Brahms ein Quartett komponiert und Bertold Schwarz das Pulver erfunden. Diese schöne Geschichte Güllens und damit verbundene gute Memoiren können nach Ansicht der Bewohner nicht in Vergessenheit geraten. Für die Einwohner schwer auszuhalten ist auch die Tatsache, dass Güllen durch die anderen Städten außer Betracht gelassen wird. Als Beispiel dafür können die Worte der im ersten Akt sprechenden Männer dienen, die feststellen, dass bedeutsame Personenzüge nicht mehr in der Stadt halten. Außerdem ist Güllen im Vergleich mit anderen Städten besonders verarmt:

DER PFÄNDUNGSBEAMTE […] Das Land floriert, und ausgerechnet Güllen mit der Platz-an-der-Sonne-Hütte geht bankrott.

DER BÜRGERMEISTER Wir stehen selber vor einem wirtschaftlichen Rätsel[10].

Güllen und seine Bewohner leiden unter Mangel an Geld, die Hilfe wird ab sofort gebraucht. Der Verlust von Ehre und allgemeinem Ansehen verschlimmern die schon komplizierte Situation der Stadt derart, dass die Ansässigen keine Rettung mehr finden können. Das ratlose Güllen befindet sich in einer Notlage. Um den Bürgern würdige Lebensbedingungen sicherzustellen und die krisengeschüttelte Herrlichkeit des Städtchens wieder aufzubauen, braucht Güllen beinahe ein Wunder, das endlich in Menschengestalt namens Claire Zachanassian auftaucht.

[...]


[1] Vgl. Dudenredakion: Duden - Deutsches Universalwörterbuch : Das umfassende Bedeutungswörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. 8. Aufl., Dudenverlag Berlin, Berlin 2015, S. 414

[2] Vgl. ebd. S. 414-415

[3] Vgl. Seidensticker Bernd: Das antike Theater, 1. Aufl., C.H.Beck Verlag, München 2010, S. 67

[4] Vgl. Matzkowski Bernd: Textanalyse und Interpretation zu Friedrich Dürrenmatt; Der Besuch der alten Dame. 4. Aufl., Bange Verlag, Hollfeld 2011, S. 72

[5] Dürrenmatt Friedrich: Der Besuch der alten Dame, Diogenes Verlag AG, Zürich 1985, S. 4.

[6] Vgl. ebd., S. 4.

[7] Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame, S. 6

[8] Vgl. Dück Anna : Schülervorstellungen zu historischem Wandel: Eine empirische Untersuchung, 1. Aufl., disserta Verlag, Hamburg 2013, S. 75

[9] Dürrenmatt,: Der Besuch der alten Dame, S. 5

[10] Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame, S. 5

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Details

Titel
Claire Zachanassian als Deus ex Machina in Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame"
Hochschule
Uniwersytet Warszawski (Universität Warschau)
Note
1
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V444653
ISBN (eBook)
9783668819702
ISBN (Buch)
9783668819719
Sprache
Deutsch
Schlagworte
claire, zachanassian, deus, machina, friedrich, dürrenmatts, besuch, dame
Arbeit zitieren
Dominika Krupa (Autor), 2017, Claire Zachanassian als Deus ex Machina in Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444653

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