Heinrich von Kleists "Die Verlobung in St. Domingo". Interkulturelle Aspekte anhand der Protagonisten


Essay, 2014
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Congo Hoango und Herr Guillaume von Villeneuve

3. Babekan und Toni

4. Gustav von Ried

5. Schluss

6. Literatur

1. Einleitung

Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ wurde 1811 in seinem zweiten Band „Moralische Erzählungen“ veröffentlicht. Warum sich die Interkulturalität für diese Erzählung interessiert verdeutlicht unter anderem der Sprachgebrauch dieser Zeit. So taucht innerhalb der Erzählung 81mal „der Fremde“ auf, so wie 31mal „weiß“ und 74mal wird die Relation zur Farbe schwarz, beziehungsweise zum Begriff „Neger“, aufgebaut. Der Gegensatz von „schwarz“ und „weiß“, so wie der Fremdheitsdiskurs könnten die Einordnung der Novelle in einen interkulturellen Kontext zulassen. Zudem wird eine politische Dimension aufgebaut. Bereits der Anfang der „Verlobung in St. Domingo“ versetzt den Leser in eine Zeit in der „die Schwarzen die Weißen ermordeten“[1]. Damit verbunden ist die Kategorisierung der ersten Protagonisten in die Stereotype von schwarz und weiß und die damit ineinander gehenden Charakterzüge. Zudem sollte erläutert werden, dass diese Kriterien, Klischees und Stereotype im Kontext der Zeit zu betrachten sind. Gemeint ist die politische Entwicklung des National-Konvents Frankreichs, die Dekrete von 1790 bis 1794, die anfangs den Mulatten, später dann den frei geborenen Schwarzen und schließlich allen Schwarzen bürgerliche Rechte anerkannte. Der Eingangsparagraph bezieht sich auf die Vorgeschichte des schwarzen Befreiungskampfes gegen das weiße „Establishment“ der Kolonien. In diese Periode sind auch unsere weiteren Protagonisten einzuordnen.[2]

In der vorliegenden Arbeit sollen verschiedene Aspekte der Interkulturalität anhand der Figuren näher erläutert werden. Im ersten Teil kommt es zur Erklärung der Stereotypisierung von schwarz und weiß anhand der Figuren Congo Hoangos und des Herrn Villeneuves. Gleichzeitig soll demonstriert werden inwiefern diese Protagonisten die Klischees dieser Zeit verkörpern und wie sich diese in der Geschichte herausspiegeln. Weiterführend kommt es zur Charakterisierung der Mischlinge Babekan und Toni und deren Rolle innerhalb der Geschichte. Der letzte Teil dieser Arbeit bezieht sich auf Gustav von Ried und dessen Einordnung in interkulturelle Verhältnisse. In dieser Arbeit wird insbesondere auf der Figurenebene, auf der thematischen Ebene und auf einer ästhetisch-stilvollen Ebene gearbeitet. Die oftmals umstrittene Debatte um Kleists persönliches Rassismusproblem wird hier außer Acht gelassen. Inwiefern könnte man nun Kleists Erzählung im Rahmen der Interkulturalitätsforschung betrachten?

2. Congo Hoango und Guillaume von Villeneuve

Bereits am Anfang wird dem Leser ein „fürchterlicher alter Neger“[3] namens Congo Hoango vorgestellt, der in seiner Jugend, zur Zeit des Sklavenhandelns, aus seiner Heimat Afrika nach Haiti verschleppt wurde.[4] Dabei handelt es sich nicht um eine reelle, historische Gestalt, sondern diese wurde von Kleist, als eine Person der haitianischen Revolution frei erfunden. Kleist lehnt sie an die historische, in der Literatur oftmals als besonders grausam auftretende Gestalt Dessalines an. Betrachtet man die Konzeption des schwarzen Anführers näher, so scheint dieser alles andere als ein „edler Wilder“ oder ein „guter Sklave“ zu sein, wie sie aus der meisten Antisklavereiliteratur des 18. Jahrhunderts bekannt ist.[5] Zu Beginn hingegen kommt es noch zu der Vermittlung einer positiven Charakterisierung des Schwarzen:

„Dieser von der Goldküste von Afrika herstammende Mensch, der in seiner Jugend von treuer und rechtschaffener Gemütsart schien, war von seinem Herrn, weil er ihm einst auf einer Überfahrt nach Cuba das Leben gerettet hatte, mit unendlichen Wohltaten überhäuft worden.“[6]

Obwohl er vom Herrn Guillaume de Villeneuve „mit unendlichen Wohltaten überhäuft worden“[7] ist, war er „bei dem allgemeinen Taumel der Rache […] einer der ersten, der […] seinem Herrn die Kugel durch den Kopf jagte“[8]. Im satanischen Augenblick scheint seine wahre Gestalt zum Vorschein zu kommen. Congo Hoango brennt das Anwesen seines Herrn ab und zieht bewaffnet mit anderen „Negern“ in den Kampf gegen die Weißen. In diesem Rassenkampf kennt er weder Moral noch Mitgefühl, es kommt weder zu einer Differenzierung zwischen schuldig oder unschuldig, noch zwischen Kind oder Erwachsenem. Die einzige Unterscheidung die in diesem Rassenkampf vollzogen wird, ist die zwischen schwarz und weiß. Bis zum Schluss agiert Congo Hoango als schreckenverbreitende Hintergrundfigur, die zwar physisch abwesend ist, in der Geschichte und für ihren Handlungsverlauf jedoch permanent anwesend bleibt.[9] Hinzuzufügen ist, dass es den Schwarzen in Kleists Erzählung nicht um Gerechtigkeit oder Verbesserung der Lebensverhältnisse geht, sondern um die alleinige persönliche Befriedigung durch Rache.[10] Zudem fehlt es Congo Hoango an jeglichem politischen Profil, sowie an Redegewandtheit und Rhetorik, die für einen traditionellen Revolutionshelden charakteristisch wären. Durch diese Konstruktion des Schwarzen als unreifen und instinktbeherrschten Wilden, der zu jeglicher politischer Tat unfähig ist, kommt es zu der Bestätigung veralteter, weit verbreiteter Vorurteile.[11]

Im Gegensatz zum grausamen, schwarzen Congo Hoango scheint der weiße Herr Guillaume von Villeneuve in der Erzählung als großzügiger Gönner zu handeln. Er überhäuft seinen Sklaven mit Wohltaten, schenkt ihm seine Freiheit und bietet ihm weitere Dienste an, wie im folgenden Auszug deutlich wird:

„Er machte ihn sogar […]zum Aufseher seiner beträchtlichen Besitzung, und legte ihm, eine alte Mulattin namens Babekan, aus seiner Pflanzung bei […] Ja als der Neger sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, setzte er ihn mit einem ansehnlichen Gehalt in den Ruhestand und krönte seine Wohltaten noch damit, dass er ihm in seinem Vermächtnis sogar ein Legat auswarf“[12]

Der weiße Mann erscheint auf den ersten Blick als gute Seele hohen bürgerlichen Ranges, die seinem Sklaven die Freiheit schenkt und ihn mit Geschenken überhäuft. Aus Dank stellt er sich „gegen die Gewohnheit des Landes“[13] und ermöglicht Congo Hoango ein ansehnliches Leben. Die weiße und tolerante, sofern von Toleranz die Rede sein kann, Gutmütigkeit des Plantagenbesitzers konnte ihn jedoch nicht vor den Rachegelüsten und der Wut „dieses grimmigen Menschen […] schützen.“[14] Auf den zweiten Blick hingegen kommt in diesem Absatz unter anderem das hierarchische Machtverhältnis zum Ausdruck. Der Plantagenbesitzer nimmt sich selbst die Freiheit über das Sexualleben seiner Sklaven zu bestimmen. Dieser Moment kehrt später noch einmal in der Geschichte in der Figur des am Gelbfieber erkrankten schwarzen Mädchens wieder und erfährt in der Falle, die Hoango den Weißen durch das Mädchen Toni stellt, eine spiegelverkehrte Rolle.[15]

Somit scheint die Konzeption des Farbenspiels von schwarz und weiß bereits am Anfang einer klaren Differenzierung und Stereotypisierung zu unterliegen. Auf der einen Seite der Schwarze in der Verkörperung Congo Hoangos, der weder die Geschenke seines Herrn, noch seinen Herrn selbst zu schätzen weiß. Er charakterisiert den hinterhältigen, fürchterlichen, gefühlslosen „Neger“, der unmenschliche Charakterzüge aufweist und im Rachewahn ohne Selbstkontrolle handelt und von Trieben gesteuert wird. Dieser Aspekt kann auch in Bezug zu Homi K. Bhabha betrachtet werden, so kann das kolonisierte Subjekt beides sein: „Wilder (Kannibale) und doch gleichzeitig der gehorsamste und würdevollste aller Diener, […] er ist mystisch, primitiv und einfältig und ein meisterhafter Lügner“[16]. Dabei sollte erwähnt werden, dass Bhabha seine Theorie der interkulturellen Integration hauptsächlich auf die Beziehung zwischen englischen Kolonisatoren und Kolonisierten bezog, dieses Schema aber ohne weiteres in den Kontext von Kleists Erzählung angewendet werden kann . Auf der anderen Seite spiegelt sich das Konzept des weißen reichen Mannes wieder, der gegen die Standards der Zeit handelt und seinen Untertan mit Freiheit und Geschenken überhäuft. Im Sinne der Stereotypisierung wird dem Leser bereits in den ersten Seiten der Geschichte das Bild des guten, vernunftbesinnten Weißen und des schlechten, gefühlslosen, triebhaften Schwarzen dargelegt.

3. Babekan und Toni

Kleist konstruiert in der „ Verlobung in St. Domingo“ im Gegensatz zu einem herrschaftlich biologischen „Geschlecht der Weißen“, einen gesellschaftlich definierten „Stamm der Neger“.[17] In diese Kategorisierung fällt unter anderem die bereits besprochene Person des Congo Hoangos. Als physisch und teilweise auch psychisch hybride Figuren tauchen Babekan und Toni auf.

Babekan stellt sich als von einem schwarzen und einem weißen Elternteil abstammenden „Mulattin“ vor.[18] Dabei scheint sie nicht nur biologisch gesehen zwischen den Rassen zu stehen, sondern auch in einem politischen Rahmen gibt sie vor von Congo Hoango verfolgt zu werden, wie im Folgenden deutlich wird:

„[…] nichts wünscht er mehr, als die Rache der Schwarzen über uns weiße und kreolische Halbhunde, wie er uns nennt, hereinhetzen zu können, teils um unserer überhaupt, die wir seine Wildheit gegen die Weißen tadeln, los zu werden, teils, um das kleine Eigentum, das wir hinterlassen würden, in Besitz zu nehmen.“[19]

Zum einem verdeutlicht die Darstellung Congo Hoangos, dass Babekan wie auch ihre Tochter Toni ihm als reine Marionetten dienen, die an unsichtbaren Fäden bewegt werden und anhand von rassistischen Gesetzen und drohenden Todesstrafen im Sinne Hoangos handeln müssen.[20] Zum anderen wird innerhalb der Geschichte deutlich, dass besonders Babekan die Sichtweise der schwarzen Rasse verteidigt und verinnerlicht hat. Tonis Beziehung zu Babekan verdeutlicht dies: „Sie kannte den Haß der Alten gegen die Weißen zu gut […]“[21] . Ihre Abkehr gegen die weiße Rasse scheint in ihrer Vorgeschichte zu liegen. Es kommt zu einer gewissen Art von Vorrausdeutung, da sie sich früher so an den Weißen orientiert, wie es später Toni bei Gustav tun wird. Gedemütigt von einem Franzosen, der später seine Vaterschaft leugnet, wird sie vom Herrn Villeneuve in die Hände Congo Hoangos gelegt. Ihr wird gesellschaftlich die Rolle der unterdrückten, unfreien Rolle der Sklavin aufgedrängt und wird folglich als Objekt männlicher Pläne gehandelt.[22]

Eine weitere hybride Figur ist Babekans Tochter Toni. Sie scheint auf multiple Weise dem Begriff der Hybridität gerecht zu werden. Sie erscheint als „Mestize“, als nicht-eheliche Tochter von Eltern aus unterschiedlichsten Klassen, Rassen und auch Kontinenten. Weitere hybride Merkmale sind „ihre ins gelblich gehende Gesichtsfarbe“ [23], die Identifikation mit der Mariannenfigur, wie auch ihr Name selbst, der als männlicher und weiblicher Name simultan benutzt werden kann.[24]

[...]


[1] Helmut Sembner (Hg.): Heinrich von Kleist: Sämtliche Erzählungen und Anekdoten. 18. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag. 2002. S.160.

[2] Vgl. Bernd Fischer: Zur politischen Dimension der Ethik in Kleists „die Verlobung in St. Domingo“. In: Heinrich von Kleist: Studien zu Werk und Wirkung. Hrsg. von Dirk Grathoff. Opladen 1988. S. 251.

[3] Sembner 2002: S.160.

[4] Vgl. Kai Köhler: Die Verlobung in St. Domingo. In: Kleist Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. von Ingo, Breuer. Stuttgart 2009. S.123.

[5] Vgl. Marie Biloa Onana: Heinrich von Kleists Verlobung in St. Domingo. In: Der Sklavenaufstand von Haiti. Ethnische Differenz und Humanitätsideale in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Hrsg. von ders.. Köln, Weimar, Wien 2010. S.153-154.

[6] Sembner 2002: S. 160.

[7] Ebd., S.160.

[8] Ebd., S. 160.

[9] Vgl. Biloa Onana 2010: S. 153-154.

[10] Vgl. ebd., S. 158.

[11] Vgl. Biloa Onana 2010: S. 159.

[12] Sembner 2002: S. 160.

[13] Ebd., S.160.

[14] Ebd., S.160.

[15] Vgl. Fischer 1988: S. 251.

[16] Vgl. Maria Do Mar Castro Varela / Nikita Dhawan: Homi K. Bhabha- Von Mimikry, Maskerade und Hybridität. In: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Hrsg. von ders.. Bielefeld 2005. S. 86.

[17] Köhler 2009: S. 126.

[18] Vgl. ebd., S. 426.

[19] Sembner 2002: S. 166.

[20] Vgl. Biloa Onana 2010: S. 154.

[21] Sembner 2002: S. 178.

[22] Vgl. Köhler 2009: S.125.

[23] Sembner 2002: S. 161.

[24] Vgl. Gudrun Loster-Schneider: Toni, Babekan und Homi Bhabha? Zu Problemen kultureller und ästhetischer Hybridisierung in Heinrich von Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“. In: Das Europa der Aufklärung und die außereuropäische koloniale Welt, Band 11. Hrsg. von Hans-Jürgen Lüsebrink. Göttingen 2006. S. 235.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Heinrich von Kleists "Die Verlobung in St. Domingo". Interkulturelle Aspekte anhand der Protagonisten
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V444711
ISBN (eBook)
9783668817043
ISBN (Buch)
9783668817050
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heinrich, kleists, verlobung, domingo, interkulturelle, aspekte, protagonisten
Arbeit zitieren
Christof Theis (Autor), 2014, Heinrich von Kleists "Die Verlobung in St. Domingo". Interkulturelle Aspekte anhand der Protagonisten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444711

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