Interkulturalität innerhalb Sozialer Arbeit

Theoretische Darstellung interkultureller Ansätze von Margalit Cohen-Émerique und des Konzepts der Identität


Essay, 2017
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Margalit Cohen-Emerique
2.1 „La décentration“
2.2 „La pénétration dans le système de l’autre“
2.3 „La négociation et la médiation“

3. Das Konzept der Identität

4. Institution S.

5. Fallbeispiel und „choc culturel“

6. Analyse und Eigenreflexion

7. Schluss

8. Literatur

1. Einleitung

Jeder Mensch wird in ein Gefüge von Wert- und Normvorstellungen geboren, das ihm über die Jahre als Teil einer Gemeinschaft, einer Gruppe und einer Kultur vermittelt wird. Die Idee der Kultur scheint dabei so alt wie der Mensch selbst zu sein, doch seit 2015 erscheint in den Medien eine neue Thematik die aus unserer ethnozentrierten Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist. „Flüchtlingskrise“, „Flüchtlingswelle“ oder Asylantenunterbringung. Mit diesen reduzierten und abwertenden Begrifflichkeiten wird der westkulturelle Mensch tagtäglich überflutet. Auch wenn das Thema der Interkulturalität kein neues ist, so scheint seit jeher ein ansteigendes Interesse an kultureller Auseinandersetzung im Rahmen der Sozialen Arbeit zu existieren. Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht vor allem die Auseinandersetzung mit interkulturellen Ansätzen innerhalb sozialer Tätigkeit. Diesbezüglich sollte erwähnt werden, dass die Komplexität des Kulturbegriffs sowie dessen Abstraktheit, auf den vorliegenden Seiten nicht thematisiert werden soll.

In einem ersten Teil soll es zu einer kurzen theoretischen Darstellung interkultureller Ansätze von Margalit Cohen-Émerique kommen, sowie ein kurze Darstellung des Konzepts der Identität. Der zweite Teil bezieht sich auf die Erläuterung eines im Praktikum erlebten Momentes im Kontext der Interkulturalität.Um diese Schlüsselsituation jedoch auch kontextualisieren zu können, soll in einem ersten Schritt auch der institutionelle Rahmen beschrieben werden. In einem zweiten Schritt kommt es zur Illustration des Fallbeispiels, des „choc culturel“, sowie dessen Analyse anhand von des zuvor erläuterten theoretischen Schleifen.

2. Margalit Cohen-Émerique

Im Folgenden sollen die drei interkulturelle Ansätze, von Margalit Cohen-Émerique, innerhalb sozialarbeiterischer Tätigkeit dargestellt werden.

2.1 „La décentration“

Unter „décentration“ wird vor allem das Distanzieren der eigenen Wirklichkeit beziehungsweise des eigenen Ichs verstanden. Jeder Mensch befindet sich in einem kulturellen Gefüge, das von Werten und Normen geprägt ist und in dem man sich im Laufe der Zeit zurechtfinden muss. Erst durch eine intensive Auseinandersetzung mit der Selbsterkenntnis, seiner sozialen und kulturellen Identität kann es auch zu einer Relativierung der eigenen Perspektive kommen. Dabei sollte immer bedacht sein, das Ethnozentrismus, Vorurteile oder Stereotypisierungen, Teil des menschlichen Prozesses innerhalb einer Gruppe beziehungsweise einer Gesellschaft sind. Als methodischer Vorgang dient dabei die Auseinandersetzung mit kulturellen Schockmomenten („choc culturel“). Dieser besagte Schock erscheint uns nur als Schock, aufgrund verschiedener Verhaltensmuster oder Eigenschaften, die uns als fremd erscheinen. Sie sind somit nur insofern als Schock zu verstehen, indem sie uns als Spiegel unserer eigenen Werte und Normen aufgezeigt werden und dem uns bekannten entgegenstehen.

Die ersten Eindrücke die sich während dieser kulturellen Schockmomente auftun, sollten immer mit Vorsicht betrachtet und als provisorisch gehandhabt werden. Zudem sollten auch Werte und Normen immer wieder mit Sensibilität betrachtete und gedeutet werden, wie beispielsweise: die Rolle des Mannes oder der Frau innerhalb der Familie, der Wert der Religion, die kindliche Erziehung etc. Die Auseinandersetzung mit einem „choc culturel“ bedeutet jedoch zugleich auch existierende und meist unhinterfragte Muster, Werte, Normen oder Verhaltensweisen zu hinterfragen und kritisch zu betrachten.

Diese Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbild bildet eine wichtige Voraussetzung um der Person gegenüber keine Projezierungs- oder Anpassungsmuster aufzudrängen. Erst durch das Erkennen des eigenen Ichs, der eigenen Handlungsweisen, seiner eigenen Norm- und Wertvorstellung sowie der eigenen sensiblen Zonen („zones sensibles“) kann es zu einer adäquaten Annäherung und Verstehens des anderen kommen. (vgl. Cohen-Émerique 1993, S. 76-79)

2.2 „La pénétration dans le système de l’autre“

Unter „pénétration dans le système de l’autre“ wird vor allem die Auseinandersetzung mit, beziehungsweise das Hineinversetzen in die „andere“ Kultur verstanden. In einem ersten Schritt kann die Auseinandersetzung mit konventioneller Literatur oder verschiedene Praktika zwar hilfreich sein, jedoch können sie nicht zu einem ganzheitlichen Blick beitragen. Wendet diese Vorgehensweise jedoch, nur als objektiv erklärte Wissensbestände an und ignoriert die individuelle Dimension, so kann dieser methodischer Vorgang auch als gefährlich angesehen werden.

Im Vordergrund dieser kulturellen Annäherung steht vor allem der direkte Diskurs ohne Interpretationsambition. Es soll vor allem versucht werden, die Sprache des anderen im Kontext ihrer Werte zu verstehen, sprich welche Wertform haben die Wörter und das Gesprochene. Zudem sollte das Augenmerk auch auf Metaphern, Wiederholungen oder Schlüsselwörter gelegt werden, die Teil der gegenübersitzenden Persönlichkeit sind. Erst wenn das Gesprochene erst verstanden werden kann, kann man erst versuchen die Wirklichkeit des anderen in den Blick zu bekommen. Innerhalb dieses Vorganges sollte die Konzentration nicht auf den Verhaltensweisen des anderen liegen, sondern auch die non-verbale Kommunikation sollte nicht zu unterschätzen zu sein. Gesten, Kleider, Symbole oder andere Objekte sind oftmals starke Wert und Ausdrucksträger, die zum Symbol der Persönlichkeit beitragen.

Diese Entdeckung der anderen Wirklichkeit und deren Auseinandersetzung ist dabei immer mit der Frage der Zeit verbunden.(vgl. Cohen-Émerique 1993, S. 79-81)

2.3 „La négociation et la médiation“

Der letzte Schritt bezieht sich auf die „négociation et la médiation“ sprich auf die Auseinandersetzung und Lösung von Problemen. Im Rahmen der Interkulturalität stellt sich dabei immer die Frage inwiefern/inwieweit verschiedene kulturelle Verhaltensweisen, beispielsweise im Rahmen der kindlichen Betreuung, akzeptiert oder toleriert werden können um gleichzeitig eine gesunde Entwicklung des Kindes zu garantieren?

Auf diese Frage kann keine globale Antwort gegeben werden. Die einzige Möglichkeit die in diesem Kontext besteht sind Verhandlungen wie auch Kompromissfindungen. Durch das Verhandeln von Möglichkeiten und das Finden von Kompromissen soll es zu einer Vermeidung möglicher Krisensituationen kommen. Auch wenn die Idee der Kompromisse auf den ersten Blick als sehr simpel erscheint, so ist das Finden eines gemeinsamen Raumes ein sehr komplexer Vorgang, sei dies Aufgrund von einem Verlustgefühl der eigenen Identität, seines Stolzes oder aufgrund eines Schuldgefühls gegenüber seiner eigenen Gruppe. Im Folgenden sollen drei Hauptpunkte der „négociations et médiations“ nach Cohen-Émerique angeführt werden.

Erstens die Erkenntnis, dass es sich um einen Wertkonflikt handelt und nicht um ein anormales Verhalten. Zweitens die Erkenntnis, dass die andere Person bei der Lösungssuche einen Partner darstellt. Drittens, sich der Tatsache bewusstwerden, dass es sich um einen Prozess der Annäherung handelt. (vgl. Cohen-Émerique 1993, S. 81- 83) Zudem könnte ein vierter Punkt hinzugefügt werden, und zwar die Unterscheidung zwischen kultureller Zugehörigkeit und kultureller Anpassungsstrategien.

3. Das Konzept der Identität

Was bedeutet der Begriff der Identität? Unter Identität wird die Gesamtheit verschiedener spezifischer Eigenschaften einer Gemeinschaft, wie beispielsweise einer Familie, verstanden. Sie bildet ein Repräsentationssystem von Werten, die in unterschiedlichen Alltagssituationen zum Ausdruck kommen. Als Teil einer Gemeinschaft respektive einer Gruppe, hat man verschiedene Werte, Normen und Verhaltensweisen inkarniert, die wir auf verschiedene Situationen anwenden. Dieses Repertoire an Verhaltensweisen steht in einem stetigen Rekreationsprozess. Nimmt man das Beispiel der Kultur, so wird deutlich, dass auch die Identität oftmals mit kulturellen Aspekten vereinheitlicht wird. So spricht man beispielsweise von dem Muslim, dem Türken etc.

Im Laufe unseres Lebens befindet sich der Mensch in einem stetigen Anpassungsprozess, indem er sich den Gegebenheiten der Umgebung anpasst. So tut es auch die Identität. Wir handeln als 50jähriger beispielsweise anders als noch als 16jähriger. Die Identität befindet sich somit in einem permanenten dynamischen Prozess der Evolution. Diesbezüglich sollte auch festgehalten werden, dass Identität immer nur in Relation zum anderen zum Vorschein kommt. Man definiert sich also über den Anderen und vice-versa, sei dies über das Gesprochene Wort oder über non-verbale Signale.

Die Funktion der Identität kann auch auf ein psychisches Gleichgewicht zurückgeführt werden. Zum einen, dient sie uns als positives Selbstbild indem man sich als Mensch in der Welt wertgeschätzt fühlen möchte. Zum anderen dient sie uns als Adaptationsmöglichkeit unserer Umwelt, sprich damit der Mensch in einer Gemeinschaft leben kann, muss er Werte sowie Normen verstehen können und Verhaltensweisen seiner Identität anpassen. Gelingt dies und man bekommt ein positives Gefühl der Gemeinschaft zurück, so wirkt dies auch positiv auf unser Selbstbild aus. Nimmt man nun das Beispiel des Flüchtlings, so wird deutlich, dass dieser einem permanenten Wert und Normkonflikt ausgesetzt ist, der oftmals in direkten Gegenspruch zu seiner eigenen Kultur sowie seiner eigenen Identität steht. In diesem Fall kommt es oftmals zu individuellen Anpassungsstrategien, die dazu dienen sich innerhalb einer Gemeinschaft zurechtzufinden, ohne dabei einer permanenten inneren Konfliktsituation ausgesetzt zu sein. Einerseits versucht man sich der „anderen“ Kultur anzupassen ohne zugleich die Werte seiner „eigenen“ Kultur aufgeben zu müssen. Resultat dieses Prozesses ist oftmals eine Form der Bikulturalität, die jedoch vor allem in jungen Jahren oftmals schwer zu handhaben ist und zu Identitätskrisen führen kann. (vgl. Annoncer la couleur 2002, S. 41-44)

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Details

Titel
Interkulturalität innerhalb Sozialer Arbeit
Untertitel
Theoretische Darstellung interkultureller Ansätze von Margalit Cohen-Émerique und des Konzepts der Identität
Hochschule
Université du Luxembourg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V444721
ISBN (eBook)
9783668817128
ISBN (Buch)
9783668817135
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interkulturalität, sozialer, arbeit, theoretische, darstellung, ansätze, margalit, cohen-émerique, konzepts, identität
Arbeit zitieren
Christof Theis (Autor), 2017, Interkulturalität innerhalb Sozialer Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444721

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