Das doppelte Mandat der Sozialen Arbeit. Zwischen Hilfe und Kontrolle


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das doppelte Mandat – das Trippelmandat

3. Institution S.

4. Zwischen Hilfe und Kontrolle

5. Schluss

6. Literatur

1. Einleitung

Jeder einzelne Mensch wird in ein Gebilde von Norm- und Wertvorstellungen geboren, das uns durch die Familie und unser nahes Umfeld vermittelt wird. Es existiert somit ein Beziehungssystem mit verschiedenen Regeln und Vorschriften, die ein friedliches Zusammenleben garantieren sollen. Dieses System wird als Moral verstanden und meint somit die Vermittlung von „gut“ und „böse“ sowie „richtig“ oder „falsch“. Jeder verfügt somit über eine gewisse Haus-Moral die er verinnerlicht hat und nach der er auch zu handeln versucht. (vgl. Gillen 2010, S. 1370) Appliziert man diese Idee moralischer Vorstellung und Konstrukte nun auf das Haus der Gesellschaft, so herrschen dort die moralischen Vorstellungen in Form von gesetzlichen Regeln und Normen, die es einzuhalten gilt und im Falle von Fehlverhalten sanktioniert werden, im Sinne von: „Tue das Gute und Richtige; meide das Falsche und Böse!“ (Gillen 2010, S. 1373) Die Menschenrechte versuchen indessen die Idee einer Universalität sowie einer weltweiten Egalität zu manifestieren und sie auf die gesamte Menschheit zu applizieren. Jedem Menschen sollen auf diese Weise die gleichen Rechte zustehen um in Würde leben zu können. (vgl. Gillen 2010, 1372-1373) Inwiefern man heutzutage dabei noch von Universalität sprechen kann, soll an dieser Stelle nicht thematisiert werden. In einer ersten Phase soll es zur Darstellung moralischer Prinzipien, sowie zur Relation zwischen Ethik und Sozialer Arbeit kommen.

Während Moral sich mit der Frage nach „richtig“ oder „falsch“ beschäftigt, so beschäftigt sich die Ethik mit dem eigentlichen Verständnis der Moral, sprich die eigentlichen Regeln und Prinzipien moralischen Handelns sollen verstanden und vermittelt werden. Es wird also versucht den Standpunkt des Beobachters einzunehmen und den moralischen Standpunkt einer Person mit all seinen Handlungsschemata zu verstehen und nachzuvollziehen. (vgl. Gillen 2010, S. 1374) Ethik fungiert somit gewissermaßen als Moraltheorie, die in moralischen Konfliktsituationen einzugreifen versucht.

Doch welche Rolle spielt Ethik und Moral innerhalb der Sozialen Arbeit? Zum ethischen Handeln innerhalb einer Profession, gehört auch die Berufsmoral. Verschiedene Berufsgruppen, wie beispielsweise die der Sozialen Arbeit, versuchen moralische Standards zu konstruieren um einerseits dem Klienten und seinen Rechten gerecht zu werden, und andererseits auch eine interne Kontrolle gewährleisten zu können. (vgl. Gillen 2010, S. 1375) Nimmt man beispielweise die IASSW („International Schools of Social Work“) und IFSW („International Federation of Social Workers“), so werden dort bereits verschiedene ethische und moralische Vorstellungen Sozialer Arbeit angeführt:

„Respecting the right to self-determination – Social workers should respect and promote people’s right to make their own choices and decisions, irrespective of their values and life choices, provided this does not threaten the rights and legitimate interests of others.

Promoting the right to participation – Social workers should promote the full involvement and participation of people using their services in ways that enable them to be empowered in all aspects of decisions and actions affecting their lives.

Treating each person as a whole – Social workers should be concerned with the whole person, within the family, community, societal and natural environments, and should seek to recognise all aspects of a person’s life.

Identifying and developing strengths – Social workers should focus on the strengths of all individuals, groups and communities and thus promote their empowerment.“ ( http://ifsw.org/policies/statement-of-ethical-principles/, Zugriff am 11. Dezember 2017)

In Luxemburg beispielsweise wird der moralische Handlungsraum innerhalb des „Code de déontologie pour certaines professions de santé“ festgehalten und richtet sich an all diejenigen die eine dieser angegebenen Gesundheitsberufe auf dem luxemburgischen Gebiet ausüben möchten. So heißt es dort beispielsweise: „Art. 3. Le professionnel de santé exerce sa mission dans le respect de la vie humaine, de la personne, de la dignité et des droits de celle-ci. Le respect dû à la personne ne cesse de s’imposer après sa mort.“ (Memorial 2008, S. 3020) Dennoch kann es im Rahmen moralischer und ethischer Handlungsmuster immer wieder zu Dilemmata kommen, wie beispielsweise Interessenkonflikte, Limitierung von Ressourcen respektive Hilfeleistungsmöglichkeiten oder auch das Spannungsverhältnis von Hilfe und Kontrolle, sprich das doppelte Mandat. Letztere soll in der vorliegenden Arbeit genauer erläutert, thematisiert und kontextualisiert werden.

In einem ersten Teil soll, das zuvor angesprochene doppelte Mandat der Sozialen Arbeit kurz erläutert werden. Des Weiteren kommt es zur Darstellung des Spannungsverhältnisses von Hilfe und Kontrolle, vor allem im Rahmen der Heimerziehung. Ein zweiter und zentraler Teil besteht erstens in der für die folgende Argumentation relevante Darstellung der Institution sowie deren Rahmenbedingungen. Zweitens kommt es zur Darstellung eines Fallbeispieles wie auch einer, aus meiner Sicht, ethischen Krisensituation, so wie es im Praktikum erlebt wurde. Anschließend soll es zu einer kritischen Reflexion bezüglich der ethischen Fragestellung kommen. Wie kann Soziale Arbeit einerseits den moralischen Ansprüchen der Klienten und andererseits der Gesamtgesellschaft gerecht werden, ohne dabei in einen ethischen Interessenskonflikt beziehungsweise in ein ethisches Spannungsverhältnis zu verfallen?

2. Das doppelte Mandat – das Trippelmandat

Während Soziale Arbeit sich im Laufe der Zeit zu einer eigenen Berufsgruppe entwickelte, so entwickelte der Staat sich zum Auftragsgeber der Sozialen Arbeit. Hauptaufgabe bestand in der Zurückdrängung von Verwahrlosung und Gesetzlosigkeit. Damit die Gesellschaft funktionieren konnte, mussten ausgeschlossene Glieder der Gesellschaft wieder integriert werden. Es ging also in erster Linie darum abweichendes Verhalten zu kontrollieren und korrigieren. Damit die Kontrolle jedoch auf Dauer funktionieren konnte, musste zugleich Hilfe angeboten werden.

Fachkräfte der Sozialen Arbeit besitzen in dem Sinne ein doppeltes Mandat, denn sie sollen einerseits versuchen ein gewisses Gleichgewicht zwischen den Rechtsansprüchen, Interessen sowie Bedürfnissen der Klienten und andererseits den Interessen der Kontrollagenturen gerecht zu werden. Der Staat gibt der Sozialen Arbeit somit den gesetzlichen sowie funktionellen Rahmen vor in der sie handeln darf, indem festgelegt wird, wer welche Leistungen erhalten darf oder kann. Damit Soziale Arbeit jedoch erst handeln kann, werden ihr materielle wie auch finanzielle Ressourcen zur Verfügung gestellt. Wie diese Ressourcen am Ende eingesetzt werden, ist den Einrichtungen jedoch selbst überlassen.

Auf der einen Seite erteilt die Gesellschaft anhand von politischen Instanzen das Mandat der Kontrolle, jedoch erscheint auf der anderen Seite anhand der Klienten ein gleichrangiges Mandat der Hilfe. Dabei stellt sich jedoch die Frage ob oder inwiefern beide Mandate als gleichrangig betrachtet werden können. An dieser Stelle taucht ein weiterer Aspekt auf und zwar der der Menschenrechte. Dies soll bedeuten, dass falls die Interessen des Klienten beziehungsweise des Hilfsbedürftigen, durch die Menschrechte und ihre Prinzipien gestützt sind, haben diese vor den Interessen des Staates und deren Kontrollfunktion Vorrang. Zudem lässt sich auch von einem Trippelmandat sprechen, da der Professionelle nicht nur Verpflichtungen gegenüber staatlichen Instanzen und den Klienten, sondern auch Verpflichtungen gegenüber den Menschenrechten und dem Einhalten des Berufskodex sowie den angewandten professionellen Methoden hat.

Im praktischen Alltag der Professionellen kommt es somit zu einem permanenten Abwiegen der „Machtverhältnisse“ beziehungsweise der Interessen aller Involvierten. Kommt es jedoch zu einem Gleichgewicht der verschiedenen Seiten, so sollten die Interessen des Klienten Priorität haben und durch den Professionellen anwaltlich verteidigt werden. Wie kann Soziale Arbeit einerseits den moralischen Ansprüchen der Klienten und andererseits der Gesamtgesellschaft gerecht werden, ohne dabei in einen Interessenskonflikt beziehungsweise in ein Spannungsverhältnis zu verfallen? Genau an dieser Stelle kommen fachliche und ethische Maßstäbe ins Spiel die zur Klarifizierung und Lösungsfindung beitragen sollen. (vgl. Schmid Noerr 2012, S 93-95)

3. Institution S.

Institutioneller Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ist das S. Dieses funktioniert 365 Tage im Jahr und bietet eine 24 Stunden Betreuung an. Das Klientel des S. sind Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren, die eine der regionalen Schulen besuchen. Die Bedingungen beziehungsweise die Aufnahmegründe können von verschiedener Art sein. Diese können alle Ereignisse innerhalb des Schul- oder des Herkunftssystems sein, die eine Gewährleistung des Schutzes sowie der Erziehungsfunktion nicht mehr zulassen, wie beispielsweise die Gefährdung des Jugendlichen durch physische oder auch psychische Gewalt oder Misshandlung. Ein weiterer Aspekt ist die Vernachlässigung des Jugendlichen aufgrund einer sozialen Notlage oder einer psychischen oder physischen Inkompetenz auf Seiten der Erziehungsberechtigten. Zudem können dies alle Ereignisse (Haft, Familienkrisen, Alkoholabhängigkeit etc.) innerhalb des Herkunftssystems sein, die den Verbleib im selbigen nicht mehr ermöglichen

Welches Ziel wird innerhalb der beschriebenen Institution beabsichtigt? Das S. wird oftmals dann eingeschaltet, wenn die Erziehungsberechtigen nicht mehr in der Lage sind ihrer Erziehungsfunktion gerecht zu werden. Somit bietet das S. einerseits Entlastung auf Seiten der Erziehungsberechtigten, andererseits versucht die Institution den Jugendlichen und den Eltern konstruktive Lösungen zur Bewältigung des Alltags anzubieten. Im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit im S. steht „den Jugendlichen zu einer positiven, selbstständigen, seinen Anlagen entsprechenden Schul- und Lebensbewältigung heranzuführen“ (FLK Qualitätshandbuch, Saccly S. 2) wobei diesbezüglich verschiedene Grundziele angestrebt werden. Der Jugendliche soll zu einem positiven Selbstwert- und Realitätsgefühl, sowie zu einer Bewältigung des konkreten Alltags gelangen. Des Weiteren sollen alle möglichen Ressourcen ausgeschöpft werden um auch die schulischen Leistungsfähigkeiten an die individuellen Möglichkeiten anzupassen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die mögliche Bejahung gesellschaftlicher Normen. Der Jugendliche soll zu einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und zur Entwicklung sozialer Kompetenzen herangeführt werden. Das S. ermöglicht einerseits ein geschütztes Umfeld in dem der Jugendliche sein Entfaltungspotenzial ausschöpfen kann. Andererseits kommt es zu einer klaren Strukturierung des Alltags und Aufzeigen der Grenzen. In diesem Umfeld kommt es zur Vermittlung lebenspraktischer Fähigkeiten die zur Eigenständigkeit und Autonomieförderung beitragen. Idealerweise soll der Jugendliche nach dem Aufenthalt im S. wieder als aktives Familienmitglied in den aktiven Alltag eingegliedert werden. (vgl. FLK Saccly, S. 1-2)

Wie Gillen beschreibt kommt es auch in diesen künstlichen Häusern, sprich Institutionen, auch zu einer expliziten Verschriftlichung einer Haus-Moral. Auf diese Weise soll es zu einer Etablierung wie auch Vermittlung transparenter ethischer und moralischer Leitbilder kommen. (vgl. Gillen 2010, S. 1275) Auch im Rahmen des Kinderdorfes werden verschiedene Werte vermittelt. Erstens „jedes Kind wächst in einer Familie auf“ (FLK Visionentwicklung, S.2). Die Familie fungiert als zentrale gesellschaftliche Instanz, in der Werte, Normen, sowie emotionale und soziale Beziehungen aufgebaut werden. Jedes Kind sollte somit die Chance auf ein Umfeld des Vertrauens und der Verantwortung bekommen. Zweitens, „jedes Kind wird geliebt“ (FLK Visionentwicklung, S.2). Erst durch Liebe und Anerkennung kann das Kind sein ganzes Potenzial entfalten und einen gesunden Selbstvertrauensprozess entwickeln. Drittens „jedes Kind wird geachtet“ (FLK Visionentwicklung, S.2). Diese Wertvermittlung zielt vor allem auf das Mitgestalten des eigenen Entwicklungsprozesses ab. Das Kind soll somit in den Entscheidungen bezüglich ihres Lebens, miteinbezogen werden und zudem auch als vollständiges Mitglied der Gesellschaft wertgeschätzt und respektiert werden. Viertens „jedes Kind wird behütet“ (FLK Visionentwicklung S.2). Da Kinder häufig Opfer von Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung, Naturkatastrophen oder auch Kriegen sind, steht allen Kindern Schutz und Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung und allen Grundbedürfnissen zustehen. (vgl. FLK Visionentwicklung, S.2).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das doppelte Mandat der Sozialen Arbeit. Zwischen Hilfe und Kontrolle
Hochschule
Université du Luxembourg
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V444726
ISBN (eBook)
9783668818323
ISBN (Buch)
9783668818330
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mandat, sozialen, arbeit, zwischen, hilfe, kontrolle
Arbeit zitieren
Christof Theis (Autor), 2018, Das doppelte Mandat der Sozialen Arbeit. Zwischen Hilfe und Kontrolle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444726

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das doppelte Mandat der Sozialen Arbeit. Zwischen Hilfe und Kontrolle


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden