Die Rolle des weiblichen Vampirs in der Literatur


Hausarbeit, 2011
11 Seiten, Note: 2
Jana Mussik (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbilder aus Realität und Mythologie

2. Vampirinnen der deutschen Literatur

3. Fraeunbewegung, Femme fatale und Vamp

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Vorbilder aus Realität und Mythologie

Während sich die Gegenwart mit dem Vampir als Leinwand- oder Romanheld beschäftigt, war von der Frühzeit bis etwa zum Ende des 17. Jh. noch die Auffassung eines realen lebenden Leichnams an der Tagesordnung. Von 1725 bis ca. 1755 wurden tatsächlich die meisten wissenschaftlichen Diskussionen zu dem Thema publiziert, diese Jahre können durchaus als „goldenes Zeitalter“ des Vampirglaubens interpretiert werden. Bis in die 1780er Jahre erhielt der Vampir- und Nachzehrerglaube ein unfassbares Medienecho. Kaum gehörten Hexenprozesse beinahe der Vergangenheit an, suchten die Menschen – vor allem in ländlichen Gegenden – nach einem neuen Sündenbock für Seuchen, Tiersterben oder ausbleibende Ernte.[1] Zahlreiche Berichte über angebliche Übergriffe durch Vampire lassen sich noch heute in vielen Archiven nachlesen, darunter nicht wenige weibliche Vertreter. An dieser Stelle soll eine Auswahl vorgestellt werden.

Wer sich mit den Anfängen des Blutsaugermythos beschäftigt, wird unweigerlich auf die Lilith-Figur treffen. Schon die Sumerer kannten eine Lilitu – eine Göttin des Todes, „ein Mischwesen aus Schlange, Vogel (oder Fledermaus) und Frau.“[2] Sie galt als ungehorsam gegen Gott mit einer unstillbaren Lust auf Blut.

Auch in der jüdischen Tradition der Kabbala wird von totbringenden Frauen berichtet. Um genau zu sein, ist es sogar die allererste Frau der Menschheit selbst, die zu einer solchen Figur stilisiert wurde – Adams erste Frau Lilith. Wie Adam wurde auch Lilith geschaffen, doch die zwei ersten Erdenmenschen vertrugen sich nicht sehr gut und Adam wünschte sich eine neue Gefährtin. Lilith weigerte sich, ihrem Mann untertan zu sein, sie war „gleichsam Verführerin wie dominante Geliebte.“[3] Lilith wird gerne nachgesagt, sie handle aus reiner Boshaftigkeit. Sie wolle „den Mann seinem Weibe entfremden und mit [ihren] Zaubereien werde [sie] sie zurückstoßen und ihr Böses antun.“[4] So verbannte Gott Lilith und schuf Eva – diesmal aus der Rippe Adams. Lilith gilt als Gegenmodel zur mütterlichen Eva-Figur. Daher bekam sie vor allem zu Zeiten der weiblichen Emanzipation eine ganz besondere Rolle. Doch dazu an anderer Stelle mehr. Lilith ist die kinderfressende Lebensfeindin, deren Name sogar noch in der englischen Bezeichnung für Schlaflied – also Lullaby – nachklingt.

Auch die alten Griechen kannten bereits eine Lilith, bei ihnen nannte sich das nachtaktive Schreckgespenst Lamia, bei den Römern war sie als Lemur bekannt. Die Figuren wandelten in Menschengestalt und lechzten allesamt nach menschlichem Blut. Literarische Bekanntheit erlangten sie vor allem durch Nikander, Strabo, Diodor oder Plinius. Doch auch sie verwiesen in ihren Schriften bereits auf ältere Quellen. Eine der bekanntesten Lamia-Figuren soll an dieser Stelle kurz vorgestellt werden. Laut Legende war sie eine libyische Prinzessin, die mit dem Gottesvater Zeus mehrere Kinder zeugte. Die Göttin Hera war über diesen Betrug so erzürnt, dass sie alle Kinder tötete. Daraufhin verfiel die Prinzessin in einen Wahnsinn, raubte von nun an fremde Kinder und verschlang sie. Wer sich mit den Anfängen des Vampirismus beschäftigt, wird in jedem Zeitalter auf zahlreiche Geschichten, Legenden und Sagen treffen, die vor allem das weibliche Böse thematisieren. Ähnlich der Lamia gab es noch eine weitere Figur, die dem Vampir verwandt zu sein scheint – die Empuse. Sie findet schon bei Flavius Philostratos, also etwa im 3. Jh. n. Chr., in dem Werk Leben des Apollonios von Tyana Erwähnung. Dem jungen Helden gelingt es nur mit größter Anstrengung, ihrem Charme zu wiederstehen. Auch Phlegon aus Tralles erzählt in dem Fragment Von wunderbaren Dingen von einer Blutsaugerin, die das Leben ihres frisch Angetrauten durcheinander bringt. Diese Geschichte griff Goethe in seiner Ballade Die Braut von Korinth wieder auf.

Obwohl derartige verführerisch-zerstörerische Frauen noch nicht zwangsläufig die klassischen Vampirzüge in sich tragen, gelten sie doch als Vorbild und beflügelten die Phantasie der Menschen – vor allem in der Romantik.

2. Vampirinnen der deutschen Literatur

Schon zu Beginn der aufkommenden Vampirmode tauchten auch weibliche Vertreter der Blutsauger auf. Eine der bekanntesten deutschen weiblichen Vampire präsentierte schon Johann Wolfgang von Goethe in seiner Die Braut von Korinth von 1797. Diese Geschichte könnte als Anknüpfung an die zahlreichen Sagen von Frauen, die nach dem Tod ihrem Grab entstiegen anknüpfen. Auch in den Berichten des 17. Jh. waren es nicht selten die jungen Ehefrauen, die ihrem Grab entstiegen um so das Leben mit ihrem Mann fortzuführen. Handelt die Braut von Korinth noch aus Liebe zu dem ihr Versprochenen, so werden viele andere weibliche Vampire oftmals so dargestellt, als benötigten sie das Blut des Mannes, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Auch E.T.A. Hoffmann widmete sich einer unschuldigen Blutsaugerin. In seiner Erzählung Vampirismus macht vor allem Aurelie von sich Reden. Aurelie, wie auch der Braut von Korinth ist zu Eigen, dass sie nicht erst durch einen männlichen Vampir zu dem geworden sind, was sie ist, sondern vollkommen aus sich selbst heraus zu den Wesen der Nacht wurde. Beide sind so genannte Ursprungstäterinnen.

1844 entstand das Gedicht Helena von Heinrich Heine. Helena wurde aus dem Grab wieder heraus beschworen, doch nun kann der Geliebte ihre entfachte Gier nicht stillen. „Press deinen Mund an meinen Mund“[5], verlangt die Tote. „Ich trinke deine Seele aus, Die Toten sind unersättlich.“[6], heißt es in den letzten zwei Versen. Helena, das mythologische Sinnbild für Schönheit wurde gegen ihren Willen ins Reich der Lebenden geholt, nun müssen die Lebenden auch mit den Konsequenzen zurechtkommen.

3. Frauenbewegung, Femme fatale und Vamp

„Einmal kommt ja die Frau, die uns unbewußt an allen anderen Frauen rächt und die uns radikal frißt. Mit Haut und Haaren, Leib und Seele. Auch nicht ein Seelenzipfelchen bleibt unverspeist.“[7] – dies wusste bereits der Dichter Klabund seinem Freund Hermann Hesse zu berichten.

An dieser Stelle soll auch noch einmal auf Lilith zurückgekommen werden. Diese Gestalt wurde zum Symbol des Feminismus und der weiblichen Sexualität. Sie wurde zum Zeichen für Sinnlichkeit und Selbstständigkeit und zahlreiche feministische Buchhandlungen benannten sich nach ihr. Nicht die todbringende, bösartige Seite sollte dabei angesprochen werden, sondern die Selbstbestimmtheit, die Freiheit und der eigene Wille der Frau. Das Recht auf Sinnlichkeit wird so zur Geltung gebracht. Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jh. rückte der Vampir als Frau in den Vordergrund der Vampirliteratur.

Ebenso wichtig, wie die Gleichberechtigung war auch das Thema der weiblichen Homosexualität. In diesem Zusammenhang wurde vor allem die bekannte Vampirin Carmilla, eine Schöpfung des irischen Schriftstellers Joseph Sheridan Le Fanu, wie eine Heldin gefeiert. Der Text erschien erstmals 1872 in dem Erzählungsband In a Glass Darkly und thematisiert eine Vampirin, die sich in die junge, unschuldige Freundin Laura verliebt. Die Geschichte wird aus der passiven Rolle der Laura erzählt, die bis zum Ende nicht weiß, was genau mit ihr und um sie herum geschieht. Der Leser ist ständig dazu verleitet, diesem naiven Mädchen sagen zu wollen, in welcher Gefahr sie sich befindet. Die Unachtsamkeit Lauras, die trotz aller Warnungen Türen und Fenster sperrangel weit offen lässt, versetzt den Rezipienten in einen sehr aufwühlenden Spannungszustand, da ihm sehr wohl bewusst ist, dass hinter der lieblichen Fassade der Carmilla, dem zarten Körper und den leuchtend braunen Augen, nichts weiter als das Verlangen eines Vampirs steckt. Doch obwohl es richtig zu sein scheint, Carmilla am Ende zu töten und den Kopf zu verbrennen, löst sie durch ihre Gefühle für Laura, ihre sinnliche Liebe, Empathie beim Leser aus. Ihre unerbittliche Begierde bleibt empfindlich nachfühlbar. Das zerstörerische Potential der Carmilla richtet sich nicht gegen das andere Geschlecht, sondern gegen das eigene. Die düstere Frau der Nacht, wird dem unschuldigen Mädchen des Tages gegenübergestellt. Auch Carmilla verführt das naive Opfer durch ihre Äußeren Reize. Doch hinter dem verfühererischen Antlitz verbirgt sich eine schroffe Dispotin. Le Fanu hat mit dieser speziellen Figur das Bild vieler späterer Vampirfrauen geprägt. Obwohl das Thema der Homosexualität schon bei Le Fanu noch zu den Tabus zählte, ist die Grundidee der Carmilla-Figur eigentlich noch wesentlich älter. Le Fanu schöpfte dabei aus dem bereits 1816 erschienenen Gedichts des englischen Romantikers Samuel Taylor Coleridge mit dem Titel Christabel. Auch hier ist es eine schöne Vampirin, Geraldine, die sich das edle Fräulein Christabel als Opfer auserwählt hat. Die Ähnlichkeiten zu Carmilla sind unverkennbar. Geraldine ist ebenfalls stolz und schön, „in ihre Haare sind Edelsteine geflochten und ihre Stimme ist zart und süß.“[8] Ganz wie bei Le Fanu legt sie die Vampirin des Nachts ins Bett ihres Opfers. Obwohl das Gedicht anschließend einen anderen Verlauf nimmt und an keiner Stelle genau gesagt wird, um was für ein Geschöpf genau es sich bei Geraldine handelt, sind die Grundzüge klar erkennbar. Die Parallelen im Grundmotiv finden sich bei Carmilla wieder. Carmilla ist nach Dracula die „meist verfilmte Vampirgestalt.“[9] Sie bildet eine der Hauptikonen des lesbischen Vampirfilms. Auch Bram Stoker konnte sich der Anziehung der Carmilla nicht entziehen und nahm sie in sein bekanntes Werk Dracula mit auf. Leider bilden die bösen Vampirfrauen dabei nicht mehr, als eine „gehobene Assistentenrolle“[10]. Die Frau steht hinter dem männlichen Vampir zurück, sie bildet maximal einen reizenden Hofstaat. Doch auch Stoker greift das Motiv der Kindermordenden Blutsaugerinnen wieder auf.

[...]


[1] Inwieweit das Hexenwesen als Vorstufe des Vampirismus gewertet werden kann, wird in der Forschung sehr umstritten. Im Rahmen dieser Hausarbeit soll auch nicht weiter darauf eingegangen werden.

[2] SCHAUB, Hagen: Vampire. Dem Mythos auf der Spur, Wiesbaden: 2011, S. 37.

[3] SCHAUB, Hagen: Vampire. Dem Mythos auf der Spur, Wiesbaden: 2011, S. 37.

[4] BORRMANN, Norbert: Vampirismus oder die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit, München:1999. S. 231.

[5] STURM, Dieter/ VÖLKER, Klaus (Hrsg.): Von denen Vampiren oder Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente, München/Wien: 1968. S. 51.

[6] Ebd.

[7] BORRMANN, Norbert: Vampirismus oder die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit, München:1999. S. 231.

[8] BANDINI, Ditte und Giovanni: Das Vampirbuch, München: 2008, S.19.

[9] BORRMANN, Norbert: Vampirismus oder die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit, München:1999. S. 234.

[10] BORRMANN, Norbert: Vampirismus oder die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit, München:1999. S. 234.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des weiblichen Vampirs in der Literatur
Hochschule
Universität Leipzig  (Geisteswissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Vampirismus in der Literatur
Note
2
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V444956
ISBN (eBook)
9783668817821
ISBN (Buch)
9783668817838
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vampirismus, Vampirliteratur, Vampire, Femme fatal, Vamp
Arbeit zitieren
Jana Mussik (Autor), 2011, Die Rolle des weiblichen Vampirs in der Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444956

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