Verzweckung der Erziehung? Nationalsozialistische Erziehungstheorien und die Umsetzung durch die Reichsjugendführung

Die nationalsozialistische Erziehung


Hausarbeit, 2017
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Theorie der nationalsozialistischen Erziehung
2.1. Hitlers Erziehungsvorstellungen
2.2. Ernst Kriecks Erziehungstheorie – Gemeinschaft erzieht
2.3. Alfred Baeumlers Erziehungstheorie – Atmosphäre erzieht

3. Die Umsetzung durch die Reichsjugendführung

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Außer unseren Eltern und unseren Lehrern, denen das Leben und der Staat schon seit langen Jahren unsere Erziehung in den ersten Lebensjahren übertragen hat, ist es nunmehr die Hitler-Jugend zusätzlich als die Gemeinschaft der ganzen jungen Generation im Reiche Adolf Hitlers, die gleichberechtigt die Erziehung und Schulung auf all den Gebieten übernommen hat, die uns als Jungen und Mädel schon selbstverständlich geworden sind: Die Erziehung zum Nationalsozialismus!“[1]

Mit diesem Kernsatz aus der Dienstordnung für das „Deutsche Jungvolk“[2] wird die Intention der Erziehung der Nationalsozialisten sofort klar: die Hitler-Jugend wollte als weitere Sozialisationsinstanz neben der Schule und der Familie die Jugend des „Deutschen Reichs“ erziehen. Die staatliche Erziehung im Sinne der nationalsozialistischen Bewegung war für die NSDAP von wesentlicher Bedeutung.

Um dieses zentrale Thema der nationalsozialistischen Erziehung zu erörtern, ist es notwendig, den Begriff „Erziehung“ näher zu betrachten. Etymologisch gesehen, stammt das Wort „erziehen“ von dem althochdeutschen Wort „irziohan“, was für „aufziehen, großziehen“ steht.[3] Die Bedeutung der Erziehung kann im anthroplogisch-sozialen Sachverhalt betrachtet werden: Wir Menschen benötigen die Erziehung, um als Individuum zu überleben und andererseits ist die Gesellschaft auf die Erziehung als „Sozialformation“ angewiesen. Die Erziehung ist demnach ein Teil der „Beeinflussung und Gestaltung von Entwicklungsprozessen […] der Heranwachsenden zur Mündigkeit.“[4] Zentraler Bestandteil des Begriffs „Erziehung“ ist das „Befolgen von Regeln“. Da der Erzieher die bestimmten zielgerichteten gesellschaftlichen Regeln festlegt, wird sein Handeln als „ein durch Macht strukturiertes Verhältnis“ begriffen.[5]

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist nun die Frage, inwieweit der nationalsozialistische Charakter der Erziehung, also in Deutschland durch die faschistische NSDAP und der damit verbundenen, für die Erziehung der Kinder und Jugendlichen verantwortlichen Reichsjugend-führung, diese erzieherische Macht mit ihren Erziehungstheorien innerhalb der wichtigen Sozialisationsinstanzen verzweckt haben, um eben genau deren gesellschaftlichen Regeln und Vorstellungen durchzusetzen. Dabei habe ich mich allein auf die außerschulische und außerfamiliäre Erziehung beschränkt. Das fast freie Feld zwischen Schule und Elternhaus bot Platz für das neue Denken und Fühlen. Schulische Einrichtungen verfügten dagegen noch über gewisse pädagogische Gepflogenheiten.

2. Die Theorie der nationalsozialistischen Erziehung

Die Weimarer Republik endete am 30. Januar 1933 durch die nationalsozialistische Macht-übernahme. Damit war zu erwarten, dass Hitlers ideologische Vorstellungen einer „völkischen Gemeinschaft“ Wirklichkeit werden sollten.

Ein wesentliches Element hierzu war die Beseitigung der herrschenden Reformpädagogik, die „vom Kinde aus“[6] ging und, welche vom Erzieher eine „überparteilich-sachliche Haltung“ und das Zurückstellen der eigenen Meinung forderte[7].

Hitler verurteilte diese Erziehungstheorie als eine der „kriminellen Torheiten“, zudem betonte er:

„Seit zweieinhalbtausend Jahren sind mit ganz wenigen Ausnahmen nahezu sämtliche Revolutionen gescheitert, weil ihre Führer nicht erkannt hatten, dass das Wesentliche einer Revolution nicht die Machtübernahme ist, sondern die Erziehung der Menschen.“[8]

Die Erziehung des „Dritten Reichs“ wurde durch verschiedene Zuständigkeiten der damaligen Zeit beeinflusst: Einerseits galt es, die ideologische Zielsetzung der NSDAP durchzusetzen. Außerdem bot die wirtschaftliche Situation eine Notwendigkeit der Ausbildung von qualifizierten Arbeitskräften für die „Wiederaufrüstung“ des Landes. Zudem sollten endlich die Wünsche und Hoffnungen der Erzieher und Jugendlichen für eine „geistige und sittliche Erneuerung der Nation“ erfüllt werden[9].

Die Sozialisationsräume für Kinder und Jugendliche sollten im nationalsozialistischen Sinne umgestaltet werden, denn die Erziehung galt „als eines der entscheidendsten Gebiete in ihrem Streben, das Regime zu stärken und seinen langfristigen Fortbestand zu sichern“[10]. NSDAP-Gauleiter Hans Schemm schilderte 1934 metaphorisch sein Verständnis unter dem Begriff „Erziehung“: „[Der Führer] springt voraus, und die Masse drängt nach, sie wird von ihm „gezogen“. Daher das Wort „Erziehung.““[11].

Im Folgenden werden bedeutsame pädagogische Theorien und die Ideologie des NS-Staates erläutert, wobei vor allem die Erziehungstheoretiker Ernst Krieck und Alfred Baeumler durch ihre Verbindung zur NSDAP grundlegend und entscheidend die nationalsozialistische Erziehung entfaltet haben.

2.1. Hitlers Erziehungsvorstellungen

„Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Schmerzen muß sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muß erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend. Ich werde sie in allen Leibesübungen ausbilden lassen. Ich will eine athletische Jugend. Das ist das erste und das wichtigste.“[12]

Im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Erziehung standen demnach körperliche und psychische Härte. Das Hauptaugenmerk lag dabei zentral auf der robusten und folgsamen Jugend, die nicht durch intellektuelles Wissen, sondern hauptsächlich durch Leibesübungen erzogen werden sollte. Das Ziel war ein starkes „Deutsches Reich“ mit einem strapazier-fähigen und unverwüstlichen „Volk“. Immer wieder traten Vergleiche mit der Tierwelt auf. Dabei wurde keinesfalls verschleiert, um was es hier geht: die Nützlichkeit des Menschen für das gesamte „Volk“ durch seine athletische Ausbildung, was den kriegerischen Auseinander-setzungen dienen und den Glauben an die „Unbesiegbarkeit seines ganzen Volkstums“[13] bestärken sollte. Als weitere Funktion der Fähigkeit und Bereitschaft zu körperlichen Leistungen galt auch das allgemeine Auslesekriterium des „völkischen Staats“.

Wie bereits erwähnt, wurde dem Erlangen des intellektuellen Wissens keineswegs dieselbe große Bedeutung beigesteuert, wie der sportlichen Erziehung. Dadurch wurde beabsichtigt, die Kritikfähigkeit von jungen robusten Menschen im Keim zu ersticken. Allein die Kenntnisse der Geschichte und Politik des „Dritten Reichs“ sollten erweitert werden, jedoch nur als „Mittel zum Zweck“, für eine „fanatische Nationalbegeisterung“[14]. Hitler schrieb: „Der völkische Staat hat in dieser Erkenntnis [, dass nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohne,] seine gesamte Erziehungsarbeit in erstere Linie nicht auf das Ein-pumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper.“[15]

„Die körperliche Ertüchtigung ist […] im völkischen Staat nicht eine Sache des einzelnen, auch nicht eine Angelegenheit, die in erster Linie die Eltern angeht, […] sondern eine Forderung der Selbsterhaltung des durch den Staat vertretenen und geschützten Volkstums.“[16]

Damit hob er die Rolle, die der Staat als Erziehungsinstitution im nationalsozialistischen Sinne einnehmen sollte, über das elterliche Erziehungsrecht hinaus, hervor und bezog sich auf die instrumentelle Funktion der Erziehung durch den Staat.

Schon 1925 veröffentlichte Hitler programmatisch seine Vorstellungen zu Macht und Nation in seinem Buch „Mein Kampf“ und auch in vielen seiner Reden bringt Hitler die eigene Staatsauffassung zum Ausdruck. Im Zentrum von Hitlers „Weltanschauung“ steht der Begriff „Rasse“: „Die völkische Weltanschauung sieht im Staat prinzipiell nur ein Mittel zum Zweck und faßt als seinen Zweck die Erhaltung des rassischen Daseins der Menschen auf.“[17]

Auf der einen Seite sollte dies dadurch erreicht werden, dass in der „Rassenhygiene“ die „nicht-arische“ Bevölkerung ausgeschlossen werde und auf der anderen Seite die „arischen“ Kinder und Jugendlichen im nationalsozialistischen Sinne zur „Elite“ zu erziehen seien[18]. Hitlers Ansicht nach, lag die entscheidende Rolle der Erziehung darin, „eine Rasse zu schaffen, die in der Lage sein würde, Entscheidungen zu treffen, die die Zukunft der Zivi-lisation bestimmen würde“[19]. Kinder sollten dazu angehalten werden, „rassisch andersgeartete Mitmenschen zu verachten“ und somit ein nationales Selbstwertgefühl zu entwickeln[20]. In der Jugend soll ein fanatischer Glaube an die Kraft und Überlegenheit der eigenen Rasse und die grenzenlose Einsatzbereitschaft erzeugt werden.

Somit kann man sagen, dass Hitlers Staats- und Erziehungsauffassungen in einem sehr engen Zusammenhang stehen. Seine Erziehungsgrundsätze waren die unmittelbar Konsequenz seiner politischen Vorstellungen: Der Höherwertige siegt im Kampf ums Dasein[21]. Er versuchte, durch staatliche Maßnahmen eine Erziehung zu vollziehen, die vor allem die militärischen Kräfte voranbringen und in der Bevölkerung des Deutschen Reichs eine gemein-same Ideologie des Nationalsozialismus schaffen sollte. Hier stand nicht das Individuum an sich, sondern dessen „Nützlichkeit für die Volksgemeinschaft [...] im Mittelpunkt“[22]. Mithilfe seiner Vorstellungen der Entfaltung der „arischen Rasse“ und der intensiven ideologischen Beeinflussung der Kinder und Jugendlichen wollte er durch die national-sozialistische selektierende Erziehung eine Rasse schaffen, die eine „Selbsterhaltung der deutschen Nationalität“[23] und somit eine Konsolidierung des „Dritten Reichs“ erbringen sollte.

[...]


[1] Reichsjugendführung (Hg.): Dienstordnung für das Deutsche Jungvolk. Übersicht über Wesen, Form und Arbeit des Deutschen Jungvolks in der HJ. Berlin 1941, S. 9.

[2] Das „Deutsche Jungvolk“ war eine Institution der nationalsozialistischen Erziehung. Alle Mitglieder, welche als „Pimpfe“ bezeichnet wurden, erhielten beim Eintritt in das „DJ“ eine Aushändigung der Dienstordnung.

[3] Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache . Berlin, New York 24 2002, S. 258.

[4] Bernhard, Armin: Pädagogisches Denken. Einführung in allgemeine Grundlagen der Erziehungs- und Bildungswissenschaft. Baltmannsweiler 5 2012, S. 19.

[5] Dörpinghaus, Andreas; Uphoff, Ina Katharina: Grundbegriffe der Pädagogik. Darmstadt 2 2012, S. 25.

[6] Fees, Konrad: Geschichte der Pädagogik. Ein Kompaktkurs. Stuttgart 2015, S. 288.

Bei der Reformpädagogik in der Weimarer Republik ging es vor allem um die individualisierte und demokratische Erziehung. Das selbstständige Kind stand im Mittelpunkt des erzieherischen Denken und Handelns, wodurch es zu einem mündigen Teil der Gesellschaft erzogen werden sollte.

[7] Reble, Albert: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart 1951, S. 292.

[8] Ehrhardt, Johannes: Erziehungsdenken und Erziehungspraxis des Nationalsozialismus. Berlin 1968, S. 58.

[9] Lingelbach, Karl Christoph: Erziehung und Erziehungstheorien im nationalsozialistischen Deutschland. In: Froese, Leonhard; Klafki, Wolfgang (Hg.): Marburger Forschungen zur Pädagogik. Band 3. Weinheim 1970, S. 17f..

Ein Großteil der Erzieher der Weimarer Republik schöpften Hoffnungen aus der neuen nationalsozialistischen Erziehung für eine geistige Erneuerung Deutschlands. Der „deutsche Mensch“ sollte „endlich die ihm gemäße Form finden“. Die NSDAP hatte diese „national-konservativen Utopien“ aufgegriffen und für ihre Machtsicherung genutzt.

[10] Stachura, Peter: Das Dritte Reich und Jugenderziehung. Die Rolle der Hitlerjugend. In: Heinemann, Manfred (Hg.):Erziehung und Schulung des Dritten Reich. Stuttgart 1980, S.91.

[11] Schemm, Hans: Der Sinn der Erziehung im nationalsozialistischen Staat. In: Kanz, Heinrich (Hg.): Der Nationalsozialismus als pädagogisches Problem. Frankfurt am Main 1984, S. 104.

[12] Rauschning, Herrmann: Gespräche mit Hitler. New York/Zürich 1940, S.237, zitiert nach: Ketter, Helena: Zum Bild der Frau in der Malerei des Nationalsozialismus. Eine Analyse von Kurzzeitschriften aus der Zeit des Nationalsozialismus. Kunstgeschichte Band 76. Münster 2002, S.67.

[13] Hitler, Adolf: Mein Kampf. München 846-850 1943, S.452 (Band I und II).

[14] Vgl. Lingelbach, Karl Christoph: Erziehung und Erziehungstheorien im nationalsozialistischen Deutschland. S. 32.

[15] Hitler, Adolf: Mein Kampf. S. 452.

[16] Hitler, Adolf: Mein Kampf. S. 453

[17] Ebd. S. 420

[18] Lingelbach, Karl Christoph: Erziehung und Erziehungstheorien im nationalsozialistischen Deutschland. S. 30f.

[19] Stachura, Peter: Das Dritte Reich und Jugenderziehung. Die Rolle der Hitlerjugend. S.93.

[20] Lingelbach, Karl Christoph: Erziehung und Erziehungstheorien im nationalsozialistischen Deutschland. S. 21.

[21] Schörken, Rolf: Jugend. In: Benz, Wolfgang u.a.(Hg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München 5 2007, S.223.

[22] Zentner, Christian: Adolf Hitlers Mein Kampf. Eine kommentierte Auswahl. München 1974, S. 103.

[23] Stachura, Peter: Das Dritte Reich und Jugenderziehung. Die Rolle der Hitlerjugend. S.93.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Verzweckung der Erziehung? Nationalsozialistische Erziehungstheorien und die Umsetzung durch die Reichsjugendführung
Untertitel
Die nationalsozialistische Erziehung
Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V445017
ISBN (eBook)
9783668819764
ISBN (Buch)
9783668819771
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Erziehung, Hitler, Pädagogik, Drittes, Reich, Führer, Jugend, BDM, BDJ
Arbeit zitieren
Amelie Müller (Autor), 2017, Verzweckung der Erziehung? Nationalsozialistische Erziehungstheorien und die Umsetzung durch die Reichsjugendführung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445017

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