Entstehung einer einheitlichen Schriftsprache im Deutschen

Zu den Forschungen Beschs zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache


Ausarbeitung, 2017
14 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zum Problem der Entstehungstheorien zur deutschen

Standardschriftsprache

Deutschland als Nachzügler

Kritik Werner Beschs

Forschungen Beschs
Methodischer Optimalkatalog
Vorgehensweise/Textgrundlage
Auswertung der Handschriften
Kartographische Darstellungen
Ergebnisse Beschs

Ergänzungen Mattheiers

Fazit

Anlagen

Literaturverzeichnis

Zum Problem der Entstehungstheorien zur deutschen Standardschriftsprache

„Es liegen eine Reihe von Erklärungsversuchen vor, sie widersprechen sich stark, ja schließen sich gegenseitig weithin aus“ (Besch 1968: 405).

Insbesondere für die Entstehung einer einheitlichen Schriftsprache in Deutschland gibt es zahlreiche Theorien renommierter Sprachwissenschaftler resultierend aus diverser Methodik und Schwerpunktsetzung. Insbesondere der deutsche Germanist Werner Besch kritisiert die sich größtenteils widersprechenden Theorien zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache und die aus hierzu genutzter unzureichender Methodik resultierenden vorschnellen Ergebnisse und stellt in zahlreichen Publikationen seine eigenen Forschungen hierzu vor (vgl. u. a. Besch 1985: 1782; Besch 1967: 16-19; Wegera 2007: 11).

Diese Ausarbeitung zur mündlichen Präsentation „ Standardisierungsprozesse im Deutschen – Entstehung einer einheitlichen Sprache“ führt zunächst die Anfänge, Probleme und Faktoren der Vereinheitlichung der Schriftsprache in Deutschland auf. Nach der mündlichen Präsentation wurde der Einwand hereingebracht, dass nicht genauer auf die Forschungen Beschs eingegangen wurde – beispielsweise auf sein Arbeiten mit Landschaftskarten. Dies soll hiermit nachgeholt und insbesondere darauf eingegangen werden, weshalb seine Methodik zu schlüssigeren Ergebnissen kam. Weiterhin soll zum Schluss kurz Bezug auf die Theorie Klaus Jürgen Mattheiers genommen werden, welcher sich als sein Schüler auf die Forschungen Beschs stützt und diese ergänzt.

Die Hypothese zu den Forschungen Beschs ist, dass die Ergebnisse Beschs insbesondere dadurch zu besseren Ergebnissen kam, da er sich nicht nur auf einen Teilbereich wie beispielsweise die Germanisten Theodor Frings und Konrad Burdach (Besch 1968: 406-407) beschränkt, sondern die Sprache selbst – bis auf die Syntax – als Ganzes behandelt und insbesondere auch weitläufig geographisch untersucht und dokumentiert hat.

Deutschland als Nachzügler

Der Entstehungsprozess beschreibt in der Regel zwei Schritte, nämlich erstens die Ablösung einer fremden Sprache – in Deutschland Latein – und zweitens durch Ablösung der regionalen Sprachvarianten (Besch 1985: 1781).

Für die Vereinheitlichung der Standardschriftsprache eines Landes ist vornehmlich ein stabiles politisches Machtzentrum, also ein monozentrisches, vonnöten welches sodann als Sprachvorbild fungiert wie z. B. in Frankreich, Spanien und England der Fall (Besch 2000: 2). Hierdurch kann insbesondere der o. g. zweite Schritt erfolgen – nämlich die Ablösung der regionalen Varianten durch eine einheitliche Variante.

Anders als die o. g. Länder war Deutschland plurizentrisch geprägt, was insbesondere ein „Nebeneinander großregionaler Schreibsprachen“ (ebd.) noch bis ins 16. Jahrhundert zur Folge hatte und somit der Entstehungsprozess einer einheitlichen Standardschriftsprache sehr viel komplexer war (ebd.). Waren die sprachlichen Unterschiede zu groß mussten sogar ganze Texte übersetzt werden1.

Auch die konfessionelle Spaltung begünstigt eine Vielzahl an Schreibsprachen innerhalb des Landes, was in Deutschland wiederum durch Luther und die mit ihm einhergehende Reformation immens verstärkt wurde (Besch 2000: 4). Auch für die vielen verschiedenartigen Entstehungstheorien zur neuhochdeutschen Schriftsprache ist Luther mithin ein entscheidender Grund, weshalb es wichtig erscheint, die Bedeutung Luthers nicht nur zu erkennen sondern auch richtig zu definieren.

Kritik Werner Beschs

Werner Besch stellt zunächst fest, dass es zwar eine große Anzahl an Erklärungsversuchen zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache vorliegen dieses sich jedoch stark widersprechen und zum Teil sogar gänzlich ausschließen (Besch 1968: 405).

Die Forschungen versuchten ihre Erklärungen zunächst entweder über die Kanzleisprache2 und Mundart3 oder aus einer Kombination der beiden (Besch 1967: 16). Die Ergebnisse hierzu mögen laut Besch zwar richtig sein, jedoch können sie nicht die Frage zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache beantworten, da erstens die Kanzleisprache zweckmäßig eine Eigengesetzlichkeit verfolgt und sich zweitens die Mundarten nicht in erster Linie auf die Schriftsprache beziehen sondern vor allem in der mündlichen Sprache Gebrauch finden (ebd. 16-17).

Ein weiterer erheblicher Kritikpunkt Beschs ist, dass sich laut ihm die Forschungen immer wieder stark auf Buchstaben und Laute beschränkt haben (ebd. 19). In zahlreichen seiner Publikationen führt er das Beispiel Frings an, für welchen der Kern der Entstehung auch aus Buchstaben und Lauten besteht und somit den Mundarten wiederum große Bedeutung zugemessen wird (Besch 1968: 406) und weiterhin somit Vokabular und Syntax als lediglich beweglicher Zusatz erheblich unterschätzt (Besch 1967: 17).

Ein weiteres Beispiel sind die Forschungen Burdachs. Dieser rückt ganz im Gegenteil Frings Syntax und Stil stark in den Vordergrund, für ihn gab es ein Sprechen nach Schrift (Besch 1968: 406-407).

Diese Beschränkungen auf einzelne Teilbereiche führen zu voreiligen, vereinfachten Deutungen hinsichtlich der Entstehung, da sich beispielsweise die Bedeutungsanteile der Landschaften und Sprecher je nach Schwerpunktsetzung ändert (Besch 1967: 18). Je nachdem also, ob man sich beispielsweise auf Syntax oder Laute beschränkt, kommt zu anderen Ergebnissen, so könnte es simpel erklärt sein, dass die Entstehungseinflüsse auf die Syntax der Sprache im Osten größer waren und für Laute beispielsweise der Norden.

Ein weiterer Kritikpunkt Beschs ist die Wertung der Einflüsse Luthers auf die Entstehung der einheitlichen Schriftsprache, welcher „[f]ür die einen [...] Schöper, Vater, Begründer der neuhochdeutschen Schriftsprache, für die anderen nicht Schöper, nicht einmal Bahnbrecher, eher Nachzügler“ (Besch 1968: 410).

Eine Über-, aber auch eine Unterschätzung Luthers kann gewisse Vorein- genommenheit und Beschränkungen mit sich führen, andererseits haben sich die Forschungen jedoch auch hier nicht hinreichend mit der Thematik der Luther-Wertung auseinandergesetzt, was aber auch u. a. auf unzureichende wissenschaftliche Hilfsmittel über die Luthersprache zurückzuführen ist (ebd.).

Forschungen Beschs

Methodischer Optimalkatalog

Als Konsequenz seiner Kritik erstellte Besch für seine Forschungen zunächst einen methodischen Optimalkatalog zusammen. Dieser soll an dieser Stelle nur kurz zusammengefasst werden:

Als erstes sei es nötig, den sprachlichen Zustand vor Luther genauer zu untersuchen, um somit Altes und Neues vergleichen zu können und Luthers Anteil besser zu verstehen (ebd.). Zweitens muss man geographisch große Flächen in die Forschungen miteinbeziehen, um gesamtheitliche Betrachtung zu gewährleisten und darf sich drittens nicht nur auf Laute und Formen beschränken sondern muss auch weitere Teilbereiche miteinbeziehen (ebd.).

Vorgehensweise / Textgrundlage

Als Textgrundlage wählte Besch das vierte und elfte Kapitel des Werks Die vierundzwanzig Alten oder der goldene Thron der minnenden Seele Otto von Passaus (Besch 1967: 20). Diese Textgrundlage eignete sich besonders, da sie aufgrund ihrer Thematik – Lebens- und Glaubensfragen einer christlichen Existenz – landschaftlich weit verbreitet war, es gab immerhin noch 1938 120 Handschriften, und vor allem, was für die Forschungsthematik auch besonders wichtig erscheint, zahlreich abgeschrieben wurde (ebd.). Besch deckt hiermit also zunächst zwei seiner Punkte ab, denn das Werk wurde vor Luther verfasst und abgeschrieben und deckt auch die geforderten geographisch großen Flächen ab.

Von diesen 120 Handschriften hat er 68 ausgewählt, die zumindest in 41 Fällen sicher lokalisiert werden konnten, 23 nur grob und vier lediglich mehr oder weniger gut und sodann die beiden Kapitel in den unterschiedlichen Landschaften miteinander verglichen. Die Lokalisierung wurden von Besch größtenteils übernommen (ebd. 21). Da ihm auffiel, dass insbesondere das Niederdeutsche vom gewählten Werk nicht hinreichend abgedeckt werden konnte arbeitete er zusätzlich mit den Erbauungswerken Der Passionstraktat des Heinrich von St. Gallen“ und Der große Seelentrost.

Auswertung der Handschriften

Bei der Auswertung der bearbeiteten Handschriften untersuchte Besch den sprachlichen „Anschluss nach rückwärts“ (ebd. 22), was bedeutet, dass er zunächst die Verhältnisse des 15. Jahrhunderts genauer betrachtete, um dann genauer zu untersuchen, welche Gegebenheiten vor dem 15. Jahrhundert vorherrschten. Dann konzentrierte er sich auf Luther und die konkrete Entwicklung der neuhochdeutschen Sprache (ebd.). Probleme bereitete ihm hierbei, dass es kein Luther-Wörterbuch als Hilfsmittel gab, welches hinreichend Auskunft über den Wortschatz Luthers gibt, sondern lediglich das von Dietzens, welches allerdings mangelhaft ist.

Kartographische Darstellungen

Zur Darstellung seiner Forschungen nutzte Besch Landkarten, auf denen er zunächst die benutzten Handschriften eintrug (Besch 1968: 412; A1). Schaut man sich die Karte an, kann man klar erkennen, dass Besch mit seiner Forschung zahlreiche Landschaften abdeckte, eben ausreichend um eine differenzierte, sichere Schlussfolgerung zu ziehen. Weiterhin kann betont werden, dass er nicht nur einzelne, sondern sämtliche Teilbereich untersucht hat.

Auf den weiteren Karten hielt er seine Ergebnisse in den einzelnen Teilbereichen fest. So hat er beispielsweise die Pluralendungen beim Verb untersucht (ebd. 416; A2), aber auch die Flexion der Nomen (Besch 1967: 245; A3) oder auch den Wortschatz selbst untersucht (ebd. 233; A4), aber eben auch noch sehr viel mehr wie z. B. Sonderstellungen einzelner Räume (Besch 1986: 413).

Die einzelnen Gegebenheiten wie z. B. die Flexion der Nomen hat er durch verschiedene Symbole in die Karte eingetragen. Einen Kreis für das Femininum und ein Quadrat für das Maskulinum beim Wort sunne. Wenn das in der Handschrift gefehlt hat, hat Besch dies gekennzeichnet, hier durch ein X (Besch 1967: 245; A3). Zum Teil wurden die Karten später auch mit der jeweiligen Handschriftennummer übernommen, wie z. B. in der Lektüre „Sprachlandschaften und Sprachausgleich im 15. Jahrhundert“ der Fall.

Bei der Sonderstellung des Wortes Schwester konnte er anhand seiner Karte (Besch 1986: 413; A 4) zeigen, dass sich der Begriff suster, welcher im nordwestlichen und nördlichen Gebiet anzutreffen ist gegenüber dem Begriff schwester nicht durchsetzen konnte, sondern der Begriff Schwester auch heute noch genutzt wird.

Weiterhin untersuchte er dann welche Varianten Luther zuvor genutzt hatte und ob sich diese stärker durchsetzten und welche Bedeutung Luthers hierauf schlusszu- folgern wäre.

[...]


1 Beispiel: 1533 musste in Münster die Argumentations- schrift des Wiedertäufers Melchior Hoffmann über Nacht übersetzt werden, da man das Deutsch des Straßburger Drucks nicht verstand (Besch 2000: 7).

2 damalige Sprache für amtliche Schriftsätze

3 Dialekt

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Entstehung einer einheitlichen Schriftsprache im Deutschen
Untertitel
Zu den Forschungen Beschs zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V445022
ISBN (eBook)
9783668828803
ISBN (Buch)
9783668828810
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entstehung, schriftsprache, deutschen, forschungen, beschs, Besch, Sprachentstehung
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Entstehung einer einheitlichen Schriftsprache im Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445022

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