Das Menschenbild des Marquis de Sade. Eine Untersuchung auf Grundlage des Romans "Die 120 Tage von Sodom"


Hausarbeit, 2010
13 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der Roman und sein Autor
2.1 Figurentypen
2.2 Sades Situation und Ziele

3. Das Menschenbild
3.1 Kritik an der Norm
3.2 Darstellung der Perversion
3.3 Ursprung der Perversion

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Donatien Alphonse François de Sade gehörte bereits zu Lebzeiten zu den am meisten angefeindeten und verfolgten Schriftstellern der Geschichte. Seine Werke brüskierten die Öffentlichkeit und brachten ihm viele Jahre Gefängnis ein. Die Autorschaft einiger seiner Romane stritt er sogar ab, so zum Beispiel bei Justine, einem Roman über das lasterhafte Leben einer jungen Dame.

In einer politisch, gesellschaftlich und philosophisch derart aufgewühlten Zeit wie dem ausgehenden 18. Jahrhundert in Frankreich vollbrachte es de Sade, Spross einer adeligen Familie, sich bei nahezu jeder großen Front verhasst zu machen. Doch sein Werk und damit seine Diskussionswürdigkeit hatte noch Jahrhunderte nach seinem Tod Bestand. Dabei war stets die Versuchung groß, ihn aufgrund seiner expliziten, ja geradezu exzessiven Darstellung sexueller Praktiken und abstoßender Gewalt rein unter dem Aspekt der Sittenlosigkeit zu betrachten. So wurde sein Schaffen noch im frühen 20. Jahrhundert großteils einhellig als „ein pornographisches Riesenwerk“[1] bezeichnet, und auch ihm selbst kam eine eindeutige Einordnung zu: „Der Marquis ist der erste und einzige uns bekannte Philosoph des Lasters.“[2]

Dem geradezu entgegen gesetzt scheint der Einwurf: „Wäre […] Sade nur ein Pornograph, so könnte nichts geschmackloser sein als der Versuch, ihm zur Bedeutung zu verhelfen. Wäre er wahnsinnig, so bräuchte man seine Akten nicht zu öffnen.“[3]

Diese Meinung, so scheint mir, hat ihre Berechtigung. Denn über alle Kritik und allen Schimpf hinweg lässt es sich nicht leugnen, dass de Sade seinen literarischen Exzessen ein ausgefeiltes philosophisches System zugrunde legt. Diese Projektarbeit soll sich speziell mit dem von ihm vertretenen Menschenbild unter besonderer Rücksichtnahme auf seinen Roman Die 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung, welchen er 1785 provisorisch im Gefängnis schrieb und nie vollendete, befassen. Unter Menschenbild sei dabei die Annahme zu verstehen, die der Marquis de Sade vom urtümlichen, inneren Kern des Menschen vertritt – unter welchen Bedingungen offenbarten sich welche Charakterzüge und Verhaltensweisen selbst bei den gesellschaftlich angesehensten Personen?

In Anlehnung an die Meinung Heinz-Günther Stobbes soll bei dieser Betrachtung sogar noch weiter gegangen werden: Es soll der Frage nachgespürt werden, inwiefern sich die Schriften de Sades als satirische und somit vielleicht gar erzieherische Werke lesen lassen. Denn betrachtet man die ungeheuerlichen Taten seiner Figuren, die sie mit scheinbar noch ungeheuerlicheren philosophischen Diskursen unterstützen, besteht mithin die Möglichkeit des Gedankens, dies alles sei doch gar zu übertrieben, um wirklich ernst genommen werden zu wollen. Dieser Ansatz findet sich selbst bei seinen härtesten Kritikern, wenn auch unter umgedrehten Vorzeichen: „Endlich, um das abschreckende Bild zu vollenden, die wahrhaft ungeheuerlichen Behauptungen und Uebertreibungen, stupide Hyperbeln einer ausschweifenden Phantasie.“[4] Wahrlich kommt man um die Erkenntnis einer kaum glaubhaften Dimensionierung der Entartungen in den Werken des Marquis de Sade nicht herum. Wie ist diese also zu interpretieren? Kann man Die 120 Tage von Sodom als Antibeispiel auffassen, als erzieherischen Roman, der aufzeigen soll, wie es nicht gehen darf? Diese Frage soll in den nachfolgenden Kapiteln beantwortet werden.

2. Der Roman und sein Autor

2.1 Figurentypen

„Es fällt schwer, de Sade zu lesen, noch schwerer, ihn zu verstehen.“[5] Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf die ständig wiederkehrenden Sequenzen menschenverachtender Gewalt im Werk des Marquis de Sade, sondern auch auf die Art seiner formalen Inszenierung einfachster Anfänge. Wie wichtig die Darstellung der fiktiven Figuren seiner Romane für die Herausarbeitung seiner Aussagen ist, lässt sich allein schon an der großen Mühe erkennen, mit der er diese charakterisiert. Dabei ist eine gewisse Systematik deutlich erkennbar: Roland Barthes hat dazu „zwei Arten von ‚Porträts‘“[6] herausgestellt. Wenn es um die Darstellung der morallosen Hauptpersonen, der so genannten Libertins, gehe, entwickle Sade eine individualisierende Charakteristik, die jede der Figuren zu einer eigenen Persönlichkeit erhebt, die in all ihren schmutzigen und abstoßenden Zügen porträtiert wird. „Der Präsident von Curval […] war groß, mager, dünn, hatte braune, erloschene Augen, einen fahlen, ungesunden Mund, ein vorgestrecktes Kinn und eine lange Nase“[7], schreibt de Sade über eine seiner vier zentralen Figuren und nimmt sich für eine jede mehrere Seiten Zeit, sie sowohl in körperlicher als auch moralischer Hinsicht genauestens vorzustellen. Diese Libertins sind reich und mächtig, können sich beinahe alles leisten und haben im Zuge dessen einen Charakter entwickelt, der diese mächtige Position gnadenlos zur Triebbefriedigung ausnutzt. Interessant dabei ist, dass die Gründe für die moralische Verderbtheit der Charaktere ebenso in ihrer natürlichen Veranlagung als auch in ihrer Entwicklung gesucht werden; auf die mögliche Frage, ob jene perversen Neigungen etwas Natürliches oder individuell Hervortretendes seien, gibt es also zunächst keine eindeutige Antwort. Da dieser Aspekt jedoch in einem späteren Kapitel untersucht werden soll, wird an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen.

Die zweite Art von Porträts bezieht sich teilweise auf die Helfer, in erster Linie aber auf die Opfer der Libertins: hier ist „von Objekten der Wollust (und vor allem von jungen Mädchen)“[8] die Rede. Diesen Erscheinungen geht ein nachvollziehbarer Realitätsanspruch ab – sie werden als perfekte Schönheitsideale beschrieben, die in ihrer Körperlichkeit gleichermaßen dem Traumbild der Schönheit entsprechen und in eben dieser immer gleichartigen Schönheit ihre Individualität vollständig verlieren. Darin liegt der Schlüssel zur Entmenschlichung der Opfer: Ihre Peiniger sehen in ihnen lediglich Prototypen, Modellvorstellungen. „Die Einteilung der Sadeschen Menschheit wird also nicht durch Häßlichkeit oder Schönheit bestimmt, sondern durch die Instanz des Diskurses“[9], was schon ein verändertes Licht auf die Zielstellung seiner Werke wirft.

In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, auf die atypische Figurenpositionierung im Kontext der Geschlechter hinzuweisen. Kurzum kann man sagen, dass eine „Unterdrückung der spezifischen Grenzen“[10] der Geschlechter erfolgt. Was bei anderen Romanen wie Justine besonders deutlich auftritt, wird auch bei Die 120 Tage von Sodom klar: Frauen und Männer verlieren im Zuge der Pervertierung ihre klaren Unterschiede, was vor allem auf die starke Symbolik der Sodomie zurückzuführen ist, die bei de Sade nicht nur eine regelrechte Verspottung natürlicher Zwecke des Geschlechtsverkehrs bedeutet, sondern eben auch die Möglichkeit einer vollständig freien Rollenwahl eröffnet. Das Verhältnis, in dem die Geschlechter zueinander stehen, wird durch die „von Sade entworfene integrale Ungeheuerlichkeit“[11] nicht nur aufgelöst, sondern mitunter regelrecht umgekehrt, bis es schließlich gar zur androgynen Darstellung der Handelnden kommt. Diese Figurenzeichnung läuft den gesellschaftlichen Konventionen des ausgehenden 18. Jahrhunderts klar zuwider, in welcher die Rollen der Frauen und Männer eindeutig definiert waren. Obwohl die Spezifik dieser bereits formalen Entartung wegweisend für das Verständnis der Sadeschen Erlebniswelt und philosophischen Ordnung ist, nimmt er selbst in seinen Werken jedoch nie explizit Stellung dazu. Inwiefern hier bereits klare Intentionen in eine bestimmte Richtung zu finden sein könnten, bleibt demnach unklar. Gehen wir also weiter.

2.2 Sades Situation und Ziele

Auffällig an der Figurenskizzierung in Die 120 Tage von Sodom ist auch die Herkunft der Handelnden. Während die Opfer aus nahezu jeder Gesellschaftsschicht stammen können, sind die vier Täter allesamt einer gleichen Klasse entsprungen: dem Adel. Diese Herkunft ist durchaus kein Zufall, de Sade beschreibt sie viel mehr als wichtige Bedingung für die Heranreifung des Charakters zu derlei entarteten Zügen, denn „man versagt sich umso weniger, je leichter es einem ist, sich alles zu gestatten.“[12] Mehr noch, impliziert er eine natürliche Veranlagung der privilegierten Schichten zur Ausnutzung ihrer Position, wenn er den Herzog von Blangis wie folgt beschreibt: „[…] die Natur – sage ich – hatte Blangis, indem sie unendliche Reichtümer für ihn bestimmte, auch genau mit allen Gefühlen und Neigungen beteilt, die notwendig sind, jene zu mißbrauchen“[13].

Führt man sich die gesellschaftliche Situation Frankreichs und speziell des Marquis de Sade zu jener Zeit vor Augen, wird deutlich, woher diese Einschätzung kommt. Wegen seiner Freizügigkeit und sittlicher Verbrechen von der feinen Gesellschaft, der er selbst seiner Geburt nach angehörte, geächtet und ins Gefängnis gesperrt, stellte die Anfertigung des Romans „das einzige Schwert, das ihm in seiner finsteren Behausung zur Verfügung“[14] stand, dar. Dementsprechend ist die Darstellung einer von Perversion und Morallosigkeit entarteten Bourgeoisie durchaus als „Ausdruck von Sades persönlichem Protest gegen ein System der Unterdrückung“[15] zu verstehen.

Selbstverständlich darf seine Intention nicht einzig und allein auf individuelle Unzufriedenheit reduziert werden; das wäre schon allein deshalb problematisch, weil de Sade ja durchaus an verbrecherischen Handlungen beteiligt war, die seinen Gefängnisaufenthalt rechtfertigten. Um ihn zu verstehen, darf man sich deshalb nicht nur auf seine direkte Situation zur Entstehungszeit des Romans beziehen. „Nur der kennt das Gesetz, der es übertritt und ungestraft übertritt“[16], lautet eine mögliche Folge solcher Interpretation. Doch es scheint eine recht vereinfachte Annahme, davon auszugehen, de Sade erkläre frei heraus mit seinem Text, dass Gesetze nur dazu da wären, durch die adligen Schichten gebrochen zu werden. Was bei dieser Betrachtungsweise weitgehend unberücksichtigt bleibt, ist der Grad der Provokation, auf den es Sade definitiv angelegt hatte. Diese Provokationsabsicht ist natürlich eine Folge seiner Erfahrungen und Enttäuschungen, zielt jedoch auf etwas weit Höheres ab als bloße Zurschaustellung ekler Perversionsformen.

Das Ziel ist, „alles zu sagen, ohne große Umschweife“[17], ohne Rücksicht auf Schranken der Sittlichkeit und des Anstands. Es geht also bei genauerem Blick nicht um die augenscheinliche Befriedigung der Triebzustände durch menschenverachtende Praktiken, sondern viel mehr um „die jedem gewaltsamen Akt vorangehende Phantasie, […] den Primat des Imaginären über das Rationale.“[18] Dass eine Schreibweise, die sich derartige Freiheiten erlaubt, Anstoß erregen muss, ist beinahe unvermeidlich: Denn geistige Schranken können nur bewusst gemacht und gebrochen werden, indem man sie übertritt, indem also Themen angesprochen werden, die jenseits dieser Schranken liegen. Der Weg über die Perversion ist also durchaus nahe liegend.

In seiner Einleitung zu Die 120 Tage von Sodom warnt de Sade den Leser wiederholt vor der Lektüre, wenn er nicht „skandalisiert sein will“[19], vergleicht das Werk aber an späterer Stelle mit „einem großartigen Mahl, bei dem 600 verschiedene Gerichte Ihrem Appetit offeriert werden“[20]. Es geht ihm also offensichtlich um eine Freigeistigkeit, die er erreichen, ansprechen und erweitern will. Dabei entpuppt sich das Werk als deutlich satirischer, als es auf den ersten Blick erscheinen will: Wenn er den Leser auffordert, sich nur die Geschichten herauszusuchen, die ihm gefallen, und die anderen unbeachtet zu lassen, erklärt er: „Denken Sie, daß er anderen gefallen wird und seien Sie ein Philosoph.“[21] Diese satirischen Stellen, die sich wiederholt in seinem Werk finden, erheben schlichte pornografische Gewaltdarstellungen zu einer herben Gesellschaftskritik, die eine Suche nach größerer geistiger Freiheit von normativen Schranken darstellt. In diesem Sinne lässt sich auch Hans-Ulrich Seiferts Meinung lesen, de Sades moralphilosophisches Ziel sei „die Begründung und Rechtfertigung einer ‚anderen Natur’, die sich von der idealisierenden Naturdefinition der Aufklärer […] unterscheidet“[22], indem sie eine Befreiung von säkularisierten religiösen und ethischen Einschränkungen anstrebt. Es fällt leicht, dies als plumpe Verteidigung der von ihm beschriebenen Perversionen zu lesen; tatsächlich jedoch verhält es sich damit ein wenig schwieriger. Denn um die Entartung richtig zu deuten und damit das Menschenbild und den möglicherweise enthaltenen pädagogischen Wert des Romans zu entschlüsseln, muss man sich die Form der dargestellten Perversion einmal genau ansehen.

[...]


[1] Dühren, Dr. Eugen: Der Marquis de Sade und seine Zeit. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts. Berlin: Verlag von H. Barsdorf. 1922, S. 401

[2] A. a. O., S. 403

[3] Stobbe, Heinz-Günther: Vom Geist der Übertretung und Vernichtung. Der Ursprung der Gewalt im Denken des Marquis de Sade. Regensburg: Verlag Friedrich Pustet. 2002, S. 19

[4] Dühren, Dr. Eugen: Der Marquis de Sade und seine Zeit. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts, S. 401

[5] Stobbe, Heinz-Günther: Vom Geist der Übertretung und Vernichtung. Der Ursprung der Gewalt im Denken des Marquis de Sade, S. 49

[6] Barthes, Roland: Der Baum des Verbrechens. in: Klossowski, Pierre (Hrsg.), Das Denken des Marquis de Sade. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag. 1988, S. 45

[7] de Sade, Donatien Alphonse François: Die 120 Tage von Sodom. Köln: Anaconda Verlag. 2006, S. 23

[8] Barthes, Roland: Der Baum des Verbrechens. in: Das Denken des Marquis de Sade, S. 45

[9] A. a. O., S. 46

[10] Klossowski, Pierre: Der ruchlose Philosoph. in: Das Denken des Marquis de Sade, S. 24

[11] A. a. O., S. 30

[12] de Sade, Donatien Alphonse François: Die 120 Tage von Sodom, S. 14

[13] Ebd.

[14] Jean, Raymond: Ein Portrait des Marquis de Sade. München: Bastei Lübbe. 1990, S. 313

[15] Ebd.

[16] Damisch, Hubert: Die maßlose Schreibweise. in: Das Denken des Marquis de Sade, S. 89

[17] A. a. O., S. 87

[18] Klossowski, Pierre: Der ruchlose Philosoph. in: Das Denken des Marquis de Sade, S. 32

[19] de Sade, Donatien Alphonse François: Die 120 Tage von Sodom, S. 39

[20] A. a. O., S. 76

[21] Ebd.

[22] Seifert, Hans-Ulrich: Sade: Leser und Autor. Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang. 1983, S. 61 f.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Menschenbild des Marquis de Sade. Eine Untersuchung auf Grundlage des Romans "Die 120 Tage von Sodom"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Philosophische Anthropologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V445038
ISBN (eBook)
9783668818125
ISBN (Buch)
9783668818132
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anthropologie, Marquis de Sade, Die 120 Tage von Sodom, Menschenbild
Arbeit zitieren
Alexander Kiensch (Autor), 2010, Das Menschenbild des Marquis de Sade. Eine Untersuchung auf Grundlage des Romans "Die 120 Tage von Sodom", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445038

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