Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule. Wie bringen wir mehr Bewegung in den Alltag von Kindern und Jugendlichen?


Fachbuch, 2019

59 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ganztagsschule- Definition, historische Entwicklung und Begründungen
2.1 Definition
2.2 Historische Betrachtung der Ganztagsschule in Deutschland
2.3 Begründungen der Ganztagsschule
2.4 Kritische Betrachtung

3 Der Stellenwert von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule
3.1 Die veränderte Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen in Bezug auf Bewegung
3.2 Begründungen für Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule

4 Bewegung, Spiel und Sport in der ganztägigen Bildung
4.1 Bewegungsorientierte Ganztagskonzeptionen
4.2 Kooperation zwischen Ganztagsschule und Sportverein

5 Bewegte Schule
5.1 Rahmenmerkmale
5.2 Inhaltliche Merkmale

6 Empirische Untersuchungen über Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote im Ganztag
6.1 Umfang und Häufigkeit von Bewegungsangeboten an Ganztagsschulen
6.2 Kooperationen zwischen Ganztagsschulen und Sportvereinen

7 Zusammenfassung

8 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anteil der Schulen mit Ganztagsschulbetrieb an allen Schulen sowie die Veränderung zum Vorjahr in Prozent 2011 bis 2015

Abbildung 2: Additive und integrative Formen der Kooperation von Ganztagsschule und Sportverein in Bezug zu den Organisationsmodellen von Ganztagsschulen

Abbildung 3: Kategorisierung der Strukturmerkmale einer Bewegten Schule

Abbildung 4: Anschlussmöglichkeiten von Bewegungshausaufgaben

Abbildung 5: Wie viele Ganztagsschulen kooperieren mit Akteuren aus dem Bereich Sport?

1 Einleitung

Unsere Gesellschaft ist so sportlich wie nie zuvor. Nicht zuletzt verantwortlich dafür sind die Medien, die heutzutage eine wichtige Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Überall wird man mit durchtrainierten, dynamischen und top-gestylten Werbefiguren konfrontiert, die einem suggerieren, dass ein fittes und gesundes Aussehen der Schlüssel zum Erfolg ist. Mit einem fitten Körper werden positive Eigenschaften assoziiert. Komplementär ist das konstant wachsende Gesundheitsbewusstsein der Gesellschaft, unterstützt durch zahlreiche Studien, die die Wichtigkeit des Sporttreibens auf die Gesundheit und das Wohlbefinden belegen. Den sogenannten Zivilisationskrankheiten, wie Adipositas, Herz- Kreislaufbeschwerden oder Diabetes Typ 2, die in unserer Gesellschaft inflationär anzutreffen sind, kann mit Sport vorgebeugt werden.

Doch an den Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft scheinen die Feststellungen und Empfehlungen vorüberzugehen. Ihnen fehlt noch das nötige Gesundheitsbewusstsein, das im Erwachsenenalter ausgeprägter wird. Sie verbringen ihre Freizeit lieber zu Hause vor dem Computer, dem Fernseher oder der Playstation. Diese bewegungsarme Freizeitgestaltung hat nicht nur dramatische Folgen auf die körperliche, sondern ebenfalls auf die geistige sowie die emotionale und soziale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen (Zimmer, 2004).

Dass dieser Entwicklung entgegengewirkt werden muss, kann kaum mehr geleugnet werden. Dabei ist es von großer Relevanz, dass dies bereits in jungen Jahren vollzogen wird. Gerade die Ganztagsschule, die sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit erfreut und eine Instanz darstellt, in der die Kinder und Jugendlichen die meiste außerfamiliäre Zeit verbringen, muss in diesem Zusammenhang Verantwortung dafür übernehmen, dass die Schülerinnen und Schüler1 in Deutschland wiederkehrend mehr Bewegungsmöglichkeiten erhalten. Durch die Verlängerung des Schultages, die mit der Umstellung von einer Halbtagsschule auf eine Ganztagsschule einhergeht, bietet die Ganztagsschule eine hervorragende Möglichkeit, über den regulären Sportunterricht hinaus mehr Bewegung in den Alltag der Kinder zu implementieren.

Aus diesem Grund soll in dieser wissenschaftlichen Arbeit der Frage nachgegangen werden, ob und inwieweit die Ganztagsschulen in Deutschland dieser Verantwortung nachkommen und den Bereich Bewegung, Spiel und Sport in ihr Schulleben integrieren. Zu diesem Zweck soll eruiert werden, welche Ansätze existieren und wie diese charakterisiert sind.

Das erste Kapitel der vorliegenden Arbeit widmet sich der Definition einer Ganztagschule sowie ihrer historischen Betrachtung. Darüber hinaus werden im ersten Kapitel die Begründungen für die Ganztagsschule dargestellt und nachfolgend kritisch betrachtet.

Im Fokus des zweiten Kapitels steht der Stellenwert des Bereiches Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule. Dabei wird zusätzlich auf die veränderte Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen Bezug genommen und die Begründungen für den Bereich Bewegung, Spiel und Sport aufgeführt.

In der Folge werden im dritten Kapitel die aktuellen Entwicklungslinien im Bereich Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule demonstriert. Die Betrachtung der Kooperation zwischen der Ganztagsschule und dem Sportverein runden dieses Kapitel ab. Im Anschluss daran wird im vierten Kapitel das Konzept der Bewegten Schule exemplarisch vorgestellt.

Auf der Grundlage von verschiedenen empirischen Untersuchungen wird im fünften und letzten Kapitel der aktuelle Forschungsstand zu dem Bereich Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule dargestellt.

Eine Zusammenfassung und ein kurzer Ausblick bilden den Abschluss dieser Arbeit.

2 Ganztagsschule- Definition, historische Entwicklung und Begründungen

Das nachfolgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Terminus „Ganztagsschule“ und dient der Einführung in die Thematik. Dabei soll zunächst mit Hilfe der Kultusministerkonferenz (2014) und dem Ganztagsschulverband e.V. der Frage nachgegangen werden, was eine Ganztagsschule definiert. Im Anschluss daran wird im zweiten Teil des Kapitels die historische Entwicklung der modernen Ganztagsschule in Deutschland betrachtet. Die Darstellung der Begründungen für die Ganztagsschule und die kritische Betrachtung dieser runden dieses Kapitel ab.

2.1 Definition

Um der Frage nachgehen zu können, was eine Ganztagsschule definiert, muss eine Abgrenzung zur herkömmlichen Halbtagsschule durchgeführt werden. Ein grundsätzliches Merkmal der Ganztagsschule ist, dass der Unterricht an dieser über den Vormittag hinausgeht (Rahm, Rabenstein Nerowski, 2015). Jedoch ist die Reduktion auf dieses grundsätzliche Merkmal zu unpräzise, da infolgedessen jedes Gymnasium, auf Grund der Tatsache, dass an den meisten Gymnasien der Unterricht auch am Nachmittag stattfindet und somit über den Vormittag hinausgeht, eine Ganztagsschule wäre (Rahm et al., 2015).

Folglich ist dieses Merkmal zur Definition einer Ganztagsschule nicht ausreichend. Deswegen sollen im Folgenden zwei unterschiedliche Definitionen des Begriffs „Ganztagsschule“ vorgestellt werden, um das Verständnis dessen näher bestimmen zu können.

Die Kultusministerkonferenz (KMK), die ein „Gremium zur Koordinierung der bildungspolitischen Vorhaben der einzelnen Bundesländer“ (Rahm et al., 2015, S.15) ist, definiert den Begriff „Ganztagsschule“ wie folgt:

„Unter Ganztagsschulen werden Schulen verstanden, bei denen im Primar- oder Sekundarbereich I:

- an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot für die Schülerinnen und Schüler bereitgestellt wird, das täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst;
- an allen Tagen des Ganztagsschulbetriebs den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern ein Mittagessen bereitgestellt wird;
- die Ganztagesangebote unter der Aufsicht und Verantwortung der Schulleitung durchgeführt werden sowie in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht stehen.“ (Rahm et al., 2015, S.15 zit. n. KMK 2014, S.9)

Somit postuliert die Kultusministerkonferenz, dass an einer Ganztagsschule mindestens an drei Tagen in der Woche ein Angebot für die SuS bereitgestellt werden muss, das mindestens sieben Zeitstunden umfasst. Dabei ist es irrelevant, wie viele SuS an diesem Angebot teilnehmen und in welchem Umfang sie dies tun (Rahm et al., 2015). Des Weiteren geht aus der Definition hervor, dass den SuS an den Tagen, an denen das Ganztagsprogramm stattfindet, von Seiten der Schule ein Mittagessen bereitgestellt werden muss. Zusätzlich fordert die Kultusministerkonferenz, dass die Schulleitungen die Verantwortung für die Angebote der Ganztagsschule tragen und diese Angebote in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem schulischen Unterricht stehen sollen. Demnach kann eine Schule, „die am Nachmittag nur Spiele zum Zeitvertreib anbietet“ (Rahm et al., 2015, S.16) nicht als Ganztagsschule angesehen werden.

Die zweite Definition zu dem Begriff „Ganztagsschule“, die in dieser wissenschaftlichen Arbeit aufgezeigt werden soll, ist auf den Ganztagsschulverband GGT e.V. zurückzuführen. Dieser ist eine „Initiative zur Förderung des Ausbaus qualitativ hochwertiger Ganztagsschulen“ (Rahm et al., 2015, S.19).

„Eine Ganztagsschule gewährleistet nach der Definition des Ganztagsschulverbandes GGT e.V., dass

- allen Schülerinnen und Schülern ein durchgehend strukturiertes Angebot in der Schule an mindestens vier Wochentagen und mindestens sieben Zeitstunden angeboten wird,
- Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler am Vormittag und am Nachmittag in einem konzeptionellen Zusammenhang stehen,
- erweiterte Lernangebote, individuelle Fördermaßnahmen und Hausaufgaben/Schulaufgaben in die Konzeption eingebunden sind,
- die gemeinsame und individuelle Freizeitgestaltung der Schülerinnen und Schüler als pädagogische Aufgabe im Konzept erhalten ist,
- ihre Angebote altersgerechte Interessen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen fördernd aufgreifen
- alternative Unterrichtsformen wie z.B. Projektarbeit ermöglicht werden,
- das soziale Lernen begünstigt wird,
- die Schule den Schülerinnen und Schülern an allen Schultagen ein warmes Mittagessen anbietet,
- eine ausreichende Ausstattung mit zusätzlichem pädagogischen Personal, mit einem erweiterten Raumangebot und mit zusätzlichen Lehr- und Lernmitteln vorhanden ist,
- die Organisation aller Angebote unter der Aufsicht und Verantwortung der Schule steht.“ (Rother, 2003, S.4)

Vergleicht man die Definition des Ganztagsschulverbandes mit der Definition der Kultusministerkonferenz, so lässt sich konstatieren, dass sie durchaus einige Gemeinsamkeiten, jedoch ebenfalls einige Unterschiede aufweisen.

Hervorzuheben ist, dass in der Definition des Ganztagsschulverbandes, im Vergleich zur Definition der Kultusministerkonferenz, dezidiert auf die inhaltliche Gestaltung des Ganztags Bezug genommen wird. Komplementär fordert der Ganztagsschulverband, im Gegensatz zur Kultusministerkonferenz, das siebenstündige Angebot nicht nur an drei, sondern an vier Tagen in der Woche. Ein weiteres Anliegen des Ganztagsschulverbandes ist, dass das Mittagessen an jedem Tag in der Woche bereitgestellt wird und nicht nur an den Tagen, an denen das Nachmittagsprogramm stattfindet.

Infolge der Betrachtung und des Vergleichs der beiden Definitionen kann gesagt werden, dass die Kriterien des Ganztagsschulverbandes die der Kultusministerkonferenz miteinschließen und zusätzlich in einigen Punkten komplementieren.

Im Folgenden werden die unterschiedlichen Formen der Ganztagsschule erläutert.

2.1.1 Die offene Form der Ganztagsschule

Bei dem Modell der offenen Ganztagsschule ist es den SuS freigestellt, ob sie an den ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangeboten der Ganztagsschule teilnehmen wollen. Dabei haben sie die Möglichkeit, diese Angebote an mindestens drei Wochentagen wahrzunehmen (Reckzeh, 2015). Haben sich die SuS allerdings am Anfang des Halbjahres dazu entschieden, an den Ganztagsangeboten teilzunehmen, ist diese Anmeldung obligatorisch (Reckzeh, 2015).

In der offenen Form finden die Angebote im Anschluss an den Schulunterricht statt und setzen sich meistens aus einem gemeinsamen Mittagessen, einer zuverlässigen Hausaufgabenbetreuung sowie einem abwechslungsreichen Freizeitangebot zusammen. In der Regel ist für die Durchführung der Angebote außerschulisches Personal, wie z.B. Erzieher, Sozialpädagogen oder auch Vereinstrainer, zuständig (Kielbock Stecher, 2014).

2.1.2 Die voll gebundene Ganztagsschule

Die voll gebundene Form der Ganztagsschule zeichnet sich strukturell dadurch aus, dass sie für alle SuS der jeweiligen Schule verbindlich ist. Der Unterricht findet an mindestens drei Wochentagen von 08.00 bis ca. 16.15 Uhr statt (Laging, 2014). Im Modell der gebundenen Form der Ganztagsschule ist der Schultag rhythmisiert. Das impliziert, dass alternativ zu den Übungs- und Lernzeiten durchgängig sportliche, musische sowie künstlerische Angebote offeriert werden. Darüber hinaus finden regelmäßige Pausen statt, in denen die SuS sich zurückziehen und erholen können (Kielblock Stecher, 2014).

In der voll gebundenen Ganztagsschule wird der Großteil der supplementären Betreuung von den Lehrkräften der jeweiligen Schule übernommen. Jedoch besteht für die Schulen darüber hinaus die Möglichkeit, externes pädagogisches Personal zu beschäftigen (Reckzeh, 2015).

2.1.3 Die teilweise gebundene Form

Das dritte und letzte Modell der Ganztagsschule ist die teilweise gebundene Form. Bei dieser Form ist lediglich ein Teil der SuS (z.B. einzelne Klassen oder Klassenstufen) dazu verpflichtet, die Ganztagsangebote an mindestens drei Wochentagen wahrzunehmen. Grundsätzlich arbeitet sie wie eine voll gebundene Ganztagsschule, mit dem einzigen Unterschied, dass die Ganztagsangebote nicht für alle SuS verbindlich sind. Somit ist diese Form der Ganztagsschule zwischen der offenen und der voll gebundenen Form der Ganztagsschule einzuordnen (Laging, 2014).

2.2 Historische Betrachtung der Ganztagsschule in Deutschland

In Deutschland ist die Schule als ganztägige Institution bereits seit dem 19. Jahrhundert ein gängiges Modell. Der Unterricht in der damaligen Zeit war zweigeteilt. Demnach fand zwischen 08:00 und 12:00 Uhr der Vormittags- und von 14:00 bis 16:00 Uhr der Nachmittagsunterricht statt. Zwischen diesen beiden Unterrichtsphasen gab es eine zweistündige Mittagspause, die von den SuS sowie den Lehrkräften dazu genutzt wurde, zu Hause das Mittagessen mit der Familie einzunehmen und den Nachmittagsunterricht vorzubereiten. Doch nach Beendigung des Nachmittagsunterrichts war der Schultag für die SuS und Lehrer noch lange nicht beendet. So mussten die SuS ihre Hausaufgaben erledigen, während die Lehrkräfte damit beschäftigt waren, den gehaltenen Unterricht nachzubereiten sowie den Unterricht für den nächsten Tag vorzubereiten. Diese Art der Durchführung des Schulalltags reicht weit bis in das 17. Jahrhundert zurück und war der damaligen Zeiteinteilung der Arbeitswelt angepasst. Verantwortlich hierfür war der Pädagoge Johann Comenius (1590-1670) (Ludwig, 2005).

Das Hauptanliegen der damaligen Schulen war die Konzentration auf den Unterricht. Im Volksschulbereich wurde jene Organisationsform der Schule noch weit bis in das 20. Jahrhundert hinein praktiziert. Ende des 19. Jahrhunderts jedoch setzte sich in Deutschland, zunächst nur im höheren Schulwesen, später dann ebenfalls im Volksschulbereich, das Modell des Vormittagsunterrichts durch. Gründe für die Umstellung der Schulen auf den Vormittagsunterricht waren zum einen die damals noch verbreitete Kinderarbeit und zum anderen die weiten Schulwege, die einige SuS bei der alten Zeiteinteilung viermal am Tag zurücklegen mussten. Für viele SuS, die ihre Eltern zu Hause zusätzlich bei der Arbeit unterstützen mussten, führte das herkömmliche Schulmodell zu einer Überbelastung (Ludwig, 2005).

Mithin entstand ein Halbtagsschulsystem, das nicht nur Auswirkungen auf die Bildungschancen der SuS, sondern auch auf die Familien hatte. Der Tatsache geschuldet, dass es unmöglich war, den ganzen Schulstoff am Vormittag zu realisieren, mussten die SuS den fehlenden Stoff zu Hause nacharbeiten. Nunmehr wurde vorausgesetzt, dass die SuS zu Hause umfänglich betreut werden, mit der Folge, dass viele Mütter zu Hause blieben und ihrer beruflichen Tätigkeit nicht mehr nachgehen konnten. Von diesem Zeitpunkt an waren die Väter die alleinigen Geldverdiener in der Familie. Doch viele Familien, gerade in der DDR, waren weiterhin darauf angewiesen, dass beide Eltern erwerbstätig sind (Portmann, 2004).

Während sich den Frauen in der Bundesrepublik um 1950 herum die Möglichkeit bot, zu Hause zu bleiben und sich um die Betreuung der eigenen Kinder zu sorgen, mussten die Frauen in der DDR weiterhin arbeiten gehen, da sie als Arbeitskräfte unerlässlich waren. Aus diesem Grund wurde für die Kinder und Jugendlichen in der DDR eine ganztägige Betreuung organisiert. Diese Betreuung wurde in der Regel durch außerschulische Einrichtungen wie Horte oder FDJ-Organisationen gewährleistet (Stözel Wagener, 2014). Unterdessen wurden in der DDR in den 1950er und 1960er Jahren Tagesheimschulen eingerichtet, „die sich an der Internatserziehung der UdSRR orientierten“ (Stötzel Wagener, 2014, S.50). Dazu wurden im Ministerium Pläne geschmiedet, die Tagesheimschulen als herkömmliche Schulform einzuführen. Allerdings scheiterte die Umsetzung aus Kostengründen (Stötzel Wagener, 2014).

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in der BRD kaum Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder und Säuglinge. Dies hatte zur Folge, dass immer weniger Frauen einer Erwerbstätigkeit nachgehen konnten. Um dem entgegenzuwirken, konzentrierte sich die Bund-Land-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) darauf, die Bildungschancen der Kinder zu verbessern und diese individueller fördern zu können. Für die bestmögliche Umsetzung dieses Vorhabens, intendierte die BLK 1973, dass bis 1985 30% aller SuS in der Primar- und Sekundarstufe I Ganztagsschüler sein sollten. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch trotz aller Bemühungen. (Stötzel Wagener, 2014) „Die Anzahl der Ganztagsschüler/innen betrug 1985 im Westen nur etwa 4%.“ (Stötzel Wagener, 2014, S.51)

Die bundesweite Betreuungssituation von Kleinkindern und Grundschulkinder besserte sich erst in den 1990er Jahren durch die Erschaffung von „Krippen, Kindertagesstätten, Horte und auch einzelne Ganztagesschulen“ (Stötzel Wagener, 2014, S.51f). Nichtsdestoweniger konnte der Bildungsbedarf trotz dieser Verbesserung nicht gewährleistet werden (Stötzel Wagener, 2014).

15 Jahre später, nachdem im Jahr 2000 die PISA-Studie zum ersten Mal durchgeführt wurde und die 15-jährigen deutschen SuS nur mittelmäßig abschnitten, wurde in Deutschland der Debatte um die Ganztagsschule ein neuer hoher Stellenwert beigemessen. Die Kultusministerkonferenz setzte sich zum Ziel, dass die deutschen SuS bis zum Jahr 2013 den Anschluss an die Spitzengruppen der PISA-Studie erreicht haben sollen. Es wurde gemutmaßt, was durch die internationalen Entwicklungen bekräftigt wurde, dass die schulischen Leistungen von einer ganztägigen Versorgung der SuS profitieren. Dies hatte zur Folge, dass der Ausbau von Ganztagsschulen startete, in der Hoffnung nicht nur die fachlichen Kompetenzen der SuS fördern zu können, sondern auch der sozialen Auslese entgegenzuwirken (Stötzel Wagener, 2014). Seitdem schritt die Entwicklung zu mehr Ganztagsschulen in Deutschland unaufhörlich voran.

„Nach statistischen Angaben der Kultusministerkonferenz (KMK) gab es im Schuljahr 2008/2009 bundesweit mehr als 11.800 „schulische Verwaltungseinheiten mit Ganztagsbetrieb“. Gegenüber 2002 bedeutet dies einen Zuwachs von um 175% in einem Zeitraum von nur sechs Schuljahren. Damit haben bereits 42% aller schulischen Verwaltungseinheiten in irgendeiner Form ganztägige Angebote vorzuweisen.“ (Laging, 2014, S. 17)

Aktuelle Statistiken zur Ganztagsschulentwicklung in Deutschland bestätigen den stetigen Zuwachs von Schulen mit Ganztagsschulbetrieb.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung{ SEQ Abbildung \* ARABIC }:Anteil der Schulen mit Ganztagsschulbetrieb an allen Schulen sowie die Veränderung zum Vorjahr in Prozent 2011 bis 2015

(Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, 2018, S.10)

2.3 Begründungen der Ganztagsschule

„Kindgemäße Entwicklung, kindgemäßes Erkennen und Lernen brauchen mehr Zeit, als an Halbtagsschulen üblicherweise zur Verfügung steht, denn Schule ist mehr als Unterricht.“ (Stötzel Wagener, 2014, S.55, zit. n. Stefan Appel)

Mit diesen Worten fasste Stefan Appel, der langjährige Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, im Jahr 2006 die Aussagen zur Begründung von Ganztagsschulen zusammen. Mit dem Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland erhoffen sich der Bund und die Länder, das deutsche Bildungssystem positiv beeinflussen zu können. Die Ziele, die der Bund und die Länder dabei verfolgen, sind unter anderem eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit, eine verbesserte individuelle Förderung von SuS sowie mehr Chancengleichheit im Bildungssystem (Stötzel Wagener, 2014).

Im Folgenden sollen diese genannten Ziele näher bestimmt werden.

2.3.1 Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit

In der heutigen Gesellschaft streben immer mehr Menschen nach einer beruflichen Karriere. Dabei fällt es Eltern zunehmend schwerer, die eigene Arbeit und die Betreuung ihrer Kinder aufeinander abzustimmen. Ein ganztägiges Schulangebot und die damit einhergehende zusätzliche Betreuung der SuS kann und soll die Eltern bei der Lösung dieses Problems unterstützen (Reichmann, 2005). Der Bund und die Länder intendieren mit dieser Unterstützung eine verbesserte finanzielle Lage der Familien sowie eine Steigerung der Geburtenrate (Rahm, Rabenstein Nerowski, 2015). Demnach zeigen Untersuchungen, dass die Geburtenrate in Deutschland im Jahr 2010 einen absoluten Tiefstwert erreicht hat. Ein wesentlicher Grund hierfür wird darin gesehen, dass immer mehr Menschen an ihrem Lebensstandard festhalten wollen, was jedoch häufig nur möglich ist, wenn beide Partner erwerbstätig sind. Folglich befürchten viele Paare, dass sie auf Grund ihrer notwendigen Erwerbstätigkeit keine Zeit für die Betreuung des eigenen Nachwuchses haben und verzichten daher auf eine Familiengründung. Diese Annahme kann durch empirische Befunde bestätigt werden (Stözel Wagener, 2014). Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Thema in diesem Zusammenhang ist die Angst vor der Armut. Um nicht mit dieser konfrontiert zu werden, sind heutzutage immer mehr Familien in Deutschland von der Erwerbstätigkeit beider Elternteile abhängig (Stötzel Wagener, 2014).

Zudem ließ sich durch wissenschaftliche Untersuchungen eruieren, dass insbesondere alleinerziehende Mütter mit jungen oder mehreren Kindern große Schwierigkeiten haben, einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können. Somit sind besonders Alleinerziehende auf eine zuverlässig Betreuung ihrer Kinder angewiesen (Rahm, Rabenstein Nerowski, 2015).

Durch den Ausbau der Ganztagsschulen und ihren Betreuungsmöglichkeiten erhoffen sich der Bund und die Länder, die erwerbstätigen Eltern entlasten zu können und den Anstoß für eine Steigerung der Frauenerwerbsquote zu geben (Stötzel Wagener, 2014).

Studien, wie z.B. die Studie zur wissenschaftlichen Begleitung offener Ganztagsschulen im Primarbereich in Nordrhein-Westfalen, belegen, „dass Familien und insbesondere die Mütter eine Entlastung durch die Ganztagsschule wahrnehmen“ (Stötzel Wagener, 2014, S.57). Einer weiteren Studie (BiGa NRW) kann entnommen werden, dass ca. 80% der Mütter aus NRW aussagen, dass sie auf Grund der Tatsache, dass ihr Kind eine Ganztagsschule besucht, einer Erwerbstätigkeit nachgehen können (Stötzel Wagener, 2014).

2.3.2 Individuelle Förderung von Schüler/innen

Ein weiteres Ziel, das mit dem Ausbau der Ganztagsschulen verfolgt wird, ist die Verbesserung der schulischen Leistung von SuS. Die im Jahr 2000 durchgeführte PISA-Studie lässt, auch wenn dies nicht durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt wurde, darauf rückschließen, dass sich die Schulleistungen in einer ganztägigen Schulform verbessern,

„denn die Länder mit den besten Ergebnissen im internationalen Leistungsvergleich und den höchsten Abiturquoten haben überwiegend Ganztagsschulsysteme“ (Portmann, 2004, S.25).

Hierbei wird die im Rahmen der Ganztagsschule zunehmende Präsenszeit der SuS in der Schule als Chance gesehen, Möglichkeiten für eine intensivere, individuelle Förderung zu kreieren. Gelingen soll dies mit Hilfe zusätzlicher Differenzierung sowie der Realisierung verschiedener pädagogischer Konzepte. So kann die Ganztagsschule ihren SuS Gelegenheiten bieten, individuell lernen zu können. Die Einführung sogenannter Lernzeiten kann dazu dienen, dass SuS in dieser Zeit Aufgaben bearbeiten, die individuell auf sie zugeschnitten sind. Diese Lernzeiten haben den Anspruch, die herkömmlichen Hausaufgabenkonzepte zu erweitern, mit dem Ziel, Freiräume und Möglichkeiten für individuelles und selbstgesteuertes Lernen zu offerieren (Stötzel Wagener, 2014).

Zusätzlich werden den SuS in Ganztagsschulen in der Regel Förderungsmöglichkeiten in verschiedenen Bereichen bereitgestellt. Dabei ist es den SuS größtenteils selbst überlassen, Angebote aus den unterschiedlichen Bereichen zu wählen und insofern ihren individuellen Neigungen nachzugehen. Die Angebote finden meist in Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern statt, „die neben der Chance zur Erschließung neuer Lerninhalte, auch die Erkundung neuer Lernorte bieten“ (Stötzel Wagener, 2014, S.59). Demnach bieten sich für die SuS einer Ganztagsschule Lerngelegenheiten, mit denen sie in einer herkömmlichen Halbtagsschule nicht in Berührung kommen würden (Stötzel Wagener, 2014).

Portmann (2004, S.27) vertritt in ihrer Publikation „Modell Ganztagsschule“ folgende Einschätzung:

„Der Unterricht könnte stärker auf die Bedürfnisse und die Lernwege der Schülerinnen und Schüler zugeschnitten werden, die individuellen Stärken könnten erkannt und durch zusätzliche „passgenaue“ Angebote weiterentwickelt werden, sowohl im Unterricht, als auch durch Zusatzangebote im Wahlbereich.“

2.3.3 Mehr Chancengleichheit im Bildungssystem

„Auch die Stärkung der Chancengleichheit im Bildungssystem wird mit dem Ausbau von Ganztagsschulen in Verbindung gebracht.“ (Stötzel Wagener, 2014, S.62)

Die unterschiedlichen Leistungsvergleichsstudien zeigen auf, dass in Deutschland trotz vieler Schulreformbemühungen in den letzten Jahren immer noch ein enger Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Bildungschancen besteht (Steiner, 2009).

Dabei gilt es, drei risikoreiche Umstände in Familien hervorzuheben, die einen negativen Einfluss auf die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen haben können. Zu diesen drei risikoreichen Umständen zählen eine Erwerbslosigkeit der Eltern, ein zu geringes Familieneinkommen sowie ein geringes Ausbildungsniveau der Eltern (Stötzel Wagener, 2014).

Untersuchungen aus dem Jahr 2008 ergaben, dass fast ein Drittel aller unter 18-jährigen in Deutschland mindestens von einem dieser drei Umstände betroffen war. Um dieser immer noch vorherrschenden Bildungsungleichheit entgegenzuwirken, begann die Bundesregierung mit dem Ausbau der Ganztagsschulen. Das Ziel war es, mit Einbeziehung außerschulischer Partner, wie z.B. der Jugendhilfe, die Kompetenzen der SuS zu stärken, die betroffenen Eltern zu unterstützen und die Bildungsungleichheiten zu kompensieren (Stötzel Wagener, 2014).

Das herkömmliche Halbtagsschulsystem setzt voraus, dass die Eltern ihren Kindern bei den anstehenden Hausaufgaben und den Vorbereitungen auf den nächsten Schultag unterstützen. Für Kinder, die aus sozial schwächeren Verhältnissen stammen und auf diese Unterstützung nicht zurückgreifen können, entstehen dementsprechend Nachteile. In diesen Fällen kann die Ganztagsschule unterstützend wirken, denn sie bietet SuS die Möglichkeit, die Hausaufgaben und die Vorbereitungen auf den nächsten Schultag bereits in der Schule mit Unterstützung von ausgebildeten Lehrkräften durchzuführen (Portmann, 2004).

Im Folgenden sollen noch zwei weitere Punkte Erwähnung finden, die auf die Autorin Rosemarie Portmann (2004) zurückzuführen sind.

Portmann (2004) geht davon aus, dass eine ganztägige Betreuung der SuS überdies die Möglichkeit bietet, die soziale Integration zu fördern. Durch die zusätzliche gemeinsam verbrachte Zeit in der Schule und die Durchführung der verschiedenen Wahlangebote begegnen sich die SuS auf eine andere Art und Weise, lernen die Unterschiede der anderen kennen und können ein friedliches Zusammenleben einüben.

Weiterhin stellt die Ganztagsschule eine tolle Alternative für viele Kinder dar, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Dass dies ein wichtiger Aspekt ist, verdeutlichen die folgenden Worte.

„Zum Teil würde Freizeit zu Hause „abgesessen“, „action“ nicht in der Realität, sondern am Fernsehapparat oder am Computer erlebt. Zum Teil würden Kinder und Jugendliche auf der Straße herumhängen. In der Langeweile liegt ein Hauptmotiv für entgleitendes und fehlverlaufendes Verhalten bis hin zur Kriminalität.“ (Portmann, 2004, S.29)

Gerade eine sinnstiftende Kooperation zwischen der Schule und außerschulischen Einrichtungen, wie z.B. Vereinen, kann hierbei als eine hervorragende Alternative dienen (Portmann, 2004).

Abschließend lässt sich jedoch festhalten, dass die Ganztagsschulen wohl kaum alle an sie gestellten Erwartungen erfüllen können. Der Autor Rauschenbach gelangt zu folgendem Schluss:

„So sollen sie Familien entlasten, Müttern den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern und vor allem jedes einzelne Kind besser und gezielter fördern. Dafür fehlen ihnen allerdings meistens die notwendigen personalen und finanziellen Mittel. Daher ist die Gefahr groß, dieses Projekt konzeptionell und strukturell zu überfordern- zumal sich am Horizont kein fachlich-politischer Konsens abzeichnet, was eine gute Ganztagsschule wirklich kennzeichnet.“ (Stötzel Wagener, 2014, S.64 zit. n. Rauschenbach)

2.4 Kritische Betrachtung

Trotz der vielen positiven Aspekte, die der Ausbau der Ganztagsschulen mit sich bringen soll, stehen einige der Entwicklung der Ganztagsschule kritisch gegenüber. Während es als Ziel definiert wurde, mit Hilfe des Ausbaus der Ganztagsschulen die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit zu fördern, argumentieren Kritiker, dass im Rahmen der Ganztagsschule die Kinder den Familien entzogen werden und die Eltern möglicherweise die Kontrolle über das eigene Kind verlieren (Portmann, 2004). Einige Eltern äußerten in diesem Zusammenhang die Befürchtung, dass sie durch die Verlängerung der Schulzeit weniger bis gar keine Zeit mehr dafür hätten, einen Einblick in die schulische Entwicklung ihrer Kinder zu erhalten. Zugleich sind einige Eltern besorgt, dass der generelle Einfluss auf die eigenen Kinder abnehmen könnte und den Kindern in der Schule Werte vermittelt werden, mit denen sie nicht übereinstimmen (Portmann, 2004).

[...]


1 Im Folgenden der Einfachheit halber SuS genannt

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule. Wie bringen wir mehr Bewegung in den Alltag von Kindern und Jugendlichen?
Autor
Jahr
2019
Seiten
59
Katalognummer
V445089
ISBN (eBook)
9783960954682
ISBN (Buch)
9783960954699
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ganztagsschule, Spiel und Sport, Kinder und Jugendliche, Gesundheit, Bewegungsvermittlung
Arbeit zitieren
Marco Schmidt (Autor), 2019, Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule. Wie bringen wir mehr Bewegung in den Alltag von Kindern und Jugendlichen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445089

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