In der vorliegenden Arbeit verbinde ich das gewonnene empirische Material über die BDSM-Szene mit dem theoretischen Modell von Erving Goffman zum Rollenverhalten in Interaktionen. Mein Ziel dabei ist, BDSM als soziales Phänomen zu definieren und aufzuzeigen, welche stereotypen Rollentypen die Interaktion im BDSM-Kontext be-stimmen sowie welche sozialen, räumlichen und zeitlichen Grenzen den Rahmen für die Interaktion setzen.
Wie sind Interaktionen während der Fetisch-Party aufgebaut? Welche Rollen gibt es, welchen Regeln unterliegen diese und welche Funktion erfüllen sie? Dies ist hier besonders an dem Punkt interessant, an dem die SM-Szene deutlich von der Mainstream-Gesellschaft abweicht: Während in der Mainstream-Gesellschaft allgemeingültige Werte und Normen vor Gewalt und verletzendem Verhalten schützen, da diese tabuisiert sind, findet sich ein vergleichbares Reglement in der BDSM-Szene so nicht. Da die ‚normalen‘ Tabu-Grenzen aufgehoben sind, entsteht die Begrenzung und Regulierung von Gewalt anders: Hier ist es extrem wichtig, seine Rolle und die daran geknüpften Erwartungen zu kennen und ihnen zu entsprechen, um Gefahr für sich und andere zu vermeiden. So zeigt sich, dass auch – und gerade dort - in gesellschaftlich devianten Bereichen wie der BDSM-Szene rollenentsprechendes Verhalten die Grundlage einer funktionierenden Interaktion darstellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffliche und theoretische Grundlagen: Goffmans Rollen-Theorie
2.1. Der Untersuchungsgegenstand: Was ist BDSM überhaupt?
2.1.1. BDSM als Szene
2.1.2. Die Fetisch-Party
2.2. Bisheriger Stand der Forschung zur BDSM-Szene
3. Empirische Untersuchung der BDSM-Szene im Club „Grande Opera“
4. Betrachtung und Analyse von Interaktion auf Fetisch-Partys unter rollentheoretischen Gesichtspunkten
4.1. Das dichotome Ordnungssystem der BDSM-Szene: Top und Bottom
4.2. Weitere Rollen auf Partys der BDSM-Szene
4.3. Die Spiel-Interaktion unter rollentheoretischen Gesichtspunkten
4.4. Schutz des Selbst und des Anderen in der BDSM-Szene: BDSM Praktiken als Spiel
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht BDSM nicht als medizinische Störung, sondern als soziales Phänomen und interaktionsrelevantes Handlungsfeld. Ziel ist es, unter Anwendung des rollentheoretischen Modells von Erving Goffman aufzuzeigen, wie soziale Interaktionen innerhalb der Fetisch-Szene strukturiert sind, welche Rolle die räumliche Umgebung spielt und wie durch festgelegte Regelsysteme ein sicherer Rahmen für das einvernehmliche Ausleben von Macht und Gewalt geschaffen wird.
- Analyse von BDSM als soziale Interaktion
- Anwendung der Rollentheorie von Erving Goffman auf Fetisch-Partys
- Struktur und Funktion der Rollenverteilung zwischen Top und Bottom
- Bedeutung des SSC-Prinzips (safe, sane and consensual) als Schutzmechanismus
- Räumliche und soziale Abgrenzung des BDSM-Spiels vom Alltag
Auszug aus dem Buch
4.1. Das dichotome Ordnungssystem der BDSM-Szene: Top und Bottom
Zwei Rollentypen sind wesentlich und entscheidend für jede BDSM-Interaktion: Top und Bottom. Der Top hat während eines BDSM-Spiels die aktive, führende Rolle (Sodermanns 2016: 27). Häufig wird der Top auch als ‘Dom’ für dominant bezeichnet, Top ist jedoch der allgemeinere und umfassendere Begriff. Der Top kann sadistisch und/oder dominant sein. Der Bottom, auch ‘Sub’ für submissive, ist im Spiel der untergebene, eher passive Part (Sodermanns 2016: 27). Er kann masochistisch und/oder devot sein. Passiv meint hierbei nicht, dass der Bottom keine Handlungen ausführt oder ausführen kann, seine Handlungen werden aber durch den Top kontrolliert. Um diese Rollen adäquat auszufüllen, bedarf es viel Erfahrung und lange Lernprozesse (Plaschg/Röthlin/Schwarz 2008: 278). Die entsprechenden Wissensgebiete müssen erschlossen und Schlüsselkompetenzen angeeignet werden. Diese werden auf verschiedenen Wegen erlernt, durch Lektüre, Kurse/Workshops, das Zuschauen und auch das Selbst-praktizieren innerhalb der überwachten BDSM-Szene. So werden die erforderlichen technischen, psychologischen und emotionalen Kompetenzen erworben.
An die Rollen Top und Bottom werden gewisse Anforderungen gestellt. Beide Spielpartner müssen zu offener Kommunikation in der Lage sein: Vor dem Spiel müssen Interessen, Ängste und Grenzen geklärt werden (Newmahr 2001: 75). Der Bottom legt bereits vor dem Spiel den Rahmen der möglichen Handlungen fest; dazu ist es nötig, dass er seine eigenen Grenzen kennt und in Worte fassen kann (vgl. Newmahr 2001: 88). Auch muss er im Notfall in der Lage sein, die Interaktion zu stoppen, zum Beispiel wenn der Top eine Gefahrenquelle nicht rechtzeitig erkennt (Sodermanns 2016: 51-53). Der Top muss sich auf diese Abmachungen und Aushandlungen verlassen können, denn eine erneute Grenzziehung während des Spiels würde das illusionierte Machtgefälle stören und damit das gesamte Spiel in Gefahr bringen (Newmahr 2001: 75). Auch ein Wechseln der Rolle ist während der BDSM-Praktiken nicht mehr möglich (Plaschg/Röthlin/Schwarz 2008: 277). Mit Beginn des Spiels gibt der Bottom die gesamte Kontrolle und Befehlsgewalt an den Top ab. Ab hier kontrolliert der Top die Szene, was auch deren Ende einschließt (Newmahr 2001: 75). Der Top muss genau auf die Reaktionen und Signale seines Bottoms achten. Direkte Kommunikation wird zwar genutzt, kann aber durch die Art des Spiels auch zu Missverständnissen führen (Newmahr 2001: 77).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema BDSM ein und stellt die Forschungsfrage nach den sozialen Interaktionsmechanismen innerhalb der BDSM-Szene, wobei sie sich von medizinischen Stigmatisierungen distanziert.
2. Begriffliche und theoretische Grundlagen: Goffmans Rollen-Theorie: Das Kapitel erläutert Erving Goffmans dramaturgische Perspektive auf soziale Interaktion und überträgt diese auf die BDSM-Szene, inklusive der Definition von BDSM-Begriffen und Szenestrukturen.
3. Empirische Untersuchung der BDSM-Szene im Club „Grande Opera“: Die Autorin beschreibt ihre methodische Vorgehensweise bei der verdeckt teilnehmenden Beobachtung im Club „Grande Opera“ und reflektiert die Bedingungen ihrer Feldforschung.
4. Betrachtung und Analyse von Interaktion auf Fetisch-Partys unter rollentheoretischen Gesichtspunkten: Der Hauptteil analysiert die spezifischen Rollen (Top/Bottom, Zuschauer, Angestellte) und untersucht, wie durch Aushandlungsprozesse, räumliche Rahmung und Verhaltensregeln ein sicheres BDSM-Spiel ermöglicht wird.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst zusammen, dass BDSM ein soziales Phänomen mit eigenen Interaktionsstrukturen darstellt, und regt weitere Forschungsfelder sowie die gesellschaftliche Entstigmatisierung an.
Schlüsselwörter
BDSM, Sadomasochismus, Erving Goffman, Rollentheorie, Fetisch-Party, Soziologie, Interaktion, Top, Bottom, Machtgefälle, SSC-Prinzip, Grenzarbeit, Identitätskonstruktion, Subkultur, Ethnographie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht BDSM als soziales Phänomen und wie innerhalb der Fetisch-Szene soziale Interaktionen, Machtverhältnisse und Grenzziehungen organisiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der soziologischen Analyse von Rollenverhalten, der Bedeutung von Fetisch-Clubs als sozialer Raum und der Untersuchung von Schutzmechanismen bei der Ausübung von Macht und Gewalt.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, wie der Umgang mit Macht, Ungleichheit und Gewalt in der BDSM-Szene trotz der Abweichung von gesellschaftlichen Normen reibungslos und für die Teilnehmer sicher funktioniert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt die Methode der verdeckt teilnehmenden Beobachtung im Club „Grande Opera“ und verbindet die gewonnenen Daten mit dem theoretischen Modell von Erving Goffman.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Rollentypen „Top“ und „Bottom“, der Bedeutung des Publikums, den räumlichen Voraussetzungen im Fetisch-Club sowie dem „SSC“-Prinzip zur Regulierung von Gewalt im Spiel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind BDSM, Goffmans Rollentheorie, Interaktion, Machtgefälle, Fetisch-Party, SSC-Prinzip und Identitätskonstruktion.
Warum sind räumliche und zeitliche Grenzen im BDSM so wichtig?
Sie ermöglichen die Abgrenzung des „Spiels“ vom Alltag. Da das BDSM-Selbst außerhalb des spezifischen Kontextes oft nicht sichtbar ist, dienen definierte Räume als Schutz und zur authentischen Rollenausübung.
Was bedeutet der Begriff „Aftercare“ im Kontext der Arbeit?
Aftercare beschreibt die emotionale und körperliche Nachsorge nach einem Spiel, welche dazu dient, den Bottom aufzufangen und eine Rückführung aus der eingenommenen Rolle zu gewährleisten.
- Quote paper
- Eva Forger (Author), 2017, BDSM-Szene(n). Interaktionsgrenzen und Grenzverhandlungen auf Fetisch-Partys, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445096