Der Freiheitsdiskurs in Schillers "Der Spaziergang"


Hausarbeit, 2018
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Motiv der Freiheit in Der Spaziergang

3 Schillers Ideal der ״wahren Freiheit“ in Der Spaziergang
3.1 Wahre Freiheit durch sentimentalische Dichtung im Rahmen der ästhetischen Erziehung

4 Der Freiheitsbegriff der Aufklärungsphilosophie als Grundlage für Schillers ״Ästhetik der Freiheit“

5 Fazit

6 Ausblick

7 Fiteraturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Hausarbeit mit dem Thema ״Der Freiheitsdiskurs in Schillers Der Spaziergang“ beschäftigt sich mit dem Motiv der Freiheit und dessen poetischem Ausdruck in Schillers Gedicht Der Spaziergang (1800)[1]. Der Freiheitsbegriff, wie er in der Poetik realisiert wird, soll dabei in Beziehung gesetzt werden zu dem der Aufklärungsphilosophie, welche Schillers Verständnis von Freiheit entscheidend geprägt hat.[2]

In dieser Hausarbeit soll Der Spaziergang also im Kontext der Aufklärungsphilosophie auf der einen, sowie Schillers Verständnis des philosophischen Begriffs der Freiheit auf der anderen Seite betrachtet werden. Als Grundlage - vor allem für die Darlegung von Schillers Position - soll in dieser Arbeit die Analyse und Interpretation des Gedichts Der Spaziergang dienen, welche in Kapitel 2 erfolgt. Als einschlägige Literatur werden zu diesem Zweck vor allem die Betrachtungen von Brokoff[3] (2005: 269-271) verwendet sowie Interpretationen von Jeziorkowski[4] (1996: 157-178) und Stenzei[5] (1984: 67-77). Als weitere Quelle dienen die Beschreibungen der Motive ״Begrenzung-Freiheit“, ״Grenze“ und ״Wanderer (Wandern)“, wie sie von Horst s. und Ingrid G. Daemmrich[6] beschrieben werden.

Um in Kapitel 3 einen Eindruck von Schillers Freiheitsbegriff zu erhalten, werden mit seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen[7] und der Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung (1795) auch seine theoretisch-philosophischen Schriften herangezogen. Kapitel 4 beschäftigt sich mit dem Freiheitsbegriff der Aufklärungsphilosophie. Grundlage für diesen Abschnitt bildet eine Übersicht von Sturma[8] (1999).

Abschließend wird im Fazit ein Überblick über die in dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse gegeben. Im Ausblick wird die Thematik in den Kontext der Gegenwart eingeordnet, um die Aktualität des Freiheitsdiskurses aufzuzeigen.

2 Das Motiv der Freiheit in Der Spaziergang

Das Motiv der Freiheit tritt in Schillers Gedicht Der Spaziergang auf vielfältige Weise in Erscheinung. Es findet seinen Ausdruck sowohl in der direkten Benennung, als auch in metaphorischen Elmschreibungen. Anhand konkreter Textstellen soll im Folgenden der poetische Ausdruck des Freiheitsbegriffs belegt werden.

Eng verbunden mit dem Freiheitsmotiv ist das Motiv der Gefangenschaft bzw. Grenze, weshalb auch dieses hier behandelt werden soll.

Das Motiv der Freiheit klingt schon in der Überschrift ״Der Spaziergang“ des hier behandelten Gedichts an. Das Spazierengehen findet hier auf inhaltlicher Ebene in zweifacher Hinsicht Ausdruck: Es ist einerseits der Spaziergang eines Wanderers durch die Natur, und gleichzeitig ein Gedankenspaziergang durch die Kulturgeschichte der Menschheit. In dieser Kulturgeschichte ״spaziert“ der Mensch durch die Zeiten: Angefangen mit dem unaufgeklärten, unfreien Menschen der Frühzeit bis hin zum freien Menschen der Epoche der Aufklärung. Das Bild des Spaziergangs ist also Ausdruck für ״die Wanderung des Menschen zur ,Freiheit‘[...]“.[9] Das Spazierengehen zeichnet sich darüber hinaus durch den gleichmäßigen Rhythmus der Schritte aus. Auf formaler Ebene findet sich analog dazu ein ebenso gleichmäßiger Rhythmus in der Versstruktur der Elegie, weshalb Jeziorkowski (1996: 161) diese als ״[...] Form des Sichbewegens, des Gehens, des Wanderns, des Laufens, des Tanzens [...]“ beschreibt. Die Rhythmik des elegischen Distychons, in welchem Der Spaziergang verfasst ist, setzt somit auch den Geist des Lesers in Bewegung[10], was der o.g. ״Wanderung des Menschen zur Freiheit“ neben der innertextlichen auch eine außertextliche Bedeutung gibt.

Der Akteur des Spazierengehens ist der Spaziergänger, welcher seine poetische Entsprechung im Motiv des Wanderers findet. Dieser gilt ״[...] als Sinnträger für ein positiv empfundenes Freiheitsverlangen [. . .]“[11] und verkörpert somit das Motiv der Freiheit.

Als ein Ort der Freiheit zeigt sich in den Eingangsversen die Natur, welche den Spaziergänger ״[f]rei empfängt“ (V. 13), nachdem dieser fluchtartig ״des Zimmers Gefängniß“ (V. 7) verlassen hat. Im weiteren Verlauf wird die unberührte, d.h. freie Natur der vom Menschen gestalteten Landschaft im Bild eines Flusses gegenübergestellt: ״Aber in freieren Schlangen durchkreuzt die geregelten Felder /[...] ein schimmernder Streif [... ]“ (V. 42ff).

Ein Bezug zur geistigen Freiheit des Menschen findet sich erstmals in den folgenden Versen: ״Glückliches Volk der Gefilde! Noch nicht zur Freiheit / erwachet, / Theilst du mit deiner Flur fröhlich das enge Gesetz.“ (V. 54f). Hier wird auf den frühzeitlichen Menschen angespielt, welcher noch unaufgeklärt und unfrei in Abhängigkeit von der Natur gelebt hat.[12] Direkt benannt wird das Freiheitsmotiv auch in diesem Vers: ״Von der Freiheit gesäugt wachsen die Künste der Fust.“ (V. 122). An dieser Stelle im Gedicht ist die Betrachtung der Kulturgeschichte der Menschheit schon weiter fortgeschritten. Die geistige Entwicklung ermöglicht dem Menschen, künstlerische und handwerkliche Tätigkeiten auszuüben. Der im Gedicht beschriebene kulturelle Aufstieg der Menschheit hat schließlich seinen Höhe- und Wendepunkt in den folgenden Versen:

Seine Fesseln zerbricht der Mensch. Der Beglückte!

Zerriß er

Mit den Fesseln der Furcht nur nicht den Zügel der

Schaam! (V. 139f)

Der Mensch ist entfesselt und nutzt nicht nur seine Triebe, sondern sogar seine Vernunft, um sich über die Natur hinwegzusetzen. Dies kommt im folgenden Vers zum Ausdruck: ״Freiheit ruft die Vernunft, Freiheit die wilde Begierde, / Von der heifgen Natur ringen sie lüstern sich los.“ (V.141f.). Der Mensch überschreitet eine Grenze zwischen wahrer und falscher Freiheit[13], was auch auf formaler Ebene gekennzeichnet ist: ״Im 72. Distichon [...] ist die Scheidelinie, die den aufgeklärten, von Furcht befreiten Menschen vom ungezügelten und schamlosen Menschen trennt [...]“.[14]

Gegen Ende des Gedichts findet sich noch der Adler als Symbolträger für das Motiv der Freiheit[15], welcher ״[i]m einsamen Fuftraum“ (V. 181) Himmel und Erde miteinander verbindet.

Das Motiv der Freiheit steht in direkter Verbindung mit dem der Grenze und Gefangenschaft. Der Spaziergänger erlebt sich zu Beginn des Gedichts als Gefangener der Kultur und findet Freiheit in der Natur, als er aus ״des Zimmers Gefangniß“ (V. 7) flieht. Wandernd vollzieht er gedanklich die Kulturgeschichte der Menschheit nach, die auch ihn hat zum Gefangenen werden lassen. Er erkennt, dass die Menschen ihre Freiheit nicht zügeln konnten, sich ״im Sturm“ (V. 143) von ihrem ״Anker“ (V. 143) losgerissen und infolgedessen die Natur zerstört haben. Die Maßlosigkeit der Menschen mündete in eine Abkehr von der Natur, sie wird ״verstoßen“ (V. 69). Was bleibt, ist nur ein ״trügende[s] Bild lebender Fülle“ (V. 164). Der Mensch ist trotz seines aufgeklärten Geistes zum Gefangenen seiner Kultur geworden, immer ״[e]nger wird um ihn [... ] die Weh“ (V. 71f). Die Lösung sieht der Wanderer in der Rückkehr zur Natur, in die er sich - wie schon zu Beginn des Gedichts - ״gerettet“ (V. 172) flüchtet.

3 Schillers Ideal der ״wahren Freiheit“ in Der Spaziergang

In seinem Gedicht Der Spaziergang zeichnet Schiller ein Bild des Gegensatzes zwischen ״wahrer und falscher Freiheit“[16], und stellt die eine als wünschenswertes Ideal dar, während die andere zu (Selbst-) Zerstörung führt. Im Folgenden soll Schillers philosophisch­theoretisches Verständnis des Freiheitsbegriffs dargelegt werden. Hierzu werden die Begriffe ,wahre‘ und ,falsche‘ Freiheit voneinander abgegrenzt.

Wahre Freiheit ist dadurch gekennzeichnet, dass der Mensch ״sich im Durchgang durch die Kultur an die Natur“[17] hält. Schiller ist der Überzeugung, dass der Mensch sowohl frei sein, als auch in Verbindung mit der Natur stehen kann, ohne sich ein weiteres Mal - wie der frühzeitliche Mensch - von dieser abhängig zu machen. Der Mensch muss ״der Materie nicht [...] entfliehen“[18], ״um sich als Geist zu erweisen“[19]. Er solle vielmehr ״die Natur zu seinem Freund [machen], und ihre Freyheit [ehren], indem er bloß ihre Willkür zügelt“[20] Im Gedicht Der Spaziergang wird gegen Ende nur andeutungsweise ein Ausblick auf die wahre Freiheit gegeben, als sich der Wanderer in den ״Armen“ (V. 185) der Natur wiederfindet, nachdem er den ״Traum [...] mit des Lebens furchtbarem Bilde“ (V. 186Í) durchlitten hat. Vorrangig werden in Der Spaziergang zwei Menschenbilder gezeichnet: Das des unfreien, von der Natur abhängigen Menschen, der jedoch im Einklang mit dieser lebt - und das des aufgeklärten, freien Menschen, der sich von der Natur abgewendet hat. Das Bild des freien Menschen, der im Einklang mit Natur lebt, bleibt hingegen ein Ideal, das am Ende des Gedichts noch nicht erreicht ist.

Der wahren Freiheit steht die falsche gegenüber. Diese ״führt zu einer Abkehr des Menschen von der Natur.“[21] Die Folgen dieser Abkehr werden im Gedicht Der Spaziergang klar gekennzeichnet: Durch Begriffe, die dem semantischen Feld der Zerstörung zuzuordnen sind, wie Z.B. ״reißt“ (V. 45), ״verschwindet“ (V. 45), ״verschlingendem]“ (V. 53),

״vergiftend[em]“ (V. 54), ״tödtet“ (V. 54), u.a. übrig bleibt von den menschlichen

Ausschreitungen nur noch ״Asche“ (V. 170). Mensch und Natur sind entzweit und diese Entfremdung hat Folgen für beide Seiten: Die Natur wird zerstört und der ״Mensch ist nur noch Bruchstück seiner selbst“[22]

Aber auch wenn der durch Vernunft gesteuerte Mensch einen Teil seiner selbst eingebüßt hat, so ist dies Schillers Auffassung nach dennoch ein elementarer Entwicklungsschritt auf dem Weg zu wahrer Freiheit: Das Scheitern des Einzelnen ist wichtig, damit die ״‘Gattung zur Wahrheit‘“[23] findet. Zur Verdeutlichung lässt sich dieser Gedanke in ein Bild übersetzen: Die Menschheit wird - wie der Phönix -

aus ihrer ״Asche“ (V. 170) zu neuem Leben, d.h. zu wahrer Freiheit, erwachen.

Wie es dem Menschen gelingen soll, zur wahren Freiheit zu gelangen, beschreibt Schiller in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen sowie in seiner Abhandlung Über naive und sentimentalische Dichtung. Die Kernaussagen rund um das Motiv der wahren Freiheit sollen unter Bezugnahme auf den hier behandelten Gegenstand Der Spaziergang im Folgenden herausgearbeitet werden.

3.1 Wahre Freiheit durch sentimentalische Dichtung im Rahmen der ästhetischen Erziehung

Schillers Ideal der wahren Freiheit besteht darin, dass sich der aufgeklärte Mensch mit der Natur verbündet, anstatt sich durch Gier und Maßlosigkeit von dieser zu entfremden. Wie dieses Ideal erreicht werden kann, beschreibt Schiller in seinen theoretischen Schriften. Zunächst problematisiert er in seiner Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung die ״Entfremdung des modernen Dichters von der Natur“[24] und beschreibt infolgedessen, mit welchen poetischen Formen der sentimentalischen Dichtung der moderne Dichter auf seine Gegenwart reagieren kann: Mit der Satire, Elegie oder Idylle.[25] Hier soll insbesondere die Elegie von Interesse sein, da diese die Form des hier behandelten Gedichts Der Spaziergang darstellt.

Die Elegie dient dazu, dem ״idealen Zustand der Weh“[26] eine poetische Form zu verleihen und auf diese Weise den Leser zu aktivieren, das abgebildete Ideal - im Falle des Spaziergangs also das Ideal der wahren Freiheit - in der Gesellschaft umzusetzen.

[...]


[1] Friedrich Schiller: Der Spaziergang. In: Gedichte von Friedrich Schiller. Hrsg, von Norbert Oellers. Stuttgart 1996, s. 149-156. (Nachfolgende Zitate werden im Text durch die nachgestellte Angabe der Versnummer in runden Klammem gekennzeichnet.)

[2] vgl. Jürgen Brokoff: Elegie (1795) / Der Spaziergang (1800). In: Schiller-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg, von Mattilias Luserke-Jaqui. Stuttgart 2005, s. 269-271.

[3] ebd.

[4] Klaus Jeziorkowski: Der Textweg. In: Gedichte von Friedrich Schiller. Hrsg, von Norbert Oellers. Stuttgart 1996, s. 149-156.

[5] Jürgen Stenzei: Die Freiheit des Gefangenen: Schillers Elegie Der Spaziergang. In: Gedichte und Interpretationen. Klassik und Romantik. Hrsg, von Wulf Segebrecht. Stuttgart 1984 (Gedichte und Interpretationen, Bd. 3), s. 67-77.

[6] Horst s. und Ingrid G. Daemmrich: Begrenzung-Freiheit/ Grenze/ Wanderer (Wandern). In: Themen und Motive in der Literatm. Ein Handbuch. Tübingen und Basel 1995, s. 68ff, s. 18Iff, s. 3721F.

[7] Im Folgenden in der Fußzeile mit Autor: Nummer des Briefs, Seitenzahl, angegeben.

[8] Dieter Sturma: Freiheit. In: Enzyklopädie Philosophie. Hrsg, von H.J. Sandkühler. Bd. 1. Hamburg 1999.
Unter: https :/Avww.uncsco-phil.uni-b reinen.dc/Tc\tc%20/ur%20Vorlcsuna/Frcihcit-EPh. pdf (abgerufen am 30.08.2018).

[9] Brokoff 2005: 270.

[10] Jeziorkowski 1996: 162.

[11] Daemmrich 1995: 372.

[12] Manfred Krüger: Ästhetik der Freiheit. Schillers »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« und andere Essays. Heidenheim 2016, s. 10.

[13] Die Tenninologie ״wahre“ und ״falsche“ Freiheit wird in Kapitel 3 näher erläutert.

[14] Brokoff 2005: 270. Gemeint ist die Zäsur zwischen den Versen 139 und 140.

[15] Stenzei 1984: 75.

[16] Brokoff 2005: 270.

[17] ebd., s. 271.

[18] Schiller: 25. Brief, s. 106.

[19] ebd.

[20] ebd.: 4. Brief s. 17.

[21] Brokoff 2005: 270.

[22] Berghalm2000: 257.

[23] Krüger 2016: 11.

[24] Berghalm 2002: 137.

[25] ebd.

[26] ebd., 138.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Der Freiheitsdiskurs in Schillers "Der Spaziergang"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
11
Katalognummer
V445365
ISBN (eBook)
9783668820456
ISBN (Buch)
9783668820463
Sprache
Deutsch
Schlagworte
freiheitsdiskurs, spaziergang, Freiheit, Friedrich Schiller, Über naive und sentimentalische Dichtung, Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Gesellschaftskritik, Autonomie, Kant, Hausarbeit Schiller Spaziergang, Kulturgeschichte
Arbeit zitieren
Katharina Strauß (Autor), 2018, Der Freiheitsdiskurs in Schillers "Der Spaziergang", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445365

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