Reziprozität. Experimentelle Befunde und Erklärungsansätze


Hausarbeit, 2015
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1 Problemstellung

2 Reziprozitat
2.1 Definition Reziprozitat
2.2 Grundprinzipien menschlichen Handelns
2.3 Formen der Reziprozitat
2.3.1 Positive Reziprozitat
2.3.2 Negative Reziprozitat

3 Befunde zu reziprokem Verhalten
3.1 Positive Reziprozitat - Das Gift Exchange Spiel
3.2 Negative Reziprozitat - Das Ultimatumspiel
3.3 Erziehungs- und Erhaltungsansatze zu Reziprozitat

4 Ausblick

Literaturverzeichnis

ANHANG

1 Problemstellung

Seit den 1980er Jahren nimmt die Bedeutung der Eigennutzenmaximierungshypothe- se stetig ab. Ein groBer Anteil der Individuen agiert nicht nur rein eigennutzig und einkommensmaximierend, sondern legt seinen Handlungen auch soziale Praferenzen wie beispielsweise Fairnessnormen, Gerechtigkeit sowie Reziprozitat zugrunde (Fehr & Gachter, 2002, 28; Fehr & Schmidt, 2006, 621).

Reziprozitat spielt sowohl im Alltag als auch in verschiedenen Kontexten eine essen- tielle Rolle. Sie stellt eine wichtige Determinante menschlichen Verhaltens dar, was anhand von zahlreichen Studien sowie Experimenten deutlich wird (Falk & Fischba- cher, 2006, 294). Kahnemann, Knetsch und Thaler (1986) konkretisierten die Bedeu­tung von Reziprozitat fur die Arbeitsokonomik. Sie zeigten, dass Gerechtigkeitsnor- men in verschiedenen Businesskontexten Anwendung finden und Handlungen maB- geblich beeinflussen. Aber auch im Bereich der experimentellen Okonomik spielt Reziprozitat eine wichtige Rolle. Sie kann beispielsweise das Phanomen der nach unten hin starren Lohne erklaren (Bewley, 2004).

Individuen verhalten sich in verschiedenen Kontexten reziprok oder agieren eigen­nutzig. Reziproke Individuen kaufen einen Artikel nach einer umfassenden Beratung auch dort, wo der Verkaufer sie beraten hat. Eigennutzige Individuen, d. h. rational agierende Homines Oeconomici, wurden den Kauf nicht dort tatigen, sondern bei­spielsweise auf groBere Onlineversandhauser ausweichen, da das Produkt dort guns- tiger ist. Es stellt sich die Frage, inwieweit dieses Verhalten aus moralischen Ge- sichtsgrunden vertretbar ist. Individuen, die eigennutzig agieren, schadigen hierdurch kleinere Geschafte, was dazu fuhrt, dass diese womoglich schlieBen mussen. Ahnli- che Diskrepanzen zwischen Moralitat und Rationalitat lassen sich auch im Unter- nehmenskontext antreffen. Als Exempel dient das Trittbrettfahrerproblem, das sich beispielsweise dadurch charakterisieren lasst, dass ein Mitarbeiter von den Leistun- gen seiner Kollegen profitiert. Dieses Verhalten lasst sich durchaus als rational sowie eigennutzig, aber nicht als moralisch vertretbar charakterisieren. Daraus ableitend wird ersichtlich, dass Homines Reciprocans und Homines Oeconomici koexistieren und in verschiedenen Kontexten interagieren (Fehr & Gachter, 1998, 848). Es stellt sich die Frage, wie man eigennutzige Individuen zur Reziprozitat erziehen kann. In dieser Arbeit wird versucht, diese Fragestellung anhand der spieltheoretischen Be- funde naher zu beleuchten und Ansatze zur Forderung des erwunschten Verhaltens zu entwickeln.

Im zweiten Kapitel der Arbeit wird der Begriff Reziprozitat definiert und differen- ziert, um damit zum einen ein Verstandnis der Thematik beim Leser zu schaffen und zum anderen ihn auf das Kapitel der experimentellen Befunde vorzubereiten. Das dritte Kapitel thematisiert die Befunde zu reziprokem Verhalten und den MaBnah- men, die fur Reziprozitat forderlich sind. Aus Grunden der Stringenz und Bedeutung der jeweiligen Experimente liegt der Fokus auf der Betrachtung des Gift Exchange Spiels sowie des Ultimatumspiels, welches vielleicht das bekannteste Spiel darstellt, um negative Reziprozitat zu untersuchen (Fehr & Gachter, 2000, 161). In diesem Zusammenhang wird sowohl versucht, das Verhalten der Individuen zu rekonstruie- ren und daraus Erklarungsansatze abzuleiten, als auch aufzuzeigen, dass eine Erzie- hung zur Reziprozitat durchaus erwunscht ist, um die daraus resultierenden Vorteile zu nutzen. AbschlieBend folgt ein Ausblick, der die Ergebnisse noch einmal themati­siert und mogliche Probleme hinsichtlich der Befunde und Erklarungsansatze deskri- biert.

2 Reziprozitat

2.1 Definition Reziprozitat

Nach Falk & Fischbacher (2006, 294) stellt Reziprozitat im spieltheoretischen Kon- text eine verhaltensbasierte Antwort auf Freundlichkeit oder Unfreundlichkeit dar, wobei sich Freundlichkeit aus der Verteilungsgerechtigkeit sowie den Fairnessab- sichten, die einer Handlung zugrunde liegen, zusammensetzt. Ferner gilt Reziprozitat als eine wichtige und allgegenwartige Determinante menschlichen Verhaltens. Er- ganzend hierzu charakterisierten Falk & Fischbacher (2000, 2) das Phanomen der Reziprozitat als eine Bestrafung, die auf ein unfaires Verhalten und als eine Beloh- nung, die auf ein faires Verhalten folgt. Reziprozitat kann in diesem Zusammenhang auch dahingehend deskribiert werden, dass es ein Verhalten darstellt, das nicht rein rational, egozentrisch oder ergebnisorientiert gedeutet werden kann.

Aus Terminologiegrunden werden die verschiedenen Konzepte sozialer Praferenzen, d. h. Ungleichheitsaversion, Reziprozitat, Kooperation, Vergeltung, Altruismus so- wie reziproker Altruismus erlautert und differenziert.

Das Konzept der Ungleichheitsaversion wurde in Equity-Modellen von Fehr & Schmidt (1999) sowie Bolton & Ockenfels (2000) eingefuhrt. Nach Fehr & Schmidt (1999, 819) streben ungleichheitsaverse Individuen eine faire Verteilung von Res- sourcen an. Sie sind altruistisch gegenuber anderen Person eingestellt (Fehr & Gach- ter, 2002, 3). Konkret heiBt dies, dass die Ungleichheitsaversion einen konsequentia- listischen Ansatz symbolisiert, der eine Bestrafung oder Belohnung nur dann vor- sieht, wenn es der Minimierung der Ungleichheit zwischen dem Angebotsunterbrei- tenden oder der Konkurrenz dient (Falk & Fischbacher, 2000, 4-5). Um Reziprozitat und die Ungleichheitsaversion voneinander abzugrenzen, ist es erforderlich, ein Mo- dell zu berucksichtigen, das sowohl die Intentionen einer Handlung als auch die Ver- teilungskonsequenzen einbezieht. Mehrere Studien (Fehr & Fischbacher, 2002; Falk & Fischbacher, 2000) haben gezeigt, dass ein reziprokes Verhalten nicht alleine auf Verteilungskonsequenzen einer Handlung zuruckzufuhren ist. Mit Hilfe des Modells von Falk & Fischbacher (2000, 3) lasst sich eine Diskriminierung vornehmen. Die Ungleichheitsaversion unterscheidet sich von einem reziproken Verhalten dahinge- hend, dass sie beispielsweise keine Intentionen oder Motive, die einer Handlung zu- grunde liegen, berucksichtigt (Falk & Fischbacher, 2000, 4-5).

Nach Fehr & Gachter (2000, 160) verhalten sich Individuen kooperativ oder bestra- fend, wenn hieraus zukunftige materielle Vorteile resultieren. Das Konzept der Ver­geltung besagt, dass Individuen auf ein freundliches Verhalten ebenfalls freundlich agieren und auf ein negatives Verhalten ihnen gegenuber mit Bestrafung reagieren.

Altruismus stellt ein bedingungsloses Verhalten dar, wahrend Reziprozitat als Reak- tion auf ein freundliches oder unfreundliches Verhalten zu verstehen ist (Fehr & Gachter, 2000, 160). Erganzend hierzu wurde ein Altruist auch nicht eine Handlung vollziehen, die dazu fuhrt, dass der Payoff des Gegenubers sinkt. Daraus folgt, dass ein Altruist auch unfaire Angebote stets annimmt und diese Praferenz auch nicht den Aspekt erklart, dass es bedingte Kooperation gibt (Fehr & Gachter, 2002, 3-4).

Erganzend hierzu differenzierten Falk & Fischbacher (2000, 2) zwischen einem re- ziproken und altruistisch reziproken Verhalten. Ein Individuum verhalt sich altruis- tisch reziprok, wenn damit zukunftige Einkunfte verbunden sind. Ein reziprokes In­dividuum hingegen berucksichtigt bei seinen Entscheidungen nicht den zukunftigen Payoff (Fehr & Gachter, 2002, 2).

2.2 Grundprinzipien menschlichen Handelns

Ein reziprokes Verhalten lasst sich beispielsweise durch nachfolgende Grundprinzi­pien erklaren. Eine bekannte Strategie ist Tit for Tat. Sie wurde in den 1960er Jahren von Anatol Rapoport begrundet und von Robert Axelrod spieltheoretisch modelliert. Tit for Tat basiert auf der Annahme, dass ein Individuum im ersten Zug kooperiert und danach das tut, was sein Gegenuber im vorherigen Zug getan hat. Es wird nie in der ersten Runde defektiert, auBer als Reaktion, die aus einem defektiven Verhalten folgt. Dem Defektierer wird nach einer Bestrafungsrunde vergeben. Daher stellt Tit for Tat eine robuste Strategie dar, die fur eine auf Reziprozitat aufbauende Koopera- tion forderlich ist (Axelrod & Hamilton, 1981, 1393).

Ein weiteres Grundprinzip ist Auge um Auge, Zahn um Zahn. Diese Strategie basiert auf dem Ansatz, dass man seinem Gegenuber vergleichbares zuruckgibt bzw. zufugt (Fehr & Gachter, 1998, 846). Sie ist als Rechtssatz in der Tora konkretisiert und fin- det in vielen Bereichen der Tier- und Menschenwelt Anwendung. Im Zuge dessen zeigte de Waal (1997, 375), dass Schimpansen ihr Essen haufiger mit ihrem Gegen­uber teilen, wenn es innerhalb der zwei Stunden vor der Durchfuhrung des Essens- Experiments zu gegenseitigen Interaktionen kam. Im Detail teilten die Schimpansen ihr Essen mit Ihrem Pendant ofter, wenn dieser ihn vorher gepflegt hatte.

Ein drittes Grundprinzip menschlichen Handelns heiBt do ut des. Diese Strategie ist der lateinischen Sprache entnommen und bedeutet in etwa: Ich gebe, damit du gibst. Sie findet beispielsweise in der Rechtswissenschaft, insbesondere im deutschen Recht Anwendung. Im § 320 BGB wird dieser Aspekt in Form von Leistung und Gegenleistung konkretisiert.

2.3 Formen der Reziprozitat

2.3.1 Positive Reziprozitat

Positive Reziprozitat spielt bei verschiedenen sozialen Interaktionen eine wichtige Rolle (Fehr & Gachter, 2000, 161). Sie lasst sich nach Fehr & Gachter (1998, 845) als Absicht definieren, die ein uns gegenuber freundliches Verhalten honoriert. Falk & Fischbacher (2006, 301) verweisen auf den Umstand, dass das Belohnen eines freundlichen Verhaltens eine positive Reaktion impliziert. Ebenfalls ware es auch moglich, ein schlechtes Verhalten nicht unmittelbar zu bestrafen, was einer zur nega- tiven Reziprozitat kontraren Vorgehensweise entspricht. Typische Experimente, um positive Reziprozitat zu untersuchen, sind Gift-Exchange Spiele, Investmentspiele und Vertrauensspiele.

2.3.2 Negative Reziprozitat

Negative Reziprozitat lasst sich grundsatzlich als Gegenkonstrukt zur positiven Re­ziprozitat verstehen (Caliendo, Fossen & Kritikos, 2012, 4). Sie zeichnet sich durch ein nicht-Vergeben oder Bestrafen, eines uns gegenuber unfairen Verhaltens aus (Falk & Fischbacher, 2000, 2). Der Begriff der negativen Reziprozitat lasst sich auf Guth, Schmittberger & Schwarze (1982), zuruckfuhren, die mittels des Ultimatum- spiels verschiedene Handlungsweisen der Individuen experimentell untersuchten. Seitdem wird der Begriff zunehmend im Kontext von derartigen Experimenten ver- wendet. Diese Spiele zeichnen sich beispielsweise durch den nachfolgenden Befund aus. Es gibt viele Spieler, die positive Angebote ihres Gegenubers ablehnen, obwohl die die Ablehnung kostenintensiv ist (Falk & Fischbacher, 2000, 3) Das moralische Grundprinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn, dient als representatives Exempel fur negative Reziprozitat (Fehr & Gachter, 1998, 845). Alternativ zu dem Experiment des Ultimatumspiels lasst sich negative Reziprozitat auch mittels des Diktatorspiels untersuchen.

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Details

Titel
Reziprozität. Experimentelle Befunde und Erklärungsansätze
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V445366
ISBN (eBook)
9783668822245
ISBN (Buch)
9783668822252
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reziprozität, experimentelle, befunde, erklärungsansätze
Arbeit zitieren
Christoph Doll (Autor), 2015, Reziprozität. Experimentelle Befunde und Erklärungsansätze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445366

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