Die Institution Familie unterliegt seit Mitte der 60er Jahre ausgeprägten Wandlungsprozessen. Zahlreiche Sozialwissenschaftler sind der Überzeugung, die Familie und Ehe durchlebe derzeit eine Krise. Andere stehen der Krisenrede kritisch gegenüber und lehne diese ab. Sie betonen stattdessen die Stabilität und Kontinuität dieser Institutionen. Die Debatte um eine mögliche Krise erschwert die Tatsache, dass beide Positionen über empirisch belegbares Material verfügen.
Dieselben empirischen Belege werden für die eigene Argumentation verwendet. Die Art und Weise, wie empirisches Material gewertet wird, ist also in diesem Fall vom eigenen Standpunkt abhängig und unterliegt der eigenen Interpretation.
Bevor ein Urteil gefällt werden kann, müssen die aktuellen Veränderungen im Bereich der familiären Lebensformen, vor dem Hintergrund der historischen Situation in der Nachkriegszeit betrachtet werden. Die Mitte der 50er bis Mitte der 1960er Jahre zeichnet sich durch die einmalige Dominanz nur einer spezifischen Lebensform aus. Nie zuvor in der Geschichte Deutschlands war das der Fall. Möglicherweise erscheint deshalb vielen die gegenwärtige Zeit als besonders krisenhaft. Das ungewöhnlich homogene Bild der bürgerlichen Familie, das aus einem Ehepaar und deren leiblichen Kindern besteht, galt als unhinterfragtes Leitbild der Gesellschaft. Auch wenn heutzutage noch die Mehrheit in konventionellen Familienverbänden lebt, so haben sich durch den sozialen Wandel weitere Lebensformen gebildet. Merkmale dieser gesellschaftlichen Veränderungen sind unter anderem die sinkende Geburtenrate, die in allen entwickelten Industriestaaten zu verzeichnen ist. Überdies werden mehr Ehen geschieden und generell seltener geheiratet. Es entstehen neue Haushaltstypen aus nichtehelichen, kinderlosen und gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Der Verlust der Monopolstellung von Ehe und Familie wird begleitet von einem Anstieg der Alleinerziehenden und Stieffamilien.
Im Allgemeinen ist ein Zuwachs an Optionsmöglichkeiten und Handlungsspielräumen erkennbar. Es soll in der Arbeit besonders der Wandel von Familie und Ehe herausgestellt werden. Folgende Forschungsfrage wird untersucht: Ist eine Pluralisierung an Lebensformen erkennbar und wenn ja, wie beeinflusst sie die Institutionen Ehe und Familie?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pluralisierung der Lebensformen
2.1 Entstehungs- und Erklärungsversuche
2.2. Theorien
2.2.1 Differenzierungstheorie
2.2.2 Deinstitutionalisierung der Familie
2.2.3 Individualisierungsthese
3. Familie im Wandel
3.1 Sozialform des „ganzen Hauses“
3.2 Bürgerliche Familie
3.3 Familie heute
4. Merkmale der Pluralisierung
4.1 Geburtenrate
4.2 Rückgang der Eheschließungen
4.3 Mehr Scheidungen
5. Neue Lebensformen
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel der Familienstrukturen in Deutschland und analysiert, ob eine Pluralisierung der Lebensformen tatsächlich stattfindet und wie diese die Institutionen Ehe und Familie beeinflusst. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Entwicklung hin zu einer größeren Vielfalt an privaten Lebensverhältnissen und die soziologische Einordnung dieser Dynamik.
- Historische Entwicklung der Familienmodelle vom „ganzen Haus“ zur bürgerlichen Familie.
- Wissenschaftliche Theorien zur Pluralisierung, Deinstitutionalisierung und Individualisierung.
- Empirische Analyse von demografischen Merkmalen wie Geburtenraten und Eheschließungstrends.
- Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Krise“ der Familie im gesellschaftlichen Diskurs.
- Identifikation und Einordnung moderner, nicht-traditioneller Lebensformen.
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Deinstitutionalisierung der Familie
Seit Jahrzenten sind Veränderungen in der Familienzusammensetzung und im Verhältnis von Gesellschaft und Familie zu beobachten. Die Deinstitutionalisierung der Ehe und Familie stellt eine mögliche Erklärung für den strukturellen Wandel dar. Innerhalb dieser Institutionen findet ein Bedeutungsrückgang von sozialer Kontrolle und Normierung statt. Es wird in diesem Zusammenhang in der Forschung auch von einem Bedeutungsverlust und einer Destabilisierung von Ehe und Familie gesprochen (Peuckert 2012, 11).
Nach Tyrell (1976, 148) handelt es sich bei der Deinstitutionalisierung um einen Prozess, der eine Abnahme der normativen Verbindlichkeit des bürgerlichen Familienmusters begünstigt. Bisweilen unterlag das Familienleben und die Institution Ehe starren Regeln, die das Leben und die Handlungsmöglichkeiten einschränkten und durch die Gesellschaft und staatliche Normierungen festgesetzt waren. Durch den Prozess der Deinstitutionierung lockern sich diese Regeln allmählich und die Ehe wird zu einer „individuell gestaltbaren Partnerschaft“ (Schneider 2012, 97), deren Handlungsmöglichkeiten sich vergrößert haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Debatte über eine angebliche Krise der Familie und führt in die Thematik des soziokulturellen Wandels ein.
2. Pluralisierung der Lebensformen: Dieses Kapitel stellt theoretische Erklärungsansätze wie die Differenzierungstheorie und die Individualisierungsthese vor, um den Begriff der Pluralisierung zu fundieren.
3. Familie im Wandel: Hier wird die historische Entwicklung von der Sozialform des „ganzen Hauses“ über die bürgerliche Familie bis hin zum modernen Familienverständnis nachgezeichnet.
4. Merkmale der Pluralisierung: In diesem Teil werden empirische Daten zu Geburtenraten, Eheschließungen und Scheidungsraten präsentiert, um den Strukturwandel quantitativ zu belegen.
5. Neue Lebensformen: Das Kapitel analysiert, welche Formen des Zusammenlebens als „neu“ einzustufen sind und welche lediglich an gesellschaftlicher Sichtbarkeit gewonnen haben.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse und kommt zu dem Schluss, dass keine Auflösung der Institution Familie droht, sondern eine Diversifizierung der Lebenswege stattfindet.
Schlüsselwörter
Pluralisierung, Lebensformen, Familiensoziologie, Ehe, Deinstitutionalisierung, Individualisierung, demografischer Wandel, Geburtenrate, Eheschließung, Scheidungsrate, Kernfamilie, Sozialer Wandel, Familienbegriff, Partnerschaft, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem soziologischen Wandel der Familien- und Lebensformen in Deutschland und prüft die These einer zunehmenden Pluralisierung privater Lebensverhältnisse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Familie, Theorien zur Individualisierung und Deinstitutionalisierung sowie aktuelle demografische Trends wie Geburtenrückgang und Scheidungsverhalten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten, ob eine echte Pluralisierung an Lebensformen erkennbar ist und wie sich diese auf die Institutionen von Ehe und Familie auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse soziologischer Theorien sowie die Auswertung empirischer statistischer Daten, insbesondere des Statistischen Bundesamtes.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Erklärungsmodelle, skizziert den historischen Wandel von Familienstrukturen und untersucht statistische Merkmale wie Heiratsneigung und Geburtenzahlen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Pluralisierung, Individualisierung, Deinstitutionalisierung, Familienwandel und moderne Lebensformen geprägt.
Inwiefern hat sich die Rolle der Ehe verändert?
Die Ehe hat ihre Monopolstellung verloren und ist von einem gesellschaftlich zwingenden Leitbild zu einer von vielen biografischen Wahlmöglichkeiten geworden.
Warum wird die „Krise der Familie“ in der Arbeit hinterfragt?
Die Arbeit argumentiert, dass der Wandel nicht als Untergang der Familie zu interpretieren ist, sondern als eine Anpassung an veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen und steigende individuelle Wahlfreiheiten.
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- Annika Stein (Author), 2018, Pluralisierung der Lebensformen. Die Familie im Wandel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445395