Jeder Gesprächsteilnehmer positioniert sich und andere in jedem Gespräch von scheinbar noch so unbedeutender Länge, da jede getätigte und unterlassene Äußerung explizit oder implizit zeigen soll, wie man selbst von anderen gesehen werden möchte und wie man andere sieht. Erzählt ein Interaktionsteilnehmer von einem vergangenen Erlebnis, so ergibt sich die doppelte Zahl an Positionierungsebenen, da der Sprecher Selbstpositionierungen in der erzählten Zeit und Erzählzeit tätigt und auch Fremdpositionierungen zu beiden Zeitpunkten vornimmt. Explizite Positionierungen wie etwa: „Ich bin ein sehr hilfsbereiter Mensch“, werden in unserer westeuropäischen Kultur eher als unangemessen betrachtet, sodass sich die meisten Sprecher implizit mit eben solchen Erzählungen positionieren. Gerade aufgrund des hier vorliegenden medialen Settings ist davon auszugehen, dass die darin enthaltenen Positionierungen absichtlich erfolgen und intendiert sind, da sich die Sprecher der öffentlich einzusehenden Sprechsituation bewusst sind und diese eventuell auch gezielt nutzen, um ein bestimmtes Bild von sich in die Außenwelt zu tragen.
Inhalt
1. Einleitung
2. Forschungsüberblick Positionierung
3. Gesprächsanalyse in einer Talkshow
4. Selbstpositionierung in der Talkshow „3 nach 9“
4.1. Die Daten
4.2. Positionierungen
4.2.1. Selbstpositionierungen in der Erzählzeit
4.2.2. Selbstpositionierungen in der erzählten Zeit
4.3. Zusammenfassung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht exemplarisch anhand der Talkshow „3 nach 9“, wie sich Gäste durch autobiografische Erzählungen in verschiedenen Zeitebenen selbst positionieren und welche Muster dabei in medialen Gesprächssituationen identifizierbar sind.
- Narrative Identitätskonstruktion in Talkshows
- Differenzierung zwischen Erzählzeit (Ez) und erzählter Zeit (eZ)
- Gesprächsanalyse medialer Kommunikation
- Einfluss des medialen Settings auf die Selbstdarstellung
- Vergleichende Analyse autobiografischer Erzählungen
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Selbstpositionierungen in der Erzählzeit
Mehr als die Hälfte der SP, die die Erzähler in den ausgewählten Ausschnitten vornehmen, sind positiv und nur ungefähr fünf Prozent sind negativ konnotiert. Die verbleibenden Positionierungen sind entweder beidseitig auslegbar oder neutral, sodass den Erzählenden eine grundlegende Tendenz zur positiven Selbstdarstellung unterstellt werden kann. Es folgt eine exemplarische Analyse der SP als humorvoll in der Ez.
Humorvoll
Eine SP, die in ausnahmslos jedem Ausschnitt wieder zu finden ist, ist das Darstellen der eigenen Person als humorvoll. Vor allem der Tubist Andreas Martin Hofmeir (M), der im Folgenden erzählt, warum er barfuß in der Talk-Show und bei Auftritten erscheint, nimmt diese SP vor (Ausschnitt Transkript4).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Positionierung in Gesprächen ein und erläutert die Relevanz von Erzählungen im medialen Kontext der Talkshow „3 nach 9“ für die Untersuchung narrativer Identität.
2. Forschungsüberblick Positionierung: Das Kapitel bietet einen theoretischen Rahmen zur narrativen Identität, diskutiert verschiedene Erzählmodelle von Labov/Waletzky bis hin zu Hausendorf/Quasthoff und verortet die Positionierungsforschung im Kontext autobiografischer Narrationen.
3. Gesprächsanalyse in einer Talkshow: Hier werden die methodischen Grundlagen der Konversationsanalyse für das Medium Fernsehen dargelegt, wobei Aspekte wie Kommunikation als soziale Interaktion und die spezifischen Bedingungen der Talkshow als mediales Produkt beleuchtet werden.
4. Selbstpositionierung in der Talkshow „3 nach 9“: Das Hauptkapitel präsentiert die Analyseergebnisse von vier Transkripten, differenziert nach der Erzählzeit und der erzählten Zeit und arbeitet die häufigsten Positionierungsstrategien der Gäste heraus.
5. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Tendenzen der untersuchten Positionierungen zusammen, reflektiert die Einschränkungen der Einzelfallanalysen und weist auf Potenziale für weiterführende Studien hin.
Schlüsselwörter
Positionierung, narrative Identität, autobiografisches Erzählen, Talkshow, Gesprächsanalyse, Erzählzeit, erzählte Zeit, Selbstdarstellung, mediale Kommunikation, Transkription, GAT2, Identitätskonstruktion, Interaktionsanalyse, Medienlinguistik, Musterhaftigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Untersuchung von Selbstpositionierungen, die Talkshowgäste in autobiografischen Erzählungen vornehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte der narrativen Identität, die Unterscheidung zwischen der Erzählzeit und der erzählten Zeit sowie die Analyse kommunikativer Muster in medialen Formaten.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie sich Sprecher in der Talkshow „3 nach 9“ durch Erzählungen aus der Vergangenheit positionieren und ob es dabei Unterschiede in der Selbstdarstellung zwischen der aktuellen Gesprächssituation und der erzählten Erlebnisebene gibt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Methode der Gesprächsanalyse auf Basis selbst erstellter Transkripte nach GAT2-Konventionen, um natürliche Interaktionen im Fernsehen zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil analysiert die aus den Transkripten gewonnenen Daten, kategorisiert die Positionierungen quantitativ und qualitativ und stellt diese anhand konkreter Beispiele aus den Sendungen dar.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Positionierung, narrative Identität, Talkshow, Erzählzeit, erzählte Zeit, Selbstdarstellung und Gesprächsanalyse.
Welche Rolle spielt die humorvolle Selbstdarstellung für die Gäste?
Die Arbeit zeigt, dass die Darstellung der eigenen Person als humorvoll ein übergeordnetes Muster darstellt, das fast alle untersuchten Gäste nutzen, um eine positive, unterhaltsame Selbstdarstellung im medialen Kontext zu etablieren.
Warum ist die Distanzierung vom „früheren Ich“ ein wichtiges Analyseergebnis?
Die Analyse verdeutlicht, dass Erzähler entweder eine Distanz zu ihrem einstigen Ich aufbauen oder dieses zur Verstärkung heutiger Eigenschaften nutzen, was auf unterschiedliche Strategien der Identitätsarbeit hindeutet.
- Citation du texte
- Melanie Jankrift (Auteur), 2016, Positionierung in der Talkshow "3 nach 9", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445624