In wissenschaftlichen Publikationen fallen in Verbindung mit dem Wittgenstein‘schen Begriff der Lebensform auch Stichworte wie multikulturelle Gesellschaft, interkulturelle Verständigung oder Kultur-Gemeinschaft. Die von Schulte benannte Sprachgemeinschaft reiht sich in diese Auflistung ein. Eine Gemeinschaft, die sich mittels einer gemeinsamen Sprache und Praktiken erst als eine solche versteht. Kapitel drei widmet sich dem Begriff der kulturellen Identität aus Sicht des Begründers der Cultural Studies, Stuart Hall. Sowohl Wittgenstein als auch Hall widmen sich in ihren Arbeiten dem Alltäglichen; Wittgenstein im Rahmen der Sprache, Hall im Bereich der Kultur. Ob ihre Begriffskonzepte Ähnlichkeiten aufweisen oder sich dadurch auszeichnen, dass die jeweiligen Ausdrücke andere Funktionen übernehmen, wird im vierten Kapitel analysiert. Ein abschließendes Fazit wird die Ergebnisse der Ausarbeitung zusammenfassen und offene Fragen aufzeigen. Abschließend soll geklärt werden, ob sich die Begriffe Lebensform und kulturelle Identität gleichsetzen lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff Lebensform bei Wittgenstein
3. Kulturelle Identität nach Stuart Hall
4. Die Funktionen der Begriffe
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis und die potenziellen funktionalen Ähnlichkeiten zwischen Ludwig Wittgensteins Begriff der „Lebensform“ und Stuart Halls Konzept der „kulturellen Identität“, um zu klären, ob beide Begriffe gleichgesetzt werden können.
- Analyse des Begriffs „Lebensform“ in Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“
- Untersuchung des Wandels kultureller Identität nach Stuart Hall
- Vergleich der funktionalen Rolle beider Begriffe innerhalb ihrer jeweiligen Kontexte
- Herausarbeitung der Differenzen zwischen sprachphilosophischen und kulturwissenschaftlichen Ansätzen
Auszug aus dem Buch
2. Der Begriff „Lebensform“ bei Wittgenstein
Der Begriff Lebensform wird von Wittgenstein erstmals in dem Werk Philosophische Untersuchungen erwähnt. Dort heißt es in PU 19: „Und eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen.“ (Wittgenstein 2006: 246) Wittgenstein belegt von ihm gebräuchliche Begriffe nicht mit Merkmalen, die eine klassische Definition zuließen. So taucht das Wort Lebensform in PU 19 auf, ohne exemplarisch eingeführt worden zu sein, wird in den Philosophischen Untersuchungen explizit noch an vier weiteren Stellen verwendet und bietet so für den Leser großen Interpretationsspielraum. Eine Annäherung ist somit nur über die gründliche Analyse des Kontextes möglich. Hierfür werden im Folgenden die Absätze PU 19, PU 23, PU 241, PU II S. 489 und PU II S. 572, in denen das Wort Lebensform verwendet wird, eingehend dargestellt.
Der Abschnitt Nummer 19 beginnt mit zwei Beispielen zu unterschiedlichen Sprachen. Wittgenstein meint, man könne sich unzählige Sprachen vorstellen. Zur Erläuterung nennt er eine Sprache, die nur aus Befehlen und Meldungen besteht und eine andere, die sich nur aus Fragen, Bejahung und Verneinung zusammensetzt. Diese sich vorzustellenden Sprachen sind einfach, sie bestehen aus wenigen Bestandteilen und lassen sich mit den Beispielen aus PU 2 und PU 8 vergleichen. Es sind primitive Sprachen, welche Wittgenstein als Sprachspiele bezeichnet. (vgl. ebd.: 241) Von diesen primitiven Sprachen sind nun unzählige, also unendlich viele, vorstellbar. Der Begriff Lebensform funktioniert in diesem Zusammenhang nach Eike von Savigny als „nichttechnischer Ausdruck, der einem sagt, welche Voraussetzung notwendig und hinreichend ist, damit man sich sonst unvorstellbare Sprachen vorstellen kann.“ (von Savigny 1988: 49) Wittgenstein macht deutlich, wie nah sich Sprache und Lebensform sind, wenn er davon schreibt, dass das Vorstellen einer Sprache das Vorstellen einer Lebensform bedeute. Die beiden Begriffe bedingen sich, eine Sprache ist in eine Lebensform eingebettet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problemstellung ein, den Begriff der Lebensform bei Wittgenstein mit dem der kulturellen Identität bei Hall zu vergleichen.
2. Der Begriff Lebensform bei Wittgenstein: Dieses Kapitel analysiert anhand zentraler Textstellen aus den „Philosophischen Untersuchungen“, wie Wittgenstein den Begriff der Lebensform in Verbindung mit Sprache und Sprachspielen verwendet.
3. Kulturelle Identität nach Stuart Hall: Hier wird das Konzept der Identität als dynamisches, soziales Konstrukt nach Stuart Hall beleuchtet, wobei der Wandel und die Rolle von Differenz hervorgehoben werden.
4. Die Funktionen der Begriffe: In diesem Teil werden die beiden Konzepte hinsichtlich ihrer funktionalen Leistungen verglichen, wobei Unterschiede in der Ebene (Sprachgrundlage vs. Identitätsbildung) herausgearbeitet werden.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Begriffe trotz funktionaler Ähnlichkeiten nicht gleichgesetzt werden können, da sie sich auf unterschiedliche Domänen beziehen.
Schlüsselwörter
Lebensform, Wittgenstein, Kulturelle Identität, Stuart Hall, Sprachspiel, Sprachphilosophie, Cultural Studies, Identität, Differenz, Sprache, Soziale Konstruktion, Philosophie, Gemeinsame Handlungsweisen, Kommunikation, Bedeutung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, inwiefern Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen zwischen dem sprachphilosophischen Begriff der „Lebensform“ bei Wittgenstein und dem kulturwissenschaftlichen Konzept der „kulturellen Identität“ bei Stuart Hall bestehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften, mit einem Fokus auf Begriffsanalyse und dem Verhältnis von Sprache, Handeln und Identität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Klärung der Frage, ob die Begriffe „Lebensform“ und „kulturelle Identität“ in ihrer Funktion gleichgesetzt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Begriffsanalyse, die auf der Auswertung primärer philosophischer Quellen (Wittgenstein) sowie soziologischer Aufsätze (Hall) und einschlägiger Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst Wittgensteins Lebensform-Begriff anhand der „Philosophischen Untersuchungen“ und dann Halls Identitätskonzept theoretisch expliziert, bevor beide im vierten Kapitel funktional gegenübergestellt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören insbesondere Lebensform, Sprachspiel, Kulturelle Identität, Differenz und das Konzept des sozialen Konstrukts.
Welche Rolle spielen „Sprachspiele“ für Wittgensteins Lebensform-Begriff?
Sprachspiele sind Teil einer Lebensform; sie bilden die praktisch existierende Verbindung zwischen Sprache und nichtsprachlichen Handlungen, die in eine Lebensform eingebettet sind.
Warum lässt sich „kulturelle Identität“ nach Hall nicht als statisch beschreiben?
Hall versteht Identität als einen fortlaufenden, dynamischen Prozess der Identifizierung, der durch ständige Auseinandersetzungen mit dem Anderen und historischen Wandlungsprozessen geprägt ist.
- Arbeit zitieren
- Rebecca Bräutigam (Autor:in), 2012, Der Begriff "Lebensform" bei Wittgenstein versus "kulturelle Identität" nach Stuart Hall, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445627