Kumulative Radikalisierung und Völkermord


Essay, 2018

10 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Der Weg zur Hölle - von der Ausgrenzung zum Völkermord
2.1. Etappen der Radikalisierung
2.2. Der kumulative Faktor

3. Kumulative Radikalisierung als Erklärungsmodell

4. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Wie lässt sich der Völkermord an den Juden in Europa erklären? Wie konnte eine Gesellschaft in der Mitte Europas in so kurzer Zeit so tief sinken und Verbrechen begehen, die in ihrem Ausmass und in ihrer Brutalität alles bis dahin Geschehene in den Schatten stellten? Der Historiker Hans Mommsen liefert mit dem Begriff der kumulativen Radikalisierung einen Erklärungsansatz, der den Weg zum Holocaust strukturalistisch erklärt und nicht auf die Person Hitlers reduziert. Im Kern lautet die These, dass die Entrechtung, Verfolgung und Ermordung von Millionen jüdischer Familien im Deutschen Reich und den eroberten Gebieten Europas nicht auf einen strategischen Plan des Diktators zurückzuführen ist. Ohne die zentrale Rolle des fanatischen Antisemiten Hitler zu relativieren, argumentiert Hans Mommsen (mit weiteren Historikern), dass die beispiellose Radikalisierung auf dem Weg zum Holocaust alles andere als monokausal war.[1]

Ganz allgemein beschreibt Radikalisierung einen Prozess von Einzelnen oder Gruppen, der auf eine extreme Veränderung einer bestehenden Gesellschaftsordnung hinzielt. Dieser Prozess kann sich entweder auf die Mittel zur Erreichung dieser Veränderung beziehen oder auf den Inhalt des Zielzustandes selber, der sich im Verlaufe dieses Prozesses immer wieder neu definiert.[2]

Mit dem Attribut kumulativ verbreitert Mommsen die NS-Täterschaft auf verschiedenste Organe in Staat und Gesellschaft, die sich im Verlaufe dieser Gewaltdynamik gegenseitig radikalisieren.[3] Zusätzlich hebt er damit hervor, wie Ziele des Regimes mehrfach an äussere Gegebenheiten angepasst wurden und auch dadurch eine Radikalisierung erfuhren. Selbst die „Endlösung“ war das Resultat einer - aus der Sicht der Führungsclique - pragmatischen Zielanpassung an äussere Umstände. Daraus folgt beispielsweise: Hätten die Nazis den Krieg gegen die Sowjetunion schnell gewonnen, hätte es die Vernichtungslager in dieser Form nicht gegeben. Noch im Februar 1942 plante Heydrich die Deportation von elf Millionen Juden in den sowjetischen Norden hinter dem Ural![4]

Beide Spielarten der Radikalisierung, die der Mittel und die der Ziele, gehören zur Wesensart des NS-Staates. Ziel dieser Arbeit ist es, diesen Zusammenhang anhand der wichtigsten Etappen auf dem Weg zum Völkermord an den Juden nachzuzeichnen. Ich tue dies zuerst in zeitlicher Abfolge. Dann versuche ich zu zeigen, wie die einzelnen Radikalisierungsfaktoren sich gegenseitig verstärkten und somit ihre kumulative Wirkung entfalten konnten. Ich schliesse mit einigen Argumenten, weshalb ein strukturalistischer Ansatz, der mit dem Begriff der kumulativen Radikalisierung einhergeht, geeignet ist, den Holocaust zu erklären.

2. Der Weg zur Hölle - von der Ausgrenzung zum Völkermord

Antisemitismus zieht sich als Konstante durch die europäische Geschichte seit dem Mittelalter. Ausgrenzung war die Regel, Pogrome gab es bis in die Neuzeit überall dort, wo Juden lebten - in den meisten Teilen Europas. Im Fahrwasser der Französischen Revolution ging die Ausgrenzung an vielen Orten zurück oder wurde gar aufgehoben. In Deutschland erhielten die Juden aber erst 1918 die vollen Bürgerrechte, auch wenn viele von ihnen bereits im 19. Jahrhundert neu sich bietende Möglichkeiten in Bildung und Beruf wahrnehmen konnten. Der soziale Aufstieg der jüdischen Bevölkerung zu Bismarcks Zeiten war rasant, parallel dazu entwickelte sich ebenso rasant ein Antisemitismus wirtschaftlicher Prägung. Als Triebfeder identifizierte der Historiker Götz Aly eine verbreitete menschliche Schwäche: Neid.[5]

Für Hitler waren die vorhandenen Ressentiments ein wichtiger innenpolitischer Nährboden. Ebenso zentral für den Aufstieg der NSDAP waren jedoch die harschen Bedingungen von Versailles, die Weltwirtschaftskrise von 1929-1930 sowie die Oktoberrevolution (für die Hitler ebenfalls die Juden verantwortlich machte). Diese Zusammenhänge sind hinlänglich bekannt und werden nicht bestritten.

Hitler fixierte sich ideologisch früh auf eine „Selektion der negativen Weltanschauungselemente“[6], mit anderen Worten, auf eine Auswahl an politischen Themen, die auf die Entfernung eines Zustandes oder von Gruppen abzielte. Zu diesen Themen gehörten (aussenpolitisch) die Revision des Versailler Vertrags und (innenpolitisch) die Ausgrenzung, Entrechtung und forcierte Auswanderung aller deutschen Juden.

Einmal an der Macht verlor das Regime keine Zeit, beide negativen Weltanschauungselemente Wirklichkeit werden zu lassen. Die Juden, die 1933 gerade mal 0,8% der Gesamtbevölkerung[7] ausmachten, waren auf sich alleine gestellt. Die Verfolgung dieser Minderheit tangierte keine „etablierten gesellschaftlichen Interessen“[8]. Die schrittweise Demontage von Versailles wurde von den Nachbarstaaten auch deshalb hingenommen, weil man nicht unglücklich war über ein antistalinistisches Bollwerk im Zentrum Europas.[9] Aus der Sicht der fanatischen NS-Elite drängte sich die Realisierung dieser negativen Selektion geradezu auf: Man schritt zur Durchführung, weil man es konnte.

2.1. Etappen der Radikalisierung

Der Machtübernahme 1933 folgten Boykottaufrufe und erste Berufsverbote. Die schrittweise und systematische Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft stellte viele Familien vor die Wahl, entweder Deutschland zu verlassen oder sozial abzustürzen und ein Leben in Armut in Kauf zu nehmen.[10] Bis Ende 1939 verliessen knapp zwei Drittel aller deutschen Juden ihre angestammte Heimat.[11]

Parallel zur Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben verlief die rechtliche Segregation, die mit den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 einen ersten Tiefpunkt erreichte. Juden wurden Staatsbürger zweiter Klasse, Mischehen wurden verboten und sexuelle Kontakte zu „Ariern“ unter Strafe gestellt.[12] Mit diesen weit in die Privatsphäre hineinwirkenden stigmatisierenden Gesetzen und Verordnungen wurde eine weitere Stufe der von oben gesteuerten Radikalisierung der Mittel gezündet, um die im Reich verbliebenen Juden zur Auswanderung zu bewegen. Im folgenden Jahr wurde die Eskalation abgebremst, die Welt war zu Gast für die olympischen Sommer- und Winterspiele.[13]

Der Anschluss Österreichs im März 1938 ermöglichte Hitler den direkten Zugriff auf die jüdische Bevölkerung seinen Heimatlandes. Allerdings kam es bereits vor dem Einmarsch zu Plünderungen und Gewaltexzessen an österreichischen Juden, mit welchen das NS-Regime nicht rechnete.[14] Wien wurde zum Schauplatz einer neuen Stufe der Radikalisierung, dieses Mal spontan und nicht gesteuert von oben. Die Signalwirkung war fatal. Eine weitere Hemmschwelle wurde hinweggefegt, der Parteimob marodierte und bereicherte sich an jüdischen Vermögenswerten, während die Justizbehörden wegschauten. Die Exzesse in Wien lösten im ganzen Reich einen nochmaligen Radikalisierungsschub aus, der mit der von Goebbels inszenierten Reichskristallnacht vom 9.11.1938 einen weiteren Höhepunkt der Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung erreichte.[15]

Aus heutiger Sicht ist es schwer nachvollziehbar, dass 1939 immer noch knapp 200.000 Juden in Deutschland lebten. Geblieben sind diejenigen, die nicht weg konnten (Mittellose, Alte, Kranke) und diejenigen, die nicht weg wollten, weil Deutschland auch ihr Land war.[16]

3,5 Millionen polnische Juden[17] hatten keine Chance zu fliehen, als ihr Land zwischen Hitler und Stalin aufgeteilt wurde, und die Wehrmacht am 1.9.1939 in Polen einfiel. Die mit Stalin vereinbarte Massenumsiedlung Volksdeutscher aus der sowjetischen „Einflusszone“ in Gebiete Westpolens, die Hitler gleich nach dem Einmarsch annektierte, setzte eine Kettenreaktion in Gang, deren Ende wir alle kennen: „Die Notwendigkeit, die in das Reichsgebiet drängenden Volksdeutschen (…) anzusiedeln, brachte das Karussell der ‚Völkerverschiebung‘ in Gang, das in erster Linie auf Kosten des Judentums ging.“.[18]

Das Wissen der Truppe[19], dass Kriegsverbrechen kaum mehr geahndet wurden, wirkte gewaltenthemmend. Die Radikalisierung der deutschen Besatzer charakterisierte sich durch gesteuerte und spontane Gewaltausbrüche gegen die jüdische und nicht-jüdische Bevölkerung in den besetzten Gebieten[20], verbunden mit der massenhaften Vertreibung und Zwangsumsiedlung der polnischen Juden in Hunderte von Ghettos. Diese waren ursprünglich nicht als Sammelpunkte für den Weitertransport in Konzentrationslager geplant. Vielmehr träumte die fanatisierte NS-Elite von einer Deportation gigantischen Ausmasses nach Madagaskar! Überraschend ist nicht die menschliche Grausamkeit dieses Planes, zu denken gibt vielmehr seine Realitätsferne: Das Projekt „Madagaskar“ wurde erst anfangs 1942, zu einem Zeitpunkt als die Wehrmacht schon tief im russischen Sumpf steckte, aufgegeben.[21]

Eine weitere Hemmschwelle fiel zeitgleich mit der Invasion Polens: Mit dem Euthanasiebefehl veranlasste Hitler die heimliche Ermordung „lebensunwerten Lebens“ zuerst in den deutschen, dann in den annektierten Gebieten Polens, die für Volksdeutsche aus den sowjetischen Besatzungszonen „gesäubert“ werden mussten. Auch in diesem Fall hängt die Radikalisierung mit den wahnwitzigen Umsiedlungsplänen in den besetzten Gebieten zusammen.[22] Die geplante Tötung von Menschen nach festgelegten Auswahlkriterien wurde damit in die Tat umgesetzt.

Der Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 war als Vernichtungskrieg gegen den „jüdischen Bolschewismus“ geplant und Kriegsverbrechen wurden nicht mehr nur toleriert; sie entwickelten sich zu einem zentralen Bestandteil dieses Feldzugs. Massenmord an der Zivilbevölkerung und Exekutionen von Kriegsgefangenen mutierten zum Standardrepertoire der deutschen Eroberer.[23] In weniger als sechs Monaten nach dem Einmarsch töteten die marodierenden Truppen über eine halbe Million jüdische Männer, Frauen und Kinder; in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew alleine über 30.000 Menschen in nur zwei Tagen. Auch ohne Gaskammern war der Holocaust schon Tatsache.[24]

Gut dokumentiert sind Gräueltaten der einheimischen Bevölkerung an Juden im Baltikum und in der Ukraine. Oft wurde noch vor Eintreffen der deutschen Truppen zugeschlagen.[25] Es ist naheliegend, dass ein solches Verhalten der Besetzten gegenüber ihren jüdischen Nachbaren die Besetzer weiter radikalisierte.

Die weltfremden Madagaskar-Pläne wurden durch nicht weniger realitätsferne und menschenverachtende Ideen einer Vertreibung aller europäischen Juden „hinter den Ural“ ersetzt. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als der Völkermord bereits voll im Gange war. Die sich früh abzeichnende Kriegswende wurde dann zum entscheidenden Faktor für die „Endlösung“. Die komplette Vernichtung sämtlicher Juden wurde zum eigentlichen Kriegsziel, auch wenn Hitler einen konkreten Befehl zur Vernichtung nie erteilte, wenigstens nicht schriftlich.[26] Himmler hingegen sprach Klartext, als er in einer nicht-öffentlichen aber der Nachwelt erhaltenen Rede von der Notwendigkeit der „Ausrottung auch von Frauen und Kindern“[27] sprach.

Ab Frühling 1942 wurde die industrielle Vernichtung menschlichen Lebens Tatsache. Massendeportationen führten direkt in Konzentrationslager. Arbeitsfähige wurden durch Zwangsarbeit vernichtet, alle anderen - mehrheitlich Kinder, Frauen und ältere Menschen - wurden gleich nach Ankunft in den Lagern vergast.[28]

2.2. Der kumulative Faktor

Wie oben dargelegt, wurden nicht alle Etappen der Radikalisierung von Hitler und dem inneren Führungszirkel gesteuert. Faktoren, die nicht geplant und nicht vorhersehbar waren, bewirkten immer wieder Radikalisierungsschübe, denen die Opfer schutzlos ausgesetzt waren. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, kann zwischen den folgenden, kumulativ wirkenden Faktoren der Radikalisierung unterschieden werden:

Aussenpolitik: Das betonte Wegschauen der Briten und Franzosen bei der Demontage von Versailles beflügelte Hitler, dem zusätzlich die aussenpolitische Isolation der jungen Sowjetunion in die Hände spielte. Als die Westmächte 1938 die Tschechoslowakei (einen Verbündeten!) Hitler ans Messer lieferten, interpretierte er dies als Feigheit.[29] Die schnellen aussenpolitischen Erfolge hatten einen klaren radikalisierenden Effekt auf das Regime.

Rechtsstaat: Die schrittweise Auflösung des Rechtsstaates in Deutschland sowie die Schaffung rechtsfreier Räume in den eroberten Gebieten, vor allem in Osteuropa und der Sowjetunion, wurden von Teilen der Bevölkerung und der Truppe so verstanden, wie vom Regime beabsichtigt: Verbrechen gegen Juden sind keine Verbrechen mehr. Die Signalwirkung war fatal.

Helfer vor Ort: Die Aggressivität des antisemitischen Mobs in Österreich und später in Teilen Osteuropas überraschte die einmarschierenden Truppen, hat diese dann aber selber radikalisiert, wie oben bereits dargelegt wurde. Dieser Effekt war nicht vorhersehbar.

Sozialpsychologische Faktoren: Nicht zu unterschätzen ist auch die Selbstradikalisierung der Truppe, ein Phänomen, das in vielen Konflikten beobachtet wird. Der sozialpsychologische Gruppenmechanismus erzeugte unter dem Label „Kameradschaft“ einen erheblichen Druck auf die einzelnen Soldaten und Polizisten an Mordaktionen teilzunehmen. Die gemeinsame Verwicklung in Gräueltaten schweisste die Truppe zusammen. Gemeinschaftlich ausgeübte Gewalt war auch dadurch leichter zu ertragen, da die moralische Verantwortung auf diese Weise atomisiert wurde. Der dabei entstehende psychologische Gewöhnungseffekt resultierte aus der Überlegung, dass aufzuhören ein moralisches Eingeständnis der Unrechtmässigkeit der Handlung bedeutet hätte. Weitermachen war einfacher zu ertragen.[30]

Politisches System: Eine weitere kumulative Komponente der Radikalisierung ist eine Folge der sehr spezifischen Führungsstruktur des NS-Regimes, für die Ian Kershaw den Begriff „structural disorder“[31] benützt. Hitlers Aversion gegen Akten und bürokratische Abläufe, eine schlampige Arbeitsdisziplin, nicht zu Ende gedachte, häufig mündliche Anweisungen gepaart mit einem Kompetenzgerangel zwischen parteilichen und staatlichen Strukturen brachten ein polykratisches System mit enormen Freiräumen für die Vollstrecker hervor.[32] Hitler gab die grobe Richtung vor, seine Henker radikalisierten sich gegenseitig um die Wette. Kershaw spricht von einem „symbiotic relationsship between the structural disorder of the Nazi State and the radicalization of policy“.[33]

Die sich wechselseitig verstärkenden Kräfte einer von oben gesteuerten, spontanen und reaktiven Radikalisierung auf den verschiedensten Ebenen entfachten einen Flächenbrand, aus dem es kein Entrinnen gab.

3. Kumulative Radikalisierung als Erklärungsmodell

Die meisten Historiker sind sich heute einig, dass ein strukturalistischer Erklärungsansatz für den Holocaust ohne die Person Hitlers nicht plausibel ist. Magnus Brechtken charakterisiert den Diktator als „einer der praktisch raffiniertesten, taktisch skrupellosesten und machiavellistisch intelligentesten Politiker seiner Epoche (…).“[34] Mit Bezug auf die Herrschaftstypologie Max Webers beschreibt Ian Kershaw Hitler als charismatischen Anführer mit einer utopischen Mission geschichtlichen Ausmasses. Eine solche Herrschaft bedingt instabile, kriselnde Gesellschaftsstrukturen sowie eine totale Hingabe seiner Anhänger. Gefahr droht dem charismatischen Herrscher einerseits durch enttäuschte Erwartungen der Anhängerschaft (utopische Wahlversprechen sind schwer einzuhalten), andererseits verliert ein solches System seinen charismatischen, auf eine Person fixierten Charakter, sobald die Utopie Wirklichkeit wird. Mit der Verwirklichung tritt Routine auf, den charismatischen Führer braucht es nicht mehr.[35] Nur durch die ständige Radikalisierung der Ziele bleibt die innere Spannung zwischen „Volk und Führer“ bestehen.

Im vorhergehenden Abschnitt wurde exemplarisch dargelegt, wie auf den Handlungsebenen der Planer, Vollstrecker und Helfer sukzessiv Hemmschwellen abgebaut wurden und damit Radikalisierungsprozesse frei gesetzt wurden, die sich gegenseitig verstärkten. Ohne den Brandstifter Hitler hätte sich diese Gewaltdynamik aber nicht entfalten können. Aber es stimmt eben auch, wie es der Historiker Martin Broszat ausdrückt, „ daß Hitlers geschichtliche Wirkungsmöglichkeit weit mehr als die anderer Politiker und Staatsmänner, bis in die Psychologie hinein, von ganz bestimmten, vorgegebenen Bedingungen abhängig war.“[36]

Nüchtern betrachtet war es eine unglückliche Verkettung von Faktoren, welche den Völkermord an den europäischen Juden ermöglichte. Jeder einzelne dieser Faktoren oder Kettenglieder trug zur Radikalisierung bei. Ohne Hitler kein Holocaust, aber ohne die geschätzten 200.000 direkt beteiligten Mörder[37] und ohne die spezifischen zeitgenössischen Rahmenbedingungen hätte die Ermordung von Millionen von Männer, Frauen und Kindern nicht realisiert werden können.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber Massaker und Gräueltaten leider schon. Armeeangehörige auch demokratischer Staaten mutieren immer wieder zu Mördern und sadistischen Folterknechten, zum Beispiel in Vietnam oder im Iraq. Gräueltaten setzen eine Radikalisierung der Täter voraus. Ein besseres Verständnis darüber, welche Faktoren zu einer Radikalisierung führen, bildet die Grundlage für de-eskalierende Strategien. In Europa scheint das zu funktionieren: Die nachkriegszeitlichen Systeme der kollektiven Sicherheit und der gemeinschaftlichen Strukturen der EU haben sich bisher als ziemlich belastbar erwiesen. Trotz allen Herausforderungen ging es Europa niemals besser als heute, auch weil aus der Jahrhundertkatastrophe die richtigen Schlüsse gezogen wurden.

4. Literaturverzeichnis

Aly, Götz. Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass, 1800-1933. Frankfurt am Main. 2011.

Bajohr, Frank, und Zentrum Für Zeithistorische Forschung Potsdam. Neuere Täterforschung. Docupedia-Zeitgeschichte. 18.6.2013. <http://docupedia.de/zg/Neuere_Taeterforschung> [Stand: 18.9..2018]

Brechtken, Magnus. Die nationalsozialistische Herrschaft 1933 - 1939. Geschichte kompakt. Darmstadt. 2004.

Broszat, Martin. Soziale Motivation und Führer-Bindung des Nationalsozialismus. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Heft 4. 1970. S. 392-409.

Bundesarchiv. Gedenkbuch - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945. 28.8.2018. <https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/einfuehrung.html.de?page=2> [Stand: 18.9..2018]

Loubichi, Stefan. Systematische Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Zukunft braucht Erinnerung. 7.6. 2015. <https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/systematische-verbrechen-der-wehrmacht> [Stand: 18.9..2018]

Lustiger, Arno. Jüdische Kultur in Ostmitteleuropa am Beispiel Polens. Bonn. 2000. <http://library.fes.de/fulltext/historiker/00712001.htm> [Stand: 18.9..2018]

Kershaw, Ian. `Working Towards the Führer´. Reflections on the Nature of the Hitler Dictatorship. In: Contemporary European History 2, Nr. 2 (1993): 103–18.

Mommsen, Hans. Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa. Göttingen. 2014.

Mommsen, Hans. Der Nationalsozialismus. Kumulative Radikalisierung und Selbstzerstörung des Regimes. In: Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 16. München. 1976. S. 785–790.

Neumann, Peter. Radikalisierung, Deradikalisierung und Extremismus. Bundeszentrale für politische Bildung. 9.7.2013. <https://www.bpb.de/apuz/164918/radikalisierung-deradikalisierung-und-extremismus?p=all>

Vondung, Klaus. Debatten um den Holocaust und das Deutungskonzept der `politischen Religion´. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. 40. Jg., 157 (2010). S. 9-22.

[1] Vgl. Mommsen, Nationalsozialismus, S. 789 und Vondung, Debatten, S. 11f.

[2] Vgl. Neumann, Radikalisierung, S. 3f.

[3] Vgl. Mommsen, Nationalsozialismus, S. 786 und Brechtken, Herrschaft, S. 102.

[4] Vgl. Mommsen, NS-Staat, S. 184.

[5] Vgl. Aly, Warum die Deutschen, S. 11; S. 95f.

[6] Broszat, Motivation, S. 404f.

[7] Bundesarchiv

[8] Mommsen, NS-Staat, S. 42.

[9] Brechtken, Herrschaft, S. 3.

[10] Vgl. Mommsen, NS-Staat, S. 67-70.

[11] Brechtken, Herrschaft, S. 116.

[12] Vgl. ebda. S. 104.

[13] Vgl. Brechtken, Herrschaft, S. 106.

[14] Mommsen, NS-Staat, S. 89.

[15] Vgl. ebda. S. 95f.

[16] Vgl. ebda. S. 111.

[17] Vgl. Lustiger, Jüdische Kultur.

[18] Mommsen, NS-Staat, S. 127.

[19] Den Begriff „Truppe“ benütze ich zusammenfassend für Wehrmacht, SS-Verbände und andere an den Feldzügen beteiligte Einheiten des NS-Regimes.

[20] Vgl. Loubichi, Verbrechen.

[21] Vgl. Mommsen, NS-Staat, S.125-127.

[22] Vgl. Mommsen, NS-Staat, S. 119 und Brechtken, Herrschaft, S. 113.

[23] Vgl. ebda. S. 131-133.

[24] Vgl. ebda. S. 144f.

[25] Vgl. ebda. S. 137 und S. 154.

[26] Vgl. ebda. S. 185.

[27] Ebda. S. 193.

[28] Vgl. ebda. S. 195f.

[29] Vgl. Brechtken, Herrschaft, S. 149f.

[30] Vgl. Bajohr, Täterforschung, S.8.

[31] Kershaw, Working, S. 113.

[32] Ebda. S. 106-109.

[33] Ebda. S. 113.

[34] Brechtken, Herrschaft, S. 12.

[35] Vgl. Kershaw, Working, S. 111.

[36] Broszat, Motivation, S. 403.

[37] Dazu kommt eine unbekannte Zahl von indirekt Beteiligten und Nutzniessern. Vgl. dazu Mommsen, NS-Regime, S. 207.

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Kumulative Radikalisierung und Völkermord
Hochschule
Universität Zürich  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
MAS in Applied History
Note
1
Autor
Jahr
2018
Seiten
10
Katalognummer
V445762
ISBN (Buch)
9783668831186
Sprache
Deutsch
Schlagworte
NS, Drittes Reich, Juden, kumulative radikalisierung, holocaust, shoa, hitler, hans mommsen, völkermord
Arbeit zitieren
Walter Denz (Autor), 2018, Kumulative Radikalisierung und Völkermord, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445762

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