Großeltern als Ersatzeltern für Kinder aus Scheidungsfamilien


Diplomarbeit, 2005
104 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Großelternrolle und wichtige Einflussfaktoren
2.1 Die Rolle der Großeltern
2.2 Die Geschichte der Großelternrolle
2.3 Alter und Altern
2.3.1 Das Alter und Geschlecht der Großeltern
2.3.2 Das Alter der Enkelkinder
2.3.3 Der Einfluss des Kontaktes und der räumlichen Distanz
2.3.4 Verwandtschaftslinie
2.3.5 Die Großeltern-Eltern-Beziehung
2.4 Quadrangulation

3. Großeltern und Enkelkinder
3.1 Die Bedeutung der Großelternschaft für Großeltern und Enkelkinder
3.2 Stile und Typen der Großelternschaft
3.3 Funktionen der Großeltern

4. Das Trauma Scheidung
4.1 Gründe für den Anstieg der Scheidungszahlen
4.2 Wie Kinder die Scheidung der Eltern erleben
4.2.1 Die Vorscheidungs- oder Ambivalenzphase
4.2.2 Die Scheidungsphase
4.2.3 Die Nachscheidungsphase
4.3 Altersspezifiche Reaktionen von Kindern auf Trennung und Scheidung
4.4 Unterschiedliche Scheidungsreaktionen bei Kindern und Jugendlichen

5. Psychische Folgen von Trennung und Scheidung für Kinder
5.1 Langzeitfolgen der Scheidung bei Kindern
5.1.1 Aggressionen
5.1.2 Selbstwertgefühl
5.1.3 Geschlechtsidentität
5.1.4 Probleme in Partnerschaften
5.1.5 Probleme in der Adoleszenz
5.2 Chancen für Scheidungskinder

6. Großeltern als Ersatzeltern in familiären Krisenzeiten
6.1 Großeltern als Bezugspersonen
6.2 Großeltern als Ersatzeltern
6.3 Erziehungsleistungen durch die Großeltern
6.3.1 Großeltern verkörpern Geschichtlichkeit
6.3.2 Die Vermittlung vom Altern und Sterben
6.3.3 Großeltern fördern die Entwicklung der Enkelkinder
6.4 Problematische Aspekte bei der Erziehung durch die Großeltern

7. Konsequenzen für die Soziale Arbeit

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

1. Einleitung

Die vorliegende Diplomarbeit setzt sich mit dem Thema: „Großeltern als Ersatzeltern für Kinder aus Scheidungsfamilien“ auseinander. In dieser Arbeit schildere ich, wie die Großeltern fördernd, aber auch hemmend auf die Entwicklung ihres Enkelkindes einwirken. Da ich selbst nach der Scheidung meiner Eltern, d. h. ab dem zweiten Lebensjahr, bei meinen Großeltern aufgewachsen bin, habe ich persönlich ein großes Interesse an der Ausarbeitung dieses Themenkomplexes. Großeltern können aus den unterschiedlichsten Beweggründen heraus die Ersatzelternfunktion für ihre Enkelkinder übernehmen. Diese Arbeit fokussiert primär den Aspekt der elterlichen Trennung oder Scheidung. Dieses Ereignis ist keineswegs unitär, sondern markiert Prozesse vielfältiger Veränderungen, die lange vor dem endgültigen Trennungsentschluss der Eltern eingesetzt haben und die kindliche Entwicklung stark beeinflussen. In dieser Arbeit wird das Ziel verfolgt aufzuzeigen, dass Großeltern Kinder in ihrer Entwicklung entscheidend fördern und ihnen seelische Unterstützung und Sicherheit, insbesondere in familiären Krisenzeiten bieten können. Die vorliegende Arbeit setzt sich auch mit der Problematik des mit der Scheidung einhergehenden Identifikationsobjektverlustes für das Kind auseinander. Mit dem Trennungsereignis schränkt sich der Kontakt zu mindestens einer Bezugsperson für das Kind ein oder ist in seltenen Fällen fast gar nicht vorhanden. Dabei wird erörtert, dass Großeltern ebenso für ihre Enkel in etwa gleichwertige Identifikationsinstanzen darstellen können. Auf der anderen Seite werden auch problematische Aspekte bei der Enkelkinderziehung durch die Großeltern thematisiert. Die Grundlage der Arbeit besteht aus der Tatsache, dass sich jährlich rund 200 000 Ehepaare scheiden lassen und dadurch ca. 100 000 Kinder pro Jahr zu Scheidungswaisen werden (siehe Diagramm 2 und 3 im Anhang). Dieser Gesichtspunkt lässt nachvollziehen, warum die stärkere Einbindung der Großeltern in den familiären Kontext notwendig ist. Großeltern stellen eine wichtige Quelle des Vertrauens und der Zuneigung dar und können dem Kind als partnerschaftliches Vorbild dienen.

Die Arbeit ist in drei Teilbereiche gegliedert: Der erste Teil (Kapitel zwei und drei) befasst sich im kleinen Rahmen mit der Geschichte der Großelternrolle und geht über in die Darstellung dieser Rolle und nimmt Bezug auf bestimmte Einflussfaktoren, die für die Ausgestaltung der Großeltern-Enkel-Beziehung relevant sind, wie zum Beispiel die Beziehung zwischen Großeltern und Eltern. Ebenso wird auf die Bedeutung von Großeltern und Enkelkindern füreinander, sowie auf die Funktionen der Großeltern Bezug genommen. Des Weiteren werden in diesem Abschnitt die unterschiedlichen Großelternstile näher erläutert. Der mittlere Teil (Kapitel vier und fünf) bezieht sich ausschließlich auf das Scheidungsereignis, betrachtet aus der kindlichen Perspektive. Es wird erklärt, warum die Scheidungszahlen stetig ansteigen und wie die betroffenen Kinder dieses Ereignis empfinden. Ebenso werden die psychischen Folgen, die ein Kind durch den Scheidungsprozess seiner Eltern erleiden kann, in Augenschein genommen, aber auch die Chancen, welche eine Scheidung impliziert, werden in Betracht gezogen. Der letzte Teil (Kapitel sechs) befasst sich mit den Tatsachen, was Großeltern im Falle einer elterlichen Trennung oder Scheidung für ihre Enkelkinder leisten können. Ein besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf die Erziehungsleistungen, insbesondere auf den Aspekt der Entwicklungsförderung des Kindes durch die Großeltern. Am Ende der Arbeit werden kurz die Konsequenzen für die Soziale Arbeit skizziert, welche die Inhalte der hier vorliegenden Arbeit fordern.

2. Die Großelternrolle und wichtige Einflussfaktoren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Überblick

Im gesamten ersten Kapitel geht es um die Großelternrolle an sich, sowie um deren Geschichte, als auch um diverse Bedingungsfaktoren, welche die Ausgestaltung der Rolle beeinflussen können. Die Thesen der einzelnen Unterkapitel lauten:

- [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Die Großelternrolle ist nicht eindeutig definiert. Sie kann sowohl als Herausforderung, als auch im Sinne einer Überforderung erlebt werden.
- Die Entstehung der Altersrente im Bürgertum, sowie der Anstieg des Erstheiratsalters, tragen dazu bei, dass sich die Großelternrolle weiter ausdehnen konnte.
- Beim Alterungsprozess sind individuelle, von der menschlichen Lebensführung abhängige Unterschiede festzustellen.
- Die Kontakthäufigkeit zwischen Großeltern und Enkelkindern verringert sich oftmals mit dem Heranwachsen der Enkelkinder.
- Die Qualität der Großeltern-Enkel-Beziehung ist geprägt von der Dauer des Kontaktes, sowie deren Inhalt und Form.
- Großeltern mütterlicherseits haben generell einen intensiveren Kontakt zu ihren Enkelkindern.
- Die Großeltern-Eltern-Beziehung bestimmt maßgeblich die Beziehung zwischen Großeltern und Enkelkindern.
- Durch die Quadrangulation erweitert sich der Bezugsrahmen des Kindes.

2.1 Die Rolle der Großeltern

Sommer-Himmel (2001) vertritt die Auffassung, dass das Ausüben einer bestimmten Rolle, sich nach den Verhaltenserwartungen richtet, die ein Mensch an jemand anderen hat. Jeder Mensch trägt im Laufe seines Lebens verschiedene Rollen und diese unterscheiden sich nach dem „Grad an Formalisierung“ (Sommer-Himmel, 2001, S. 55). Außerdem spricht die Autorin in ihrem Buch von zwei für die Thematik wichtige Rollenarten: Formelle oder institutionalisierte Rollen (z. B. eine Berufstätigkeit) sind fest an eine bestimmte Position gebunden und umschreiben eine klar definierte Aktivität, die für die Ausübung dieser Rolle gefordert wird. Die informellen Rollen (z. B. eine Vereinstätigkeit) hingegen sind nur in geringem Maße durch die Gesellschaft definiert. Diese Rollen sind deutlich durch Menschen in einem gemeinsamen Nahraum geprägt (vgl., ebd. und Olbrich, 1997). Um diese auszuüben hat die Person ein hohes Maß an Gestaltungsfreiheit. Sommer-Himmel (2001) benennt einen sozialen Rollenverlust, der bei Frauen mit dem Weggang der Kinder aus dem elterlichen Haus einsetzt, bei Männern jedoch erst mit dem Eintritt in die Altersrente beginnt, wenn deren institutionalisierten, d.h. arbeitsbezogenen Rollen aufgegeben werden. Sommer-Himmel (2001) merkt an, „dass die Lebenszufriedenheit (...) eng mit der Ausübung sozialer Rollen zusammenhangt“ (ebd., S. 56). Marx (1996) gibt zu bedenken, dass die Rolle der leiblichen Eltern nie verloren geht, wohingegen die Großelternrolle ersetzbar ist, ja sogar vervollständigt und ausgeweitet werden kann. Die Autorin gibt damit zu verstehen, dass die Betreuungsleistungen durch die Großeltern zum Beispiel auch durch die Nachbarn oder andere Familienmitglieder übernommen werden können. Die Großelternrolle ist somit eine Frage der Wahl (vgl., ebd., S. 80). Fabian (1994) vertritt nicht direkt die Auffassung von Marx, stellt aber dennoch den Funktionsverlust der Großelternrolle fest und betont den Funktionswandel dieser Rolle. Zu diesem Thema äußert sich auch Höpflinger (2004) wertneutral, indem er beschreibt, dass es keine klar formulierten Rechte und Pflichten der Großeltern gibt, sondern dass deren Rolle - ähnlich wie andere verwandtschaftliche Beziehungen auch - auf Freiwilligkeit beruht. „Im Gegensatz zur Eltern-Kind-Beziehung ist ´die Grosseltern-Enkel-Beziehung kaum durch rechtliche und auch nur im geringen Mass durch sozial eindeutig definierte gegenseitige Rechte und Pflichten abgesichert´“ (Höpflinger, 2004, S. 5). Wieners (2002) unterstreicht ebenfalls die minimalen rechtlichen Regelungen von Großeltern-Enkel-Beziehungen. Sie wurden zwar durch das neue Kindschaftsrecht1 seit Juli 1998 gewissen Rechten und Pflichten unterzogen, diese fallen aber im Verhältnis zu den Eltern-Kind-Regelungen sehr gering aus. Sommer-Himmel (2001) merkt an, dass der Wechsel von der Mutter- zur Großmutterrolle meist nahtlos ineinander übergeht. Weiter hält Marx (1996) fest, dass die Großelternrolle einer „erweiterten Elternrolle“ ähnelt und dass die Rolle eine „relativ wenig vorgeschriebene unstrukturierte und affektive Rolle“ ist und betont dabei, dass diese eher eine erworbene als zugeschriebene Rolle ist, da sie auf persönliche Qualitäten und individuellen Meinungen basiert. Fabian (1994) äußert bezüglich dessen ebenfalls, dass die Großelternrolle nicht eindeutig definiert ist und nicht mit spezifischen Verhaltenserwartungen verbunden ist. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man jedoch auch gewisse Rollenvorschriften. Das wiederum würde bedeuten, dass die Großelternrolle nicht rein informell geprägt ist, sondern ähnlich wie die formellen bzw. institutionalisierten Rollen, durch ihre Art der Tätigkeit mitdefiniert ist.

Sommer-Himmel (2001) formuliert, dass die Großelternrolle auf die Zeit beschränkt ist, in der sie aktiv ausgeübt wird und die Enkelkinder auch miteinbezogen sind. Großelternschaft umfasst die gesamte Lebensspanne, beginnend mit der Geburt der Enkelkinder. Wenn man von der allgemeinen Rolle der Großeltern spricht, ist vorab anzumerken, dass in der Literatur wesentlich häufiger die Rede von Großmüttern als von Großvätern ist. Die statistisch kürzere Lebensdauer von Männern und deren häufigere Berufstätigkeit in der Zeit, in der die Enkelkinder noch klein sind, können mögliche Gründe dafür sein (vgl., ebd.). Kornhaber und Woodward (1981, in Marx, 1996) berichten, dass die Rolle der Großeltern multidimensional ist und identifizieren dabei fünf unterschiedliche Rollen:

1. Historiker: Großeltern stellen eine Verbindung zwischen der kulturellen und der familiären Vergangenheit her.
2. Rollenmodell: Großeltern sind Vorbilder für das Erwachsenenalter.
3. Mentor: Großeltern als weise Erwachsene, die in Lebensübergängen erfahren sind.
4. „Zauberer“: Großeltern als Meister im Geschichtenerzählen, die die Phantasie und Kreativität fördern.
5. Erzieher: Großeltern als außergewöhnliche Helfer in familiären Krisen und Lebensübergängen.

Wieners (2002) merkt an, dass bei dieser Auflistung Großeltern nicht bestimmten Typen zugeordnet werden, sondern ein Set von Lebensbereichen und Aufgaben entworfen wird, die Großeltern übernehmen können. Es hängt immer noch von den Großeltern selbst, ihrer Persönlichkeit, ihren Interessen und ihrem Gesundheitszustand ab, wie sie ihre Großelternschaft gestalten. Ausführliche Erläuterungen zu den unterschiedlichen Rollentypen bzw. Stilen der Großelternschaft, finden sich im Kapitel 3.2 wieder.

Die positiven Effekte von Großelternkontakten treten auch in neueren Untersuchungen von Schweppe (2002), in einem Artikel von Wieners auf. Wieners (2002) äußert, dass sich die Verpflichtungen und Zwänge zwischen den Generationen verringert haben. Das moderne System der staatlichen Altersvorsorge trägt dazu bei, dass sich Kinder und Enkelkinder nicht mehr ausnahmslos um ihre Eltern bzw. Großeltern im Alter kümmern müssen. Diese Tatsache bietet den Generationen einen größeren Raum für Interaktionsmöglichkeiten. Die öffentliche Zuständigkeit für eine gesicherte Altersvorsorge nimmt einen entscheidenden Einfluss auf die Beziehungsgestaltung von jungen und alten Menschen. Die Großeltern-Enkelkind-Beziehung hat heutzutage einen anderen Charakter: Emotionalität spielt in der Beziehungsdynamik heute eine große Rolle, im Gegenteil zu den emotionsarmen und von Strenge und Disziplin begleiteten Kontakten zwischen Großeltern und Enkelkindern zu Kindheitszeiten der heutigen Großeltern. Olbrich (1997) bezieht sich bezüglich dessen auch auf historische Perioden, in denen Entscheidungen von den Älteren getroffen wurden und in denen die Beziehungen zwischen Großeltern und anderen Generationen formaler und autoritärer waren, als das heutzutage der Fall ist. Die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern sind durch Wärme und Nachsichtigkeit geprägt, die besonders gut geeignet sind, Spannungen zwischen Familiengenerationen zu mindern. Heutige Enkelkinder müssen ihre Großeltern zudem nicht mehr mit einer großen Anzahl an Enkelkindern teilen, da die Familien statistisch nur noch 1,3 Kinder großziehen (vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland-aktualisiert am 01. Dez. 2004). Wieners (2002) erklärt, dass die Berufstätigkeit der Eltern einen Grund für den Bedeutungszuwachs der Beziehung zwischen Großeltern und Enkelkindern darstellt.

Die Geburt eines Enkelkindes kann auch negativ bzw. ambivalent betrachtet werden. Sommer-Himmel (2001) und Apostel (1989) beleuchten kritisch, dass die Schwangerschaft der Tochter oder Schwiegertochter für die Eltern gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit der neuen Rolle bedeutet. Wenn sich die neu gewordenen Großeltern bisher wenig mit der Tatsache des Alterns beschäftigt haben, wird die Geburt des Enkelkindes ambivalenter erlebt, als wenn sie sich mit der Tatsache einer dritten Generation in der Familie bereits angefreundet haben und sie sich dessen bewusst sind, dass sie einen weiteren Schritt in Richtung „älter werden“ tätigen. Ebenso entscheidend für das Gefühl der Großeltern zu dem neu geborenen Enkelkind ist der Zeitpunkt der Geburt, sowie das derzeitige Lebensalter der Großeltern. Hat die Altersrente und damit die neu gewonnene Freiheit der Großeltern gerade erst begonnen oder konnten sie die Zeit nach dem Erwerbsleben schon einige Jahre auskosten? In der Literatur fällt auf, dass die Altersrente und die damit verbundene Freizeit von den Autoren stets positiv betrachtet wird. In meinen Augen wird den kritischen Aspekten durch den Ausstieg aus dem Erwerbsleben zu wenig Beachtung geschenkt: Verlust einer sinnvollen Tätigkeit, weniger Selbstwertgefühl, Kompetenzverlust, Altersdepression etc. Es ist einleuchtend, dass der Beginn der Rente nicht für jeden Menschen die gleiche Bedeutung hat, jedoch ist kritisch zu hinterfragen, ob die Zeit, die nun als „Freizeit“ genutzt werden kann, tatsächlich von den meisten Menschen als positiv empfunden wird. Je näher die Geburt des Enkelkindes an den Erinnerungen der eigenen Elternschaft ist, desto eher kommen unterschiedliche Gedanken und Empfindungen an das Erleben der eigenen Elternschaft zum Vorschein (vgl. Sommer-Himmel, 2001). Höpflinger (2004) äußert, dass Frauen und Männer, die bereits in jungen Jahren zu Großeltern werden, keine Mühe haben, sich mit der neuen Rolle zu identifizieren. Im umgekehrten Sinne bietet die Geburt von Enkelkindern und ihr Aufwachsen für betagte Menschen eine Gelegenheit, erneut enge, persönliche Kontakte zur jüngsten Generation zu pflegen (vgl. Höpflinger 2004). Mit dieser neuen Erfahrung geht einher, dass die Großeltern nicht nur sich selbst als Kind aus der Vergangenheit vor sich sehen, sondern auch das „neue“ Kind aus der Gegenwart (vgl., ebd., S. 4).

Zum Ende dieses Kapitels werden einige Assoziationen, die durch die gesellschaftlichen Ansprüche an die Großmutterrolle in Erscheinung getreten sind, benannt. Die Rolle der Großeltern ist gekennzeichnet durch Begriffe wie Emotionalität, Duldsamkeit und wenig autoritärem Verhalten (vgl. Sommer-Himmel, 2001). Die Autorin merkt an, „daß die Begriffe „Oma“ oder „Großmutter“ auf eine asexuelle entpersonalisierte, liebevolle kinderliebe Persönlichkeit verweisen“ (ebd., 2001, S. 58). Im Hinblick auf die immer jünger werdenden Großmütter ist diese Rollenbezeichnung nicht gerechtfertigt und entspricht damit nicht mehr der gegenwärtigen Lebensrealität. Sie empfiehlt eine neue Definition dieser Rolle, da derartige Klischeevorstellungen überholt und unbrauchbar sind. Meines Erachtens ist dieses Vorhaben der kompletten Neudefinition der Rolle stark übertrieben. Lediglich der Begriff der „Asexualität“ ist nicht passend. Die Rollenbilder der Großmütter, sowie die der Großväter sind keineswegs asexuell zu verstehen, da diese Bezeichnung den Großelternrollen übersetzt Gefühls- und sogar Geschlechtslosigkeit unterstellen würden. Meine Behauptung deckt sich auch mit Marx (1996) und Apostel (1989), zumindest im Hinblick auf die Tatsache, dass ein Großvater oftmals eine Identifikationsperson für die männlichen Enkelkinder darstellt und somit seine Rolle keineswegs entpersonalisiert, sondern an die Vaterfigur angelehnt ist.

Marx (1996) stützt die Assoziation von Sommer-Himmel (2001) in Bezug auf das geringere Maß an autoritärem Verhalten, indem festgehalten wird, dass die Eltern von den Großeltern erwarten können, dass sie die Familie unterstützen ohne sich einzumischen. „Die potenziell widersprüchlichen Erwartungen der Eltern bzw. alleinstehenden Mütter, Hilfe und Nichteinmischung bei der Kinderaufzucht zu erfüllen, kann allerdings zu einem „double bind“2 bei den Großeltern führen“ (Marx, 1996, S. 77). Die Autorin rät daher, dass die Großeltern die Intention ihrer eigenen Hilfeleistung klären sollten. Des Weiteren sollen sie beurteilen und bewerten, wie im Gegensatz dazu das elterliche Verhalten ihrer Kinder ist.

2.2 Die Geschichte der Großelternrolle

In den letzten zweieinhalb Jahrhunderten hat sich die spezifische Beziehung zwischen Großeltern und ihren Enkelkindern erheblich verändert. Die Art dieser Beziehungsgestaltung ist gekennzeichnet durch komplexe Entwicklungsprozesse. Die Vorstellung über ein konkretes Bild von Oma und Opa, sowie von Mütter- und Väterlichkeit, hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark gewandelt. Entgegen traditioneller Annahmen haben Familien keineswegs immer als Drei-Generationen-Komplex in einem Haushalt gewohnt, sondern die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern hatte darüber hinaus Bestand. Erst im frühen 20. Jahrhundert wohnen alle drei Generationen erstmals zusammen und erst zu dieser Zeit haben sich die Inhalte der Großelternrolle verfestigt (vgl. Chvojka, 2003, S. 349)3. Für die Entstehung der bürgerlichen Großelternrolle im Laufe des 18. Jahrhunderts stößt man auf verschiedene Erklärungsansätze. „Ein aktives großelterliches Engagement wird schließlich seit dem 18 Jahrhundert [...] im Zusammenhang mit einer „sinnvollen Ausfüllung des Lebensabend“ propagiert“ (Chvojka, 2003, S. 350). Der Autor hinterfragt gedanklich diese Feststellung und hält fest, dass HistorikerInnen dies wohl mit der Entstehung des Ruhestandes im Bürgertum (spätes 17. Jahrhundert) in Verbindung setzen. Dieser Äußerung schließt sich die Frage an, ob die Entwicklung der Großelternrolle etwas mit dem Eintritt ins Rentenalter zu tun hat. Hierbei ist anzumerken, dass die Altersrente zum Zeitpunkt ihrer Entstehung nur Männer betraf, was wiederum nichts über die Großmutterrolle aussagt. Für die Herausbildung der Großvaterrolle jedoch kann die Einführung der Altersrente wenn nicht als primärer, doch zumindest als förderlicher Faktor angesehen werden (vgl., ebd., S. 351). Dieser Beurteilung schließt sich die Frage an, welche Erklärungsansätze für die Entstehung der Großmutterrolle in Betracht gezogen werden können. Im Bürgertum des 18. und 19. Jahrhunderts war das Heiratsalter nicht wesentlich höher als 20 Jahre. Dies lässt den Schluss zu, dass die damaligen Großmütter ihre Rolle länger erleben durften. Sie bekamen im Schnitt im Alter von 40 bis 45 Jahren ihre Enkelkinder. Für die Entstehung der Großmutterrolle ist nicht zuletzt der Aspekt anzumerken, dass die Großmütter im Bürgertum des 18. Jahrhunderts, häufiger und länger verfügbar waren (siehe Diagramm 1).

Diagramm 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt (Schweiz)

Von modernen Sozialwissenschaftlern wird die „nachelterliche Gefährtenschaft“ oder die Tatsache eines „leeren Nests“, als weiterer Faktor für die Entstehung der Großelternrolle betrachtet. In den letzten 100 Jahren ist eine Reduktion der Geburten- und Erziehungsphase zu verzeichnen, die sich auf die ersten beiden Jahrzehnte der Ehe bezieht, weil ab dem 20. Lebensjahr (wie etwas weiter oben bereits angemerkt), die Menschen heiraten. Somit reduziert sich die Kernfamilie4 wieder auf das Ehepaar. „Alte Ehepaare, die im eigenen Haushalt keine elterlichen Verpflichtungen mehr gegenüber unselbstständigen Kindern haben, erscheinen durchaus prädestiniert dafür, sich gegenüber ihren (dislozierten) Enkelkindern aktiv großelterlich zu engagieren. Die Phase des „leeren Nests“ bzw. die „nachelterliche Gefährtenschaft“ ergäben somit ausgezeichnete Bedingungsfaktoren für die Entstehung der Großelternrollen“ (ebd., 2003, S. 352, und vgl. Marx ,1995, S. 74).

Wenn man von der immer intensiver werdenden Pflege der Großeltern-Enkelkind-Beziehungen spricht, ist in diesem Zusammenhang nicht zu missachten, dass die Kommunikationsformen während des 18. Jahrhunderts dabei einen großen Stellenwert hatten. Das funktionierende Postwesen hat einen erheblichen Teil dazu beigetragen, dass die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern stabil gehalten werden konnten. Im 20. Jahrhundert wurde dies nochmals untermauert durch das Telefon und neuerdings auch durch das Internet. Die steigende Lebenserwartung im Alter und die Tatsache, dass die Menschen wieder in jüngeren Jahren heiraten, lässt Familienkonstellationen entstehen, die noch vor 100-200 Jahren undenkbar gewesen wären. Teilweise leben bis zu vier Generationen einer Familie gleichzeitig. „In vielen europäischen Industrienationen sind gegenwärtig bereits mehr als 25 % aller über 65 jährigen Personen auch Urgroßeltern“ (Chvojka, 2003, S. 353). Dieser Behauptung hält Sommer-Himmel (2001, S.54) entgegen, dass obwohl die Lebenserwartung der Menschen immer weiter ansteigt, nur zwei Drittel der über 70 jährigen Großmütter sind. Als Begründung merkt die Autorin die kriegsbedingte Schwierigkeit einer Familiengründung dieser Generationen an.

Daraus ergibt sich, dass sich die Rolle der Großeltern verändert hat. Sie übernehmen häufig die Betreuung der Enkelkinder, vor allem dann, wenn die eigenen Kinder noch erwerbstätig sind. Die Ausdehnung der Großeltern-phase hat noch eine weitere Folge, die berücksichtigt werden muss: Junge Großeltern sind in den ersten Jahren nach der Geburt des Enkelkindes noch berufstätig und haben somit weniger Zeit ihre neu erworbene Freiheit selber zu gestalten. Nicht selten sind es auch die eigenen Eltern der Großeltern, die noch ein hohes Maß an Pflege bedürfen (Chvojka 2003, Marx, 1996). In der frühen Neuzeit waren die Großeltern dem entgegen mit ihrer eigenen Elternrolle ausgefüllt, wohingegen Großeltern seit dem späten 18. Jahrhundert den Enkelkindern mehr und mehr Aufmerksamkeit schenken. „In diesem Zusammenhang kann man neuerdings von einer ´familialen Mehrfachbelastung´ sprechen“ (Chvojka, 2003, S. 354). Der Autor merkt an, dass diese „Mehrfachbelastungen“ in der Regel ausschließlich von Frauen getragen werden.

Chvojka (2003) lässt einen Ausblick in die Zukunft zu und prognostiziert, dass das Vier-Generationen-Modell auf Dauer keinen Bestand hat, da bei ansteigendem Heiratsalter die damit verbundene „Reproduktion“ wieder abnehmen wird, so dass in einigen Jahren die Zahl der Urgroßelternschaften deutlich weniger werden wird. Meines Erachtens können hierfür mögliche Gründe sein, dass das allgemeine Leben immer teurer wird und die finanziellen Spielräume vieler Familien sehr begrenzt sind. Hinzu kommt die Tatsache der zunehmenden Individualisierung der Lebensformen und Vorstellungen, die sich zum Beispiel darin äußern, dass die Menschen andere Ansichten von Beziehungsführung- und gestaltung haben. Die klassische und traditionelle Vorstellung von Ehe wird nunmehr abgelöst von ständig wechselnden Beziehungs- und Lebensabschnittsgefährten. Dieses Faktum lässt nachvollziehen, warum die Bereitschaft zur Heirat rückläufig wird und warum im umgekehrten Fall, die Anzahl der Ehen, die wieder geschieden werden, zunehmen. Die aktuelle Statistik untermauert den Rückgang der Vier-Generationen-Modelle: 1. durch den Geburtenrückgang: Jede Frau bekommt im Durchschnitt nur noch 1.3 Kinder (vgl. Statistisches Bundesamt, aktualisiert am 01.12.04) und 2. durch den Wiederanstieg des Heiratsalters: Das Heiratsalter der Männern liegt derzeit bei 32 Jahren und das der Frauen bei 29 Jahren (vgl., ebd. Aktualisiert am 17.06.05).

Selbstverständlich ist nicht die Anzahl der noch lebenden Großeltern ein Prüfstein für die Qualität der Großelternrolle. In den folgenden Kapiteln soll aufgezeigt werden, dass „Norm und Realität der Großelternschaft auch in Zukunft in erster Linie von sozialen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen geprägt“ ist (Chvojka, 2003, S. 355).

2.3 Alter und Altern

Bei näherer Betrachtung des Begriffs „Alter“ stellt man fest, dass auf den älteren Menschen und die Konsequenz des Altwerdens ein besonderes Augenmerk gerichtet wird. Der Begriff „Alter“ umschreibt eine besondere Lebensperiode, die willkürlich mit dem Eintritt in den Ruhestand - definiert durch die Alterssicherungssysteme - in Verbindung gebracht wird und somit eine Altersgrenze darstellt. Sommer-Himmel (2001) bekräftigt, dass die gesellschaftliche Entpflichtung das Hauptmerkmal des Ruhestandes darstellt. Diese Altersdefinition ist vor allem für Männer und deren Erwerbsarbeit von Bedeutung, aber durch die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen, trifft diese Altersgrenze nun auch auf sie zu. Laut Statistik werden in Deutschland Personen ab dem 60. Lebensjahr zu den alten Menschen gezählt (vgl., ebd.). Die Lebenserwartung der Männer beträgt ab dem 60. Lebensjahr weitere 24 Jahre und die der Frauen erweitert sich um 28 Jahre (vgl. Statistisches Bundesamt, 2003). Dadurch dass ältere Menschen nach dem Eintritt in die Altersrente nicht mehr an Produktions- und Reproduktionsprozessen teilnehmen, werden sie als nicht mehr leistungsfähig und damit als nicht mehr nützlich eingestuft (vgl., ebd.). Senioren sind nach Meinung der Autorin von allen gesellschaftlichen Verpflichtungen und Verantwortungen entbunden. Diese Anmerkung stützt die Aussage von Marx (1996) im Kapitel 2.1, in dem sie betont, dass die Großelternrolle wenig vorgeschrieben und unstrukturiert ist und jederzeit ersetzbar (in Bezug auf die Kindererziehung) durch die leiblichen Eltern ist. Der gewöhnliche Alterungsprozess, ohne das Auftreten altersbedingter Krankheiten, hat Veränderungen zur Folge, die sich in der Reduktion von allgemeinen, körperlichen und seelischen Leistungsgrenzen bemerkbar machen. Bei diesem Vorgang sind selbstverständlich große individuelle Unterschiede festzustellen, die unmittelbar mit allen Bereichen der Lebensführung zusammenhängen (vgl. Sommer-Himmel, 2001).

Die Autorin stellt als positive Seite des Alters fest:

- Entlastung von Verpflichtungen (d. h. freie Zeiteinteilung, mehr Ruhe, Unabhängigkeit, kein Stress, weniger Belastungen)

Die negativen Aspekte des Altwerdens sind dagegen:

- Gesundheitliche Probleme, Partnerverlust, Alleinsein, Einsamkeit, zuwenig Geld durch die immer geringer werdende Rente

Diese positiven und negativen Aspekte des Alterns werden u.a. durch bestimmte Einflüsse (z. B. die Medien) mitgeprägt. In meinen Augen stellt sich auch die Frage, ob die Assoziationen über das Alter der wahrgenommenen Realität entsprechen, denn nicht jeder betagte Mensch ist zufrieden mit der Entbindung von Verantwortung und Verpflichtungen. Für manche Menschen beginnt gerade jetzt eine Art „Lebenskampf“, der oftmals schwierig zu überwinden ist. Das Zutreffen der o.g. positiven und negativen Altersaspekte, hängt im hohen Maße von der bisherigen Lebensführung des Individuums ab. Zum Abschluss des Kapitels umschreibt ein Zitat von Sommer-Himmel, wie man im Alter ein hohes Maß an Lebenszufriedenheit erreichen kann: „Gutes und erfolgreiches Altern liegt dann vor, wenn im Durchschnitt, bei gleichzeitiger Minimalisierung von körperlicher, mentaler und sozialer Gebrechlichkeit beziehungsweise deren psychischer Bewältigung (Coping), immer länger gelebt wird. Mehr Jahre und mehr Lebensqualität sind die übergreifenden Suchkriterien“ (ebd., 2001, S. 18).

2.3.1 Das Alter und Geschlecht der Großeltern

Der Strukturwandel des Alters hat zu einer Verjüngung heutiger älterer Menschen geführt. Alte Menschen werden zwar kalendarisch nicht jünger, sind aber heute bezüglich ihres gesundheitlichen Zustandes, ihrer psychophysiologischen Befindlichkeit und ihrer Kompetenz und Leistungsfähigkeit „relativ jünger“ als ihre Vorgänger-Generationen (vgl. Prahl / Schroeter, 1996, S. 104 f). Im Kapitel 2.1 ist bereits betont worden, dass das Alter beim Großelternwerden zur heutigen Zeit etwa im 6. Lebensjahrzehnt liegt. Die 80 jährigen leben heute überwiegend in dem Zustand, der dem der 60 jährigen im letzten Jahrhundert entspricht. Olbrich (1997, S. 176) führt einige Gründe dafür an, die sich auf die westlichen Standards beziehen: effiziente Hygienemaßnahmen, hohes Gesundheitsniveau, wirtschaftliche Anstrengungen zur Sicherung von Nahrung, adäquate Wohnungen, gute klimatische Verhältnisse, wissenschaftliche und technische Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit am Arbeitsplatz, Beiträge zu Versicherungen und vieles andere mehr sichern den Menschen ab.

Apostel (1989, S. 38) stellt heraus, dass jüngere Großeltern den Kontakt zum eigenen Enkelkind eher meiden bzw. eine distanziertere Beziehung bevorzugen, um nicht mit dem eigenen fortgeschrittenen Alter konfrontiert zu werden. Wieners (2002, S. 227) hält dieser Äußerung entgegen, dass der Kontakt zu jüngeren Großmüttern meist intensiver als zu älteren ist. Diese Aussage wird nicht weiter erklärt, bis auf die Tatsache, dass Großeltern mit nur einem Enkelkind, engagierter an die Großelternrolle herantreten, als Großeltern mit mehreren Enkelkindern. Ältere Großeltern pflegen den Kontakt sehr gerne. Marx (1996) unterscheidet hierbei das Alter der Enkelkinder, indem sie festhält, dass ältere Großmütter, die relativ junge Enkelkinder haben und dabei eine größere Verantwortung bei der Übernahme der Fürsorge für ihre Enkelkinder zeigen, eine hohe Zufriedenheit bei der Ausübung der Großelternrolle ausdrücken. Jüngere Großeltern weisen eine größere Variationsbreite in Bezug auf die verschiedenen Großelternstile (siehe Kapitel 3 ff) auf. Die jüngere Generation wäre demnach eher den „Spaßsuchern“ und die ältere eher den „formalen und distanzierten“ Stilen zuzuordnen (vgl. Apostel, 1989). Höpflinger (2004, S. 3) äußert in Bezug auf das Alter der Enkelkinder, dass sich die Kontakte und die Aktivitäten zwischen Großeltern und Enkelkindern oft mit dem Heranwachsen der Enkelkinder vermindern. Neben der Ablösung von den Eltern, empfinden die Teenager zum Zeitpunkt der Pubertät, auch eine Loslösung von der Großeltern-Generation. Der Autor behauptet, dass sich die meisten Aktivitäten zwischen Großeltern und ihren Enkelkindern ergeben, wenn die Enkel im Alter zwischen sieben und elf Jahren sind. Apostel (1989) behauptet, dass die Beziehungsform auch entscheidend von der Art der Bedürfnisse zwischen den Generationen mitbestimmt wird. Konkurrieren die Bedürfnislagen miteinander, beeinflusst das die Intensität der Beziehung. Festzuhalten ist, dass das Ansehen der Großelternrolle mit steigendem Alter zunimmt.

Fragt man nach den Einflüssen des Geschlechts von Großeltern auf die Beziehung zwischen ihnen und ihren Enkeln, ist vorab anzumerken, dass nur Untersuchungen mit Großmüttern durchgeführt wurden, Untersuchungen nur mit Großvätern sind rar. Altwerden ist in den heutigen modernen Gesellschaften mit einem starken Anstieg des weiblichen Bevölkerungsanteils verbunden. Je höher das Lebensalter, desto größer ist der Frauenanteil in der jeweiligen Altersgruppe. Die „demographische ´Schere´ zwischen Männern und Frauen klafft immer weiter auseinander. Prognosen weisen (...) darauf hin, dass nach der Jahrtausendwende der Anteil der Männer wieder steigen wird, weil dann die Folgen beider Weltkriege allmählich ausgeglichen sein werden“ (Prahl / Schroeter, 1996, S. 111). Signifikant ist, dass sich die Großmütter eher als Ersatzeltern für ihre Enkelkinder erleben als die Großväter. Die Großmütter vermitteln eher soziale und moralische Werte, während die Großväter die Funktion der Wissensvermittler übernehmen und ihren Enkeln Ratschläge erteilen (vgl. Apostel 1989). Die Autorin hält fest, dass „Großmütter eine engere und affektivere Beziehung zu ihren Enkeln pflegen“ und gibt an, dass „Großmütter eher als Großväter eine herzlichere und wärmere Beziehung zu ihren Enkeln haben“ (Apostel, 1989, S. 40). In einem Zeitungsartikel des Kölner-Anzeigers wird dem widersprochen. Es wird zwar bestätigt, dass die Lebenswelt von Kleinkindern (u.a. durch die Mütter und den Erzieherinnen in den Kindergärten) nach wie vor weiblich geprägt ist, jedoch nehmen Großväter gegenüber ihren Enkelkindern eine immer wichtigere Rolle ein. „Für die Identitätsfindung können Großväter entscheidende Impulse geben. [...] Großväter (bieten) ein wichtiges männliches Korrektiv“ (Kölner Stadt-Anzeiger, Nr. 96, Äußerung von Psychologin Beate Schwarz). Viele Großväter sind geprägt durch ein traditionelles Vater- bzw. Männerbild welches autoritäres Verhalten und vor allen Dingen Strenge impliziert. Die heutigen Großväter sind darum bemüht, traditionell Frauen zugeordnete Aspekte, wie zum Beispiel Fürsorge und Anteilnahme, zu vermitteln und zu fördern (vgl. Kölner Stadt-Anzeiger). Wieners (2002, S. 227 und Dümmler, 1997, S. 78) tragen zu diesem Aspekt bei, dass in der Kernfamilie der Kontakt zu den Großeltern mütterlicherseits am stärksten ausgeprägt ist und dass diese Großmutter oftmals die „Lieblingsoma“ darstellt. Der Kontakt zu den Großeltern väterlicherseits nimmt gleichzeitig ab. Marx (1996) und Fabian (1994) heben in diesem Punkt ebenfalls hervor, dass bei einer Scheidung der Töchter die Beziehungen der Großeltern zu ihren Enkeln erhalten bleiben oder sich sogar vergrößern. Marx (1996) geht davon aus: „Bei der Scheidung des Sohnes werden (sich die Kontakte) in der Quantität und auch in der Qualität verringern [...]“ (ebd., S. 101).

Wie in vorherigen Kapiteln bereits angemerkt, sollen sich die Großeltern nach dem Eintritt in den Ruhestand, befreit vom Stress des Erwerbslebens fühlen, um ihre neuen Freiheiten zu genießen. Frauen jedoch gehen weiterhin auf die Bedürfnisse anderer ein, ehe sie die Zeit genutzt haben sich auf ihre eigenen Bedürfnisse zu konzentrieren (z. B. wenn die eigenen pflegebedürftigen Eltern im selben Haushalt leben). Die Autorin stellt in Frage, ob sich diese Tatsache nicht in unterschwelliger Unzufriedenheit seitens der Großmütter äußert. An diesem Punkt stellt sich für mich die Frage, ob sich diese mögliche Unzufriedenheit der Großmütter ausschließlich in der Beziehung zu ihren Enkeln niederschlägt, sondern meines Erachtens ist es sehr wahrscheinlich, dass das Verhältnis zwischen Großmutter und Großvater gleichermaßen darunter leidet. Sommer-Himmel (2001) merkt an, dass es für die Großeltern problematisch sein kann, wenn sie ihrer Rolle erst einige Jahren nach dem Eintritt in die Altersrente begegnen. Es ist zwar möglich, dass ihnen die Wahrnehmung der Betreuungsaufgaben leichter fällt, jedoch wohnt der späten Großelternschaft das Problem inne, dass altersbedingte Behinderungen und Krankheiten die gemeinsamen Aktivitäten mit den Enkelkindern einschränken oder gar verhindern können. Ein weiterer Grund für die intensivere Beziehung von Großmüttern zu ihren Enkeln ist die bessere Informiertheit über Familienereignisse und die stärkere Integration von Großmüttern in den Familienverband (vgl. Apostel, 1989).

Diese Ausführungen zeigen, dass es keine eindeutigen Fakten über das Verhältnis vom Geschlecht der Großeltern und der Intensität von Großeltern-Enkel-Beziehungen gibt. Dennoch vertrete ich die Meinung, die auch schon im Kapitel 2.1 vorkommt, dass sich die Frauen eher mit der Rolle der Großmutter identifizieren können, weil diese Rolle an die eigene Mutterrolle anknüpft und damit ähnliche Rechte und Pflichten verknüpft sind, insbesondere wenn Großeltern tatsächlich als Ersatzeltern auftreten. Marx (1996, S. 75) weist ebenfalls auf die geschlechtsspezifische Differenzierung der Großelternrolle hin. Die Rolle der Großmutter kann nach dem Dafürhalten der Autorin als instrumentell angesehen werden, da sie an die Hausfrauen- und Mutterrolle anknüpft. Die Rolle des Großvaters hat eher einen „residualen“ Charakter, weil sie neben der Arbeit stattfindet. Höpflinger (2004) betont in diesem Zusammenhang, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede mitunter darin begründet sind, dass Männer im allgemeinen später eine Familie gründen als Frauen und gleichzeitig häufiger früher sterben. Aus diesem Grund können Großmütter ihre Enkelkinder länger erleben als die Großväter. Ob das Alter der Enkel für die Beziehungsgestaltung zwischen Großeltern und Enkelkindern relevant ist, klärt das folgende Kapitel.

2.3.2 Das Alter der Enkelkinder

Vorab ist zu bemerken, dass bislang nur unzureichende Daten über die gegenseitige Beziehung zwischen Großeltern und Enkelkindern in Verbindung mit ihrem Alter bestehen. Kahana/Kahana bringen in ihrer Studie von 1970, die sich in Marx (1996), Apostel (1989) und Wieners (2002) wiederfindet, zum Ausdruck, dass Kinder unterschiedlicher Altersgruppen den Großeltern unterschiedliche Bedeutungen beimessen. Es ist bekannt, dass die Großeltern den Kindern solange sie klein sind, gerne Geschenke machen. Kleine Kinder genießen diese Zeichen der Zuneigung, wenn die Kinder jedoch älter werden, schätzen die Enkel eher die Beteiligung der Großeltern an diversen Aktivitäten. Wenn die Großeltern dann dazu neigen ihren „alten“ Beziehungsstil beizubehalten, ist es möglich, dass die Beziehung zwischen den Generationen abnimmt und die Distanz wächst (vgl. Schwob, 1988, S. 78). Laut Kahana/Kahana schätzen fast alle Kinder der verschiedenen Altersgruppen die Beziehung zu den Großeltern als wichtig und wertvoll ein. Die Beweggründe der Kinder für diese Beurteilung sind verschieden. Die vier- bis fünfjährigen schätzen es von ihren Großeltern verwöhnt zu werden, während die acht- bis neunjährigen viel Freude an den Unternehmungen mit ihren Großeltern haben. Elf- bis zwölfjährige hingegen wünschen sich ein distanzierteres Verhältnis. Apostel (1989, S. 20) und Marx (1996, S. 110) berichten etwas weiter formuliert, dass sich Kinder im Alter von bis zu zehn Jahren ganz besonders eng mit ihren Großeltern verbunden fühlen. Die Enkel erleben die Großeltern in der Kindheit eher kindzentriert und in der Jugendzeit eher empathisch. Wieners betont (2002, S. 227), dass sich mit zunehmendem Alter der Enkelkinder die Kontakte zu den Großeltern reduzieren.

Allgemein wird von Kahana/Kahana (1970) betont, dass die Beziehung zwischen den beiden Generationen umso positiver ausfällt, je größer die Übereinstimmung der Bedürfnislage beider Altersklassen ist. Dieser These schließt sich auch Apostel (1989) an. Nach Kennedy (1992, in Marx, 1996), unterliegen die sogenannten „Sandwich Kinder“, d.h. die Enkel, die von der Geburtenfolge in der Mitte liegen, dem Risiko von den Großeltern übersehen werden. Die Studie filtert ebenso heraus, dass die Beziehung zwischen Großeltern und Enkelkindern in der Zeit vor dem Pubertätsbeginn, eher durch Hilfeleistungen seitens der Großeltern an ihre Enkelkinder gekennzeichnet ist. Hoffmann (1980, in Marx, 1996) hat in einer Studie herausgefunden, dass sich die Beziehung zwischen den Generationen signifikant verändert, wenn die Enkel das Jugendalter erreichen. In dieser Zeit findet die größte emotionale Distanzierung von den Großeltern statt. Der Autor dieser Studie benennt als möglichen Grund, dass die Großeltern bereits einige Jahre das Aufwachsen ihrer Enkel miterlebt haben und sie ebenfalls älter geworden sind und sich die Großeltern nun reservierter ihren Enkelkindern gegenüber verhalten. Die eben bereits erwähnten Hilfeleistungen von den Großeltern an die Enkelkinder verlagern sich in der Pubertät genau entgegengesetzt. Dann werden die Enkel gebeten für die bereits älter gewordenen Großeltern ein paar Erledigungen zu machen etc. Dieser „Rollentausch“ trägt dennoch dazu bei, dass die Beziehung zwischen den Generationen aufrecht erhalten wird (vgl., Marx, 1996). Meiner Ansicht nach hat die Distanzierung zwischen den beiden Parteien mit dem Eintritt in die pubertäre Phase der Enkelkinder auch etwas mit der Ausweitung der Interessen von Jugendlichen zu tun. Die Heranwachsenden befinden sich während der Pubertät in einem Prozess der Abnabelung vom Elternhaus, knüpfen neue Freundschaften, pflegen Hobbies etc. Die Peer Group gewinnt meiner Erfahrung nach in diesem Alter mehr an Bedeutung. Marx, (1996) betont an dieser Stelle: „Beziehungen zu den Großeltern in der Kindheit unterscheiden sich qualitativ von späteren Großeltern-Beziehungen in der Jugendzeit (ebd., S. 111). Es ist richtig, dass in der Jugendzeit von einer etwas veränderten Großeltern-Enkel-Beziehung die Rede ist. Dennoch ist letztlich in einer Studie von Miller (1990, in Marx 1996, S. 111) untersucht worden, wie eng die Beziehungen von erwachsenen Enkeln zu ihren Großeltern ist. Marx (1996) fasst zusammen, dass die Enkelkinder im Erwachsenenalter ihre Beziehung zu den Großeltern nicht beendet haben und sie diese auch nicht nur aufrechterhalten auf Grund von Pflichtgefühl und Ritual oder des Respekts gegenüber der Familie, sondern dass den Großeltern im Laufe des Lebens von den Enkeln immer mehr Achtung beigemessen wird. Allgemein kann man Apostel (1989) Recht geben, dass in allen Lebensphasen des Enkelkindes der Beziehungen zu den Großeltern eine große Bedeutung zukommt, und zwar ohne einen relevanten Bezug zu dessen Lebensalter.

2.3.3 Der Einfluss des Kontaktes und der räumlichen Distanz

Sommer-Himmel (2001) betont zu Anfang des Kapitels, dass das Erleben der Großelternrolle nicht nur unmittelbar mit der Zufriedenheit des bisherigen Lebens zusammenhängt, sondern direkt auch mit der eigenen Lebensgestaltung, mit dem eigenen Lebensalter, sowie mit der Anzahl der Enkelkinder und deren Lebensalter, als auch mit der räumlichen Entfernung zur Kernfamilie.

Die geographische Mobilität von Arbeitskräften ist für eine größere räumliche Distanz zwischen Großeltern und Enkelkindern verantwortlich. Außerdem haben sich die gegenseitigen Verpflichtungen zwischen älteren Menschen und ihren Kindern gelockert, insbesondere die materielle Unabhängigkeit verändert die Aufgaben, welche die Familien für die älteren Menschen übernehmen, als auch die Aufgaben, welche die Älteren für die Familie erfüllen (vgl. Fabian, 1994, S. 384). Der Autor vertritt die These, „dass Großeltern heutzutage weniger in materieller Hinsicht, sondern eher im Bereich der Befriedigung emotionaler Bedürfnisse und für die Aufrechterhaltung von Familientradition eine Bedeutung für die Kleinfamilie haben“ (ebd., S. 384).

[...]


1 Seit 1998 ist das neue Kindschaftsrecht umfassend reformiert worden. Das Recht verfolgt zwei Hauptzielrichtungen: 1. Kinder dürfen nicht unter der Entscheidung ihrer Eltern für oder gegen eine bestimmte Lebensform leiden. 2. Die Rechte von Kindern und Eltern wurden gestärkt, staatliche Eingriffe in die Elternautonomie auf das erforderliche Maß beschränkt. Im Zentrum des Kindschaftsrechtreformgesetzes steht die Neuregelung der elterlichen Sorge und des Umgangsrecht. Darüber hinaus werden auch andere wichtige Bezugspersonen wie Großeltern und Geschwister ein Umgangsrecht haben, wenn dies dem Wohl des Kindes dient (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Stand: 01.06.04).

2 Der Begriff „Double-Bind“ entstammt einer Theorie aus der Sozialpsychologie. Damit ist gemeint, dass Mitteilungen auf zwei Ebenen (meist der Inhaltsebene denen auf der Beziehungsebene) sich widersprechen können. Dies führt bei dem Adressaten, der eine solche doppelte Handlungsweisung erfährt, zu einer Aporie, also Ratlosigkeit. Double-binds sind demnach Kommunika-tionsformen, die beim Empfänger sogenannte kognitive Dissonanzen verursachen.

3 Chvojka bezieht sich in seinen Untersuchen ausschließlich auf Ergebnisse aus der mittel- und westeuropäischen Gesellschaft.

4 Die Kernfamilie gilt in der Soziologie als Lebens- und Reproduktionsgemeinschaft von Mutter, Vater und Kind(ern). Die Kernfamilie gilt heute als die kleinste soziale Zelle und Basis einer Gesellschaft, in der nicht nur die biologische, sondern auch die soziale Reproduktion stattfindet. Die Kernfamilie ist in den westlichen Gesellschaften die am weitesten verbreitete Form der Familie.

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Großeltern als Ersatzeltern für Kinder aus Scheidungsfamilien
Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
104
Katalognummer
V44596
ISBN (eBook)
9783638421676
Dateigröße
1081 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Großeltern, Ersatzeltern, Kinder, Scheidungsfamilien
Arbeit zitieren
Nadine Hahn (Autor), 2005, Großeltern als Ersatzeltern für Kinder aus Scheidungsfamilien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44596

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