Die von Elisabeth Noelle-Neumann seit Beginn der 1970er Jahre entwickelte Theorie der Schweigespirale stellt eine Konzeption der sog. öffentlichen Meinung1 dar, die „gleichzeitig einer empirischen Überprüfung zugänglich zu machen“ (Donsbach 1987: 324) ist. Angesichts des hohen wissenschaftlichen Anspruchs, den der Versuch einer empirischen Untermauerung einer Konzeption des - für sich betrachtet eher vage anmutenden (vgl. Noetzel 1978: 217) - Begriffes der öffentlichen Meinung verkörpert, überrascht es kaum, dass die Theorie in den Folgejahren ausgesprochen kontrovers diskutiert wurde. Insbesondere für Medienwirkungsforscher stellte die Losung „Return to the Concept of Powerful Mass Media“2 eine Herausforderung dar, sich intensiv mit den Annahmen und Folgerungen der Theorie auseinander zu setzen.
Im folgenden soll daher die Frage nach dem Prozess der Meinungsbildung in der Mediengesellschaft in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses gestellt werden. Im Rahmen der Untersuchung soll dabei von den Prämissen und Methoden der Theorie der Schweigespirale, wie sie von Noelle-Neumann aufgestellt bzw. wie sie zur empirischen Überprüfung der Theorie konzipiert wurden, ausgegangen werden. Des weiteren richtet die Arbeit das Augenmerk auf den zeitgeschichtlichen Kontext und den kommunikationswissenschaftlichen Hintergrund der Annahmen der Theorie.
1 Den Charakter der Theorie als solche der öffentlichen Meinung hebt Noelle-Neumann wiederholt allein durch die Wahl entsprechender Titel ihrer Abhandlungen hervor: vgl. Noelle-Neumann 1974 sowie 1979 und 2001.
2 Titel eines Aufsatzes, den Noelle-Neumann 1973 veröffentlichte: vgl. dies. 1973a
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Relevanz des Forschungsgegenstandes
1.2 Ziel und Struktur der Untersuchung
2. Theoretische und empirische Aspekte der Theorie der Schweigespirale
2.1 Das Meinungsklima als kommunikationswissenschaftliches Phänomen
2.2 Theoretische Grundlagen und Hypothesen
2.3 Demoskopische Untersuchungsmethoden
3. Kritische Auseinandersetzung
3.1 Theoretische Kritik
3.2 Empirischer Bestätigungsgrad
4. Schlussbetrachtung
4.1 Bewertung des Verdienstes um die in den Mittelpunkt der Untersuchung gestellten Fragen
4.2 Ausblick auf die zukünftige Bedeutung in der Kommunikationswissenschaft
5. Quellennachweis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Prozess der Meinungsbildung in der Mediengesellschaft unter besonderer Berücksichtigung der Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann. Ziel ist es, die theoretischen Fundamente und die empirische Anwendung der Theorie kritisch zu reflektieren, wobei ein Fokus auf die Deutung der Bundestagswahl 1976 durch die Medienwirkungsforschung liegt, um Erkenntnisse über die Rolle von Massenmedien und die Möglichkeiten individueller Meinungsbildung zu gewinnen.
- Theoretische Grundlagen und Hypothesen der Schweigespirale
- Methoden der empirischen Überprüfung (z.B. Eisenbahntest)
- Kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Theorie
- Analyse der Rolle des Mediensystems und journalistischer Selektionsprozesse
- Bewertung der Medienwirkung auf das Wahlverhalten
Auszug aus dem Buch
2.2 Theoretische Grundlagen und Hypothesen
Die Theorie der Schweigespirale steht in der philosophiegeschichtlichen Tradition insbesondere Tocquevilles, in deren Schilderung des Niedergangs der französischen Kirche während der Französischen Revolution Noelle-Neumann eine Beschreibung des Prozesses der Schweigespirale entdeckt zu haben glaubt:
„...da sie [die Kirchentreuen; Anm. d. Verf.] die Absonderung mehr als den Irrthum fürchteten, so gesellten sie sich zu der Menge, ohne wie diese zu denken.“ (zit. nach Noelle-Neumann 1979: 169).
Noelle-Neumann deutet diese Isolationsfurcht des Individuums sozialpsychologisch, indem sie sich auf die experimentellen Ergebnisse von Asch und Milgram zum Konformitätsverhalten in Gruppensituationen stützt:
„Wichtiger als das eigene Urteil ist dem Individuum, sich nicht zu isolieren. Dies ist anscheinend eine Konstante der menschlichen Natur, Bedingung menschlichen Zusammenlebens, es könnte sonst wohl ein hinreichender Zusammenhalt nicht erreicht werden.“ (a.a.O.: 172)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in den Forschungsgegenstand ein, thematisiert die Relevanz der Theorie der Schweigespirale für die Medienwirkungsforschung und skizziert das Ziel sowie den Aufbau der Arbeit.
2. Theoretische und empirische Aspekte der Theorie der Schweigespirale: Hier werden die Entstehungsgeschichte, die zentralen psychologischen und soziologischen Hypothesen sowie die methodischen Ansätze zur empirischen Überprüfung der Theorie dargelegt.
3. Kritische Auseinandersetzung: In diesem Kapitel erfolgt eine wissenschaftliche Reflexion, in der die theoretischen Annahmen sowie der empirische Bestätigungsgrad der Theorie der Schweigespirale hinterfragt werden.
4. Schlussbetrachtung: Dieses Kapitel bewertet die wissenschaftlichen Verdienste der Theorie, fasst die Erkenntnisse zusammen und wagt einen Ausblick auf die zukünftige kommunikationswissenschaftliche Forschung.
5. Quellennachweis: Dieses Kapitel listet die für die Arbeit herangezogene Literatur sowie die verwendeten Internetquellen auf.
Schlüsselwörter
Schweigespirale, Elisabeth Noelle-Neumann, Medienwirkung, Öffentliche Meinung, Isolationsfurcht, Meinungsklima, Massenmedien, Redebereitschaft, Bundestagswahl 1976, Konformitätsverhalten, Eisenbahntest, Journalismus, Politische Kommunikation, Meinungsbildung, Demokratie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann und analysiert deren Erklärungsansatz für die Wirkung von Massenmedien auf die öffentliche Meinung und das individuelle Wahlverhalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen gehören die Isolationsfurcht als menschliche Konstante, die Funktion der Massenmedien als Integrations- und Artikulationsinstanz, journalistische Selektionsprozesse sowie die empirische Überprüfbarkeit der Theorie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel besteht in einer kritischen Reflexion der Theorie der Schweigespirale, um den Prozess der Meinungsbildung in der Mediengesellschaft besser zu verstehen und den Erkenntniswert der Theorie für die Kommunikationswissenschaft einzuordnen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden in der Arbeit diskutiert?
Die Arbeit diskutiert insbesondere demoskopische Untersuchungsmethoden, die von Noelle-Neumann verwendet wurden, wie den „Eisenbahntest“ zur Messung der Redebereitschaft und Panelbefragungen zur Überprüfung von Kausalzusammenhängen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Fundamente und Hypothesen, die Beschreibung der eingesetzten empirischen Methoden sowie eine umfassende kritische Auseinandersetzung mit der Theorie aus kommunikations- und handlungstheoretischer Sicht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Schweigespirale, Medienwirkung, Isolationsfurcht, Öffentliche Meinung, Meinungsklima, Eisenbahntest und politische Meinungsbildung.
Warum spielt die Bundestagswahl 1976 in der Arbeit eine so große Rolle?
Die Wahl von 1976 dient als prominentes Anwendungsbeispiel, an dem Noelle-Neumann ihre Thesen zur verzerrten Fernsehberichterstattung und deren Einfluss auf das Wahlergebnis exemplifizierte, was in der Fachwelt zu einer intensiven, teils kontroversen Debatte führte.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Journalismus?
Die Autorin diskutiert die von Noelle-Neumann aufgeworfene Problematik der „blockierten Kommunikation“, bei der die politische Homogenität der Journalisten dazu führen könne, dass bestimmte Standpunkte in der Berichterstattung unterrepräsentiert bleiben.
- Quote paper
- Natalie Jurewitz (Author), 2004, Die Theorie der Schweigespirale, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44601