Der osmanische Einfluss auf die europäische Renaissance

Die Osmanen als Sündenböcke Europas?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.2 Die Angst vor dem Fremden in Europa
2.3 Europa und der Türkenpropaganda
2.4 Die Türken und der Humanismus
2.5 Die Suche nach der europäischen Identität

3. Fazit

4. Bibliografie 15

Wol auf in gottes nam und kraft mit sand Jorgen ritterschaft wider die Turkenlesterei got der will uns selber besen bei, das wir si überwinden.“

Bathasar Mandelreiß, Dichter der „Türkenschrei“[1]

Die Osmanen – Sündenböcke Europas?

1.Einleitung:

Seit 1453 wurde es deutlich: Die Christen waren nicht mehr die Einzigen, die die Politik,

Gesellschaft und die Geografie Europas bestimmten. Neben ihren Konflikten mit den Königs häusern und Fürstentümern, sowie inner-religiösen Auseinandersetzungen, bekamen die euro päischen Christen einen neuen Feind: die Osmanen.

Für die Europäer waren die Osmanen eine Gefahr für das Christentum und ließen sich durch den Fall Konstantinopels und die Zerstörung des Byzantinischen Reiches bestätigen. Somit beschäftigten die Christen sich mit der Frage, wer die Osmanen, Türken oder Sarazenen waren und wie sie mit den Gefahren umgehen sollten. Eine andere Frage wäre die, wie die europäische Gesellschaft die Türken sah. Außerdem werde ich die Frage beantworten, welche Rolle das Osmanische Reich für die europäischen Identität und die Zeit der Renaissance spielte.

2. Hauptteil:

2.1 Die Angst vor dem Fremden in Europa:

Das Problem, womit sich die Christen in Europa konfrontiert sahen, war nicht nur der Expansionseifer der Osmanen, sondern das Unwissen über ihre Feinde. Zeitgenössischen Berichten zufolge wurden die Türken durch Mythen und Vermutungen beschrieben. Der Ulmer Dominikaner Felix Fabri zum Beispiel schrieb, dass die Türken aus dem Fall Trojas hervorgingen:

Nach dem Fall Trojas teilte sich dessen Bevölkerung und begab sich auf die Flucht. Der eine Teil wurde von Francus, dem Enkel von Priamus, angeführt und zog in jene Gegend, die heutzutage Franken genannt wird, […] und anschließend weiter ins gegenwärtige Frankreich. Die anderen Trojaner flohen unter der Leitung von Turcus, […], ins asiatische Skythien, wo sie […] ihr Leben fristen mussten.[2]

Danach beschrieb er, wie Turcus` Volk von Alexander dem Großen mit Unterstützung der jüdischen Stämme im Kaukasus unterdrückt wurde. Später sollte Machometus diabolus incarnatus (der Prophet Mohammed) mit Hilfe des Teufels dieses Volk geführt haben.[3]

Eine andere Quelle aus dem 13. Jahrhundert beschreibt den Propheten Mohammed als ehemaligen Kardinal von Rom, der aber sein Amt verließ, nachdem er nicht als Papst auserwählt wurde. Stattdessen gründete er eine Sekte.[4]

Was die christliche Bevölkerung in Europa nicht wusste, war die wahre Herkunft der Osmanen. Die Vorfahren der Osmanen stammten aus Zentralasien und lebten als Reiternomaden zwischen China und Persien. In der Spätantike entstanden dann Turkreiche wie die Göktürken, später die Karachaniden und die Seldschuken. Die Seldschuken konvertierten im 6. Jahrhundert zum Islam, was zum Beginn der islamischen Expansion in Vorderasien führte.

Im 6./7. Jahrhundert fand eine Völkerwanderung der Türken statt, deren Ziel Kleinasien sowie die Mittelmeerregionen waren. Durch die gewonnene Schlacht von Manizkert im Jahre 1071 festigten die Seldschuken ihr Reich in dem heutigen Anatolien. Die türkische Wanderung nach Anatolien fand vom 11. bis 13. Jahrhundert mit einer Unterbrechung durch die mongolischen Eroberungszüge unter Dschingis Khan statt. Erst im 15. Jahrhundert bildeten die Türken die Mehrheit in der Bevölkerung Kleinasiens.[5] All diese Entwicklungen waren den Europäern im Mittelalter nicht bewusst und weil sie bei den kriegerischen Auseinandersetzungen (Kreuzzüge) meistens mit den Seldschuken zu tun hatten, dachten viele Christen, dass der Islam eine „türkische Religion“ sei.[6]

2.2 Europa und seine Türkenpropaganda:

Nach dem Fall Konstantinopels schrieb der Dichter Balthasar Mandelreiß ein Lied gegen die drohenden Osmanen/Türken und appellierte an den europäischen Fürsten, dass sie gegen die Türken kämpfen sollten. Besonders berichtete er in seinem Lied über das Leiden der Griechen, nachdem ihr byzantinisches Reich gefallen war:

O Krichen, du warst ein edel land,/ die Türcken haben dich geschant/, dir genomen ein grossen hort,/ und manig mueter kind ermort/, beid reich und die armen. [7]

Weiterhin schrieb er, dass die Eroberung Konstantinopels für die Osmanen nicht reichte:

Der Türck hat das für sich genomen,/ er well zu uns gar nahent komen,/ er well gein Rome wol in die stat,/ ach edelen herren werdet zu rat,/ ob wir ins mochten erweren.[8]

Nach seinem Lied gründete Balthasar Mandelreiß den „Türkenschrei“, eine literarische

Bewegung zum Thema „Türkenbild in Europa“.

Der „Türkenschrei“ verbreitete sich nicht nur bei den christlichen Gelehrten und den Adeligen, auch die einfache Bevölkerung spürte die Angst vor der türkischen Invasion und hörte viele Schauergeschichten, wie die Türken Konstantinopel geplündert und die Christen dort ermordet hatten. Besonders die italienischen Quellen erzählten detailliert über die Gräueltaten der Türken.[9] Noch dazu entstand ein Theaterstück im Jahre 1455, indem es um den Sultan Mehmed II. ging. In diesem Stück sagte der Bote des Kaisers zu Mehmed II. :

Dein part wirt dir mit sichlen abgeschorn/ Und wirt dir dein antlitz mit essich gewaschen/ Und dir dar

ein saewen kal und aschen/ Das loch dir dein got nicht mag verstopfen.

Darauf die Nürnberger, die ihren Kaiser um Schutz vor den Türken baten:

Allerhoechster rex, allermaechtigster imperator/ Und aller Türken, Seraphei, heiden gubernator/ Und der naechst nach dem got Machmet,/ Wer wider eur keiserliche kron thet,/ Er war fürst, herr,bürger oder paur,/ Es muest im neuen mal werden zu saur./ Der unser geleit an euch zertrent,/ Und wer er kaiser zu Occident,/ Er war uns nicht zu ver gesessen,/Er muest ein saure suppen mit uns essen.[10]

Neben Balthasar Mandelreiß gehörte Hans Sachs zu den Dichtern der Türkenpropaganda, die in ihren Werken negative Türkenbilder entstehen ließen, damit die Bevölkerung, ja sogar die europäische Gesellschaft allgemein sich mit der türkischen Gefahr befassen konnte. In Sachs` Werken werden die Osmanen als blutrünstige Christenmörder und perfide Sadisten beschrieben. In diesem Gedicht geht es um die Schandtaten der Türken gegenüber Frauen:

Was er den selben abent

Weips-pild zv wegen pracht,

Mit den selben sie habent

Schentlich gethon die nacht,

Darnach die armen frawen

Hat di diranisch schar,

All lebendig zerhawen

Der doch ob dawsent war.[11]

(ca.1530)

Ein anderes Gedicht schildert einen ähnlichen Fall, der von Hans Guldenmundt beschrieben wurde:

Wir mammelucken,stradiothen,

Reytten in den strayffenden rotten,

Was wir fahen von meyd und frawen,

Ir kleyd wir ob dem knye abhawen,

Füren sie also mit uns weck,

Durch wasser, kott und dorenheck,

Also wir gros mutwillen treyben,

Mit jungfrawen und jungen weyben,

Die alten schlagen wir zu todt,

Dem Christen-glawben zu eim spot.[12]

(1530)

Gedichte wie diese zeigen, wie die europäischen Christen sich ihre Feinde vorstellten, die für sie fremd waren und sich von ihren „gewöhnlichen“ Feinden unterschieden. Wenn es um die Türken ging, hatte dies für die Europäer nichts mit königlichen Fehden zu tun, mit der sie sich jahrhundertelang beschäftigten, wie zum Beispiel die Fehden zwischen den Habsburgern und dem französischen Königreich oder mit dem Krieg zweier christlich orientierter Kontrahenten, wie zum Beispiel die Auseinandersetzungen zwischen der englischen und der französischen Krone. Es ging um das Fremde, dass den Europäern die Freiheit gab, über die Türken negativ zu urteilen. Neben den übertriebenen Darstellungen der türkischen Gräueltaten steckte viel Fantasie darin. Ihre Erzfeinde aus den Nachbarländern waren ihnen schon längst bekannt und sie gewöhnten sich an die ständig wieder aufflammenden Kriege und Fehden, aber die Türken waren anders. Außerdem nutzten die europäischen Herrscher sowie die christliche Obrigkeit das Türkenbild, um die Bevölkerung von ihren Fehlern abzulenken, wie zum Beispiel die Verschwendungssucht von Kaiser Maximilian I. und dessen erfolglose Schlachtzüge[13] sowie das Machtstreben der Familie Borgias.

[...]


[1] Cramer,Thomas: Die kleineren Liederdichter des 14. Und 15. Jahrhundersts, Bd. 2, München 1979, 276-285,Strophe1.

[2] Erkens, Franz-Reiner: Zeitschrift für historische Forschung. Europa und die osmanische Expansion im ausgehenden Mittelalter, geschr. Melville, Gerd, Berlin 1997, S. 81.

[3] Ebd.

[4] D`ancona, Alessandro: La leggenda di Maometto in Occidente, in: Giornale storico della letteratura italiana 13 (1889), S. 199-281.

[5] Kreiser, Klaus: Der Osmanische Staat 1300-1922, München, S.5.

[6] Siehe: Kaufmann, Thomas: Türckenbüchlein. Zur christlichen Wahrnehmung „türkischer Religion“ in Spätmittelalter und Reformation, Göttingen 2008.

[7] Thumser, Matthias: Türkenfrage und öffentliche Meinung. Zeitgenössische Zeugnisse nach dem Fall von Konstantinopel, hrsg, Erken, Franz-Reiner: Europa und die osmanische Expansion im ausgehenden Mittelalter, Berlin 1997, S. 59.

[8] Ebd. S. 59-60.

[9] Meuthen, Erich: Der Fall von Konstantinopel und der lateinische Westen, Mainz 1984, S. 35-60.

[10] Melville, Gert: Die Wahrheit des Eigenen und die Wirklichkeit des Fremden, hrsg. Erken, Franz-Rainer: Europa und die osmanische Expansion im Mittelalter, Berlin 1997, S. 81.

[11] Guthmüller,Bodo, Kühlmann,Wilhelm: Europa und die Türken in der Renaissance, Tübingen 2000, S.197.

[12] Guthmüller, Bodo, Kühlmann, Wilhelm: Europa und die Türken in der Renaissance, Tübingen 2000, S. 197.

[13] Fuchs,Franz: Osmanische Expansion und europäischer Humanismus. Akten des interdisziplinären Symposions vom 29. Und 30. Mai 2003 im Stadtmuseum Wiener Neustadt, Wiesbaden, 2005, S.1f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der osmanische Einfluss auf die europäische Renaissance
Untertitel
Die Osmanen als Sündenböcke Europas?
Hochschule
Universität Bremen  (Geschichtsinstitut Bremen)
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V446138
ISBN (eBook)
9783668831254
ISBN (Buch)
9783668831261
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Osmanisches Reich, Konstantinopel, Europäische Geschichte
Arbeit zitieren
Sara Tegge (Autor), 2012, Der osmanische Einfluss auf die europäische Renaissance, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446138

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