Dokumentarliteratur sei ein „Zwitterwesen“ zwischen Journalismus und Literatur, schreibt Nikolaus Miller in seiner Prolegomena. Ihre neuerliche Blüte in den 1960er Jahren hatte ihre Ursache in der zu der Zeit einsetzenden Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus (Auschwitzprozesse) und der Überzeugung, dass die Arbeiterschaft in der ‚bürgerlichen‘ Literatur nur ungenügend zu Wort gekommen sei.
Diese Arbeit untersucht Manfred Frankes Mordverläufe, ein Beispiel der Dokumentarliteratur, das ein Ereignis aus der Zeit des Nationalsozialismus zum Thema hat: die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 in einer rheinischen Kleinstadt. Im ersten Abschnitt soll der historische Ablauf dieser Nacht in Deutschland und in der Kleinstadt Hilden skizziert werden. Das zweite Kapitel befasst sich mit der Dokumentarliteratur im Allgemeinen und dem Roman Mordverläufe, der mit seinen literarischen Mitteln der Programmatik dieser Literatur folgt. Herkömmliches fiktionales Erzählen sei der unfassbaren Grausamkeit und Unmenschlichkeit der nationalsozialistischen Herrschaft nicht angemessen. Nur die getreue Wiedergabe der Dokumente ermögliche die angemessene Auseinandersetzung mit dieser Zeit. Es stellt sich hier die Frage, ob die Dokumente allein wirklich in der Lage sind, die ‚Wahrheit‘ ans Licht zu bringen. Franke verwendet über weite Strecken des Romans die Collage, um aus dem vorgefundenen Material weitere Erkenntnisse zu gewinnen; auch über das Erinnern und Vergessen der Täter in der Gerichtsverhandlung, der gewöhnlichen Hildener Bürger, die Zeuge wurden und dem eigenen Erinnern Frankes, der 1938 acht Jahre alt war.
Die Dokumentarliteratur der 1960er Jahre beansprucht für sich ein hohes Maß an Wahrhaftigkeit. Dies findet auch im häufigen Gebrauch des Protokollbegriffs seinen Ausdruck. Gleichzeitig tritt der Autor in den Hintergrund und behauptet für sich nur das Amt eines Protokollanten. In einem Widerspruch zum dokumentarischen Anspruch des Romans steht die Tatsache, dass Franke alle Personen mit einem Pseudonym versehen hat. Auch Hilden wird nicht namentlich erwähnt. Es war eine Forderung des städtischen Angestellten, der Franke nur unter dieser Bedingung die Gerichtsprotokolle zur Verfügung stellte. In dieser Arbeit werden ebenfalls die Pseudonyme des Romans verwendet, mit Ausnahme des ersten Kapitels über den historischen Hintergrund. Das letzte Kapitel schließlich beschäftigt sich mit der Rezeption der Mordverläufe.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Hintergrund
2.1. Die Reichspogromnacht vom 9.November 1938
2.2. „Judenaktion“ in einer Kleinstadt
3. Mordverläufe, ein dokumentarischer Roman
3.1. Nach Auschwitz kann man keine Gedichte mehr schreiben: Dokumentarliteratur der 1960er und 70er Jahre
3.2. Erinnern und vergessen
3.3. Literarische Mittel in Mordverläufe
3.3.1. Protokoll
3.3.2. Fiktion
3.3.3. Montage und Zitat
3.3.4. Zeuge und Erzähler
4. Veröffentlichungsgeschichte und Wirkung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den dokumentarischen Roman „Mordverläufe“ von Manfred Franke im Kontext der Dokumentarliteratur der 1960er und 70er Jahre, wobei sie analysiert, inwieweit literarische Montagetechniken und der dokumentarische Anspruch dazu beitragen können, die Ereignisse der Reichspogromnacht in einer Kleinstadt und das Problem der subjektiven sowie gesellschaftlichen Erinnerung darzustellen.
- Analyse der Dokumentarliteratur als „Zwitterwesen“ zwischen Journalismus und Fiktion.
- Untersuchung der historischen Ereignisse der Reichspogromnacht in Hilden.
- Diskussion der literarischen Montagetechnik als Mittel zur Annäherung an eine historisch-authentische Wahrheit.
- Reflektion über das Spannungsfeld zwischen Erinnern, Vergessen und dem „moralischen Zeugen“.
- Betrachtung der Rezeptionsgeschichte des Romans.
Auszug aus dem Buch
3.3.1. Protokoll
Zuerst soll geklärt werden, welche Bedeutung der Protokollbegriff im Roman hat. Eigentlich ist das Protokoll keine literarische Form. Es steht im Zusammenhang mit einer Institution. Es ist kein ‚Werk‘. Der Protokollführer ist kein Autor. Er erfüllt eine Funktion. Der Ablauf oder das Ergebnis einer Besprechung, einer Verhandlung oder Prüfung soll festgehalten werden. Der Protokollführer ist dafür verantwortlich, dass diese Aufgabe vollständig und wahrheitsgemäß erfüllt wird. Nur beim Ergebnisprotokoll darf er ordnend, zusammenfassend oder auswählend tätig werden.
Das Verlaufsprotokoll würde idealerweise von einem technischen Aufzeichnungsgerät vollständig verfasst. Da es aber erforderlich sein kann, dass alle Teilnehmer einer protokollierten Besprechung die Richtigkeit des Protokolls durch Unterschrift bezeugen können, wäre diese Aufzeichnung nur ein Zwischenschritt für eine spätere Abschrift. Meist werden mündliche Verhandlungen protokolliert. Es können aber auch nonverbale Vorgänge, wie z.B. der Ablauf eines Experiments protokolliert werden. Seit die Funktion und Existenzberechtigung der sogenannten ‚bürgerlichen‘ Literatur in den 1960er Jahren in Frage gestellt wurde und die Wirkung des literarischen Stoffes in den Fokus geriet, lag es für Autoren nahe, sich nur noch als Protokollant zu verstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Dokumentarliteratur ein und definiert das Untersuchungsziel, Manfred Frankes Roman „Mordverläufe“ hinsichtlich seiner literarischen Mittel und seiner historischen Authentizität zu analysieren.
2. Historischer Hintergrund: Dieses Kapitel skizziert die Ereignisse der Reichspogromnacht vom November 1938, sowohl auf nationaler Ebene als auch konkret in der Kleinstadt Hilden.
3. Mordverläufe, ein dokumentarischer Roman: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Dokumentarliteratur der 1960er und 70er Jahre sowie die spezifischen literarischen Verfahren wie Protokoll, Montage und Fiktion in Frankes Roman detailliert erörtert.
4. Veröffentlichungsgeschichte und Wirkung: Dieser Abschnitt behandelt die Publikationsphasen des Romans sowie seine zeitgenössische Rezeption in der Fachwelt und in der Lokalpresse.
5. Fazit: Das Fazit kritisiert die These, dass Dokumente allein „die Wahrheit“ sagen können, und würdigt Frankes Montagetechnik als einen Ansatz, den Prozess der Wahrheitsfindung über die Überwindung der Fiktion-Nonfiktion-Dichotomie hinaus sichtbar zu machen.
Schlüsselwörter
Dokumentarliteratur, Mordverläufe, Manfred Franke, Reichspogromnacht, Hilden, Collage, Montage, Protokoll, Nationalsozialismus, Erinnerungskultur, Authentizität, Fiktion, Antisemitismus, Zeitgeschichte, moralischer Zeuge.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert den dokumentarischen Roman „Mordverläufe“ von Manfred Franke und dessen Auseinandersetzung mit der Reichspogromnacht in der Stadt Hilden unter Berücksichtigung literarischer Verfahren.
Welche Themenfelder werden zentral behandelt?
Zentral sind die Funktionen der Dokumentarliteratur, die historische Aufarbeitung des Antisemitismus in einer Kleinstadt sowie die psychologischen Mechanismen von Erinnern und Vergessen.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob das „authentische Original“ wirklich die Wahrheit abbilden kann und wie Franke durch Montage und Collage versucht, eine Annäherung an diese historische Wahrheit zu erreichen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse, insbesondere die Untersuchung von Montagetechniken, Protokollformen und die Auseinandersetzung mit den theoretischen Ansätzen der Dokumentarliteratur.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert die literarischen Mittel wie das Protokoll, die Montage von Zeugenaussagen, fiktionale Einschübe und die Rolle des Erzählers als „moralischer Zeuge“.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Analyse?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Dokumentarliteratur, Montage, Authentizität, Erinnerung und das Verhältnis von Fiktion und Realität.
Wie bewertet der Autor das „Authentische“ im Roman?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die programmatische Behauptung, das Original sage die Wahrheit, in dieser Absolutheit nicht haltbar ist, da auch Dokumente durch Verdrängung und subjektive Interessen gefiltert sind.
Welche Bedeutung hat die Collage-Technik bei Manfred Franke?
Die Montage dient dazu, die Unübersichtlichkeit der Ereignisse und die Schwierigkeit der Wahrheitsfindung abzubilden, indem unterschiedliche, teils widersprüchliche Stimmen direkt gegenübergestellt werden.
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- Christian Neumann (Author), 2018, Nur das authentische Original sagt die Wahrheit? Die Collage in der Dokumentarliteratur der 60er und 70er Jahre und der Roman "Mordverläufe" von Manfred Franke, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446353