Als Grundannahme des Entscheidens und Handelns gilt, dass Menschen entsprechend der Situation, in der sie sich befinden, handeln. Das heißt, dass bei gegebenen konsistenten Präferenzen eines Subjektes dessen Entscheidung rational abläuft. Die Formulierung des Rationalitätsprinzips findet seine Präzisierung in der Erwartungsnutzentheorie. Diese wurde durch von Neumann und Morgenstern (1947) entwickelt und durch Savage (1954) um Ereignisse erweitert, die keine vorgegebenen Eintrittswahrscheinlichkeiten haben (Subjective Expected Utility Theory). Im Rahmen der Erwartungsnutzentheorie wird davon ausgegangen, dass das Entscheidungssubjekt seinen Erwartungsnutzen maximiert.
Diese Theorie der rationalen Wahl basiert auf strengen Annahmen über das menschliche Entscheidungsverhalten. Hierzu gehören insbesondere das Axiom der Vollständigkeit und Transitivität, das Stetigkeits-, Unabhängigkeits- und das Reduktionsaxiom. Diese Axiome sind durch theoretische Stringenz, Klarheit und reduktionistische Einfachheit gekennzeichnet. Wenig überraschend ist, dass zu den Vorhersagen der Erwartungsnutzentheorie in Entscheidungsexperimenten konstante empirische Gegenevidenzen auftreten, die die oben genannten Axiome verletzen. Diese Gegenevidenzen werden auch als Anomalien des Entscheidungsverhaltens bezeichnet, die darauf hindeuten, dass das Erwartungsnutzenmodell nicht immer mit dem realen Entscheidungsverhalten übereinstimmt.
Eine der verblüffendsten Inkonsistenzen ist neben zahlreichen anderen beobachteten Anomalien des Entscheidungsverhaltens das Phänomen der Preference Reversals (Präferenzumkehrungen). Es wurde erstmals von Lindman (1965) und später von Slovic und Lichtenstein (1968) entdeckt. Letztere haben in Laborexperimenten festgestellt, dass Versuchspersonen inkonsistente Präferenzen aufwiesen. Das Phänomen der Preference Reversals beschäftigte seitdem zunächst die Psychologie und wegen weitreichender Bedeutung konsistenter Präferenzen für die Entscheidungstheorie später auch die Wirtschaftswissenschaften. Die psychologischen Erklärungsansätze für Preference Reversals, die die wirtschaftswissenschaftliche Forschung am stärksten beeinflusst haben, bilden den Gegenstand der vorliegenden Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung
2. Das Phänomen des Preference Reversals
3. Psychologische Erklärungsansätze für Preference Reversals
3.1 Mangelnde Motivation bzw. Mängel im Versuchsaufbau
3.2 Deskriptiv geprägte Erklärungsansätze
3.2.1 Anchoring und Adjustment
3.2.2 Contingent Weighting Theory
3.2.2.1 Prominence-Effekt
3.2.2.2 Skalenkompatibilitätseffekt
3.2.2.3 Modellierung des Contingent Weighting Ansatzes
3.2.2.4 Erklärungsgehalt deskriptiver Erklärungsansätze
3.2.3 Kontextbezug als Einflussfaktor auf die Präferenzenbildung
3.3 Formell geprägte Erklärungsansätze
3.3.1 Expression Theory
3.3.1.1 Grundannahmen der Expression Theory
3.3.1.2 Preference Reversals im Rahmen der Expression Theory
3.3.2 Change-of-Process Theory
4. Preference Reversals – Laboreffekt oder Marktrealität?
5. Würdigung psychologischer Erklärungsansätze
6. Thesenförmige Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Preference Reversals (Präferenzumkehrungen) als eine der verblüffendsten Inkonsistenzen im menschlichen Entscheidungsverhalten. Ziel ist es, die psychologischen Erklärungsansätze, die die wirtschaftswissenschaftliche Forschung diesbezüglich maßgeblich beeinflusst haben, zu analysieren und deren Gültigkeit sowie Relevanz zu würdigen.
- Grundlagen der Rational Choice Theorie und deren Grenzen
- Empirische Identifikation von Präferenzumkehrungen in verschiedenen Abfragemodi
- Analyse deskriptiver Erklärungsansätze (z.B. Contingent Weighting, Anchoring & Adjustment)
- Untersuchung formeller Erklärungsmodelle (z.B. Expression Theory, Change-of-Process Theory)
- Diskussion der Laboreffekte im Kontext realer Marktbedingungen
Auszug aus dem Buch
3.1 Mangelnde Motivation bzw. Mängel im Versuchsaufbau
Die Entdeckung von Preference Reversals durch Slovic und Lichtenstein (1968) stießen bei Wirtschaftswissenschaftlern zunächst auf ausgeprägte Skepsis: Bevor eine Verletzung der Verfahrensinvarianz als Ursache in Betracht gezogen wurde, vermutete man mangelnde Motivation der Versuchspersonen als Grund für Preference Reversals. Unterstellt wurde dabei, dass der Entscheider seine Präferenzordnung im Rahmen der verschiedenen Verfahren nach einem Kosten-Nutzen-Kalkül trifft: Ist der Nutzen der Abgabe einer konsistenten Entscheidung innerhalb des Experiments zu gering, so verfolgt die Versuchsperson nur "vereinfachte" Strategien, um seine Präferenzen bezüglich der Alternativen festzulegen, was zu Preference Reversals führen kann.
Im Rahmen diverser Experimente wurde daher auf unterschiedliche Weise versucht, die Anreize der Versuchspersonen zu erhöhen: Beispielsweise wurden, um "interessantere" Lose zu konstruieren, die Unterschiede in den Verlusten bzw. Gewinnen der Lotterien eines Lotteriepaares vergrößert oder die Lotterien wiesen betragsmäßig größere Auszahlungen aus. Des Weiteren erhielten die Probanden eine höhere Entlohnung für die Teilnahme am Experiment. Durch genauere Instruktionen, eine längere Bearbeitungszeit oder Zusatzinformationen wie den Erwartungswert der Lose wurde die Transparenz des Versuches gesteigert. Außerdem fanden vor allem im Bidding-Modus anreizkompatible Mechanismen wie z.B. das Becker-DeGroot-Marschak-Verfahren Anwendung.
Dennoch konnten diese verbesserten Experimentbedingungen die Häufigkeit der Preference Reversals (sog. "Reversal Rate") nicht signifikant vermindern. Des Weiteren widerspricht die ausgeprägte Asymmetrie der Reversal Rates einer motivationsbedingten Erklärung der Preference Reversals. Auffällig ist nämlich, dass die Art der Preference Reversal, wie ihn Fall (A), der so genannte Standardfall bzw. Predicted Reversal, darstellt, wesentlich häufiger vorkommt als die Konstellation (B), die den Fall des Counter Preference Reversals aufzeigt. Läge Preference Reversals mangelnde Motivation zugrunde, so müsste man hingegen von gleichen Reversal Rates von (A) und (B) ausgehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemstellung: Einführung in das Rationalitätsprinzip und die Erwartungsnutzentheorie sowie Vorstellung von Preference Reversals als bedeutende Anomalie des Entscheidungsverhaltens.
2. Das Phänomen des Preference Reversals: Erläuterung der experimentellen Ermittlung von Präferenzen mittels Wahl-, Bewertungs- und Matching-Modi sowie Darstellung des Phänomens der Präferenzumkehr.
3. Psychologische Erklärungsansätze für Preference Reversals: Umfassende Analyse diverser psychologischer Theorien zur Erklärung von Präferenzumkehrungen, unterteilt in deskriptive und formelle Ansätze.
4. Preference Reversals – Laboreffekt oder Marktrealität?: Diskussion darüber, ob die beobachteten Inkonsistenzen lediglich Laboreffekte sind oder ob sie auch in realen Marktprozessen eine Rolle spielen.
5. Würdigung psychologischer Erklärungsansätze: Kritische Reflexion über den aktuellen Forschungsstand, die fehlende axiomatische Fundierung der psychologischen Erklärungsmodelle und deren Relevanz für die klassische Entscheidungstheorie.
6. Thesenförmige Zusammenfassung: Kompakte Darstellung der zentralen Erkenntnisse und Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel in Thesenform.
Schlüsselwörter
Preference Reversals, Erwartungsnutzentheorie, Rational Choice, Präferenzumkehrung, Verfahrensinvarianz, Contingent Weighting Theory, Expression Theory, Change-of-Process Theory, Lotterien, Entscheidungsverhalten, Laborexperimente, Skalenkompatibilitätseffekt, Prominence-Effekt, Anomalien, Entscheidungstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit behandelt das psychologische Phänomen der "Preference Reversals" (Präferenzumkehrungen), bei denen Probanden ihre Präferenzen für Lotterien je nach angewandter Ermittlungsmethode widersprüchlich angeben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die klassische Entscheidungstheorie, die empirische Identifikation von Anomalien im Entscheidungsverhalten, psychologische Erklärungsmodelle sowie die Debatte um die Übertragbarkeit von Laborexperimenten auf reale Märkte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel besteht darin, die wichtigsten psychologischen Erklärungsansätze für Präferenzumkehrungen systematisch darzustellen, deren Wirkungsweisen zu analysieren und ihre wissenschaftliche Bedeutung für die Entscheidungstheorie zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturarbeit, die existierende empirische Studien und psychologische Erklärungsmodelle (wie die Contingent Weighting Theory oder Expression Theory) aus der Fachliteratur zusammenführt und kritisch diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit deskriptiven und formellen psychologischen Erklärungsansätzen, eine Prüfung der Relevanz für reale Marktsituationen sowie eine abschließende kritische Würdigung der Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Preference Reversals, Entscheidungsanomalien, Rational Choice, psychologische Erklärungsmodelle und Entscheidungstheorie charakterisieren.
Warum reichen klassische Erklärungsansätze für Preference Reversals oft nicht aus?
Wie Tversky et al. zeigten, können klassische Erklärungen wie die Verletzung von Transitivitäts- oder Unabhängigkeitsaxiomen nur einen kleinen Bruchteil der beobachteten Umkehrungen erklären, weshalb psychologisch orientierte Ansätze notwendig sind.
Was unterscheidet die Expression Theory von der Contingent Weighting Theory?
Während die Contingent Weighting Theory den Fokus auf die Gewichtung von Lotterieeigenschaften durch den Probanden legt, postuliert die Expression Theory, dass Preference Reversals primär aus einer Inkompatibilität der verwendeten Antwortskalen resultieren.
Welche Rolle spielt die Komplexität von Lotterien in der Change-of-Process Theory?
Die Theorie legt nahe, dass mit zunehmender Komplexität der Entscheidungsobjekte die Versuchspersonen verstärkt auf Entscheidungshilfen zurückgreifen und ihre Strategien zur Informationsverarbeitung (z.B. von additiv zu multiplikativ) anpassen.
- Arbeit zitieren
- Andreas Wolf (Autor:in), 2005, Psychologische Erklärungen von Preference Reversals, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44639