Die Frau um die Jahrhundertwende - gesehen mit den Augen Peter Altenbergs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

25 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kurzporträt Peter Altenbergs

3 Altenbergs Werk im Kontext der Zeit
3.1 Jahrhundertwende in Wien
3.2 Stellung der Frau in der neuen Wiener Gesellschaft
3.3 Literarische Produktion über und für die Frau
3.3.1 Das Mädchen
3.3.2 Die Frau

4 Exemplarische Textanalyse: Der Abend und Paradies
4.1 Der Abend
4.1.1 Text
4.1.2 Titel des Werks
4.1.3 Aufbau und Struktur
4.1.4 Thema
4.2 Paradies
4.2.1 Text
4.2.2 Titel des Werks
4.2.3 Aufbau und Struktur
4.2.4 Thema
4.3 Zusammenfassende Aussage
4.4 Aktualitätsbezug

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit dem Ziel, sich ein Bild von der Frau in der Wiener Gesellschaft um die Jahrhundertwende vom neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert machen zu können, wird im folgenden das Verhältnis Peter Altenbergs zu den Frauen seiner Zeit untersucht. Um seine, sich auf das gesamte literarische Werk des Dichters auswirkende, Einstellung zu den Frauen und zum Leben verstehen zu können, wird als erstes ein kurzes Porträt des Lebens dieses Autors gegeben, wovon ausgehend eben dieses in die charakteristischen Ereignisse um die Jahrhundertwende eingeordnet werden soll. Anschließend wird dem Leben Peter Altenbergs als Mann, das der Frau zu dieser Zeit entgegengesetzt. Erst objektiv, dann subjektiv, betrachtet mit den Augen jenes Künstlers, wobei hier eine Unterscheidung vorgenommen wird zwischen seiner Einstellung zu Mädchen und der zu Frauen.

Um alle bis dahin genannten groben Charakteristika seines Gesamtwerks an einem konkreten Textbeispiel belegen zu können, werden anschließend die beiden Altenberg-Skizzen Der Abend und Paradies im Detail untersucht. Hierbei werden sowohl die vom Titel jener Texte ausgehenden Erwartungen des Lesers überprüft, sowie der Zusammenhang von der formalen Gestalt der Skizzen zu ihrem Inhalt und der sich daraus ergebenden Interpretationsmöglichkeit. Eine Übertragung dieser dem gesamten Werk anhaftenden Aussage auf die heutige Zeit des einundzwanzigsten Jahrhunderts soll diese Arbeit abrunden und zunächst schließen.

2 Kurzporträt Peter Altenbergs

Geboren am 9. März 1859 in Wien, als Sohn eines jüdischen Kaufmanns namens Moriz Engländer, beginnt der spätere Dichter Peter Altenberg sein Leben als Richard Engländer[1]. Als der Erstgeborene von drei weiteren Geschwistern wird der junge Altenberg beim Schreiben erster Texte von seinem Vater, selbst ein Victor Hugo-Fan, nie ernstgenommen. Obwohl er laut Altenberg selbst ein sehr gütiger Mann sein muss, gibt er sowohl die Anerkennung der künstlerischen Werke seines Sohnes, wie auch dessen komplette Erziehung ab 1868 an eine Gouvernante und einen Hofmeister ab[2]. Die Eltern selbst schreiten hier bis auf weiteres nur in besonderen Fällen ein, wie bei der schweren Krankheit ihres Sohnes, einer Fußbeinentzündung um 1869. Hier schläft Pauline Engländer, nach Altenbergs eigenen Angaben, ein Jahr lang am Bett ihres Erstgeborenen um diesem sein Leid zu verringern[3].

Im Alter von achtzehn Jahren erlangt Altenberg endlich die Matura im zweiten Anlauf und nimmt sein Studium in Jura auf. Dieses bricht er nach Kosler[4] bereits nach dem ersten Semester ab, nach Von Wysocki aber absolviert Altenberg 1879 erfolgreich sein Erstes Juristisches Staatsexamen[5]. Hierauf folgen ein gescheitertes Medizin- sowie Pflanzenstudium und eine Buchhändlerlehre in Stuttgart, während der sich der angehende neunzehnjährige Dichter in die dreizehnjährige Bertha Lecher verliebt, die ihm als Inspiration für seine spätere Namensänderung dienen soll[6]. Da die kleine Bertha, zu Altenbergs Entsetzen, von ihren älteren Brüdern gedemütigt wird, indem sie sie wie ihr eigenes Dienstmädchen behandeln, wird in dem jungen Dichter ein Gefühl ausgelöst, das ihn bis zu seinem Lebensende nicht mehr loslassen soll, und sich aus seinem gesamten Werk herausfiltern lässt: das Gefühl, dass die Männer des neunzehnten Jahrhunderts in den Mädchen und Frauen nicht deren eigentliches Wesen erkennen, sondern sie wie Objekte behandeln. Mit dieser Erkenntnis, die ihm als Inspiration für sein Lebenswerk dient, nimmt Altenberg noch im selben Jahr seine Namensänderung vor: Aus Richard Engländer wird Peter Altenberg.

„Peter“ deshalb, weil es sich nach Ansicht der Lecher-Jungen nicht schickt, eine Dienstmagd zu haben. Man bevorzugt stattdessen einen Hofknaben, und nennt die Schwester daher Peter; „Altenberg“ aus dem Grund, weil die Familie Lecher in einem Donaustädtchen namens Altenberg lebt[7]. Damit ist der neue Anwalt der Frauen um die Jahrhundertwende geboren, der sich dreißig Jahre später selber fragt: „Heißt er [der Ort Altenberg] so nach mir, heiße ich so nach ihm, gleichviel!“[8].

Im Alter von zweiundzwanzig Jahren, nachdem Altenberg sich genau drei Jahre an der Arbeit als Buchhändler versucht hat, wird er von seinem Arzt als arbeitsungeeignet wegen einer Überempfindlichkeit des Nervensystems bezeichnet. Dies hat weitreichende Folgen: Seine Mutter ist enttäuscht von ihrem Sohn und die Familie wendet sich von Peter Altenberg ab. Dieser zieht in die Dachkammer eines Hotels und beginnt sein Leben als Dichter mit geborgtem Geld[9].

Erst 1894, also im Alter von vierunddreißig Jahren, schreibt Altenberg seinen ersten Text, der im Jahr darauf zur Veröffentlichung kommt: Neun und elf. Wie der Dichter sich bereits bei seiner Namenserfindung von einem jungen Mädchen hat inspirieren lassen, so liegt auch diesem ersten Text die Bekanntschaft mit zwei jungen Mädchen zugrunde: zwei neun- und elfjährigen Schwestern. Hiermit beginnt Altenbergs Karriere als stadtbekannter Dichter, der dafür berühmt ist, in seinen Werken sowohl junge Mädchen und Frauen zu verehren, als auch die in diversen Kaffeehäusern gewonnenen Eindrücke, wie aus dem Griensteidl und dem Café Central, in seinen Texten zu verarbeiten, so auch in seinen von 1895 an veröffentlichten Werken Wie ich es sehe (Fischer 1896) und Ashantee (Fischer 1897)[10], aus welchem die in dieser Hausarbeit näher zu untersuchenden Texte Der Abend und Paradies stammen.

Geld zum Leben verdient Altenberg von dieser Zeit an mit diversen Theaterkritiken, die er für die Wiener Extrapost verfasst. Seitdem sieht man den immer unkonventionell gekleideten Autor nur noch mit einem Opernglas um den Hals gehängt, da dieser glaubt, hierdurch würdevoll zu erscheinen. Aber nicht nur das Opernglas sollen das Ansehen des Künstlers steigern, sondern ebenso sein Konfessionswechsel: Altenberg tritt aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus und konvertiert zum römisch-katholischen Glauben über[11].

Im Jahr 1901 folgt eine weitere Veröffentlichung im Fischer-Verlag: Was der Tag mir zuträgt. In den zwei folgenden Jahren verlegt Altenberg selber die Zeitschrift Kunst. Halbmonatsschrift für Kunst und alles andere, wobei er von dieser Arbeit zwar kurzfristig sein Leben finanzieren kann, durch eine Krankheit um 1904 aber von Spenden leben muss. Zu diesem Anlass starten seine Freunde in der Zeitung einen Spendenaufruf, in welchem sie um finanzielle Unterstützung für den armen Dachkammerbewohner bitten[12].

Während seiner Beziehung zu der achtzehnjährigen Helga Malmberg, veröffentlicht der bereits Siebenundvierzigjährige seine Werke Prodomos (Fischer 1906), Märchen des Lebens (Fischer 1908), Die Auswahl aus meinen Büchern (Fischer 1908), und Bilderbögen des kleinen Lebens (Erich Reiss Verlag Berlin 1909) bevor er im Jahre 1910 aufgrund von Verfolgungswahn und Selbstmordgedanken in die Nervenheilanstalt eingewiesen wird. Hier trennt sich Helga Malmberg von dem kranken Dichter und die einzige wahre Beziehung, die er anscheinend je zu einer Frau gehabt hat, zerbricht damit. Altenberg lebt weiter in seinen Mädchen-Träumen. In den darauffolgenden Jahren publiziert er die Textsammlungen Neues Altes (Fischer 1911), Semmering (Fischer 1913), Fechsung (1915), Nachfechsung (Fischer 1916) und Vita ipsa (Fischer 1918) bevor er im Jahre 1919 den Folgen einer Lungenentzündung erliegt. Mein Lebensabend erscheint posthum im Fischer-Verlag[13].

Geboren als der Jude Richard Engländer, begraben als der Katholik Peter Altenberg, erhält der bekannte Dichter eine Ehrengrabstätte auf dem Wiener Friedhof.

3 Altenbergs Werk im Kontext der Zeit

Mit einem solchen geteilt jüdisch-katholischen Leben ist Peter Altenberg nicht der einzige seiner Zeit. Eine solche Zerrissenheit zwischen Judentum und christlicher Kunst und Kultur scheinen nach Barker und Lensing zur der späthabsburgerischen Zeit in Österreich zum Alltag dazuzugehören[14]. Eine allgemeine Identitätskrise bildet sich in der Wiener Gesellschaft aus, welche sich nicht nur auf die Glaubensfrage beschränkt.

3.1 Jahrhundertwende in Wien

Durch die Technisierung und zunehmende Industrialisierung am Ende des neunzehnten Jahrhunderts werden dem Menschen einerseits viel mehr Möglichkeiten gegeben als vorher, sein Leben zu wählen und zu bestimmen, andererseits wird es ihm erschwert, als Individuum aus dieser arbeitenden, kapitalistischen Gesellschaft hervorzutreten. Die Menschen werden gleichförmig gemacht und sollen gemeinsam für den Fortschritt arbeiten. Es bilden sich neue Aufgabenfelder heraus, die die Menschen täglich mit Neuem konfrontieren. Es entstehen neue Bilder der Zeit, die es zu verarbeiten gilt. Je schneller und effektiver, desto besser. Und eben jener überflutenden Industrie-Alltagswelt stellt sich der Künstler entgegen.

Nach Von Wysocki bildet sich eine „ästhetische Opposition heraus gegen diese durch Kapital und Industrie erzwungene neue Alltagswelt“[15]. Künstler bilden nun nicht mehr die Realität ab, denn das übernimmt bereits die Fotographie, sondern stellen vielmehr dar, wie sie persönlich die Welt um sich herum wahrnehmen. Daher heißt anscheinend Altenbergs erste veröffentlichte Textsammlung Wie ich sehe, wobei die Betonung hier demnach auf dem ich liegt. Damit ist der Grundstein für sein Lebenswerk gelegt, das einer „impressionistischen“[16] Auffassung des durch Kapital und Industrie bestimmten Lebens um 1900 gleichkommt. Legt man die Sprech-Betonung, wie es Gisela von Wysocki macht, auf das sehe, so wird hierdurch klar, dass es sich bei Altenbergs Texten um „augenblickliche und bildhafte Konkretion der alltäglichen Eindrücke“ handelt, wobei hier die Besonderheit eines jeden solchen Augenblicks hervorgehoben werden soll[17].

Mit eben solchen impressionistischen Texten, wie sie zum Beispiel in der Textsammlung Fechsung enthalten sind, regt der Neuromantiker Peter Altenberg die Fantasie der Wiener Bürger an. Indem er durch sein neues Sehen „Reales und Irreales, Geträumtes und Wirkliches, Erinnerung und Gegenwart“[18] mischt, unterstützt er die Flucht der Österreicher in eine Traumwelt, die 1918 zusammenbricht[19]. Bis dahin entwickelt sich die Technik in einem rasanten Tempo weiter, während die Wiener sich bei Kerzenschein hinter der habsburgischen Hofkultur verstecken. Von Wysocki geht hier sogar soweit, zu behaupten, Wien „verkleide sich; es entwarf für sich und andere ein Bild, das frei schien von realer Arbeit, realen Zwängen“[20].

Fliehend vor der neuen Realität, vertieft sich der Leser um 1900 in die neuromantisch erscheinenden Texte Altenbergs, trifft in den dort geschilderten Gleichnissen jedoch wieder auf die ihn umgebende Realität: Hier werden die Ängste und Sorgen des neuen Menschen bloßgelegt, hier kann er sich selber finden und verstehen lernen. Bilder, die vorher für sich selbst standen, stehen nun symbolhaft für etwas anderes. Die Kluft zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichnetem wird größer[21]. Es gilt, Altenbergs Texte zu decodieren und für sich selbst zu interpretieren.

Besonders weibliche Interpreten fühlen sich um die Jahrhundertwende von den Texten Peter Altenbergs angesprochen.

[...]


[1] Wysocki, Gisela von: Peter Altenberg. Bilder und Geschichten des befreiten Lebens. München, Wien: Hanser 1979, S.52

[2] Kosler, Hans Christian (Hrsg.): Peter Altenberg. Leben und Werk in Texten und Bildern. München: Fischer 1981, S.238

[3] Kosler, Hans Christian (Hrsg.): Peter Altenberg. Leben und Werk in Texten und Bildern. München: Fischer 1981, S.239

[4] ebenda

[5] Wysocki, Gisela von: Peter Altenberg. Bilder und Geschichten des befreiten Lebens. München, Wien: Hanser 1979, S.52

[6] Kosler, Hans Christian (Hrsg.): Peter Altenberg. Leben und Werk in Texten und Bildern. München: Fischer 1981, S.239

[7] Barker, Andrew/Lensing, Leo A.: Peter Altenberg: Rezept die Welt zu sehen. Wien 1995, S.30

[8] Schweiger, Werner J. (Hrsg): Das grosse Peter Altenberg Buch. Wien/Hamburg 1977, S.81

[9] Kosler, Hans Christian (Hrsg.): Peter Altenberg. Leben und Werk in Texten und Bildern. München: Fischer 1981, S.240

[10] ebenda, S.241 ff.

[11] ebenda, S.243

[12] ebenda, S.243 ff.

[13] Kosler, Hans Christian (Hrsg.): Peter Altenberg. Leben und Werk in Texten und Bildern. München: Fischer 1981, S.247 ff.

[14] Barker, Andrew/Lensing, Leo A.: Peter Altenberg: Rezept die Welt zu sehen. Wien 1995, S.26

[15] Wysocki, Gisela von: Peter Altenberg. Bilder und Geschichten des befreiten Lebens. München, Wien: Hanser 1979, S.28

[16] Wysocki, Gisela von: Peter Altenberg. Bilder und Geschichten des befreiten Lebens. München, Wien: Hanser 1979, S.8

[17] ebenda, S.29

[18] ebenda, S.13

[19] ebenda, S.33

[20] ebenda, S.35

[21] ebenda, S.18 f.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Frau um die Jahrhundertwende - gesehen mit den Augen Peter Altenbergs
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Veranstaltung
Hauptseminar: Zwischen Kabaret und Kaffeehaus
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V44642
ISBN (eBook)
9783638422017
ISBN (Buch)
9783638680066
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frau, Jahrhundertwende, Augen, Peter, Altenbergs, Hauptseminar, Zwischen, Kabaret, Kaffeehaus
Arbeit zitieren
Jana Dietsch (Autor), 2004, Die Frau um die Jahrhundertwende - gesehen mit den Augen Peter Altenbergs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44642

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