Lehrer als Autoritäten. Die kontroverse Auslegung von Macht

Vor- und Nachteile autoritärer Erziehung und mögliche Alternativen


Essay, 2015
10 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Essay

Die kontroverse Auslegung von Macht in Bezug auf Lehrer als Autoritäten - Vor- und Nachteile autoritärer Erziehung und mögliche Alternativen

Bearbeiter

Jessica Bauer

Abgabedatum

15.09.2015

Der Mensch als soziales Wesen wird von Geburt an mit den verschiedensten Stellungen und Hierarchien im Geflecht der Gesellschaft vertraut gemacht. Bereits während der primären Phase der Soziabilisierung, in welcher das Kind durch die emotionale Fundierung zur Mutter ein Urvertrauen schafft, werden Rollen unterschiedlicher Stellung deutlich. Innerhalb der Familie als unmittelbare Sozialisationsinstanz kommen Kinder ein erstes Mal mit den Regeln unserer Gesellschaft in Kontakt. Mutter und Vater nehmen hier die soziale Position einer Autoritätsperson ein, die der des Kindes höhergestellt ist. Abhängig von der Familienstruktur ergibt sich ein Hierarchiemodell, in welchem die Familienmitglieder Stellungen zugewiesen bekommen, die jeweils mit unterschiedlichen Statussen je nach Rangordnung versehen sind. Derartige Hierarchiemodelle sind das signifikante Strukturierungsmerkmal übergeordneter Systeme, die unsere Gesellschaft bilden.

Das Statusdenken, das sich mit dem Humanismus und dem Streben nach einer individuellen und menschlichen Daseinsgestaltung etabliert und verfestigt hat1, erlaubt, je nach Rangordnung, unterschiedliche Ausübungen von Macht. Je höher die Stellung im sozialen Geflecht also ist, desto mehr Macht verfügt ein Mensch über die ihm Untergestellten. So ist es die verantwortungsvolle Aufgabe von Autoritäten, bestimmte Einstellungen, Regeln, Normen und Sitten durch das Einsetzen ihrer Macht weiterzugeben, die für das Bestehen von Recht und Ordnung in der Gesellschaft unabdingbar sind. Für das Gelingen der gesellschaftlichen Existenz scheint eine untrennbare Beziehung zwischen Autorität und Macht nur logisch. Irreführend dabei ist, dass unter dem Begriff "Macht" im Wesentlichen etwas Negatives verstanden wird, das häufig mit Gewalt, Manipulation und vor allem unfreiwilliger Unterwerfung in Verbindung gebracht wird. Die Majorität der Menschen, die sich dieser Macht bewusst widersetzen, findet man in sozialen Randgruppen der Gesellschaft wieder, denen das Zugehörigkeitsgefühl durch Bestrafungen wie Verachtung und Herablassung genommen wird. In diesem Zusammenhang ist die Verweigerung einer Unterwerfung gleichbedeutend mit dem Verlust gewisser Rechte und humaner Standards. Von Beginn an wird den Menschen die Bedeutung eben dieser Disziplinierung verständlich gemacht. Eine Erziehung nach diesem Phänomen findet vordergründig in der primären Sozialisationsinstanz statt. Neben der Familie wird dabei auch der Schule eine nicht unwesentliche Verantwortung diesbezüglich zugeschrieben. Während Lehrer in den ersten Jahren oft noch eine elterliche Bezugsperson für Kinder darstellen, distanzieren sie sich im Laufe der Zeit immer mehr zu einer autoritären Persönlichkeit ohne emotionale Bindung.

Auf den folgenden Seiten soll die Bedeutung dieser Form von Autorität in Bezug auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis, sowie sich daraus ergebende Vor- und Nachteile einer autoritären Erziehung erörtert werden.

Der Auftrag des Lehrers besteht nicht nur im Unterrichten und in der Vermittlung von Wissen - vielmehr übt er auch eine erzieherische Tätigkeit aus, die vor allem durch eine konsequente Disziplinierung der Kinder charakterisiert ist. Indem der Lehrer durch seine autoritäre Position bestimmte Werte vertritt, zeigt er seinen Schülern gewisser Maßen die Vorstellung eines geordneten Lebens auf, in welchem das Recht den Maßstab bestimmt, an den man sich für die Aufrechterhaltung seiner selbst im sozialen Gefüge halten muss, denn "es gibt kein soziales Gebilde, sofern es mehr als eine bloße Anhäufung von Individuen ist, dessen Leben nicht durch Recht, Sitte und Brauchtum bestimmt wird"2.

Unter dem Aspekt, die Personen des Gefüges vor dem gesellschaftlichen Verstoß zu bewahren, scheint man Lehrern und anderen leitführenden Persönlichkeiten nur Positives abgewinnen zu können, sofern die ihnen zur Verfügung stehende Macht nicht für Selbstzwecke ausgenutzt wird. Auf der anderen Seite ziehen autoritäre Erziehungsformen immer auch nachteilige Kritikpunkte mit sich, welche die Methoden der Lehrer im Engeren, und das Hierarchiemodell im Weiteren, berechtigter Weise in Frage stellen. Zurecht verweisen Vertreter antiautoritärer Erziehung auf eine Kontrolle, die die Menschen unter Druck setzt und eine Unterwerfung unter ausgeübter Macht erzwingt, was die starke Einschränkung persönlicher Freiheiten zur Folge hat. Dies wirkt sich vor allem auf die Entwicklung der Kinder stark aus, denn durch ihren Status haben Autoritätspersonen auch immer einen Einfluss auf die Handlungen und Denkweisen der Unterworfenen, was das Bestehen eben dieser gesellschaftlichen Strukturierung erst möglich macht. Wer diesen Standpunkt vertritt, spricht oft auch von einer Manipulation der Gesamtheit der im Gefüge lebenden, untergestellten Personen durch die Leitführenden, mit dem Ziel, sich durch die zur Verfügung stehende Macht Vorteile auf Kosten der Unterlegenen zu verschaffen. Durch dieses Phänomen der Unterwerfung werden gedankliche Ausbrüche, die nicht der vorgegebenen Norm des Hierarchiemodells entsprechen, bewusst zurückgehalten und verdrängt beziehungsweise durch Bestrafung unterbunden. Auf diesem Wege bekommen die Jüngsten einen festgelegten Weg vorgeschrieben, statt ihren eigenen wählen zu dürfen. Man geht also von vornherein davon aus, dass Schüler und Schülerinnen geleitet werden müssen, weil der gesellschaftliche Einstieg ohne führende Unterstützung nicht möglich wäre. Das konsequente Setzen von Grenzen schränkt zum einen die freie Entfaltung der Individuen, und zum anderen deren Selbstständigkeit bewusst ein. Gerade in der frühen kindlichen Entwicklung ist es wichtig, auf die Bedürfnisse und Interessen der Schüler einzugehen. Die strikte Umsetzung des Lehrplans, wie es vor allem bei Frontalunterricht üblich ist, lässt die Wünsche der Lernenden größtenteils unberücksichtigt. Kinder verlieren so leicht die Motivation, dem Unterricht zu folgen. Zum einen gehen dabei kindliche Potenziale verloren, zum anderen, und hier schließt sich der Kreis wieder, sind strengere Disziplinierungsmaßnahmen Folge dieses Desinteresses, dessen Ursprung sich wiederum in eben diesen Maßnahmen finden lässt. Dabei belegen viele Reformpädagogen die Effektivität von selbstbestimmtem Lernen, bei welchem individuelle Lernrhythmen und Tempos als ganz selbstverständlich deklariert werden und durch eine zwanglose Atmosphäre Lernbereitschaften und -leistungen positiv gefördert werden. Falsch ist es, Kinder als inkompetent, nicht wissend oder gar unfertig zu bezeichnen. In diesem Zusammenhang ergeben sich aus antiautoritären Ansätzen bestimmte Eigenschaften, die eine mindestens genauso erfolgreiche Eingliederung in die Gesellschaft erlauben: Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein sind dabei das Resultat einer Erziehung zur individuellen Persönlichkeit, die das freie Austesten eigener Grenzen befürwortet.

[...]


1 Klaus, Georg.; Buhr, Manfred: Philosophisches Wörterbuch A-Kybernetik. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut 1976, S. 225-227 (Band 1).

2 Horney, Walter: Über innere und äußere Disziplin. In: Röhrs, Hermann (Hrsg.): Die Disziplin in ihrem Verhältnis zu Lohn und Strafe. Frankfurt am Main: Akademische Verlagsgesellschaft, 1968, S.77.

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Details

Titel
Lehrer als Autoritäten. Die kontroverse Auslegung von Macht
Untertitel
Vor- und Nachteile autoritärer Erziehung und mögliche Alternativen
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
10
Katalognummer
V446498
ISBN (eBook)
9783668840751
ISBN (Buch)
9783668840768
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lehrer, autoritäten, auslegung, macht, vor-, nachteile, erziehung, alternativen
Arbeit zitieren
Jessica Bauer (Autor), 2015, Lehrer als Autoritäten. Die kontroverse Auslegung von Macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446498

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