Zum Spätwerk von Paul Klee

Sein Dialog mit der Kindheit


Bachelorarbeit, 2015
45 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kindheitswerke Paul Klees
2.1 Frühe Tannen
2.2 Frühe Engel

3. Dialog mit der Kindheit
3.1 Signifikante Motivtreue in Spätwerken Paul Klees
3.1.1 Kindliche Schöpfungskraft im Spätwerk
3.1.2 Späte Tannen
3.1.3 Späte Engel

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Die Nutzung von Kinderzeichnungen gewann vor allem für Künstler an Bedeutung, deren Werke dem Expressionismus, Kubismus oder Surrealismus zugeordnet werden können und somit gegen die Tendenzen des Realismus und der akademischen Lehre naturalistischer Gesetzmäßigkeiten arbeiteten. Für diese Künstler stellt die Kindheit eine Phase der Authentizität und der schöpferischen Kraft dar. Diese Qualitäten entdeckten sie in frühkindlichen Werken, die unvoreingenommen von akademischen Übungen waren. Die natürliche Kreativität und die Unfertigkeit der kindlichen Formsprache erhielten in der Kunst einen hohen Stellenwert.[1]

In den ersten Jahren zeigen sich in den Zeichnungen von Kindern bestimmte Grundformen, jedoch hat jedes Kind zu Beginn seines künstlerischen Schaffens bereits einen eigenen Stil. Diese individuellen Stile hängen vom Grad des jeweiligen Talentes, vom Temperament des Kindes und von verschiedenen Umwelteinflüssen ab. Der Heranwachsende nimmt seine Welt vorherrschend durch den Tastsinn sowie das Sehen wahr und hat den Drang, diese Eindrücke durch das Erstellen von Zeichnungen zu verarbeiten. Dabei ist zu erkennen, dass diese Kinderzeichnungen keine alleinigen Kopien von Gegenständen sind, sondern dass die Kinder mit ihren Abbildungen auf neue Erfahrungen reagieren und ihre Welt zu verstehen lernen.[2]

Zeigt ein Kind bereits eine besondere Begabung im Schaffensprozess der Zeichnung, ist dieses Talent nicht auf ein Resultat von Training zurückzuführen.[3] Das schöpferische und spielerische Wesen des Kindes stellt dabei einen der wichtigsten Vorteile dar, die bei der Mehrzahl von Erwachsenen bedauerlicherweise verloren geht.[4] Es existiert eine „Künstlernatur im Kind“[5], die in Zeichnungen eine besondere Nähe zu den Ursprüngen künstlerischer Kreativität aufweist.

Im Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler in Halle Westfalen, das ich als Grundlage für meine Bachelorarbeit mehrmals besuchte, wurde eine weltweit einmalige und beeindruckende Auswahl an Kinderwerken berühmter Künstler wie Andy Warhol, Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix, Ernst Dürer oder Caspar David Friedrich gesammelt, mit deren besonderer Formsprache und Inhaltssprache sich intensiv auseinandergesetzt wurde. Diese kleinen, begabten „Künstler“ sind keine „normalen“ Kinder. Sie nehmen nicht einfach einen Stift in die Hand und beginnen zu zeichnen, sondern zeigen schon im Kindergartenalter einen intensiven Gestaltungsdrang und überwältigende Ansätze im kindlichen Bildschaffen, die zu großartigen Arbeiten führen. „Selbst Motive, die ganze Lebenswerke durchziehen, können dabei auftauchen – Stierkampfszenen beim neun-jährigen Picasso etwa oder die charakteristischen überdimensionierten Köpfe bei Paula Modersohn-Becker.“[6] Der Übergang von der Kunst des Kindes zu der des Erwachsenen ist fließend. Besondere Erlebnisse in der Kindheit bilden den Ausgangspunkt für die Wahrnehmung des Erwachsenen und prägen das künstlerische Schaffen so, dass Muster oder bestimmte Gegenständen immer wieder unbewusst verbildlicht werden.

In dieser Bachelorarbeit soll anhand von Werken aus Paul Klees Kindheit exemplarisch untersucht werden, ob es bereits früh Anzeichen für Talent und herausragende Kreativität späterer Künstler gegeben hat, und ob diese frühen Zeichnungen im Zusammenhang mit dem Spätwerk stehen. Als Grundlage der Untersuchung dienen neben den ausgestellten Kindheitswerken im Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler und dazugehöriger Literatur auch Gespräche mit der Museumsleiterin Ursula Ruth Blaschke und ihrem wissenschaftlichen Mitarbeiter Adolf Eickhorst. Diese standen im direkten Kontakt mit dem Künstler Paul Klee und seinem Sohn Felix Klee, die das Museum in Halle Westfalen mehrmals besuchten, Zeichnungen aus dem Privatbesitz beisteuerten und persönliche Informationen über diese Werke gaben. Die Notizen zu den Gesprächen habe ich im Anhang beigefügt.

Im ersten Teil der Bachelorarbeit werden die frühen Engeldarstellungen und die frühen Tannendarstellungen aus Paul Klees Kindheit untersucht und es wird herausgearbeitet, ob sich ein späterer Künstler schon im Kindergartenalter ankündigt.

Der folgende Teil der Arbeit behandelt Darstellungen von Engeln und Tannen aus dem Spätwerk des Künstlers und befasst sich mit der Frage, ob sich Parallelen von der Kinderzeichnung Klees in seinen späteren Werken finden lassen. Ist der fließende Übergang von der Kinderkunst zu der Kunst des Erwachsenen in den Darstellungen zu erkennen? Zeigen sich im Schaffensprozess, der sich über sechsundfünfzig Jahre vollzogen hat, noch ähnliche Stile und Techniken? Darüber hinaus soll bei der Analyse des Spätwerkes der Stellenwert der Kindheit und der Kinderzeichnungen für Paul Klee deutlich werden.

2. Kindheitswerke Paul Klees

Die Zeichnungen Paul Klees, die vor 1890 angefertigt worden sind, basieren auf der Beschäftigung mit Illustrationen aus deutschen Zeitschriften wie Die Gartenlaube, die seine Mutter regelmäßig las, oder weisen auf die direkte Auseinandersetzung mit seiner Umwelt hin.[7] In zwei Kinderzeichnungen, datiert auf 1890, wird beispielsweise ein Teil der Stadt Bern abgebildet.

Klee zeichnete viel, sein Talent wurde jedoch nicht gefördert, und doch lassen die Bilder eine zunehmende Kenntnis graphischer Mittel erkennen. In seiner Kindheit und Jugend zeichnete er überwiegend mit Kreide und Bleistift auf kleinformatigen Papieren. Dabei konzentrierte er sich auf Abbildungen von Landschaften aus der nahen Umgebung Berns oder des häuslichen Umfeldes bei seinen Eltern in Bern.[8]

Im Folgenden werden auffällige Aspekte in Klees Kindheitswerken, die zwischen 1883 und 1890 entstanden sind, interpretiert. Zeigen sich in dieser Darstellung und Verarbeitung von Lebensgeschehnissen die „typischen“ Merkmale der Kinderzeichnung oder ist bereits ein besonderer künstlerischer Gestaltungsdrang zu erkennen?

2.1 Frühe Tannen

Bereits als kleiner Junge hat Paul Klee angefangen Zeichnungen entstehen zu lassen, die sein außergewöhnliches Talent und seine künstlerische Neigung ersichtlich machen. In der Unterhaltung mit Adolf Eickhorst am 11.06.2015 teilte er mir mit, dass Felix Klee bei einem seiner Besuche im Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler, dass sein Vater als dreijähriger Junge ein „Tannenerlebnis“ besonderer Art erfuhr. Seine Mutter erzählte ihm, das Christkind habe für ihn diesen schönen Weihnachtsbaum gebracht. Daraufhin habe Paul enttäuscht erwidert, dass das nicht sein könne, denn die Tanne fehle nun im Garten. Zu diesem prägenden Ereignis der Kindheit fertigte Paul Klee, in einem Alter von vier Jahren, zwei Bilder an (s. Abb. 1 und 2), die eine authentische Handlungsstruktur besitzen. Durch das Zeichnen lässt sich ein direkter Bezug zur Lebenswelt des Kindes herstellen, weil auf diesem Weg sein Inneres zum Ausdruck kommt und Erfahrungen verarbeitet werden. Die Kinderzeichnung stellt somit eine Kommunikationsform dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Klees Kindheitswerke Weihnachtsbaum mit Christkind u. Eisenbahn (s. Abb. 1) und Weihnachtsbaum Christkind und Uhr (s. Abb. 2) zeigen ein Grundlinienbild des festlichen Wohnzimmers seiner Familie. Betrachtet man die Größe der einzelnen Bildelemente, fällt auf, dass das Christkind im Bildzusammenhang ähnlich groß dargestellt wird wie der Weihnachtsbaum, der die gesamte rechte Bildhälfte füllt (s. Abb. 2). In Abbildung 1 hingegen erhält die Tanne eine Größe, die den Bildraum fast vollständig einnimmt, da das Christkind verhältnismäßig klein gezeichnet worden ist. Objekte, die einem Kind besonders wichtig sind oder eine emotionale Bedeutung tragen, werden häufig durch extreme Größe und dadurch entstehende „fehlerhafte“ Proportionen abgebildet. Ergänzende Symbole wie der riesige Baum-Ständer (s. Abb. 1), lassen die Tanne noch hochwüchsiger erscheinen, wodurch der Blick des Betrachters auf den Weihnachtsbaum fokussiert wird. Die frühen Werke Klees erlangen somit einen Mitteilungsgehalt, da die Proportionen und Größen der Motive an seine subjektive Wichtigkeit und eine motivationale Aussage angepasst wurden. Bildstrukturen, die keine Ähnlichkeit zur Realität aufweisen, können auch das Resultat von Problemen der graphischen Gestaltung sein, da die motorischen Fähigkeiten bei vierjährigen Kindern noch nicht vollkommen ausgebildet sind.[9]

In den werkschaffenden Arbeiten fängt Klee an eine Binnendifferenzierung vorzunehmen, indem er die eindeutig wahrnehmbaren Merkmale des Weihnachtsbaumes detailreich darstellt. Diese Differenzierung erfolgt anfänglich innerhalb eines einzigen Bildelementes, bei dem eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen dem dargestellten und dem darstellenden Element erzeugt wird. Die mit Kugeln und Kerzen geschmückten Äste der Tanne verteilen sich regelmäßig um den Stamm und verkürzen sich in der Höhe, so dass eine Baumspitze entsteht. Durch die nach unten gebogenen Äste wirkt die Abbildung lebhaft (s. Abb. 1) und grenzt sich von der statischen Darstellung geradliniger Äste in Klees Zeichnung Weihnachtsbaum Christkind und Uhr (s. Abb. 2) ab. Die detaillierte Ausarbeitung der Weihnachtsbäume schließt die Farbgebung der Tannen mit ein, die die Wichtigkeit des Objektes unterstützen, da weitere Bildelemente keine Farbigkeit zeigen und einen „unfertigen“ Charakter besitzen (s. Abb. 1). Mit Kreide und Buntstift bemüht sich Klee um einen kräftigen Farbauftrag und beachtet bereits im Kindergartenalter eine wirklichkeitsorientierte Farbgebung. So hat der Weihnachtsbaum grüne Nadeln, einen braunen Stamm und rote Kerzen mit einem gelblichen Lichtschein. Klee hat sich mit nur vier Jahren die Regelmäßigkeiten der farbigen Umgebung eingeprägt und beginnt innerhalb der Bildgestaltung bewusst den Objekten die entsprechende „Gegenstandsfarbe“ zuzuweisen, die die Wirklichkeit abbildet. Seine Kinderzeichnungen zeigen den starken Drang, die frühen Werke immer realistischer und detailreicher zu gestalten.

Mit dem zunehmenden Alter entwickelte sich der Zeichenstil Klees weiter, indem er Illustrationen aus Zeitschriften nachmalte. Die Konzentration auf die genaue Wiedergabe von den Landschaftsbildern erfordert eine detailreiche Darstellung des Beobachteten, ohne das Objekt zu analysieren oder Reduktionen vorzunehmen. Die wahrgenommenen „Motive bleiben in einer mittleren Distanz, so daß sie als Ganzheit abgebildet werden können und der Bildausschnitt nicht zu kompositionellen Schwierigkeiten und Fokussierungen führt.“[10] „Begabte Kinder können auch ganz auf sich gestellt aus diesen Vorlagen heraus zu meisterhaften Zeichnern werden. Wenn die Kultur geeignete Strichzeichnungen anbietet, entwickeln sich die Zeichenfähigkeiten entsprechend komplexer.“[11] Durch das Abzeichnen von Landschaftsdarstellungen werden die grafischen und visuellen Kompetenzen des Kindes ausgebildet, es lernt bei der Abbildung des Wahrgenommenen stärker ins Detail zu gehen, um zwischen unterschiedlichen Bäumen oder Sträuchern Unterscheidungen vorzunehmen. Neben den Zeitschriftenillustrationen wurden auch Ausschnitte der Umgebung Berns zu Klees Zeichenmotiv (s. Abb. 3 und 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Paul Klee, Ohne Titel, 1890.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Paul Klee, SommerLandschaft, 1890.

Im Alter von zehn Jahren erstellt Klee zwei Landschaftszeichnungen, in denen er die gesehenen Objekte der nahen Umgebung Berns in der Bildsprache zusammenbringt. Die Bleistift- und Aquarellzeichnungen werden von ihm um zahlreiche Details ergänzt, um zwischen den verschiedenen Bäumen und Gebäuden zu unterscheiden. So werden die Tannen von den Laubbäumen und Wohnhäuser von Kirchen unterschieden (s. Abb. 3 und 4) und erhalten eine zunehmende it dem Abbildungsgegenstand.[12] Die Formen der Baumkrone werden ausgearbeitet und vom Geäst durchwachsen, auf der Spitze des Kirchturmdaches befindet sich ein Kreuz (s. Abb. 3 und 4) und die verschiedenen Grüntöne der Tanne deuten Schattierungen innerhalb des Gegenstandes an (s. Abb. 4). Die Arbeiten Klees entwickeln sich zu einer zunehmend naturalistischen Wiedergabe seiner Umwelt und zeigen die Ähnlichkeit zwischen dem abgebildeten und dem realen Gegenstand an. „Naturalistisch geformte Konturen sind ein spätes Element, das Kinder in ihre Zeichnung aufnehmen“.[13] Indem Klee jedoch Illustrationen aus Zeitschriften abzeichnet, die er nicht kennt oder noch nie abgebildet hat, kann diese Entwicklung vorangetrieben werden, da es zu einer genauen Übernahme von Einzelheiten innerhalb der Darstellung kommt. Das Kind konzentriert sich auf äußere Details und wendet sich im Zeichenprozess zunehmend von seinem Innenleben ab. „Erst wer viel über eine Sache weiß, sie schon oft gesehen hat, kann sie optimal wahrnehmen.“[14] Dabei lässt die Naivität der Kinderzeichnung nach. Emotionale Bildaussagen finden sich selten in den späten Kinderzeichnungen Klees wieder, in denen er versucht das Gesehene abzubilden.

Die korrekten Größenrelationen werden in Klees Landschaftsdarstellungen zunehmend berücksichtigt. Durch die Umgebung Berns zieht sich ein steiler Weg an der Brüstung entlang, der in einer fernen Siedlung endet. Die Kapelle (s. Abb. 3) und die Häuser auf dem Berg (s. Abb. 4) befinden sich im oberen Bildbereich und sind kleiner gezeichnet worden als die Kirche in der unteren Bildhälfte (s. Abb. 3 und 4). Sie stellen somit Objekte dar, die aufgrund der höheren Lage weiter weg vom Betrachter liegen. Die dadurch entstehende Tiefenwirkung ist besonders an der Ortschaft auf dem Berg zu beobachten (s. Abb. 4), bei der einzelne Details aufgrund der großen Entfernung nicht mehr wahrgenommen werden können. Die Darstellung der Fenster und Dächer wird bei den Gebäuden vereinfacht, indem Klee nur noch feine Linien einzeichnet, die als Fenster fungieren und den Häusern eine Farbigkeit geben. Der Kirchturm hingegen, der sich in der vorderen Bildhälfte in unmittelbarer Nähe des Betrachters befindet, lässt verschiedene Formen und Größen der Fensterrahmen erkennen (s. Abb. 3 und 4). Die Dächer heben sich durch eine rote (s. Abb. 4) beziehungsweise braune Farbigkeit (s. Abb. 3) der Dachziegel von der Fassade des Gebäudes ab. Klee beginnt den Gesamtbildraum zu gestalten und gibt die strukturierten Beziehungen der Häuser zueinander wieder. Die Häuser in beiden Darstellungen weisen zudem eine dritte Dimension auf, indem sie eine von der Seite sichtbare Tiefendimension erhalten. Klee zeichnet keine Fläche mit einem viereckigen Hausumriss, sondern zwei perspektivisch verkürzte Seiten.

Bei den Abbildungen der Bäume bleibt die Illusion einer Räumlichkeit allerdings weitgehend unbeachtet. Sowohl die Tanne auf dem Berg als auch die auf dem Hang und der Laubbaum neben der Kirche zeigen eine ähnliche Größe (s. Abb. 4), wodurch perspektivische Unstimmigkeiten innerhalb des Werkes entstehen. Eine „fehlerhafte“ Perspektive kann durch einen spontanen Schöpfungsdrang des Kindes auftreten. Sie entwickeln Kompetenzen, aus der Beobachtung und dem Bewusstsein bedeutende Elemente herauszuziehen und diese bei der zeichnerischen Gestaltung einzufügen. So fließen eigene Weltvorstellungen in die Arbeit ein, die auf dem Ausschnitt der Berner Umgebung nicht zu beobachten waren. Ohne den unmittelbaren Bezug zur Realität wird bei Elementen wie der Tanne unbewusst auf alte Strukturen zurückgegriffen, indem ein „inneres Vorstellungsbild“[15] abgerufen wird. Diese Handlungskompetenz beruht auf der eigenen Wahrnehmung, die Tanne werde sehr groß oder klein in das Bildgeschehen eingesetzt.[16] Es zeigt sich dennoch Klees entwickelte Absicht, die Bildgegenstände in ihrer Erscheinungsform wiederzugeben. Bereits in den allerfrühsten Zeichnungen lassen sich die unverwechselbare Begabung und ein starker Gestaltungsdrang erkennen. „Künstler(innen) treffen bereits als kleine Kinder ganz besondere, eigenständige, nur von ihnen selbst eingesetzte Bildaussagen.“[17]

2.2 Frühe Engel

Im Alter von drei Jahren fertigt Paul Klee mit Bleistift und Kreide die Zeichnung Christkind ohne Flügel an (s. Abb. 5). Beim genauen Betrachten dieses Werkes, das einen Engel als Christkind in einem eingezäunten Vorgarten zeigt, fallen einige Merkmale auf, die eine besondere Sichtweise der Welt Klees verbildlichen. Dies ist ein Zeichen für eine außerordentlich ausgebildete Kreativität des Kindes.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Paul Klee, Christkind ohne Flügel, 1883.

Die Darstellungsweise des Hauses mit dem Garten (s. Abb. 5) zeigt eine komplexe Bildstruktur, bei der es zu Überlagerungen von einzelnen Bildelementen kommt. Klee verteilt seine Elemente nicht willkürlich auf dem Papier, so dass der Eindruck eines Streubildes entsteht,[18] sondern „geht [bereits] mit Vorüberlegungen an die Einteilung des Zeichenbildes heran“[19] und lässt eine Anordnung und Perspektive erkennen. Durch diese hervorgerufene Raumillusion, die sich in Klees Werk zeigt und der realen Welt entspricht, kommt der frühe Gestaltungssinn des Jungen zum Tragen. Er nimmt eine Verkleinerung der einzelnen vertikalen Linien, die den Gartenzaun darstellen, nach der Tiefe hin vor, wodurch seine Raumvorstellung erkennbar wird. Die Tiefe des Bildes wird verstärkt, indem Klee das groß dargestellte Christkind in die vordere Bildhälfte setzt und das kleine Haus in der hinteren platziert. Die Proportionen stellt Klee erstaunlich naturgetreu dar und die unterschiedlichen Größenverhältnisse führen den Blick des Betrachters durch das Bild. Durch Verkürzungen und die Tiefenwirkung wird die Darstellung des typischen, kindlichen „Klappbild[es]“[20] umgangen.

Beim Betrachten des Hauses fällt zudem auf, dass der Gegenstand nicht parallel zur Blattkante abgebildet wird. Klee zeichnet das Objekt nicht symmetrisch in der Frontalansicht, sondern in einer dreidimensionalen Darstellung von der Seite. Diese Darstellung stellt in der Kinderzeichnung etwas Außergewöhnliches dar. In dem Gespräch vom 22.05.2015 erklärte Adolf Eickhorst, dass in diesem Kind eine Opposition steckt, eine andere Sichtweise, als im konventionellen Sinne. Dies ist ein Indiz dafür, dass Klee aufgrund seines oppositionellen Potentials auch kreativ ist und diese Kreativität in einer künstlerischen Tätigkeit zum Ausdruck gebracht werden kann. Durch diesen intensiven Gestaltungsdrang des jungen Klees werden der kunstfertige Charakter der Bildkomposition und die hohen kognitiven Fähigkeiten des Kindes deutlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Darstellung des Engels mit Flügeln (s. Abb. 6) wird die Figur mit bloßen Konturlinien gezeichnet, jedoch „sofort als Objekt erkannt, weil auch die eigene Wahrnehmung das Objekt mit ‚inneren Linien‘ weiterverarbeitet.“[21] Die innere Wahrnehmung wird somit zur Realität. Durch das Zeichnen von bloßen Umrisslinien entsteht zwar ein kindliches Transparentbild, „unsichtbare Flächen“, die sich überschneiden, sind jedoch nur im Bereich der Flügel und Arme des Christkindes zu erkennen.

In Klees Engelgestaltung deutet sich die „typische“ Darstellungen von „Menschen aus doppellinigen [...] Kreuzen“[22] an. Das Kreuz, das aus einem langen senkrechten Balken und einem kürzeren waagerechten Balken besteht, fungiert hier als Körper mit Flügeln. Durch die Formverwendung des Kreuzes entsteht eine symmetrische und ausbalancierte Menschengestalt. Diese „Symmetrie gehört zu den frühsten Entdeckungen des Kindes“[23].

[...]


[1] Vgl. Schulz, Nina: Das zeichnerische Talent am Ende der Kindheit. Ein empirischer Vergleich zwischen dem Selbstbild und den Fremdbildern von Peers, Eltern, Lehrern und Künstlern. Münster: Waxmann 2007, S. 21.

[2] Vgl. Arnheim, Rudolf: Zu Anfang das Kind. In: Kinderzeichnung und die Kunst des 20. Jahrhunderts. Hg. v. Jonathan Fineberg. 3. Auflage. Ostfildern: Gerd Hatje 1995, S. 14f.

[3] Vgl. Gombrich, E. H.; Jill Tilden: Viollet-le-Ducs „Histoire d’un dessinateur“. In: Fineberg, 1995, S. 61.

[4] Vgl. Andersen, Troels: Magische Figuren: Jorn, Cobra und die Kinderzeichnung. In: Fineberg, 1995, S. 10f.

[5] Eichhorn, Herbert: KinderBli>

[6] Blaschke, Ursula: Kinder nicht über den grünen KLEE loben. In: BOGART o. Jahrgangsnummer (2011), S. 9.

[7] Rümelin, Christian: Paul Klee: Leben und Werk. München: Beck 2004, S. 8.

[8] Vgl. ebd., S. 7.

[9] Vgl. Schuster, Martin: Kinderzeichnungen. Wie sie entstehen, was sie bedeuten. 3. Auflage. München/Basel: Reinhardt 2010, S. 111.

[10] Rümelin, 2004, S. 8.

[11] Schuster, 2010, S. 38.

[12] Vgl. Schuster, 2010, S. 53.

[13] Ebd., S. 29.

[14] Ebd., S. 23.

[15] Miller, Monika: Indikatoren zeichnerischer Kompetenzen – Zusammenhänge zwischen Wahrnehmung, Vorstellungsbildung und Bildmotiv. In: Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck. Forschungsstand – Forschungsperspektiven. Hg. v. Constanze Kirchner; Johannes Kirschenmann; Monika Miller. München: kopaed 2010, S. 74.

[16] Vgl. ebd., S. 73f.

[17] Blaschke, Ursula: Bilder sind Fenster, die sich nach außen öffnen. In: Keimlinge der großen Kunst. Kindheits- und Jugendwerke des Felix Klee. Hg. v. Museum Halle/Westfalen. Mönchengladbach: Wolfgang Heinen 1988, S. 5f.

[18] Vgl. Schuster, 2010, S. 73.

[19] Aissen-Crewett, Meike: Kinderzeichnungen verstehen. Von der Kritzelphase bis zum Grundschulalter. München: Don Bosco 1988, S. 24.

[20] Schuster, 2010, S. 70.

Bei jeder Abbildung der Wirklichkeit handelt es sich um eine Übersetzung der Dreidimensionalität in die Zweidimensionalität. Das Kind sieht, wie beispielsweise die einzelnen Seitenlängen eines Hauses zusammenhängen. Es fehlt ihm aber noch die entwickelte Abstraktionsfähigkeit um das Gesehene naturalistisch abzubilden. Ausgehend von der Frontalansicht werden die Seiten des Hauses „umgeklappt“ in die Zeichnung integriert.

[21] Schuster, 2010, S. 21.

[22] Aissen-Crewett, 1988, S. 69.

[23] Fineberg, 1995, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Zum Spätwerk von Paul Klee
Untertitel
Sein Dialog mit der Kindheit
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
45
Katalognummer
V446602
ISBN (eBook)
9783668831483
ISBN (Buch)
9783668831490
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spätwerk, paul, klee, sein, dialog, kindheit
Arbeit zitieren
Tabea Selina Sobbe (Autor), 2015, Zum Spätwerk von Paul Klee, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446602

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