Frau Welt - eine motivgenetische Studie


Magisterarbeit, 2004

100 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Methodische Grundlagen
1.1 Von Michail Bachtins zu Julia Kristevas ”dialogicnost“ ”intertextualité“
1.2 Die Folgen
1.2.1 Text und Intertext
1.2.2 Autor und Rezipient
1.2.3 Markierung intertextueller Bezüge
1.2.4 Intertextualität verschiedensprachiger Texte
1.3 Methodenauswahl nebst einiger Vorbehalte

2 Die Personifizierung der fornicatio in den Vitae Patrum - ein mögliches Vorbild für die Frau Welt
2.1 ÜberlieferungundRezeption
2.2 De fornicatione und mögliche Referenztexte

3 saeculum und gloria mundi - zwei mittellateinische Frau Welt-Gestalten
3.1 Überlieferung
3.2 Ein Vergleich der beiden Exempla
3.3 Die Exempla und das Apophthegma
3.4 Zusammenfassung und Fazit

4 ”Der Welt Lohn“KonradsvonWürzburg
4.1 Überlieferung
4.2 Konrad von Würzburg und seine literarischen Vorbilder
4.2.1 Gottfried von Straßburg
4.2.2 Wirnt von Gravenberg
4.2.3 Hartmann von Aue
4.2.4 Walther von der Vogelweide
4.2.5 Zusammenfassung
4.3 ”DerWeltLohn“unddiemittellateinischenExempla

5 Die Strophen des Guters
5.1 ÜberlieferungundStruktur
5.2 Der Epigone und sein Vorbild? Der Guter und Konrad von Würzburg

6 Zusammenfassung und Fazit

7 Bibliographie
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur
7.3 Lexika und Wörterbücher

Einleitung

”FrôWelt,ichhânzevilgesogen, ich will entwonen, des ist z ıt.

dˆın zart hât mich vil nâch betrogen wand er viel süezer fröiden g ıt.

Dô ich dich gesach reht under ougen, dô was dˆın schouwen wunderlichn < > al sunder lougen.

doch was der schanden alse vil,

dô ich dˆın hinden wart gewar, daz ich dich iemer schelten wil.“1

Diese Zeilen Walthers von der Vogelweide, entnommen aus dem sogenannten

”Abschiedvon

der Welt“,2 wertet die Forschung als erstes Auftreten der doppelseitigen Frau Welt in der mittelhochdeutschen Literatur.3

Mehr als diese andeutenden Verse brauchte es anscheinend nicht, um den Zeitgenossen Walthers von der Vogelweide diese allegorische Figur vor das innere Auge zu rufen, die wie keine andere vermochte, die Ambivalenz der irdischen Existenz zu verkörpern. Das wesent- liche äußere Merkmal der Frau Welt4 ist ihre Aufspaltung in eine schöne, reich gewandete Vorderseite und eine entstellte, verwesende Rückseite. Die Botschaft bzw. der Gehalt der Al- legorie war dem gläubigen Menschen des Mittelalters vollkommen klar: Wer den Schönheiten und Vergnügungen der diesseitigen Welt anhängt und somit sündigt, erhält dafür im jenseiti- gen Leben den gerechten Lohn; sein Los ist der ewige Tod. Die irdische Existenz bietet nichts als Vergänglichkeit und Trug, und all ihre Schönheiten sind Blendwerk, nur dazu angetan, den Menschen vom eigentlichen Ziel seines Daseins, dem ewigen, jenseitigen Leben bei Gott, abzulenken.

Die Frau Welt-Figur entstammt dem Bereich des contemptus mundi,5 einer christlichen Spiritualität, die vor dem Hintergrund des Glaubens an die körperliche Auferstehung und in der Erwartung eines ewigen Lebens in der künftigen Welt6 die Verachtung der diesseitigen predigt.7 Der Grund für die Ausbildung eines solchen Gegensatzes zwischen irdischer Exi- stenz bzw. der Welt und den göttlichen, himmlischen Sphären ist in der tief im Christentum8 verwurzelten ontischen Dualismusvorstellung zu suchen:9 Die irdische Welt und ihre Bewoh- ner sind zwar Gottes Schöpfung, aber durch die Erbsünde von ihm abgefallen und deswegen mit dem Makel der Sündenschuld behaftet. Die Folge der Sünde aber ist der leibliche Tod.10 Unter rein ethischen Gesichtspunkten betrachtet folgert daraus eine entsprechend negative Bewertung der Welt, der Menschen und ihrer gesamten diesseitigen Existenz: Irdische Unvoll- kommenheit, Sündhaftigkeit und Vergänglichkeit stehen in direkter Opposition zu göttlicher Vollkommenheit und ewigem Leben.

An dieser Stelle sei kurz auf die gebräuchlichen lateinischen Termini zur Bezeichnung der Welt und ihrer Bewohner - mundus und saeculum - eingegangen.11 Sie waren im Laufe der Zeit einem starken Bedeutungswandel unterworfen. mundus stand seit Catullus (* ca. 87, † ca. 54 v. Chr.) und Horatius (* 65, † 8 v. Chr.), unter dem Einfluß des griechischen kosmos12 -Begriffes, für die Gesamtheit der Himmelskörper, das Weltall bzw. die Welt (im naturwissenschaftlichen Sinne). In der Kaiserzeit erfolgte eine Bedeutungsverengung, so daß vitam venturi saeculi.“ Zitiert nach: Gotteslob. Katholisches Gebet- und Gesangbuch für das Bistum Aachen. Stuttgart, Aachen 1975. Nr. 423, S. 433.

mundus nunmehr auf die Erde und ihre Bewohner, schließlich auf die Menschheit schlechthin fokussiert wurde. Durch den Einfluß des Christentum wurde der Bedeutungshorizont weiter eingeschränkt; die rein ethische Betrachtungsweise führte zur negativen Konnotation des mundus-Begriffs, denn er wurde ”aufdieinihremLebenundinihrenGrundsätzenvonGott abgewandte Menschheit übertragen.“13

Einem ähnlichen Wandel unterlag der Terminus saeculum. In seiner ursprünglichen Bedeutung14 dient er zur Umschreibung eines bestimmten Zeitraums, den z. B. Plinius der Ältere in seiner Naturgeschichte mit 30 Jahren veranschlagt, was annähernd einer antiken Lebensspanne gleichkäme. Endlichkeit ist auch für die weiteren Verwendungen das wesentliche Merkmal; so steht saeculum - ebenfalls seit der Kaiserzeit - auch für Begriffe wie Geschlecht, Zeitalter, Zeitgeist und Jahrhundert. Im Mittellateinischen bezeichnet er schließlich die endliche Welt, das gegenwärtige Leben, alle vergänglichen Dinge, sowie die irdische Gesellschaft bzw. die Menschheit und dient somit als Synonym für mundus.15

Das literarisch-theologische Fundament der contemptus mundi-Bewegung bildete, neben den Briefe des Apostels Paulus, einigen Texte des Alten Testaments16 sowie diversen patristischen Schriften,17 vor allem der Johannesbrief, in dem der Verfasser wiederholt die Liebe zum göttlichen Vater über die Liebe zur Welt stellt und das vergängliche Leben in der irdischen Welt und das ewige Leben bei Gott in strikte Opposition zueinander bringt:

1 Joh 2,15-17 ”Nolite diligere mundum nequeea,quaeinmundesunt.Siquisdiligit mundum, non est caritas Patris in eo; quoniam omne quod est in mundo, concupiscentia carnis est et concupiscentia oculorum et superbia vitae [iactantia divitiarum]; quae non est ex Patre, sed ex mundo est. Et mundus transit et concupiscentia eius. Qui autem facit voluntatem Dei manet in aeternum.“18

Noch schärfer formuliert der Verfasser des Johannesevangeliums, der die Verbindung zwi- schen der Welt und dem Satan als dem Fürsten der Welt knüpft und diesen zum direkten

Gegenspieler Christi aufbaut:

Joh 12,31 ”Nunciudiciumestmundi,nuncprincepshuiusmundieicieturforas.Etego, si exaltatus fuero a terra, omnia traham ad me ipsum“19

Joh 16,8-11 ”Etcumveneritille[i.e.Paraklitus,alsoderHeiligeGeist],arguetmundum de peccato et de iustitia et de iudicio. De peccato quidem, quia non crediderunt in me. De iustitia vero, quia ad Patrem vado, et iam non videbitis me. De iudicio autem, quia princeps huius mundi iam iudicatus est.“20

Der wahrhaftige Christ soll sich auch nicht an diese Welt klammern, denn sie ist nichts weiter als ein Durchgangsstadium, er selbst nur Pilger oder Fremder, sein Leben ganz auf eine jenseitige Existenz ausgerichtet. Für den Verfasser des Hebräerbriefes verkörpert der Patriarch Abraham beispielhaft diese Haltung: Allein im Vertrauen auf Jahwe verläßt dieser seine Heimat und begibt sich auf die Reise, ohne das Ziel zu kennen.

Hebr. 11,8-10 ”FidequivocaturAbrahamoboedivitinlocumexire,quemaccepturus erat in hereditatem, et exiit, nesciens quo iret. Fide demoratus est in terra repromissionis tamquam in aliena, in casulis habitando cum Isaac et Iacob coheredibus repromissionis eiusdem. Expectabat enim fundamenta habentem civitatem, cuius artifex et conditor Deus.“21

Vorbildlich ist auch Noah, der, Gott gehorsam, die Arche erbaut und sich damit von seiner (Um-)Welt und ihrem Urteil abwendet.22 Damit sind beide, zusammen mit anderen vorbild- lichen Figuren des Alten Testamentes,23 durch ihre Gläubigen:

Hebr. 11,13-16 ”Fremdheit“inderWeltVorbildfüralle ”Iuxtafidemdefunctisuntomnesisti,nonacceptisrepromissionibus,sed a longe eas aspicientes et salutantes et confitentes quia peregrini et hospites sunt supra ”JetztistdasGerichtüberdieseWelt.JetztwirdderFürstdieserWelthinabgeworfenwerden.Undich werde, wenn ich von der Erde erhöht bin, alle an mich ziehen.“ Dt. Text: Die Bibel, S. terram. Qui enim haec dicunt, significant se patriam inquirere. Et si quidem ipsius me- minissent de qua exierunt, habebant utique tempus revertendi. Nunc autem meliorem appetunt, id est caelestem. Ideo non confunditur Deus vocari Deus eorum; paravit enim illis civitatem.“24

Vorläufigkeit, aber auch Bedrohlichkeit des Diesseits für das Seelenheil durch seine Verlockun- gen zur Sünde bemühen sich christliche Schriftsteller immer wieder in Bilder zu fassen: Das irdische Leben ist flüchtig wie ein Windhauch,25 ein Weg,26 oder eine Wanderung durch die gefährliche Wüste. So konstatiert Cassiodor in seiner Expositio in psalterium zu Psalm 136 (135),16:

”Perdesertumnostrajicit,quandoperhocsaeculumtransirefacitillæsos;solienim evadunt qui mundi istius mala pertranseunt. Cæterum qui in istis hæserit, ad præmia divina non pervenit. Desertus enim ideo dicitur mundus, quia divina electione privatus. Et merito sic vocatur, quia ad se venientem non recepit Auctorem.“27

Tertullian steigert diese negative Bewertung der irdischen Existenz noch, indem er in seiner Schrift Ad Martyres die Welt als Kerker bezeichnet, dem der Aufenthalt im tatsächlichen Gefängnis vorzuziehen sei:

”Sienimrecogitemusipsummagismundumcarceremesse,exissevosecarcere,quamin carcerem introisse, intellegemus. Maiores tenebras habet mundus, quae hominum praecor-

dia excaecant. Graviores catenas induit mundus, quae ipsas animas hominum constring- unt. Peiores immunditias exspirat mundus, libidines hominum. Plures postremo mundus reos continet, scilicet universum hominum genus. Iudicia denique non proconsulis, sed Dei sustinet. [...] Christianus etiam extra carcerem saeculo renuntiavit, in carcere autem etiam carceri.“28

”Gläubigsinddieseallegestorben,ohnedieVerheißungerlangtzuhaben;siehabensievonFernegesehen und begrüßt und haben erkannt, daß sie Fremdling und Pilger seien auf Erden. Denn die so sprechen, geben zu verstehen, daß sie eine Heimat suchen. Hätten sie aber jene im Sinn gehabt, aus der sie ausgezogen waren, so hätten sie ja Gelegenheit gehabt umzukehren. Nun aber verlangen sie nach einer besseren, das heißt nach der himmlischen (Heimat). Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott zu heißen; denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.“ Dt. Text: Die Bibel, S.1736. Lat. Text: Novum Testamentum, S.732. (Hervorhebung durch mich)

Neben diesen dinglichen Metaphern für die negativen Aspekte des menschlichen Lebens bzw. der Welt, finden sich in der lateinischen contemptus mundi-Literatur auch Ansätze zur Ausbildung einer Weltpersonifikation. Anselm von Canterbury warnt in seinem Brief an Herluin vor dem trügerischen Lächeln des mundus und derer, die zu ihm gehören, und geht damit einen Schritt in Richtung Personifikation, indem er die Gestalt eines Betrügers evoziert:

”Simundus,velaliquideorumquaesuntmundi,ridettibi,noliarridereilli.Certe,frater, non ridet tibi, ut in fine risus tu rideas; sed simulat risum, ut te irrideat.“29

Geschult in der allegorischen Bibelauslegung ließen die geistlichen Autoren das gefährliche Wesen der Welt bzw. bestimmte üble Charakteristika durch bekannte biblische Frauenfigu- ren Gestalt annehmen. So verkörpern in Bernhards von Clairvaux Liber sententiarum (Vers 117) drei berühmt-berüchtigte Frauen des Alten und Neuen Testaments die Gefährdung des Seelenheils durch die Welt und durch drei der mit ihr im 1. Johannesbrief in Verbindung gebrachten Hauptsünden:

”Puellae quae evertunt sensum nostrum,tressunt.Teneritudo carnis nostrae,quaeestDa- lila quae Samsoni eruit oculos. Amoenitas mundialis gloriae, quae est Jezabel, et Naboth occidit. Differentiae futurae vitae, quae est filia Herodiadis, et aufert caput prophetae.“30

Auf autoritärer Basis begründet und stetig weitergeführt, riß die Tradition der contemptus mundi-Literatur also auch im Mittelalter nicht ab, sondern erlebte im 11. und 12. Jahrhundert sogar einen neuen Aufschwung31 und gewann größeren Einfluß als zuvor.32 Beispielhaft für diese Entwicklung ist die weite Verbreitung des Traktats De contemptu mundi sive de miseria conditionis humanae Lothars von Segni33 in fast ganz Europa und vor allem seine Übersetzung in diverse Volkssprachen. Durch den Einzug des contemptus mundi in die volkssprachliche

Einer ähnlichen Metaphorik bedient sich auch der Autor der Vita sanctorum Barlaam eremitae et Josaphat Indiae regis: ”Scrobs autem mundus est,qui omnis generis malisa cmorti ferisla queisscatet.Arborea

quam compressis manibus tenemus, et quae a duobus muribus indesinenter arroditur, cujusque hominis vitae curriculum est.“ (P. L. t.73, Sp.493.)

”DieWeltisteineGrube,dievonallerArtenÜbelundtödlichen

Fallen/Fallstricken wimmelt.“ (eigene Übersetzung)29 P. L. t. 158, Sp. 1073.

”WenndirdieWeltoderirgendeinerderer,dieinderWeltsind,dirzulacht,lächle ihn nicht an. Sei versichert, Bruder, er lächelt dir nicht zu, damit am Ende des Gelächters du lachen mögest, sondern er heuchelt das Lächeln, um dich auszulachen.“ (eigene Übersetzung)

Literatur, seien es Predigten oder Erbauungsbücher, wird nämlich deutlich, daß die geistige Bewegung nicht eng auf klerikale Kreise beschränkt blieb, sondern auch großen Einfluß auf die Laien gewann.34

In derselben christlichen Tradition stehen auch jene vier Texte, die im folgenden in Rela- tion zueinander gebracht werden sollen. Gemeinsam ist ihnen auf den ersten Blick vor allem der dramatische Auftritt einer schönen/entstellten Frau, die in den mittelhochdeutschen Tex- ten als

”FrauWelt“apostrophiertwird.AufderSuchenachderHerkunftdiesermysteriösen

Allegorie postulierte die Forschung immer wieder durchaus unterschiedliche Abhängigkeits- verhältnisse zwischen den zu besprechenden Texten, wobei sich die Untersuchungen - be- dingt durch die Aufgabenstellung - hauptsächlich auf die Frau Welt-Figur konzentrierten, dem übrigen Personal bzw. der Erzählstruktur jedoch relativ wenig Beachtung schenkten.

Den Auftakt der Untersuchungsreihe bildet die Beschäftigung mit einer kurzen lateini- schen Erzählung einer antiken Sammlung patristischer Texte, der Vitae Patrum. Mit der anschließenden Analyse zweier kurzer, anonym und in lateinischer Sprache überlieferter Ex- empla und einem Vergleich mit der kirchenväterlichen Erzählung soll die Brücke von den Schriften der Kirchenväter zur mittellateinischen geistlichen Literatur geschlagen und die über das Ende der Antike hinaus ungebrochene Wirkung der contemptus mundi-Strömung verdeutlicht werden. Anschließend wird Konrads von Würzburg Verserzählung ”DerWelt

Lohn“ hinzugezogen, die als erster mittelhochdeutscher Text eine komplett ausgeführte zwei- seitige Frau Welt-Allegorie bietet. Den Abschluß bildet die Untersuchung einer Spruchreihe

des Guters, den die Forschung mit dem wegen weitestgehend ignoriert hat.35 ”Etiketd sich heute an eine Untersuchung der Beziehungen zwischen Texten begibt, kommt nicht umhin, die schier unendliche Diskussion zur Kenntnis zu nehmen, welche sich um den Begriff der Intertextualität sowie die dazugehörenden Theorien samt Terminologie bemüht, und daraufhin seine eigenen methodischen Grundlagen gründlich zu hinterfragen und offenzulegen. Dies soll nun im ersten Kapitel geschehen.

1 Methodische Grundlagen

1.1 Von Michail Bachtins zu Julia Kristevas ”dialogicnost“ ”intertextualité“

Bezüge zwischen Texten sind so alt wie die Literatur selbst - die ausführliche theoretische Diskussion dieses Phänomens und den Terminus ”Intertextualität“verdankenwiraberden Poststrukturalisten des20. Jahrhunderts. In den späten sechziger Jahren entwickelte die bulgarische Semiotin Julia Kristeva im Rückgriff auf die gesellschafts- und literaturphiloso- phischen Schriften des Russen Michail Michailovitsch Bachtin ihr Konzept der lité“.36

Bachtin hatte im Zuge der Kulturrevolution im Russland der zwanziger Jahre versucht, die Zusammenhänge zwischen Literatur und Gesellschaft in einem eigenen Modell zu erfassen, das auf den Prinzipien von ”Monologizität“und ”Dialogizität“basiert.37 IndiesemKonzept

sind die Formen von Sprache und Kunst eng mit den jeweiligen gesellschaftlichen Zuständen verbunden, die Literatur ist ein Teil der vorgefundenen Wirklichkeit. Der Künstler muß sich nun entscheiden, wie er sich in dieser Realität verhält; ob er die vorherrschenden, etablierten Formen benutzt und damit zu Erhalt und Bestätigung der bestehenden Literatur beiträgt, oder ob er sich von ihr distanziert und sie bekämpft. Dieser rein ”intertextuelle“Prozeß ist aber nur ein kleiner Teil seiner größeren (und wesentlicheren) Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Politik.

Bachtins Modell zufolge versucht jede hierarchisch-zentralistisch strukturierte und auf Au- toritäten ausgerichtete Gesellschaft, den ihr eigenen Macht- und Wahrheitsanspruch durchzu- setzen. In der Konsequenz wird sie die Literatur bevorzugen, die der Erhaltung der herrschen- den Zustände und Autoriäten dient, keine kritische Auseinandersetzung - also den Dialog - sucht, sondern die Traditionen als Bestandteil der bestehenden Kultur sozusagen im Mono- log mit sich selbst bestätigt und bekräftigt. Dies ist das schon erwähnte Prinzip der ”Mo- nologizität“. Antagonistisch dazu versucht das dialogische Prinzip, diesen zentralistischen- monopolistischen Bestrebungen entgegenzuwirken, den allgemeinen gesellschaftlichen Kon- sens zu unterlaufen, indem es sich kritisch und offen mit den bestehenden Formen in Kunst,

Gesellschaft und Politik auseinandersetzt. Diese Auseinandersetzung nennt Bachtin den log“.

”Dia- Dialogizitiät und Monologizität bestimmen als Antagonismen auch den Bereich von Spra- che und Literatur. Während sich die erstere durch Vielfalt in Sprache und Rede, also durch Heterogenität in Form von Dialekten, Soziolekten etc. auszeichnet und gegen jede Tendenz zur Vereinheitlichung strebt, ist bei letzterer Homogenität das erklärte Ziel. Bachtin ord- net diesen gegenläufigen Kräften nun - teilweise recht pauschal - einzelne Literaturgattun- gen zu: Während er den poetischen Gattungen fast durchgängig Monologismus unterstellt, sind der Roman und verwandte Prosa38 gekennzeichnet durch ihre Redevielfalt, die Polypho- nie. Diese ”Stimmenvielfalt“entstehtdurchverschiedeneRedetypen:Bachtinunterscheidet zunächst zwischen Erzähler- und Figurenrede, darüber hinaus klassifiziert er aber auch nach der Ausrichtung der Rede. Nach seiner Theorie kommen also idealiter im Roman mit Hilfe der Figuren- und der Erzählerrede die unterschiedlichsten Intentionen zum Ausdruck, werden aufeinander bezogen und führen gleichsam einen Dialog miteinander. Der Roman gibt auf diese Weise die lebendige Spracherfahrung en miniature wieder.

So knapp und vielleicht unangemessen verkürzt die bisherigen Ausführungen zur Dialogi- zitätstheorie gewesen sein mögen, so dürfte doch deutlich geworden sein, daß es Bachtin vor allem um die Bezüge - den Dialog - innerhalb eines Textes als Abbild der Sprachrealität ging, und weniger um die Relationen zwischen verschiedenen Texten. Seine Theorie ist demnach weniger intertextuell als vielmehr intratextuell; darüber hinaus ist sie nicht einmal primär literarisch ausgerichtet, da der Bezugsrahmen für den Text nicht nur aus anderen Texten besteht, sondern aus dem ”allgemeine[n]DiskursderZeit,fürdender literaris che Diskurs nur einen schmalen Sektor ausmacht.“39

Erst in Julia Kristevas Bachtin-Rezeption wurde die kulturphilosophisch geprägte Dialogizitätstheorie zu einer Literaturtheorie umgearbeitet.40 In den späten sechziger Jahren entwickelte sie im Rückgriff auf die bis dahin im Westen weitgehend unbekannt gebliebene Konzeption Bachtins ihre Theorie von der Intertextualität, die sie im folgenden, berühmt gewordenen Zitat aus ihrer ersten Schrift zum Thema charakterisiert:

”Touttext esecons truit commemosa ıque de citations, toute texte est absorption et transformation d’un autre texte. A la place de la notion d’intersubjectivité s’installe celle d’intertextualité, et le langage poétique se lit, au moins, comme double.“41

Eine explizite Definition des Begriffes

”Problèmes de la structure du texte“:

”Nous appellerons INTERTEXTUALITÉ cetteinter-action textuelle quiseproduità l’intérieur d’un seul texte. [...] l’intertextualité est une notion qui sera l’indice de la façon dont un texte lit l’histoire et s’insère en elle.“42

Kristeva übernimmt die bachtinsche Vorstellung vom Text, der sich aus Zitaten fremder ”Stimmen“zusammensetzt,pauschalisiertaberdahingehend,daßsiedieseEigenschaftfür alle literarischen Texte postuliert, wogegen Bachtin dies doch nur bestimmten literarischen

Gattungen - im besonderen dem modernen Roman - vorbehielt. Die bachtinsche Differenzierung zwischen monologischen und dialogischen Texten entfällt also.

Dies bleibt aber nicht die einzige Erweiterung, denn Kristeva entgrenzt, wie das zweite Zitat belegt, ihren Textbegriff so radikal dahingehend, daß schließlich alles, jedes kulturelle System und jede kulturelle Struktur letztendlich

”Text“seinsoll:GeschichteundGesellschaft

werden lesbar; der Text ist also nicht mehr an das Zeichensystem der Sprache gebunden, und

wir existieren in einem Universum aus Texten.

Welche weiteren Konsequenzen hat diese Sicht nun für literarische Texte?

Hatte Bachtin noch am Subjekt, egal ob historisch oder fiktiv, das hinter jedem Text und jeder Aussage steht, festgehalten, so löst Kristeva diese Instanz völlig zugunsten einer Eigenproduktivität des Textes auf.

Dans cette perspective, nous définissons le texte comme un appareil translinguistique qui redistribue l’ordre de la langue, en mettant en relation une parole communicative visant l’information directe, avec différents types d’énoncés antérieurs ou synchroniques. Le texte est donc une produvtivité, ce qui veut dire: 1. son rapport à la langue dans laquelle il se situe est redistributif (destructivo-construvtif), par conséquent il est abordable à travers des catégories logiques plutôt que purement linguistiques; 2. il est une permutation de textes, une intertextualité: dans l’espace d’un texte plusieurs énoncés, pris à d’autres textes, se croisent et se neutralisent.43

Paris 1969, S. 143-173. Hier S. 146. Zitiert nach: Broich/Pfister, S. 6. ”JederTextbautsichalsMosaik

aus Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes. An Stelle des Begriffes Intersubjektivität setzt sich die Intertextualität, und die dichterische Sprache liest sich wenigstens doppelt.“ (eigene Übersetzung)

Mit dem autonomen Individuum des Autors verschwindet zugleich die Individualität eines Werkes: Es ist nur noch Teil eines allumfassenden Textes, eines ”UniversumsderTexte“,44 das

Geschichte und Wirklichkeit mit einschließt und in dem prinzipiell alles aufeinander verweist. Die Beschäftigung mit einzelnen Autoren und Werken nach dem Vorbild klassischer Philologie wird vor diesem theoretischen Hintergrund eigentlich obsolet.

Es stellt sich die Frage, wie eine im Grunde autor- und werkfeindliche Theorie für die Analyse literarischer Texte nutzbar gemacht werden kann.

1.2 Die Folgen

1.2.1 Text und Intertext

Das Verschwinden der Instanzen von ”Autor“und ”Werk“wurdenatürlichnichtunwiderspro- chen hingenommen. Es entspann sich eine jahrzehntelange Kontroverse, die auch praktikablere Modelle der Intertextualität hervorbrachte.45

Strittig war von Beginn an die Frage, welche Arten von Beziehungen zwischen Texten unter dem Begriff der Intertextualität zusammengefaßt werden können. Die radikalste Kon- zeption geht davon aus, daß jeder Text, ja jede Äußerung schon Reaktion auf einen anderen bzw. eine andere ist, da jedes Objekt schon besprochen oder beschrieben wurde. Auch auf der Ebene von Wort und Syntax, sowie im Hinblick auf bestimmte Texteigenschaften (z. B. Struktur) sind Text oder Äußerung untrennbar mit anderen Vorgängern verbunden. Jona-

than Culler faßt diesen Sachverhalt, indem er die ”intertextuelleNaturjeglichenverbalen Konstrukts“ postuliert.46 Und wieder verliert der Text seine Autonomie, ist keine abgeschlos- sene Einheit mehr:

”[...]therearenotexts,butonlyrelationshipsbetweentexts.“47 Mitder

Auflösung der Integrität des Einzeltextes ist aber die Dekonstruktion für einige Vertreter der

radikaleren Auslegung der Intertextualitätstheorie nicht abgeschlossen; analog zum Ausgang- stext, so postuliert Roland Barthes, kann diesem auch kein einzelner, individueller Bezugstext mehr zugeordnet werden. In der Konsequenz existiert praktisch nur ein einziger gigantischer

Intertext, der schon erwähnte ”textegénéral“,welchernichtnurdieGesamtheitallerTexte, sondern sämtliche Sprachcodes und Bedeutungssysteme, auf denen diese basieren, umfaßt.

Die Bestrebungen, diese Theorie zu einer analysefähigen Methode umzuarbeiten, setzen mit der Einschränkung des unendlichen Intertextes an, indem literarischen Texten eine be- sondere Qualität der Intertextualität zugebilligt wird: Aus dem unendlichen Wust der Bedeutungssysteme, Sprachcodes und Texten löst sich also wieder die spezifisch poetisch-literarische Rede bzw. der literarische Text heraus. So geht z. B. auch Harold Bloom immer von poetischen Texten aus, wie er betont:

”[...]poemsarenotthingsbutonlywordsthatrefertootherwords,andthosewords refer to still other words, and so on into the densely overpopulated world of literary language.“48

Aber selbst mit dieser Einengung wird das Phänomen der Intertextualität noch nicht greifbar für eine Analyse. Ein weiterer Schritt besteht darin, von einer generellen Intertextualität, die jedem Text zu eigen ist, eine spezifischere, bewußt oder unbewußt eingesetzte Form der Inter- textualität zu unterscheiden, wie dies Renate Lachmann im direkten Rückgriff auf Bachtins Arbeiten getan hat. Sie postuliert neben einer textontologischen Intertextualität eine spezi- ellere Form, in der ein Dialog mit fremden Texten, aber auch generell mit anderen Sinnpo- sitionen aufgebaut wird. Diese Intertextualität schlägt sich im Werk in greifbaren Bezügen auf andere Texte - im Jargon auch

”Prätext“oder ”Referenztext“genannt49 -,Textgrup- pen oder Codes nieder und kann als eine angesehen werden.50

”spezifischeFormderSinnkonstitutionvonTexten“ Einen ähnlichen Weg gehen auch Pfister und Broich, die ihren Versuch der Skalierung der intertextuellen Bezüge als Ergänzungsmodell zum globalen Intertextualitätskonzept verstan- den wissen wollen.51 Als Anschauungsbild dient ihnen ein System aus konzentrischen Kreisen, deren Mittelpunkt die höchste intertextuelle Intensität anzeigt, die mit größer werdendem Ab- stand zum Zentrum abnimmt. Sechs Kriterien sollen nun dazu dienen, den Intensitätsgrad

intertextueller Verweise zu bestimmen. Das erste, die

”Referentialität“,erfaßtdenGrad,in

dem ein Text seinen Bezugstext, auf den er zurückgreift, thematisiert und damit seinen Zitatcharakter anzeigt:

”Wir[...]postulieren,daßeineBeziehungzwischenTextenumsointensiverintertextu- ell ist, je mehr der eine Text den anderen thematisiert, in dem er seine Eigenart [...] ’bloßlegt‘.“52

Das zweite Kriterium, die

”Kommuni kativität“schlie ßtsowohl Autorund Text,alsauchden

Rezipienten ein: Es soll den Grad, in dem sich die Instanzen intertextuellen Relationen bewußt sind, beschreiben:

”Autor“53 und ”Rezipient“der

”[...]skalierenwirintertextuelleBezügenachihrerkommunikativenRelevanz,d.h.nach dem Grad der Bewußtheit des intertextuellen Bezugs beim Autor selbst wie beim Rezi-

pienten, der Intentionalität und der Deutlichkeit der Markierung im Text selbst.“54

Das Kriterium der ”Autoreflexivität“beziehtsichaufdenGrad,indemderAutordieinter- textuelle Natur seines Textes thematisiert. Ein höherer intertextueller Intensitätsgrad kann also dadurch erreicht werden,

”[...]daßeinAutorineinemTextnichtnurbewußteunddeut-

lich markierte intertextuelle Verweise setzt, sondern über die intertextuelle Bedingtheit und Bezogenheit seines Textes in diesem selbst reflektiert [...].“55

Mit dem Kriterium der ”Strukturalität“fassenBroichundPfisterdenGradinsAuge,in

dem ein Text die Struktur eines anderen integriert:

Die

”NachdiesemKriteriumergibtdasbloßpunktuelleundbeiläufigeAnzitierenvonPrätex- ten einen nur geringen Intensitätsgrad der Intertextualität, während wir uns in dem Maße

dem Zentrum maximaler Intensität nähern, indem ein Prätext zur strukturellen Folie ei- nes ganzen Textes wird.“56

”Selektivität“beschreibtdiePrägnanzdervomAutorausgewähltenVerweise,d.h.den Grad, in dem diese in der Lage sind, den anzitierten Text in den neuen Zusammenhang ”einzuspielen“.Esgehtalsodarum ”[...]wiepointierteinbestimmtesElementauseinem Prätext als Bezugsfolie ausgewählt und hervorgehoben wird und exklusiv oder inklusiv der Prätext gefaßt ist [...]“57

Mit dem letzten Kriterium, der ”Dialogizität“,wird-imRückgriffaufBachtin-das Spannungsverhältnis zwischen Text und bezogenem Text in den Mittelpunkt gerückt. Es besagt, ”[...]daßeinVerweisaufvorgegebeneTexteoderDiskurssystemevonumsohöherer

intertextueller Intensität ist, je stärker der ursprünglich und der neue Zusammenhang in semantischer und ideologischer Spannung zueinander stehen.“58

Weit davon entfernt eine wirkliche Meßbarkeit intertextueller Bezüge erreichen zu wollen,

verstehen Broich und Pfister die vorgeschlagenen Kriterien als Beitrag zu einer differenzierteren Betrachtung intertextueller Relationen.59

Eine Kontroverse entspann sich auch um die Frage, welche Arten von Relationen unter dem Begriff der Intertextualität versammelt werden dürfen: Gelten als solche nur Beziehungen zwischen einem Text und einem anderen individuellen Text oder aber auch Gattungsbezüge?

Oder sollten letztere, in der Forschung auch unter der Bezeichnung ”Systemreferenz“zu-

sammengefaßt, besser gesondert behandelt werden?60 Gegen eine solche Abtrennung spricht

sich Manfred Pfister aus, wobei er verschiedene Formen der Parodie als Beispiele zu Hilfe nimmt: Die eine hat einen bestimmten Text zum Objekt, während die andere Gattungsmuster aufgreift, also das ganze System parodiert. Im Grunde aber sind beide - Einzeltext und Gattung - nicht so einfach zu separieren, denn ein System ist ja nur durch seine einzelnen Realisierungen, also durch Texte, die in ihm subsumiert sind, greifbar. Also wird sich auch die Gattungsparodie aus einer Vielzahl von Bezügen auf einzelne Vertreter der Gattung aufbauen. Sind aber System und seine Aktualisierung nicht zu trennen, so sind auch Einzelrelationen und Systemrelationen nur schwer auseinanderzudividieren.61

1.2.2 Autor und Rezipient

Standen bei den Versuchen einer Operationalisierung der Intertextualitätstheorie(n) bis hierhin der Text und sein Verhältnis zum Intertext im Blickpunkt, so konzentrieren sich die nachfolgenden Ansätze auf Autor und Rezipient.

Analog zur Auflösung des individuellen Werkes als geschlossener Einheit verfolgten die Poststrukturalisten auch die Dekonstruktion des Autor- und Rezipientensubjekts.62 Dies bedeutet aber in der Konsequenz, daß Fragen nach Autorintention, Textintention, Rezeptionssteuerung beim Leser, kulturelle Hintergründe u. ä. letztendlich unwichtig sind.

Hält man aber an einem - wie auch immer gearteten - Autor- und Lesersubjekt fest, so gilt es zu klären, wie Intertextualität in Hinblick auf diese beiden Instanzen funktioniert. Wil- helm Füger erarbeitete auf der Grundlage der theoretischenÜberlegungen Manfred Pfisters und Ulrich Broichs folgende Matrix, welche sechs mögliche Spielarten der Intertextualität unterscheidet:63

Das Feld 6 symbolisiert jene universelle Form der Intertextualität, die jeden Text als Kon- glomerat aus zuvor entstandenen Texten, Codes und Sinnsystemen ansieht. Diese schreiben sich, dem Autor und Leser unbewußt, in den neuen Text ein und bilden ein

”unauflösbare[s]

intertextuelle[s] Rauschen“.64 Feld 5 faßt das Phänomen des unbewußten Einflusses durch vorgegebene Strukturen, Denkmuster oder Formulierungen; diese, dem Autor ebenfalls un- bewußte Beeinflussung, kann für den Leser hingegen durchaus offenkundig sein. Die Felder 3 und 4 beschreiben jene Fälle, in denen der Autor bewußt auf Texte rekurriert, diesen Rück- griff aber, mit unterschiedlichem Erfolg, zu verschleiern sucht.65 Von besonderer Bedeutung sind die Felder 1 und 2. Sie umfassen die Fälle, welche Füger und Broich als Intertexualität im engeren Sinne verstehen:66 Der Autor greift bewußt auf einen oder mehrere Texte zurück und erweitert durch die Einblendung des/der anderen Texte den Bedeutungshorizont des eigenen Werkes. Diese Relationen werden natürlich nicht aus reinem Selbstzweck geknüpft, sondern machen nur Sinn, wenn der Leser den Schritt auch nachvollziehen, das zusätzliche Bedeutungspotential erschließen kann. Feld 1 steht für die Fälle, in denen die intertextuelle Kommunikation geglückt, Feld 2 für jene, in denen sie mißglückt ist. Da dem Autor daran gelegen ist, daß der Leser die intertextuelle Anspielung auch versteht, wird er ihm Hinwei- se geben und diese Stellen möglichst deutlich durch Intertextualitätssignale, üblicherweise ”Marker“oder ”Markierung“genannt,kenntlichmachen.

1.2.3 Markierung intertextueller Bezüge

Es sind verschiedene Methoden und Grade der Markierung denkbar;68 ob und wie explizit sie ausfällt, ist u. a. prätext- und rezipientenabhängig, also z. B. an den Bekanntheitsgrad des Bezugstextes bzw. den Bildungsgrad der intendierten Leserschaft gekoppelt. Geht der Autor von einem literarisch gebildeten Publikum aus oder handelt es sich bei den Verweisen um Texte, die als Klassiker und somit als bekannt vorausgesetzt werden können, mag eine Markierung sogar obsolet sein. In diesen Fällen kann er mit einer niedrigen ”Signalschwelle“69

rechnen, der Leser wird den Bezug ohne Hilfe aus eigenem Vermögen erkennen. Hierbei ist zu bedenken, das mit größer werdendem zeitlichen Abstand zwischen Entstehung und Lektüre des Textes diese Schwelle immer höher anzusetzen sein wird, somit keine fixe Größe darstellt. Sind die Bezugstexte eher esoterischer Natur, so mag selbst für Literaturkenner ein Hinweis angebracht sein. Darüber hinaus kann ein Autor die Markierungsintensität innerhalb des Textes variieren.

Es sind verschiedene Lokalisierungen der Marker möglich. Diese müssen nicht notwendi- gerweise im Haupttext positioniert sein, sondern können - wie im Falle einer wissenschaft- lichen Arbeit - auch in Form einer Fußnote in einem Nebentext untergebracht werden und dort den Prätext identifizieren. Eine weitere Möglichkeit der Markierung offerieren besonders exponierte Stellen wie Titel oder Untertitel, die einen besonderen Signalcharakter besitzen. Hier kann der Bezug zum Referenztext oder einer Gruppe von Referenztexten durch Nennung von Figuren, Titel oder besonders geläufige Zitate auf einfache und effektive Weise hergestellt werden: Der nachfolgende Text ist in seiner Gesamtheit auf den Referenztext bzw. auf eine ganze Gattung bezogen. Als ähnlich prominente Stellen bieten sich auch Vor- und Nachwort, ein Klappentext oder auch ein vorangestelltes Motto als Markierung an. Neben dieser expli- ziten Form der Signalisierung, die sich direkt an den Rezipienten wendet und somit zu einer Art äußerem Kommunikationssystem zwischen Autor und Leser gehört, können auch textim- manente Markierungen vorgenommen werden. Hier ergeben sich verschiedene Optionen: Zum einen ist es möglich, den Referenztext durch die Protagonisten selber einzublenden, indem der Autor diese z. B. über das entsprechende Werk diskutieren oder es selbst als Gegenstand der Lektüre erscheinen läßt. Auch durch das Auftreten von Figuren aus anderen Werken kann tualität, S. 34, sowie Helbig, Intertextualität, S. 26 u. 53f. Helbig hält es daher ”[...]fürgeboten,dieBezeichnung

’Markierung’ für spezifische sprachliche oder graphemisch-visuelle Signale zu reservieren, die eine intertextuelle Einschreibung erst als solche kennzeichnen (eben: ’markieren’) sollen - sei es, indem sie zu dieser hinzutreten, sei es, daß sie der Einschreibung inhärent sind und durch deren Kontextualisierung Markierungscharakter erhalten.“ Helbig, Intertextualität, S.54.

eine wirkungsvolle Verknüpfung mit einem Referenztext aufgebaut werden. In den genannten Fällen erfolgt die Markierung im Haupttext, ist den Figuren bewußt und läuft somit über das textimmanente Kommunikationssystem. Orientiert sich hingegen ein Autor z. B. bei Wahl der Namen seiner Protagonisten an denen eines Referenztextes, so ist diese Markierung zwar auch im Haupttext lokalisiert, den Figuren selber aber nicht bewußt;70 die Signalgebung erfolgt über das äußere Kommunikationssystem direkt an den Rezipienten. Weitere Möglichkeiten der Markierung sind die Hervorhebung von Passagen durch drucktypische Veränderungen wie z. B. Kursivdruck, Markierung durch Interpunktion oder einen Sprachwechsel. Subtiler

- und darum wahrscheinlich schwerer zu erkennen - ist die Markierung durch einen Bruch im Erzählstil, also einen bewußt eingesetzten Stilkontrast.71 Auch die Verwendung von Analogien, z. B. die Übernahme von strukturellen Elementen, kann als Marker fungieren, wenn das entsprechende Werk zum allgemeinen kulturellen Hintergrund gehört und der Autor die Kenntnis voraussetzen kann.72

Aufbauend auf den Untersuchungen Pfisters und H. F. Pletts73 setzt sich die Untersu- chung Jörg Helbigs eine systematik- und funktionsorientierte Analyse der Intertextualitäts- markierungen zum Ziel. Er weist bei der Differenzierung von Markierungstypen dem Deut- lichkeitsgrad einer Markierung Priorität zu, während Anzahl und Lokalisierung als ”Kriteri- en sekundärer Natur“ eingestuft werden.74 Um die Markierungsdeutlichkeit beschreiben zu können, entwickelt Helbig eine Progressionsskala, die sich am Explizitätsgrad orientiert und, von einer

”Nullstufe“ausgehend,übereine ”Reduktionsstufe“und ”Vollstufe“biszueiner ”Potenzierungsstufe“dieSteigerungderMarkierungsintensitäterfassensoll.75 DieNullstufe erfaßt die Fälle unmarkierter Intertextualität, die Reduktionsstufe solche, die implizit mar- kiert und die Vollstufe jene, die explizit markiert sind. Die Potenzierungsstufe wird erreicht, wenn Intertextualität nicht nur explizit im Text markiert, sondern auch thematisiert ist.

Als ”unmarkiert“definiertHelbigjeneFormintertextuellerEinschreibung,beidereine Zeichenkette eines Referenztextes nahtlos, also ohne stilistische Brüche oder graphemische Zeichen in einen Text eingepaßt wird: ”eineArtliterarischerMimikry.“76

Die implizite Markierung legt die intertextuelle Natur einer Einschreibung nicht offen, son- dern ihre Anwendung zielt darauf ab, ”einkompetentesPublikummitadäquatemliterarischen Vorwissen unaufdringlich auf das Vorhandensein eines intertextuellen Bezugs aufmerksam zu machen.“77 Der Erfolg hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie dem Bekanntheitsheitsgrad des Referenztextes bzw. der entnommenen Einschreibung sowie ihrem Veränderungsgrad. Hinzu treten Maßnahmen, die die Deutlichkeit der Referenz intensivieren, sie also stärker in den Wahrnehmungsfokus des Rezipienten rücken sollen. Eine solche Emphase kann im we- sentlichen auf zwei Wegen erfolgen, nämlich durch Quantität und durch Positionierung der Bezugnahmen. Als Faktoren, die die quantifizierenden Maßnahmen zur Erhöhung der Auf- merksamkeit beeinflussen, definiert Helbig die Frequenz und die Proportion. Unter dem Be- griff der Frequenz faßt er drei Sachverhalte zusammen: Zum einen den Grad, in dem ein Text mit Referenzen auf unterschiedliche Texte durchzogen ist.78 Dies bezeichnet Helbig als ”Kon- tamination“; Ziel dieser Strategie ist die Sensibilisierung des Rezipienten für intertextuellen Verweise, also die

”Programmierung“eineraufIntertextualitätausgerichtetenRezeptions- haltung beim Leser. Zum anderen schließt der Frequenzbegriff aber auch mehrfache Referenz auf einen speziellen Text durch Wiederholung derselben Einschreibung, also die on“, mit ein; dies bezeichnet Helbig als ”Repetiti- ”klassische[n]intensifier.“79 Schließlichumfaßtder

Faktor ”Frequenz“auchdiewiederholteBezugnahmeaufeinenTextdurchunterschiedliche Einschreibungen; dieses Verfahren der Bildung von dition“.80 Mit

”Referenz-cluster[n]“nenntHelbig ”Ad- ”Proportion“wirddierelativeLängeeinerEinschreibung,alsodieReferenzin ihrem Verhältnis zum Rest des aktuellen Textes, beschrieben. Neben diesen quantifizierenden

Maßnahmen der Emphase kann auch die Positionierung der Referenzen wesentlich zur Her- vorhebung dienen. Zum einen müssen die Bezugnahmen in ihrer Position im Gesamttext und darüber hinaus in ihrer Beziehung zueinander gesehen werden. Diese tionen von Referenzen“ faßt Helbig unter dem Begriff ”raum-zeitlichenRela- ”Distribution“zusammen.81 Darüber

hinaus spielen auch privilegierte Positionen im Text, z. B. der Beginn oder der Schluß sowie andere Zäsuren, bei der Emphase einer Einschreibung eine große Rolle. Es geht also darum, eine Referenz durch ihr relative Exponiertheit hervorzuheben.82

wird jeden Hinweis auf seine Tätigkeit vermeiden, andererseits ist bei einer unbewußten Referenz der Autor gar nicht in der Lage Markierungen zu setzen. Dem gegenüber stehen Fälle, in denen der Autor bewußt auf Nichtmarkierung setzt, in der Voraussicht, daß der geneigte Leser diese ohne weitere Hilfe erkennen wird und sich an dem literarischen Spiel erfreuen kann.

Als Vollstufe definiert Helbig die explizit markierte Intertextualität, also Referenzen, die ihren Zitatcharakter, im Gegensatz zur impliziten Bezugnahme, offen anzeigen. Im wesent- lichen unterscheidet er drei Markierungsverfahren: onomastische Signale, linguistische Code- wechsel und graphemische Interferenzen. Unter onomastischen Signalen werden die Erwäh- nung bzw. das Auftreten von Figuren aus fremden Texten sowie Rekurse auf fremde Autoren zusammengefaßt.83 Der linguistische Codewechsel bewirkt einen Kontrast zwischen der ein- gelagerten Referenz und dem aktuellen Kontext: eine Nahtstelle entsteht. Dies kann dadurch geschehen, daß der Autor die Einschreibung verändert, oder aber gerade dadurch, daß eine Anpassung an die neue Umgebung nicht vorgenommen wird:

”GeradejeneKonnotatoren,die die ’Unauffälligkeit’, die ’Selbstverständlichkeit’ des Sprechers sichern, werden durch einen Wechsel der Umgebung des Sprechers zu Konnotationen der Auffälligkeit.“84

Mit Hilfe graphemischen Interferenzen werden oftmals Einschübe aus fremden Gattungen gekennzeichnet, so z. B. durch Anführungszeichen, vorangestellte Doppelpunkte, Verwendung von Kursiven oder Versalien.85

Eine weitere Steigerung des Explizitheitsgrades intertextueller Markierungen ist erreicht, wenn intertextuelle Referenzen nicht nur nachweisbar sind, sondern Intertextualität bzw. literarische Produktion und Rezeption thematisiert werden. In diese ”Potenzierungsstufe“

ordnet Helbig beispielsweise solche Fälle ein, in denen Verben, die eine Rezeption von Texten umschreiben und somit den Zitatcharakter der Referenz betonen, verwendet werden. Auch der Verweis auf die Tatsache der Urheberschaft einer Einschreibung durch einen Autors, gleich ob dieser unbestimmt bleibt, vage oder eindeutig identifiziert wird, dient der Markierung dieser intertextuellen Bezugnahme. Als

”EndpunkteinerExplizitheitsskala“definiertHelbig die eindeutige Identifizierung eines Referenztextes, sei es durch eine Paraphrase, Titelnennung oder andere Informationen.86

Helbig weist darauf hin, daß es sich bei Markierungen intertextueller Einschreibungen sel- ten um

”Einzeler scheinungen“handelt;meistwerdenme hrereMarkier ungsstrategi enparallel angewandt, oft verschiedene Methoden kombiniert.87

1.2.4 Intertextualität verschiedensprachiger Texte

Selbst in der Kürze der bisherigen Darstellung dürfte die außerordentliche Vielfalt intertex- tueller Relationen und ihrer Funktionen deutlich geworden sein. Zum Abschluß soll nun im Hinblick auf die Sprachunterschiede zwischen den in dieser Arbeit zu untersuchenden Texten eines der wichtigsten Verfahren, die Versetzung,88 kurz näher erläutert werden. Unter diesem Begriff subsumiert Ulrich Broich u. a. Übersetzungen, Gattungswechsel und Medienwechsel. Bei jeder Übertragung ergeben sich, auch bei größter Zurückhaltung des Autors bezüglich eigener Eingriffe, Änderungen:

”Wirkönnendaherdavonausgehen,daßjedeVersetzungeinesTextesineinanderes Zeichensystem - gleichgültig ob Übersetzung,Medienwechsel, ’transmétrisation‘oderan- dere - bestimmte obligatorische Veränderungen zur Folge hat, die von der spezifischen Relation zwischen den beiden Zeichensystemen abhängen.“89

Neben diesen unvermeidlichen Veränderungen, die unter anderem in der letztlich niemals vollständigen semantischen ÜbereinstimmungderBegrifflichkeiteninverschiedenenSpra- chen begründet ist, finden sich auch fakultativeÄnderungen, die in der Intention des Autors begründet liegen und seine Auseinandersetzung mit dem Bezugstext widerspiegeln. Diesen Prozeß kann der Autor dem Rezipienten durch Hinweise auf einen Bezug zum Referenztext einsichtig machen. Verzichtet er jedoch auf eine entsprechende Markierung und der Refe- renztext ist dem Leser unbekannt, so bleiben die Differenzen und Spannungen zwischen den beiden Texten bis auf weiteres verborgen.

1.3 Methodenauswahl nebst einiger Vorbehalte

Nicht zu übersehen ist die Tatsache, daß die Intertextualitätsforschung primär moderne und postmoderne Literatur zum Gegenstand hat. Folglich muß die Frage gestellt werden, ob sie überhaupt eine angemessene Methode zur Untersuchung mittelalterlicher Texte bereitzu- stellen vermag oder ob sie z. B. aufgrund der gänzlich unterschiedlichen Produktions- und Rezeptionsbedingungen als Analysewerkzeug ungeeignet ist. Betrachtet man die in erster Li- nie durch die Anglistik beigesteuerten Fallstudien, die sich einer auf intertextuellen Theorien basierenden Analysemethode bedienen, so sticht bei der Auswahl der besprochenen Texte ins Auge, daß diese zum einen hauptsächlich von Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts90

stammen und zum anderen, daß der jeweilige Entstehungsprozeß und auch die Rezeption der Werke gut - teilweise durch den Autor selbst - dokumentiert bzw. nachzuvollziehen sind.91 Dies bedeutet aber, daß Autor und Werk sowie die Situierung beider im Literaturbetrieb für Untersuchungen in einer Weise zugänglich sind, wie es selbst im günstigsten Fall92 in der Mediävistik nie möglich wäre: Ist doch der mittelalterliche Autor oft eine völlig unbekannte Größe, nicht mehr als ein Name, unter dem ein Werk oder Text katalogisiert werden kann, wie

z. B. im Falle des Guters; der Text hingegen erweist sich häufig als mehr oder weniger offenes Gebilde, frei für Veränderungen und Varianten, aufgeschrieben und überliefert manchmal erst Jahrzehnte nach seiner Entstehung:93

”Der[mittelalterliche]VerfassereinesTexteserwirbtandiesemTextkeinEigentum;er stellt etwas her, das anderen zum Gebrauch sich anbietet [...] Das Produkt ist dem Pro- duzenten vorgeordnet. Es bleibt nicht in der Verfügbarkeit seines Urhebers. Maßstab ist seine Vollendung und Brauchbarkeit, nicht aber die größtmögliche Nähe zu seinem Urhe- ber.“94

Auch die Rezeptionsmöglichkeiten in Mittelalter und Neuzeit lassen sich nur schwer ver- gleichen: Hier ein relativ kleiner, elitärer Kreis - zunächst beschränkt auf Klöster, Höfe, später auch die oberen Schichten der Städte95 - der über Bildung und Mittel verfügt, um sich Literatur überhaupt leisten zu können; dort ein seit der Erfindung des Buchdrucks ste- tig anwachsendes Heer anonymer Leserscharen. Beginnt sich im frühen Mittelalter erst ei- ne (hand)schriftliche Überlieferung volkssprachlicher Dichtung mit berühmten Vertretern zu etablieren,96 so existiert - wenn auch einem stetigen Wandel unterworfen - in der Neuzeit eine Art Kanon ”großer“Dichter,derenWerkeinausreichendemMaßzurVerfügungstehen und in Kennerkreisen als bekannt vorausgesetzt werden können.

[...]


1 Zitiert nach: Walther von der Vogelweide. Leich, Lieder, Sangsprüche. 14., völlig neubearb. Aufl. der Ausgabe Karl Lachmanns mit Beiträgen von Thomas Bein und Horst Brunner hrsg. von Christoph Cormeau. Berlin 1996.

2 Vgl. zu diesem Titel: Walther von der Vogelweide. Sämtliche Lieder. Hrsg. u. übertr. von Friedrich Maurer. 5., unveränderte Aufl. München 1993 (UTB; 167), S. 274f. Im folgenden: Maurer, Walther von der Vogelweide.

3 Vgl. Priebsch, Robert: Walther von der Vogelweide: Abschied von der Welt. In: The Modern Language Review Vol. XIII (1918), S. 465-473, spez. S. 467f. Im folgenden: Priebsch, Walther von der Vogelweide. Einen Schritt weiter geht Reinhard Bleck, der in Walther den Schöpfer der zweiseitigen Frau Welt vermu- tet: ”Dievollausge bildeteweibli chePersoni fikationder Weltwirdoff enbargescha ffenvon Walthervonder Vogelweide in seiner sogenannten Alterslyrik um[1230].“ Aus: Bleck, Reinhard: Konrad von Würzburg. Der Welt Lohn. In Abbildung der gesamten Überlieferung, synoptische Edition, Untersuchungen. Göppingen[1991]. (Litterae;112 ). Hier S.103. Im folgenden: Bleck, Konrad von Würzburg.

4 Vgl. zum folgenden den Artikel ”FrauWelt“ausdemLexikondesMittelalters.Bd.[4].Hrsg.vonRobert Auty u. a. München, Zürich[1989]. Sp.881 f.

5 Vgl. zu den folgenden Ausführungen den Artikel ”Contemptusmundi“ausdemLexikondesMittelalters. Bd.[3]. Hrsg. von Robert Auty u. a. München, Zürich 1986. Sp.186 -194.

6 Vgl. den letzten Satz des apostolischen Glaubensbekenntnisses: ”Etexpectore surrection emmortuorumet

7 Weltfeindliches Denken ist allerdings kein originär christlicher Wesenszug, sondern läßt sich in die früheste griechische Literatur und Philosophie zurück verfolgen. Schon Homer betont in seinen Werken die Elendig- keit und Vergänglichkeit der menschlichen Existenz; ähnlich äußern sich auch Sophokles und Euripides. Dem schließen sich Denker verschiedener griechischer Schulen an, und auch römische Philosophen wie Cicero, Se- neca und Marc Aurel, die in der stoischen Tradition stehen, teilen die negative Bewertung des menschlichen Daseins. Vgl. hierzu Stammler, Wolfgang: Frau Welt. Eine mittelalterliche Allegorie. Freiburg i. d. Schweiz 1959. (Freiburger Universitätsreden; N. F. 23). Bes. S. 7-9. Im folgenden: Stammler, Frau Welt.

8 Großen Einfluß auf die christliche Weltsicht hatten die Dualismusvorstellungen Plotins (*ca.205,†270 ), der in seiner Hypostasenlehre eine Seinshierarchie entwirft mit dem Einen bzw. Gott als reinem Geist, der vollkommen ist und aus dem alles hervorgeht, an der Spitze und der reinen Materie am untersten Ende, da wesensfremd zum Ursprünglichen, Guten. Folgerichtig muß das Ziel des Menschen die Abkehr vom Mate- riellen, also allem Irdischen sein, denn nur die Seele hat, da rein geistig, die Möglichkeit, mit dem Göttli- chen/Vollkommenen in Kontakt zu treten. Die Sicht des Christentums unterscheidet sich hingegen von Plotins Lehre wesentlich durch die Idee der göttlichen Erlösung und des seligen Weiterlebens. Vgl. Hirschberger, Johannes: Kleine Philosophiegeschichte. Freiburg i. Br., Wien1992. (Herder;4168 ), S.55 -59, sowie Delius, Christoph; Gatzemeier, Matthias: Geschichte der Philosophie. Von der Antike bis heute. Köln[2000]. S.19.

9 Die weit verbreitete Lehrmeinung vom ontischen Dualismus wird von Arnold Angenendt in bezug auf das spätantike Christentum teilweise eingeschränkt. Im Zusammenhang mit der Askesepraxis der frühen Christen sagt er, es ginge dabei grundsätzlich weniger darum, den Leib zu zerbrechen, ”sonderndieindiesemsich regende menschliche Eigenmacht gegenüber Gott; gegen das Triebhaft- Unethische sollte angekämpft werden, aber Leib und Materie als solche waren von der Schöpfung her gut.“ Gleichwohl gesteht auch er zu, daß ”solche [dualistischen] Auffassungen auch ins Christentum [eindrangen] und [...] sich mit den Forderungen des Neuen Testaments [verbanden].“ Vgl. Angenendt, Arnold: Geschichte der Religiösität im Mittelalter.[2]. überarb. Aufl. Darmstadt[2000], bes. S.[560] -[572].

10 Vgl. hierzu den Artikel ”Tod“imLThK: ”DieCharakterisierungdesT.[odes]alsFolge,Straffolgeder Sünde, ist tief in Hl. Schrift u. kirchl. Lehr-Trad. eingeschrieben.“ Lexikon für Theologie und Kirche. Begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper u. a. Freiburg i. Br., Basel u. a. Bd.[10].[3]., völlig neu bearb. Aufl.[2001]. Im folgenden: LThK. Hier Sp.[73] f.

11 Vgl. Thiel, Gisela: Das Frau Welt-Motiv in der Literatur des Mittelalters. Diss. Saarbrücken 1956. (Masch.) Im folgenden: Thiel, Frau Welt-Motiv. Vgl. hier ihre Ausführungen zum Weltbegriff auf den Seiten 9-12.

12 kosmos = Ordnung, Schmuck, Regelmäßigkeit, auch Weltall, Welt. Vgl. hierzu den Artikel ”kosmos“in: Langenscheidts Taschenwörterbuch Altgriechisch.[37]. Aufl. Berlin, München, Zürich[1976], sowie den Artikel ”Kosmos“imLThK.Bd.[6].Sp.[404] f.

13 Thiel, Frau Welt-Motiv, S. 11. Vgl. auch das mittellateinische Glossar von Habel/Gröbel, das neben den wertfreien Begriffen und ”Zeitalter“, ”Weltall“und ”irdischeWelt“auchdieÜbersetzungsmöglichkeiten ”Weltlust“ ”Weltleben“anbietet.MittellateinischesGlossar.Hrsg.vonEdwinHabelu.FriedrichGröbel.Unveränd. Nachdruck der[2]. Aufl.[1959]. Paderborn, München, Wien, Zürich[1989]. (Uni-Taschenbücher;[1551] ).

14 Vgl. den Paragraphen ”saeculum“in:Walde,Alois:LateinischesetymologischesWörterbuch.Bd.[2].[4]. Aufl. Heidelberg[1965], S.[460] f.

15 Vgl. den Paragraphen ”saeculum“in:Niermeyer,JanFrederikundCovandeKieft,C.:Mediaelatinitatis lexicon minus. Mittellateinisches Wörterbuch. Überarbeitet von J. W. J. Burgers. 2. Bd., S. 1240.

16 Z. B. das Buch Kohelet

17 Eine bedeutende Rolle kommt den Werken der Kirchenväter Ambrosius und Augustinus zu. Als besonders wirkmächtig erwiesen sich z. B. die Schriften ”Sermodevanitatesaeculi“.18 ”Defugasaeculi“desAmbrosiusundder(pseudo-?)augustinische

18 ”Liebet nicht die Weltnoch das,wasinder Weltist.DennwerdieWeltliebt,indemistnichtdieLiebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches und die Begierde der Augen und die Protzsucht des Reichtums, stammt nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt geht vorüber mit ihrer Begierde. Wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.“ Deutscher Text: Die Bibel. Die heilige Schrift des alten und neuen Bundes. Dt. Ausgabe mit den Erläuterungen der Jerusalemer Bibel. Hrsg. von Diego Arenhövel, Alfons Deissler und Anton Vögtle. Freiburg, Basel, Wien.[16]. Aufl.[1968]. Im folgenden: Die Bibel. Hier: Die Bibel, S.[1763]. Lateinischer Text: Novum Testamentum.

19 Graece et Latine. Apparatu critico instructum edidit Augustinus Merk, S.J. Editio nona. Romae[1964]. Hier S.[775]. Im folgenden: Novum Testamentum. Jesus spricht diese Worte in Anspielung auf seinen nahe bevorstehenden Tod, der die Menschheit befreien soll: Die Herrschaft des Fürsten dieser Welt wird durch die Gottesherrschaft beendet werden. Vgl. hierzu den Stellenkommentar der Jerusalemer Bibel. Ebda. Lat. Text: Novum Textamentum, S.35 9f.

20 ”Und wenn er kommt,wird er die Welt überführen über Sünde undüber Gerechti gkeitundü berGericht. Über Sünde, weil sie nicht an mich glauben. ÜberGerechtigkeit,weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht. Über Gericht, weil der Fürst dieser Welt gerichtet ist.“ Dt. Text: Die Bibel, S. 1525. Lat. Text: Novum Testamentum, S. 372.

21 ”Durch Glauben gehorchte Abraham,als der Ruf an ihn erging,auszuwandern an einen Ort,denerzum Erbe erhalten sollte; und er wanderte aus, ohne zu wissen, wohin es ging. Durch Glauben ließ er sich als Beisasse im Lande der Verheißung wie in einem fremden (Lande) nieder und wohnte in den Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben der gleichen Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt mit den festen Grundmauern, deren Baumeister und Gründer Gott ist.“ Dt. Text: Die Bibel, S.[1736]. Lat. Text: Novum Textamentum, S. [731] f.

22 Hebr 11,7 ”FideNoeresponsoacceptodehisquaeadhucnonvidebanturmetuensaptavitarcaminsalutem domus suae per quam damnavit mundum et iustitiae quae per fidem est heres est institutus.“ (Hervorhebung durch mich) Lat. Text: Novum Testamentum, S.[731]. ”DurchGlaubenbauteNoach,alsereineOffenbarung erhalten hatte über das, was man noch nicht sah, in frommer Besorgnis eine Arche zur Rettung seiner Familie; durch ihn (den Glauben) verurteilte er die Welt und wurde Erbe der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben stammt.“ Dt. Text: Die Bibel, S.[1736].

23 Vgl. Hebr. 11,1-6 und 11f.

25 Jak 4,14

26 So fragt Gregor der Große in seiner vierten Homilie:

”Quisestvitamortalisnisivia?“Zitiertnach:

Patrologiae cursus completus: sive bibliotheca universalis, integra, uniformis, commoda, oeconomica, omnium ss. patrum, doctorum scriptorumque ecclesiasticorum, qui ab aevo apostolico ad usque Innocenti III tempora floruerunt; recusio chronologica omnium quae exsistere monumentorum catholicae traditionis per duodecim priora ecclesiae saecula. Series Latina. Hrsg. von Jacques-Paul Migne. Paris[1844] -[64]. Im folgenden: P. L. t. Hier t.[omus][76], Sp.[1089].

27 P. L. t. 70, Sp. 470. (Hervorhebung durch mich) ”ErführtunsdurchdieWüste,wennerunsdieseWelt unversert durchkreuzen läßt. Nur jene, die das Böse dieser Welt durchleiden, überwinden es/entkommen ihm, wohingegen jener, der an ihnen festhält, den ewigen Lohn nicht erlangt. Die Welt wird deswegen als Wüste bezeichnet, weil sie von der Erwählung durch Gott ausgeschlossen ist. Sie wird mit Recht so genannt, weil sie ihren Schöpfer nicht willkommen hieß, als er zu ihr kam.“ (eigene Übersetzung)

28 P. L. t. 1, Sp. 621f. ”Denn,wennwirunsdaranerinnern,daßdieWeltselbstvielmehreinKerkerist,so werden wir erkennen, daß Ihr vielmehr aus einem Kerker herausgegangen als in einen Kerker eingetreten seiet. Was die dort herrschende Dunkelheit betrifft, so gibt es in der Welt eine größere, die nämlich, welche die Herzen der Menschen blind macht. Ketten - legt die Welt noch schwerere an, solche, welche die Seelen sogar fesseln. Unsaubere Dünste - haucht die Welt noch schlimmere aus, die Wollüste der Menschen. Schuldige - enthält die Welt schließlich noch in größerer Zahl, nämlich das ganze Menschengeschlecht. Verurteilung endlich - hat sie nicht vom Prokonsul, sondern von Gott zu erwarten. [...] Der Christ aber hat, auch nicht im Kerker befindlich, der Erde entsagt, im Kerker auch noch dem Kerker.“ (eigene Übersetzung)

30 P. L. t. 184, Sp. 1149. ”EsgibtdreijungeFrauen,dieunserenVerstand/unsereGesinnungzerrütten.Die Zartheit/die Nachgiebigkeit unseres Fleisches, das ist Dalila, die die Augen des Samson herausreißt. Der Reiz des weltlichen Ruhmes, das ist Jezabel - und wahrlich! - sie tötet Naboth. Der Zweifel am künftigen Leben, das ist die Tochter der Herodias - und wahrlich! - sie schlägt das Haupt des Propheten ab.“ (eigene Übersetzung)

31 Diese Erstarkung der contemptus mundi-Literatur wird häufig mit den Klosterreformen des 11. und 12. Jahrhunderts, besonders der cluniazensischen Reformbewegung, in Verbindung gebracht. Vgl. z. B. Stammler, Frau Welt, S. 14-16. Gegen eine solche direkte Einflußnahme und den Terminus ”cluniazensischeDichtung“im besonderen spricht sich Rupp aus. Vgl. Rupp, Heinz: Deutsche religiöse Dichtung des[11]. und[12]. Jahrhunderts. Untersuchungen und Interpretationen.[2]. Aufl. Bern, München[1971]. Spez. S.[261] -[273]. Im folgenden: Rupp, religiöse Dichtung.

32 Vgl. die angeführte Literatur in: Weltlohn, Teufelsbeichte, Waldbruder. Ein Beitrag zur Bearbeitung latei- nischer Exempla im mhd Gewande nebst einem Anhang: De eo qui duas volebat uxores. Hrsg. und eingeleitet von August Closs. Heidelberg 1934. (Germanische Bibliothek; 2 Abt. Untersuchungen und Texte; 37), bes. S. 1-7. Im folgenden: Closs, Weltlohn.

33 D. i. der spätere Papst Innozenz III. (1198-1216).

34 Gleichwohl ist zu beachten, daß der Terminus contemptus mundi eine vermeintliche Geschlossenheit suggeriert, die der Komplexität dieser geistlichen Bewegung wohl nicht ganz entspricht. Vgl. hierzu Rupp, religiöse Dichtung, S. 266-273.

35 Vgl. hierzu den Forschungsüberblick bei Thomas Bein: ”FrauWelt“,KonradvonWürzburgundder Guter. Zum literarhistorischen Umgang mit weniger bekannten Autoren. In: ”swers ınen vriunt behaltet, daz ist lobelˆıch“. Festschrift für András Vezkelety. Hrsg. von Márta Nagy u. László Jánácsik [...] Budapest[2001]. (Abrogans;[1] ), S.[105] -[115]. Im folgenden: Bein, Frau Welt.

36 Der Begriff wird zuerst erwähnt in: Kristeva, Julia: Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman. In: Critique, 23 (1967), S. 438-465.

37 Vgl. hierzu die Ausführungen zur Geschichte des Intertextualitätsbegriffes in: Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien. Hrsg. von Ulrich Broich und Manfred Pfister unter Mitarbeit von Bernd Schulte-Middelich. Tübingen 1985. Spez. S. 1-5. Im folgenden: Broich/Pfister, Intertextualität. Auf Widersprüchlichkeiten innerhalb des Dialogizitätskonzepts verweist Larissa N. Polubojarinowa in ihrem Aufsatz: Intertextualität und Dialogizität. Michail Bachtins Theorien zwischen Sprachwissenschaft und Litera- turwissenschaft. In: TRANS (Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaft) 3 (1998). Da Bachtins Ansätze hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt sind, wird auf eine genauere Überprüfung seiner Theorien verzichtet.

38 Unter Ausnahme der in der Tradition des Epos stehenden Romane. Vgl. Broich/Pfister, Intertextualität, S. 3.

39 Zitiert nach: Broich/Pfister, Intertextualität, S. 5.

40 Vgl. hierzu die Ausführungen Pfisters zu Julia Kristevas Intertextualitätstheorie in: Broich/Pfister, Intertextualität, S. 6-11.

41 Kristeva, Julia: Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman. In: Sémiotiké. Recherches pour une sémanalyse.

42 Kristeva, Julia: Problèmes de la structuration du texte. In: Nouvelle Critique (1968), S. 55-64. Zitiert nach: Broich/Pfister, Intertextualität, S. 7. ”Wirwerdenmit ”Intertextualität“jenetextuelleInteraktionbezeichnen, die im Inneren eines einzelnen Textes statt findet. [...] Intertextualität ist ein Begriff, der ein Indiz sein wird für die Art und Weise, wie ein Text Geschichte liest und sich in sie einfügt.“ (eigene Übersetzung)

43 Zitiert nach: Broich/Pfister, Intertextualität, S. 8. ”IndiesemZusammenhangdefinierenwirdenTextals translinguistischen Mechanismus, der die Anordnungen der Sprache umgestaltet, indem er eine kommunikative ’Parole‘,derenZweckdieunmittelbareInformationist,zuvergangenenodergleichzeitigwirkendenAussagen in Beziehung setzt. Folglich ist der Text eine Produktivität (productivité). Das bedeutet:[1]. Sein Verhält- nis zur Sprache, in der er eine bestimmte Stellung einnimmt, hat redistributiven (konstruktiv-destruktiven) Charakter; folglich sollte er eher mit logischen als mit rein linguistischen Kategorien erfaßt werden;[2]. Er ist eine Textverarbeitung (permutation des textes), eine Intertextualität: Im Bereich eines Textes überschneiden und neutralisieren einander mehrere Aussagen, die anderen Texten entstammen.“ Übersetzung aus: Kristeva, Julia: Der geschlossene Text. In: Textsemiotik als Ideologiekritik. Hrsg. von Peter V. Zima. Frankfurt[1977]. (edition suhrkamp;[796] ), S.[194].

44 Andere Termini, die dieses Phänomen greifen sollen, sind auch den Artikel ”textegénérale“und ”Intertext“.Vgl.hierzu ”Intertextualität“vonUlrichBroichin:ReallexikonderdeutschenLiteraturwissenschaft. Hrsg. von Harald Fricke. Bd. II.[3]., neubearb. Aufl. Berlin, New York[2000], S.[175] -[179] sowie Broich/Pfister, Intertextualität, S.[12] ff.

45 Vgl. hierzu die Ausführungen Pfisters in Broich/Pfister, Intertextualität, S. 11-20. ”theintertextualnatureofanyverbalconstruct“,zitiertnach:Culler,Jonathan:ThePursuitofSigns. London[1981]. S.[101].

47 Zitiert nach: Bloom, Harold: A Map of Misreadings. New York 1975. S. 3.

48 Zitiert nach: Bloom, Harold: Poetry and Repression. New Haven 1976. S. 3. (Hervorhebung durch mich).

49 Einen Einblick in die ”heterogeneTaxonomie“bietetJörgHelbigin:Helbig,Jörg:Intertextualitätund Markierung. Untersuchung zur Systematik und Funktion der Signalisierung von Intertextualität. Heidelberg [1996]. (Beiträge zur neueren Literaturwissenschaft;[3]. Folge, Bd.[141] ) Im folgenden: Helbig, Intertextualität. Hier S.[76].

50 Zitiert nach: Dialogizität. Hrsg. von Renate Lachmann. München 1982. (Theorie und Geschichte der Literatur und der schönen Künste; Reihe A; 1). S. 8. ”InunseremVermittlungsmodellwollenwirdahervondemübergreifendenModellderIntertextualität ausgehen und innerhalb dieser weit definierten Intertextualität diese dann nach Graden der Intensität des intertextuellen Bezugs differenzieren und abstufen.“ Broich/Pfister, Intertextualität, S.[25]. Vgl. hierzu auch die Seiten[25] -[30].

52 Broich/Pfister, Intertextualität, S. 26.

53 Als Indikator fungieren hier durch den Autor eingefügte Markierungen, die den Rezipienten auf die Textrelation hinweisen sollen.

54 Broich/Pfister, Intertextualität, S. 27. [55] Broich/Pfister, Intertextualität, S. 27.

56 Broich/Pfister, Intertextualität, S. 28. Als Beispiele nach diesem Kriterium hoher Intensitätsgrade werden Parodie und Travestie, aber auch Kontrafaktur und Adaption genannt. Vgl. ebenda. [57] Broich/Pfister, Intertextualität, S. 28. Nach diesem Kriterium sind direkte Zitate höher intertextuell anzusehen als eine Paraphrase oder die bloße Nennung von Figuren. Auch der Bezug auf ein Genre, Topoi oder Mythen wird im Vergleich mit einer Bezugnahme auf einen konkreten Einzeltext als geringer in seine Intertextualität eingestuft. Vgl. ebda.

58 Broich/Pfister, Intertextualität, S.29.

59 Vgl. Broich/Pfister, Intertextualität, S. 30. ”DiehiervorgeschlagenenKriterienzurSkalierungvonInter- textualität zielen nicht in naivem Positivismus auf eine Messung¨ıntertextueller Intensität ab, sondern verstehen sich als heuristische Konstrukte zur typologischen Differenzierung unterschiedlicher intertextueller Bezüge.“ Ebda.

60 Vgl. Broich/Pfister, Intertextualität, S. 17.

61 Anders: Helbig, Jörg: Intertextualität. Spez. S. 59f., der unter methodologischen Gesichtspunkten die Systemreferenz ausklammert.

62 Vgl. Broich/Pfister, Intertextualität, S. 20ff.

63 Entnommen aus: Füger, Wilhelm: Intertextualia Orwelliana. Untersuchungen zur Theorie und Praxis der Markierung von Intertextualität. In: Poetica 21 (1989), S. 179-200, hier S. 180. Im folgenden: Füger, Intertextualia.

64 Zitiert nach: Füger, Intertextualia, S. 180.

65 Hierzu zählt Füger das gelungene bzw. das mißlungene Plagiat. Vgl. Füger, Intertextualia, S. 180f.

66 Vgl. Füger, Intertextualia, S. 181, sowie Broich/Pfister, Intertextualität, S. 31. ”NachdiesemKonzept liegt Intertextualität dann vor, wenn ein Autor bei der Abfassung seines Textes sich nicht nur der Verwendung anderer Texte bewußt ist, sondern auch vom Rezipienten erwartet, daß er diese Beziehung zwischen seinem Text und anderen Texten als vom Autor intendiert und als als wichtig für das Verständnis seines Textes erkennt.“ Vgl. auch: Stierle, Karlheinz: Werk und Intertextualität. In: Das Gespräch. Hrsg. v. Karlheinz Stierle u. Rainer Warning. München[1984], S.[138] -[150].

67 Die mangelnde Differenzierung zwischen Marker und Markiertem monieren u. a. Broich/Pfister, Intertex-

68 Vgl. hierzu auch das Kapitel ”FormenderMarkierungvonIntertextualität“vonUlrichBroichin Broich/Pfister, Intertextualität, S.[31] -[47].

69 Vgl. hierzu Broich/Pfister, Intertextualität, S. 33, sowie Fußnote 8 ebd.

70 Dies muß nicht heißen, daß der Bezug dadurch weniger deutlich wäre. Als Beispiel führt Broich die Na- mengebung in ”DerNamederRose“UmbertoEcosan:AlleindurchBenennungderHauptfiguren[William] von Baskerville und [W]Adson [von Melk] ist der direkte Bezug zu den Romanen A. C. Doyles und praktisch zum gesamten Genre des Detektivromans geknüpft. Vgl. Broich/Pfister, Intertextualität, S.[41]. [71] Dies kann z. B. die Verwendung von gebundener Rede in einem Prosaroman oder der Wechsel von Slang und gehobener Diktion sein. Vgl. Broich/Pfister, Intertextualität, S. 42.

72 Z. B. die Bibel. Als Beispiel nennt Broich die Übernahme der Grundstruktur der Erzählung vom Barm- herzigen Samariter durch Henry Fielding in ”JosephAndrews“.

73 Plett, Heinrich F.: Intertextuality. Berlin, New York 1991 (Research in Text Theory; 15).

74 Vgl. Helbig, Intertextualität, S. 92.

75 Vgl. Helbig, Intertextualität, Kapitel ”ArtenintertextuellerMarkierung“,S.[83] -[139].

76 Vgl. Helbig, Intertextualität, S. 88. Die Gründe für eine Nichtmarkierung sind vielfältig: Ein Plagiator

77 Helbig, Intertextualität, S. 95.

78 Zur

79 Zur

80 Zur ”Kontamination“vgl.Helbig,Intertextualität,S.[98] ff. ”Repetition“vgl.Helbig,Intertextualität,S.[100] f. ”Addition“vgl.Helbig,Intertextualität,S.[101] f.

81 Helbig, Intertextualität, S. 104f.

82 Helbig, Intertextualität, S. 105-111.

83 Der letztgenannte Fall befindet sich schon im Grenzbereich zur Potenzierungsstufe, da mit dem Auf- tritt einer Autorenfigur fast automatisch eine ”ThematisierungderTextproduktion“einhergeht.Vgl.Helbig, Intertextualität, S.[113] -[117]. Hier speziell S.[116].

84 Stierle, Karlheinz, Text als Handlung. Perspektiven einer systematischen Literaturwissenschaft. München 1975. S. 142.

85 Helbig, Intertextualität, S. 121-126, spez. die Auflistung S. 124f.[86] Helbig, Intertextualität, S. 135.

87 Helbig, Intertextualität, S. 126. Kapitel 4.3.4 Mehrfachmarkierte Intertextualität

88 Vgl. hierzu das Kapitel ”ZudenVersetzungsformenderIntertextualität“in:Broich/Pfister,Intertextua- lität, S.[135] -[196]. Spez. S.[135] ff, sowie S.[137] -[158].

89 Zitiert nach: Broich/Pfister, Intertextualität, S. 136.

90 So auch Helbig, der seine Textauswahl mit Blick auf die Rezeptionbedingungen bewußt auf das 19. und

91 Vgl. hierzu auch den Beitrag von Wilhelm Füger (zu Orwells ”[1984] “;siehedortFußnote[24] )sowiedie Beispiele und Fallstudien in Broich/Pfister, Intertextualität. Die Auswahl verwundert indes nicht, muß eine neuartige Methode doch erst einmal ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen. Eine solche wissenschaftliche Überprüfbarkeit ist natürlich nur bei gut dokumentierten Werken gegeben.

92 Das Verhältnis von Autor(schaft) und Text im Mittelalter ist nicht nur einem diachronen Wandel unter- worfen, sondern differiert auch in den verschiedenen Gattungen. Vgl. zu dieser Problematik Bein, Thomas: Zum ”Autor“immittelalterlichenLiteraturbetriebundimDiskursdergermanistischenMediävistik.In:Rück- kehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Hrsg. von Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko. Tübingen[1999], S.[303] -[320]. Im folgenden: Bein, Autor.

93 Vgl. ebenfalls zur Problematik des Autors als hermeneutisches Instrument der Literaturwissenschaft: Bein, Autor, S. 313.

94 Müller, Jan-Dirk: Aufführung - Autor - Werk. Zu einigen blinden Stellen gegenwärtiger Diskussion. In: Mittelalterliche Literatur und Kunst im Spannungsfeld von Hof und Kloster. Hrsg. von Nigel F. Palmer und Hans-Jochen Schiewer. Tübingen 1999. S. 149-166. Im folgenden: Müller, Aufführung. Hier S. 157.

95 Vgl. zu den Grundlagen mittelalterlicher Literaturproduktion und -rezeption: Bumke, Joachim: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter. 2. Aufl. 1993. (dtv; 4552). Spez. das Kapitel ”DerLiteraturbe- trieb der höfischen Zeit.“ S.[37] -[52]. Im folgenden: Bumke, Geschichte der deutschen Literatur.

96 Vgl. z. B. den ”Dichterkatalog“im ”Tristan“GottfriedsvonStraßburg(Vv.[4621] -[4820] ).JoachimBum- ke vermerkt generell zur Produktion von Handschriften: ”DieAnfängeeinesBüchermarkteslassensichin Deutschland nicht über das[15]. Jahrhundert zurückverfolgen.“ Vgl. Bumke, Geschichte der deutschen Litera- tur. S.[49].

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Frau Welt - eine motivgenetische Studie
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
100
Katalognummer
V44665
ISBN (eBook)
9783638422185
Dateigröße
934 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frau, Welt, Studie
Arbeit zitieren
Sabine Ley (Autor), 2004, Frau Welt - eine motivgenetische Studie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44665

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