”Frˆo Welt, ich hân ze vil gesogen, ich will entwonen, des ist zît. dîn zart hât mich vil nâch betrogen wand er viel süezer fröiden gît. Dô ich dich gesach reht under ougen, dô was dîn schouwen wunderlichn <....> al sunder lougen. doch was der schanden alse vil, dô ich dîn hinden wart gewar, daz ich dich iemer schelten wil.“
Diese Zeilen Walthers von der Vogelweide, entnommen aus dem sogenannten ”Abschied von der Welt“, wertet die Forschung als erstes Auftreten der doppelseitigen Frau Welt in der mittelhochdeutschen Literatur.
Mehr als diese andeutenden Verse brauchte es anscheinend nicht, um den Zeitgenossen Walthers von der Vogelweide diese allegorische Figur vor das innere Auge zu rufen, die wie keine andere vermochte, die Ambivalenz der irdischen Existenz zu verkörpern. Das wesentliche äußere Merkmal der Frau Welt ist ihre Aufspaltung in eine schöne, reich gewandete Vorderseite und eine entstellte, verwesende Rückseite. Die Botschaft bzw. der Gehalt der Allegorie war dem gläubigen Menschen des Mittelalters vollkommen klar: Wer den Schönheiten und Vergnügungen der diesseitigen Welt anhängt und somit sündigt, erhält dafür im jenseitigen Leben den gerechten Lohn; sein Los ist der ewige Tod. Die irdische Existenz bietet nichts als Vergänglichkeit und Trug, und all ihre Schönheiten sind Blendwerk, nur dazu angetan, den Menschen vom eigentlichen Ziel seines Daseins, dem ewigen, jenseitigen Leben bei Gott, abzulenken.
Die Frau Welt-Figur entstammt dem Bereich des contemptus mundi, einer christlichen Spiritualität, die vor dem Hintergrund des Glaubens an die körperliche Auferstehung und in der Erwartung eines ewigen Lebens in der künftigen Welt die Verachtung der diesseitigen predigt. Der Grund für die Ausbildung eines solchen Gegensatzes zwischen irdischer Existenz bzw. der Welt und den göttlichen, himmlischen Sphären ist in der tief im Christentum verwurzelten ontischen Dualismusvorstellung zu suchen: Die irdische Welt und ihre Bewohner sind zwar Gottes Schöpfung, aber durch die Erbsünde von ihm abgefallen und deswegen mit dem Makel der Sündenschuld behaftet. Die Folge der Sünde aber ist der leibliche Tod. Unter rein ethischen Gesichtspunkten betrachtet folgert daraus eine entsprechend negative Bewertung der Welt, der Menschen und ihrer gesamten diesseitigen Existenz: Irdische Unvollkommenheit, Sündhaftigkeit und Vergänglichkeit stehen in direkter Opposition zu göttlicher Vollkommenheit und ewigem Leben.
Inhaltsverzeichnis
1. Methodische Grundlagen
1.1 Von Michail Bachtins „dialogicnost“ zu Julia Kristevas „intertextualité“
1.2 Die Folgen
1.2.1 Text und Intertext
1.2.2 Autor und Rezipient
1.2.3 Markierung intertextueller Bezüge
1.2.4 Intertextualität verschiedensprachiger Texte
1.3 Methodenauswahl nebst einiger Vorbehalte
2. Die Personifizierung der fornicatio in den Vitae Patrum – ein mögliches Vorbild für die Frau Welt
2.1 Überlieferung und Rezeption
2.2 De fornicatione und mögliche Referenztexte
3. saeculum und gloria mundi – zwei mittellateinische Frau Welt-Gestalten
3.1 Überlieferung
3.2 Ein Vergleich der beiden Exempla
3.3 Die Exempla und das Apophthegma
3.4 Zusammenfassung und Fazit
4. „Der Welt Lohn“ Konrads von Würzburg
4.1 Überlieferung
4.2 Konrad von Würzburg und seine literarischen Vorbilder
4.2.1 Gottfried von Straßburg
4.2.2 Wirnt von Gravenberg
4.2.3 Hartmann von Aue
4.2.4 Walther von der Vogelweide
4.2.5 Zusammenfassung
4.3 „Der Welt Lohn“ und die mittellateinischen Exempla
5. Die Strophen des Guters
5.1 Überlieferung und Struktur
5.2 Der Epigone und sein Vorbild? Der Guter und Konrad von Würzburg
6. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die motivgenetische Herkunft und die intertextuellen Beziehungen des Frau Welt-Motivs in der mittelhochdeutschen Literatur. Dabei wird analysiert, wie sich die doppelseitige Personifizierung von „Frau Welt“ aus christlichen contemptus mundi-Traditionen entwickelte und inwiefern sie in verschiedenen mittelalterlichen Texten als Allegorie für die Vergänglichkeit und Sündhaftigkeit der diesseitigen Existenz instrumentalisiert wird.
- Entwicklung des Frau Welt-Motivs aus der spätantiken contemptus mundi-Literatur.
- Intertextuelle Analyse der Beziehungen zwischen Vitae Patrum, mittellateinischen Exempla und Konrads „Der Welt Lohn“.
- Methodische Auseinandersetzung mit Intertextualitätstheorien im mediävistischen Kontext.
- Untersuchung der moralisch-didaktischen Funktion des Motivs in Bezug auf die Abkehr vom Weltlichen.
- Bewertung des Einflusses antiker und zeitgenössischer Vorbilder (Walther von der Vogelweide, Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg).
Auszug aus dem Buch
De fornicatione und mögliche Referenztexte
Venit quidam in Scythi aliquando, ut fieret monachus. Qui etiam attulit filium suum nuper ablactum. Qui cum factus esset juvenis, coeperunt impugnare daemones et sollicitare eum. Et dixit patri suo: Vado ad saeculum, quia non possum carnales concupiscentias sustinere. Patrem autem ejus consolabatur eum. Dixit ergo ille juvenis: Jam sustinere non valeo, pater; dimitte me redire ad saeculum. Dixit ei pater suus. Audi me, fili, adhuc semel, et tolle tibi quadraginta panes, et folia palmarum dierum quadraginta, et vade in eremo interiore, et esto ibi quadraginta diebus, et voluntas Dei fiet.
Qui obediens patri suo, surrexit et abiit in eremo, et mansit ibi, laborans et faciens plectas de palmis siccis, et panem siccum comedens. Et cum ibi diebus viginti quiesceret, ecce vidit opus quoddam diabolicum venire super se; et stetit coram ipso velut mulier Aethiopissa, fetida et turpis aspectu, ita ut fetorem ejus sufferre non posset, et abjiciebat eam a se. Et illa dicebat ei: Ego sum quae in cordibus hominum dulcis appareo; sed propter obedientiam tuam, et laborem quem sustines, non me permisit Deus seducere te, sed innotui tibi fetorem meum.
Ille autem surrexit, et gratias agens Deo, venit ad patrem suum, et dixit ei: Jam nolo ire ad saeculum, pater. Vidi enim operationem diaboli et fetorem ejus. Cognoverat autem et pater ejus de hoc ipso, et dixit ei: Si mansisses quadraginta dies, et custodisses usque in finem mandatum meum, majora habuisti videre.
Zusammenfassung der Kapitel
Methodische Grundlagen: Erörterung der theoretischen Ansätze zur Intertextualität (Bachtin, Kristeva) und deren Anwendbarkeit auf mittelalterliche Texte.
Die Personifizierung der fornicatio in den Vitae Patrum – ein mögliches Vorbild für die Frau Welt: Analyse einer Erzählung aus den Vitae Patrum, die als frühchristliche Basis für das Frau Welt-Motiv dient.
saeculum und gloria mundi – zwei mittellateinische Frau Welt-Gestalten: Vergleich zweier lateinischer Exempla, die das Motiv weiterentwickeln.
„Der Welt Lohn“ Konrads von Würzburg: Untersuchung von Konrads Verserzählung hinsichtlich ihrer literarischen Vorbilder und der spezifisch mittelhochdeutschen Ausgestaltung des Motivs.
Die Strophen des Guters: Analyse der Strophenreihe des Guters und Abgrenzung zu Konrads Darstellung.
Zusammenfassung und Fazit: Resümee der intertextuellen Untersuchung und Bewertung der Kompatibilität moderner Literaturtheorien mit mediävistischem Quellenmaterial.
Schlüsselwörter
Frau Welt, Intertextualität, Vitae Patrum, Konrad von Würzburg, Der Welt Lohn, contemptus mundi, mittelhochdeutsche Literatur, Allegorie, Personifizierung, fornicatio, Apophthegmata, Rezeption, Literaturgeschichte, Gesta Romanorum, Der Guter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Studie befasst sich mit der Genese und den literarischen Bezügen der „Frau Welt“-Allegorie in der mittelhochdeutschen Dichtung, ausgehend von frühchristlichen lateinischen Vorbildern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Das Hauptaugenmerk liegt auf dem contemptus mundi (Weltverachtung), der personifizierten Sünde (fornicatio) und den Methoden der literarischen Intertextualität im Mittelalter.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie sich die Frau Welt-Figur aus antiken patristischen Vorlagen über verschiedene mittelalterliche Versionen bis hin zu Konrad von Würzburg und den Strophen des Guters entwickelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine intertextualitätstheoretische Analysemethode, basierend auf Modellen von Bachtin, Kristeva, Pfister und Helbig, um literarische Abhängigkeiten zu systematisieren.
Welche Aspekte werden im Hauptteil fokussiert?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Analyse der Texte: von den Vitae Patrum, über mittellateinische Exempla, bis hin zu den volkssprachlichen Texten Konrads und des Guters.
Was zeichnet die zentralen Schlüsselwörter aus?
Sie fassen die methodische Basis (Intertextualität) mit dem untersuchten Motiv (Frau Welt) und den zentralen Primärquellen (Konrad von Würzburg, Vitae Patrum) zusammen.
Inwiefern beeinflussten lateinische Vorbilder die volkssprachliche Dichtung?
Die Arbeit zeigt auf, dass Konrad von Würzburg zwar bekannte Schemata der geistlichen Literatur aufgriff, diese jedoch durch rhetorische Mittel und einen gelehrten, bewussten Umgang mit dem literarischen Erbe in eine eigene, kunstvolle Form überführte.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des „Guters“?
Die Arbeit widerlegt die gängige Einordnung des „Guters“ als bloßen Epigonen Konrads und plädiert für eine eigenständige literarische Würdigung seiner Strophen im Kontext des damaligen Zeitgeistes.
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- Sabine Ley (Author), 2004, Frau Welt - eine motivgenetische Studie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44665