"Von den Juden und ihren Lügen" von Martin Luther. Eine Analyse der Lutherschrift


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung des jüdischen Stereotyps

3. Luthers Auseinandersetzung mit dem Judentum

4. Der Haltungswechsel Luthers in seinen Judenschriften

5. Analyse der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“
5.1 Inhalt der Schrift
5.2 Aufbau der Schrift
5.3 Hauptaussagen der Schrift

6. Die Wirkungsgeschichte der Judenschriften Luthers

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis
8.1 Quellen
8.2 Sekundärliteratur
8.3 Internetrecherche

1. Einleitung

Als der wohl bedeutendste deutsche Reformator gilt Martin Luther. Durch seine Schriften, seine Betonung des gnädigen Gottes, seine Bibelübersetzung und seine Predigten hat er die, durch die römisch-Katholische Kirche geprägte Gesellschaft seiner Zeit, nachhaltig verändert. Als Gründer der Evangelischen Kirche hat er völlig neue Wege aufgezeigt und alte Denkstrukturen aufgebrochen.

Die Gleichheit aller Menschen vor Gott war eines seiner Hauptanliegen. So ist ein Priester durch die Gnade Gottes genauso gerechtfertigt, wie ein Bauer. Aber wie so oft, gibt es auch bei Martin Luther zwei Seiten. Er, der diese Gleichheit aller vor Gott fordert, fordert in seinen Schriften auch, dass die Juden verfolgt und ausgeschlossen werden sollten. Während seines Lebens war der Umgang mit dem jüdischen Volk ein Thema, was ihn immer wieder beschäftigte. Es fällt schwer zu glauben, dass Martin Luther, wenn man seine Schriften, in denen er über Juden schreibt, betrachtet, zugleich auch Gründer der evangelischen Kirche ist. Nicht selten wird ihm auch vorgeworfen, er sei mit seinen Schriften gegen die Juden ein wichtiger Wegbereiter für den Antisemitismus der Deutschen in der NS-Zeit gewesen. Um Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ genauer zu analysieren und die Hintergründe dieser Schrift besser verstehen zu können, sind einige Vorarbeiten notwendig. So beginnt der Autor dieser Arbeit, um sich zu Beginn ein Bild über die gesellschaftliche Meinung des Judentums, beziehungsweise über dessen Situation von der Entstehung des Christentums bis zur Reformation, machen zu können, im ersten Schritt mit der Entstehung des jüdischen Stereotyps und Luthers Verhältnis zum Judentum. Anschließend folgt eine kurze Passage zum Haltungswechsel in Luthers Schriften über die Juden. Im nächsten Schritt wird Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ genauer betrachtet und analysiert. Hierbei wird der Autor besonderes Augenmerk auf den Inhalt, den Aufbau und natürlich auch auf die Hauptaussagen dieser Schrift legen. Im nächsten Teil dieser Arbeit wird die Wirkungsgeschichte der Schriften Luthers betrachtet. In diesem Schritt kann leider nicht zwischen den Schriften und deren „eigene“ Wirkungsgeschichte und der Wirkungsgeschichte aller Schriften unterschieden werden, da das Nachwirken solcher Schriftstücke ein sehr umfangreicher und geschichtsträchtiger Prozess ist. Es kann somit nicht unterschieden werden, wie hoch die jeweiligen Anteile eines gesellschaftlichen Wirkens zu einer einzelnen bestimmten Schrift sind. In der Zusammenfassung werden dann noch einmal die wichtigsten Elemente der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ aufgezeigt.

Erst ab dem 20. Jahrhundert hat sich die Forschung intensiv mit der Beziehung zwischen Luther und den Juden beschäftigt. Ab diesem Zeitpunkt haben sich viele Wissenschaftler, Historiker, aber auch Institutionen, wie die Evangelische Kirche zu diesem Thema geäußert. In der Lutherforschung gilt er als ein Mann, der zwischen den Rollen des Judenfreundes und des Judenfeindes wechselt. In der öffentlichen Meinung hingegen wird er nicht selten als Antisemit bezeichnet und gebrandmarkt. Er engagierte sich aber auch für die Beseitigung von Hindernissen, die einer Bekehrung der Juden im Wege standen. Seine schroffen Schriften der fünfzehnhundertdreißiger- und vierziger Jahre hingegen überhäufen die Juden mit Schande und Beschimpfungen wegen ihrer verstockten Blindheit.[1] So wird Luther von den einen für seine Leistung gewürdigt und gegenüber Kritikern bis aufs Äußerste verteidigt. Andere hingegen erkennen seine Schriften als Ebene und Basis die Luther für Nationalsozialisten und Fremdenfeinde geschaffen hat. Martin Luther wurde verzerrt, entwürdigt, missbraucht und heroisiert.[2]

2. Die Entwicklung des jüdischen Stereotyps

Aufgrund des eingeschränkten Umfangs dieser Arbeit kann der Autor nur auf bestimmte Stationen der Entwicklung eingehen. Er beschränkt sich dabei auf die für ihn am wichtigsten erscheinenden. Stereotypes Denken ist zu keiner Zeit ungewöhnlich in der Gesellschaft, vor allem dann nicht, wenn es sich auf fremde gesellschaftliche Gruppen und ethnische Minderheiten bezieht. Das jüdische Stereotyp ist jedoch durch sehr viele und sehr schwerwiegende Belastungen eine Ausnahme. Schon im vorchristlichen Altertum, im hellenistischen Alexandrien und im heidnischen Rom wurde ein negatives Stereotyp des jüdischen Volkes zum Ausdruck gebracht. Die Erzählung über den Auszug aus der Sklaverei und aus Ägypten, „ dass Juden als aussätzige und verbrecherische Fremdlinge aus dem Land geschafft werden, um es von ansteckenden Krankheiten zu reinigen[3] trugen zur negativen Meinung und zur Außenseiterrolle der Juden bei. Verbreitet wurden diese Elemente des frühen Judenhasses dann von den Römern.[4] Seit dem frühen zweiten Jahrhundert entstand in den Predigten sowie unter den Gläubigen eine durchgehend judenfeindliche Stellung. Im Mittelalter wurden die Beschuldigung des Gottesmordes und der damit verbundene Vorwurf der Erbsünde zu zentralen Punkten des Judenhasses. Außerdem wurde die Weigerung Jesus als Erlöser anzusehen, als stärkster Unglaube angesehen. Viele Christen waren aber auch der Ansicht, dass die Juden die Messianität Christus und seine Lehre insgeheim als wahr anerkannten, sie aber trotzdem verneinten und dadurch der Ketzerei und Gotteslästerung schuldig waren.[5]

Im Laufe des ersten Kreuzzuges wurden in Deutschland im Jahre 1096 viele Synagogen angezündet und viele Juden vertrieben, oder sie wurden bei Progromen ermordet. Die Punkte des negativen jüdischen Stereotyps wurden verstärkt. Theologen wie Petrus Venerabilis sprachen von den Juden als größte Feinde des Herrn, die das Christentum mit Füßen treten und verlangte, sie zu verabscheuen und ihnen ihre widerrechtlich erworbenen Reichtümer zu nehmen. Vermutlich wurde hier zum ersten Mal die rein religiöse Ebene des Judenhasses verlassen und mit wirtschaftlichen und sozialen Punkten des jüdischen Stereotyps vermischt.[6] Mit der Schaffung der Transsubstantionslehre im 13. Jahrhundert, geht man davon aus, dass sich Brot und Wein beim Abendmahl in den Leib und das Blut Christi verwandeln. Dadurch wuchs die Angst unter den Christen, dass die Juden, welche ein Feindbild für sie darstellten, die Hostie durchbohren würden, um somit dem Leib Christi erneut schaden zu können. Dieser Vorwurf und das Gerücht, dass die Juden Blut der Christen für rituelle Zwecke benötigen würden, weshalb sie Christenknaben kaufen oder rauben würden, um sie dann zu töten, führte immer wieder zu Übergriffen gegen Juden. Dieses Gerücht verbreitete sich, trotz des Widersprechens auch christlicher Kirchenführer, in ganz Europa. Auch die Brunnenvergiftung zur Zeit der Pest, Mitte des vierzehnten Jahrhunderts wurde den Juden angehängt. Durch die Entwicklung der Städte im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert wurden die Juden aus ihren ehemaligen wirtschaftlichen Positionen verdrängt. Sie wurden von Kaufleuten und anderen Organisationen immer mehr auf Geschäfte mit Geld eingeschränkt. Somit wurden sie als Wucherer und Geldgierige und sogar als Parasiten abgestempelt, die mit Hilfe des Teufels auf dem Rücken der Christen leben würden.[7] Dies machte sie zur Zielscheibe politischer Konflikte und es kam zu Angriffen durch ihre Schuldner. Durch die Beschlüsse des vierten Laterankonzils im Jahr 1215 wurden die Juden schließlich auch kirchlicherseits sozial ausgegrenzt. Sie wurden von Ämtern in öffentlichen Positionen ausgeschlossen und mussten sich durch ihre Kleidung als Juden kenntlich machen.[8] Die damit eingeleitete Ausgrenzung wurde in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts durch die Einrichtung mehrerer Ghettos und die Ausweisung aus vielen Ländern und Städten zum Abschluss gebracht. Ein besonders schweres und tragisches Kapitel des Judentums waren auch die Verfolgungen und Vertreibungen, die die Obrigkeiten Europas in der Zeit vom dreizehnten bis sechzehnten Jahrhundert veranlassten.[9] Im späteren Mittelalter wurde den Juden nun auch die Verdrehung der Schrift vorgeworfen. Mehrere Jahrhunderte lang wurden der Talmud und andere jüdische Schriften verboten, denn angeblich seien die jüdischen Bücher eine Erfindung boshafter Menschen, welche in diesen Schriften über die Christen und über Gott lästerten. Somit beinhalteten ihre Schriften auch nicht die Wiedergabe der Worte Gottes. Die weltweit zerstreuten jüdischen Gemeinden stützten sich, laut den Christen, auf die Aussage, dass sich die Juden gegen die Christen verschworen und sie im dreizehnten Jahrhundert an die Mongolen verraten hätten. Dieses Motiv des Verräters leitete der Großteil der Bevölkerung des fünfzehnten Jahrhunderts vom Judasverrat ab. Die „ Eigenschaften des Judas[10] wurden „ auf alle Juden aller Zeiten projiziert.“[11]

3. Luthers Auseinandersetzung mit dem Judentum

Luther beschäftigte sich aufgrund seiner Vorlesungen und auch in zeitgeschichtlicher wie auch theologischer Hinsicht sein ganzes Leben lang mit dem Judentum. Der Aspekt, dass die Juden ihr ganzes Leben unter Verfolgung litten, stellte für ihn ein schreckliches Zeugnis für Gottes Handeln dar. Ein Grund, warum sich Luther weit mehr als andere Reformatoren mit den Juden beschäftigte war der, dass die Juden das genaue Gegenbild des Christseins für ihn darstellten. Sie akzeptierten nicht das unwiderlegbare Zeugnis Christus, welches in den Schriften des Alten Testaments vorhanden ist. Weiterhin war für ihn das Judentum ein Beispiel einer gesetzlichen Religion.

Gemeinsam mit dem Papsttum, den Türken und auch dem Teufel bildeten Juden für Luther die größte Opposition gegen die Christen. Wenn man den „Kampf“ gegen diese Feinde gewinnen wollte, musste man an der eigenen christlichen Identität arbeiten. Im Gegensatz zu den anderen Feinden bildeten die Juden ein eher konstantes Feindbild. Die anderen Gegner unterlagen nicht selten historischen Gegebenheiten. Die Juden waren aufgrund ihrer Präsenz in den biblischen Schriften immer im Zeitpunkt des Geschehens. Im Gegenteil zu ihrer konstanten Präsenz waren Luthers Gründe für ein so ausgeprägtes Gegenbild sehr variabel. Ebenfalls waren die Ursachen, warum Menschen Juden waren, sehr flexibel. Ein Grund war die fehlende Verkündigung des Evangeliums durch die Christen. Ein wichtiges Merkmal von Luthers Judenschriften ist die Tatsache, dass er oft über sie, aber weniger an sie, oder mit ihnen schrieb. In seinem Traktat „ Das Jesus Christus ein geborener Jude sei[12] ging es Luther hauptsächlich darum, wie Christen mit Juden sprechen könnten. Es ist bekannt, dass Luther selbst keine Kontakte zu gelehrten Juden hatte. Die einzigen Kontakte zu Juden bekam er durch Bitten auf brieflichem Wege. Eine dieser Begegnungen verstärkte nur seine schlechte Sichtweise. Diese Verstärkung ist aber nicht auf eigenen Erfahrungen Luthers, sondern viel mehr durch Vorurteile gegenüber den Juden begründet. Seine Auseinandersetzung mit dem Judentum war immer eine Weise der Verteidigung gegen diese „Gegner“. Der Erfolg des Kirchenreformators und seines Glaubens in den fünfzehnhundertzwanziger Jahren war ebenfalls kein günstiger Ausschlaggeber für das Judentum.[13]

4. Der Haltungswechsel Luthers in seinen Judenschriften

Wenn wir von den Judenschriften Luthers sprechen, müssen wir vorerst Unterscheidungen treffen. Man unterscheidet diese Schriften in die frühen und späten Judenschriften Luthers. Zwischen diesen beiden zeitlich eingeordneten Schriftensammlungen zeichnen sich bei aller Stetigkeit in der Interpretation des Alten Testaments heftige Gegensätze ab. Die Schrift Luthers „ Daß Jesus ein geborner Jude sei“ aus dem Jahr 1523 setzt sich folgendes Ziel: „Will man yhn (den Juden) helffen, so mus man ... Christlicher liebe gesetz an yhn uben und sie freuntlich annehmen, ... da mit sie ursach und raum gewynnen, bey und umb uns tzu seyn, unser Christlich lere und leben tzu horen und sehen.[14] Damit widerspricht Luther der Einstellung den Juden gegenüber, wie sie von der römischen Kirche damals üblich war: „ Denn sie haben mit den Juden gehandelt als weren es hunde und nicht menschen, haben nichts mehr kund thun denn sie schelten und yhr gutt nehmen, wenn man sie getaufft hat.“[15] Hier predigt Luther für einen freundlichen Umgang und gutes Zusammenleben mit den Juden, um ihnen eine mögliche Bekehrung zu Jesus Christus offen zu halten.[16] Zwanzig Jahre später jedoch erkennt man in seinen Schriften eine radikale Änderung. In seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, die Anfang des Jahres 1543 veröffentlicht wurde, vertritt er überaus deutlich: „ UNSern Ober Herren, so Jüden unter sich haben, wündsche ich und bitte, das sie eine scharffe barmhertzigkeit wollten gegen diese elende Leute uben... Wil das nicht helffen, So müssen wir sie, wie die tollen hunde aus jagen, damit wir nicht, jrer greulichen lesterung und aller laster teilhafftig, mit jnen Gottes zorn verdienen und verdampt werden.“[17] Allein diese kurze Passage macht deutlich, wie Luther gegenüber der Obrigkeit der mittlerweile protestantischen Territorien mit grenzenloser Polemik gegen die Juden seine judenpolitische Auffassung vertritt, welche darauf hinauslief, dass die Juden vertrieben wurden.[18]

5. Analyse der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“

5.1 Inhalt der Schrift

Sofort am Anfang wird deutlich, dass Luther in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ einen härteren und schrofferen Gang ansteuert als zuvor in seinen anderen Schriften über die Juden, da er direkt im Titel die Juden anklagt, indem er sie als Lügner bezeichnet. In „Von den Juden und ihren Lügen“ hat er seine Absicht aus den anderen Schriften, die Juden zu bekehren und vom Christentum zu überzeugen, aufgegeben. Es geht ihm hierbei nur noch darum, die Christen in ihrem Glauben zu bestärken. Er macht deutlich, dass Gott die Juden ebenfalls aufgegeben hat, denn „ sie sind schlägelfaul von Jugend auf erzogen mit Gift und Groll wider unsern Herrn, dass da ist keine Hoffnung bis sie dahin kommen, dass sie durch ihr Elend mürb und gezwungen werden zu bekennen, dass der Messias gekommen sei.“[19] Luther wirft den Juden Arroganz vor, da sie sich ihrer edlen Herkunft vom Stamme Israels rühmen und damit behaupten Gottes Volk zu sein: „ Es ist nicht zu sagen noch zu begreifen, welch ein störriger, ungezähmter, verzweifelter Hochmut in dem Volke steckt.“[20] Die Juden werden durch ihren Überheblichkeit von Luther als ein gepeinigtes Volk angesehen, welches sich aufgrund ihres Verhaltens selbst einen Schaden zufügt. Obwohl er zu Beginn betont, dass er sich nicht mehr zu den Juden äußern wolle, macht Luther deutlich, dass ihn Gottes Wut auf das jüdische Volk wohlwollend stimmt: „ Ich denke mit ernst nicht gern an solchen grausamen Zorn Gottes über dies Volk, denn ich erschrecke davor, dass mir´s durch Leib und Leben gehet, was will´s werden mit dem ewigen Zorn in der Hölle über falsche Christen und alle Ungläubigen.“[21] Luther zählt zu den Lügen der Juden unter anderem die Weissagung Gabriels. Seiner Meinung nach legten sie diese Weissagung falsch aus. Ebenfalls wirft Luther den Juden Gotteslästerung und eine Verfälschung der Schrift vor. Somit würden sie Gott als Lügner darstellen. Da Luther dadurch sich und seinen Gott beleidigt sieht, klagt er die Juden öffentlich an: „ Sie sind unsere öffentlichen Feinde, wenn sie uns alle töten könnten, täten sie es gern. Sie nennen Maria eine Hure, Jesus ein Hurenkind. Ihr sollt sie nicht leiden, sondern vertreiben.“[22] Dadurch, dass die Juden den Messias nicht ehren, über ihn abfällig sprechen und ihn in Misskredit bringen, lästern sie über Gott selbst. Somit erkennen sie die Gottheit Gottes nicht an. Am Ende seiner Schrift gibt Luther den Christen sieben Ratschläge, wie man die Juden am besten bekriegen und vernichten sollte. Man solle „ mit Gebet und Gottesfurcht eine scharfe Barmherzigkeit üben.“[23] Diese scharfe Barmherzigkeit sollte durch verschiedene Punkte angewendet werden: Man solle die Synagogen verbrennen, die jüdischen Gebetsbücher und auch den Talmud beschlagnahmen, jüdische Häuser abbrechen und die Juden dem Lande verweisen, Rabbinern unter Androhung der Todesstrafe das öffentliche Lehren untersagen, den kaiserlichen Schutz für Juden aufheben, Wucher und den Besitz von unrecht erworbenen Reichtümern verbieten. Ziel von diesen sieben Ratschlägen war es, den Juden ihre Rechte zu nehmen und sie komplett aus dem Land zu vertreiben. Die Obrigkeit sollte alle finanziellen Beziehungen zu ihnen aufgeben. Die Gemeinde sollte vor den Juden gewarnt werden, damit sich die christliche Bevölkerung in jeder Lebenslage vor den Juden schützen könne. Allerdings muss man hervorheben, dass man ihnen bei der gesamten Durchführung dieser Ratschläge kein privates Leid zufügen sollte.[24] Dies stellt allerdings zu der Vorgehensweise bei der Bekämpfung der Juden einen großen Widerspruch dar. Luther war anscheinend nicht bewusst, wie man seine Ratschläge und seinen Aufruf zur „scharfen Barmherzigkeit“ befolgen sollte, ohne dabei Gewalt anzuwenden.[25] Sicher ist, dass die Durchführung seiner Vorschläge automatisch Gewalt, psychischer oder physischer Art, mit sich bringt. Luther möchte, dass dem Judentum alles abgefordert wird. Deshalb startete er auch einen indirekten Aufruf zur Zwangsarbeit: „ Man soll den jungen starken Juden und Jüdinnen Flegel, Axt, Spaten, Rocken und Spindel geben, damit sie im Schweiße ihres Angesichts ihr Brotverdienen, obwohl es für das Wohl der Untertanen das Beste sei, sie wie in Spanien, Frankreich, Böhmen und den Reichsstädten aus dem Lande zu jagen.“[26] Luthers „Hetzjagt“ nimmt zum Ende des Schriftstückes noch mal massiv zu. Es macht ganz den Anschein, dass er von der ganzen Thematik besessen ist, vielleicht auch gerade deshalb bedient er sich geläufigen Klischees: „ Sie essen, sie trinken, sie schlafen, sie baden, sie beten, sie loben und alles, was sie leben oder tun, ist mit rabbinischen unflätigen Aufsätzen und Missglauben beschmeißet, dass Moses nicht wohl mehr kenntlich ist bei ihnen und uns Christen lassen arbeiten im Nasenschweiß, sitzen derweil hinter dem Ofen, faulenzen, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.“[27] Hier greift er alle allgemein bekannten stereotypischen Vorurteile auf. Zum ersten Mal bezieht er sich in seinen Hasspredigten auch auf die äußerst bekannte Legende über angebliche verschiedene Ritualmorde, Brunnenvergiftungen und Hostienfrevel durch die Juden, die er selbst zwanzig Jahre zuvor zum Aberwitz der päpstlichen Schreckenspropaganda festlegte. Aber dennoch glaubte Luther zwei Jahrzehnte später an die Möglichkeit, dass diese Geschichten wahr sein könnten, da der Jude der schlimmste Feind des Christen sei.[28] Dem Juden könne man alles zutrauen, denn sie sind „ Teufelskinder[29], in denen das Böse tief verwurzelt ist. Der Teufel ist für ihn schon seit seinen frühen Lebensjahren der Inbegriff des schlimmsten Übels. Der Teufel hat also in verschiedenen Bereichen von Luthers Leben eine große Rolle gespielt. So auch, als ihm auf der Wartburg in Eisenach der Teufel erschienen sein soll und er ein Tintenfass auf ihn warf. In der hier beschriebenen Schrift setzt er den Teufel mit den Juden gleich und spricht ein furchtbar hartes Urteil: „ Wo du einen rechten Juden siehst, magst du mit gutem Gewissen ein Kreuz vor dich schlagen und frei und sicher sprechen: da geht ein leibhaftiger Teufel.[30] Dies zeigt Luthers Denkweisen, mit denen er im „Strom der abendländischen-christlichen Tradition schwimmt.“[31] Man darf nicht außer Acht lassen, dass Luther immer wieder hervorhebt, dass man sich nicht an den Juden rächen darf, „ denn sie haben die Rache am Halse tausendmal ärger, denn wir ihnen wünschen können.“[32] Das Buch endet wie auch anderer seiner Schriften mit einem Gebet, welches er für die Juden spricht, in dem er ihre Besessenheit verdeutlicht und deshalb, oder dennoch um ihre Errettung bittet: „ Gott erbarme dich uber sie, wie er uns gethan hat und thun wird.“[33]

5.2 Aufbau der Schrift

Zwanzig Jahre nach Luthers erster Judenschrift schätzt er die Chancen, einen Juden vom christlichen Glauben überzeugen zu können, ziemlich gering ein und rät vom Disput mit den Juden ab. Seine vage Hoffnung, etliche Juden bekehren zu können, schwindet. Vielmehr hat er nun die Absicht die Christen vor einer Hinwendung zum Judentum zu bewahren.

Denn im Frühjahr 1542 erschien, als Antwort auf die von Luther 1538 verfasste Schrift „Wider die Sabbather“, eine jüdische Schrift, die zum Übertritt der Christen zum Judentum aufforderte.[34] Luther schien mit den zunehmenden Missionserfolgen seitens der Juden sein Lebenswerk, dass aus der Reformation hervorgegangene Kirchenwesen, angegriffen und sah sich in der Verantwortung, an die Öffentlichkeit zu treten, um den befürchteten Schaden für die Christenheit zu verhindern und ihr eigenes Glaubensbewusstsein zu stärken. Dementsprechend begründet er seine Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ in der Vorbemerkung wie folgt: Weil „ die Elenden, heillosen leute nicht aufhören, auch uns, das ist die Christen, an sich zu locken, Hab ich dies Büchlein lassen ausgehen, Damit ich unter denen erfunden werde, die solchen giftigen furnemen der Jüden widerstand gethan und die Christen gewarnet haben, sich fur den Jüden zu hüten…[35] So wollen wir nu, unsern Glauben zu stercken, der Jüden etliche grobe thorheit in jrem glauben und auslegung der Schrift handeln, weil sie so gifftig unsern Glauben lestern…[36] Luthers Schrift lässt sich grundlegend in vier Sinnabschnitte gliedern, in denen er die angeblichen Lügen der Juden wiedergibt.

In der Einleitung (S. 417-419) wird, wie oben dargestellt, zunächst deutlich, aus welchem Grund Luther schreibt und, dass er sich wiederum an Christen und nicht an die Juden wendet. Im ersten Sinnabschnitt (S. 419-448) bemüht sich Luther zu beweisen, dass die vom Judentum in Anspruch genommenen Zeichen der göttlichen Erwählung (Abstammung von Erzvätern, Beschneidung, Gesetzesempfang am Sinai, Zuweisung des verheißenen Landes und der Stadt Jerusalem) nicht aus der Bibel hervorgehen.[37]

Im folgenden zweiten Teil (S. 449-511) greift Luther dann noch einmal den von ihm schon 1523 erörterten messianischen Weissagungsbeweis auf. Diesmal jedoch mit sehr starker Kritik an der rabbinischen Exegese der herangezogenen Bibelstellen „ Gen. 49,10, 2. Sam. 23, 1-7, 2. Sam. 7,12 ff., Jer. 33,17-26, Hag. 2, 6-9, Dan 9, 24.“[38] Luthers Absicht ist es, die Vorstellung der Juden vom noch kommenden Messias zu widerlegen und die christliche Wahrheit, dass der Messias bereits gekommen sei, zu beweisen.[39]

Im dritten Sinnabschnitt (S. 511-522) bedient sich Luther dem Werk „Der gantz judisch Glaub“ von Antonius Margaritha (jüdischer Konvertit). Er führt häufig die Lästerungen auf, die von den Juden angeblich „ immer wieder aus Feindschaft gegen die Christen ausgesprochen würden.“[40] Die Juden würden durch Lästerungen über Jesus und Maria in jüdischen Schriften sowohl Gott lästern als auch auf das gesamte Christentum abzielen. Im Zusammenhang der direkten Lästerungen an den Christen erwähnt Luther auch die Vorwürfe der Brunnenvergiftung und des Ritualmordes, die er 1523 noch bestritt und entrüstet sich über den „ Wucher[41] der Juden. Insgesamt bestehen die „ Lügen[42] der Juden, die aus den vorangegangenen drei Sinnabschnitten der Schrift deutlich geworden sind, also aus vier Kernpunkten: Hochmut und Selbstgerechtigkeit (richtet sich gegen die Rechtfertigung allein aus Gnade), Gotteslästerung (verstößt gegen Gesetz Mose), Verdrehung der Schrift (mündet in die Gotteslästerung) und Geldgier (ist Folge des herbeigesehnten Messiasreiches als Reich Gottes auf Erden, woraus Wille der Beherrschung der Heiden resultiert).[43]

Im letzten, dem vierten Abschnitt seiner Schrift (S. 522-552) beschäftigt sich Luther nun mit der aus den ersten drei Sinnabschnitten hervorgegangenen Frage: „ Was wollen wir Christen nu thun mit diesem verworffen, verdampten Volck der Jüden?[44] Er gibt der Obrigkeit den treuen Rat mit „ scharffer barmhertzigkeit[45] vorzugehen und sich nicht zu „ Rechen “.[46] Da er aber alle „ Lügen[47] der Juden sehr ernst nimmt und sie für ihn auf eine Religionsfeindschaft des Judentums gegenüber des Christentums hinaus laufen, würden sich die Christen „ teilhafftig machen aller jrer lügen, flüche und lesterung[48] wenn sie das Verhalten der Juden dulden würden. Aus diesem Grund gibt Luther der Obrigkeit sieben Ratschläge:

1. „ Beseitigung der Synagogen[49] (werden durch Rabbinen zu Stätten der Chrsitus- und Gotteslästerung).
2. „ Vernichtung der Wohnhäuser[50] der Juden (würde auch Ort der Lästerung sein, vor allem, wenn man die Synagogen beseitigen würde).
3. „ Konfiskation der Gebetsbücher und Talmudschriften[51] (Flüche und Lästerungen entspringen diesen).
4. „ Lehrverbot für die Rabbinen “.[52]
5. „ Versagung des Geleits auf offener Straße “.[53]
6. „ Verbot des Wuchers[54] (keine Zinsen für verliehenes Geld verlangen).
7. „ Zwang zu körperlicher Arbeit junger, starker Juden in unfreien Stellungen[55]

Als letzte Mahnung gäbe es für Luther auch die Möglichkeit der Landesverweisung, wie es auch schon in Spanien, Frankreich und Böhmen gehandhabt wurde.[56]

Wie oben erwähnt, sollen sich die Christen nicht persönlich an den Juden rächen, aber dennoch sollten die Juden weitestgehend aus der Gesellschaft der Christen ausgeschlossen werden. Denn die verstockten und blinden Juden würden nicht nur die Seelen der Christen ins Unheil stürzen, indem sie mit ihren Lügen die Heilige Schrift verdrehen und die Christen von der ewigen Wahrheit weg führen, sondern sie zerstörten gleichzeitig auch das weltliche Leben der christlichen Gesellschaft, weil sie wie Parasiten das Leben, Hab und Gut der Christen aufzehren und sich wie Herren aufspielen. Demzufolge ergibt sich für Luther aus der religiösen Ausgrenzung der Juden zwangsläufig die Ausgrenzung jener aus der Lebensgemeinschaft der Christen. Er verbindet die 1523 noch rein theologischen Argumente gegen die Juden nun mit praktischen Handlungsanweisungen für den Umgang mit dem zeitgenössischen Judentum.[57]

5.3 Die Hauptaussagen der Schrift

In der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ geht es Luther nicht hauptsächlich darum, mit den Juden zu diskutieren, sondern vielmehr darum, „ unsern Glauben zu stercken und die schwachen Christen zu warnen fur den Jüden.[58] Was genau sind die Lügen, die er in dieser Schrift meint und wovor die Christen beschützt werden müssen? Ihre sogenannten Lügen verortet Luther zunächst in ihrem Berufen, Gottes Volk zu sein. Einmal aufgrund ihrer Abstammung von Abraham und des Weiteren aufgrund ihrer Beschneidung. Luther schreibt zum ersteren: „ Da sihe nu, Wie feine kinder Abrahe die Jüden sind ...Wir reden jtzt davon, Ob die Geburt des Geblüts von jr selbs fur Gott gelte, das man da durch müge Gottes volck sein oder werden.[59] Zum Zweiten schreibt Luther: „ Der ander Rhum und Adel, des sich die Jüden erheben und alle Menschen stoltzlich und hohmütlich verachten, ist dieser, Das sie die Bechneittung von Abraham her haben...[60]

Ebenfalls deutet Luther die Lügen der Juden darin, dass sie davon ausgehen, der Messias sei noch nicht gekommen. Dies führt so zum „ Heubtstück[61] dieser Schrift. In diesem geht es um messianische Weissagungen des Alten Testaments und deren Auslegung auf Christus hin. Luther findet in verschiedenen Texten den Grund, die Weissagung des Messias mit seinem Kommen zu verbinden. Gemeint ist die Zeit des Königs Herodes. Dadurch sei erwiesen, dass eindeutig Jesus Christus der Messias ist. „ Das haben wir dismal hell und gewaltiglich aus diesem Spruch, Das Messias mus komen sein und die zeit Herodes.[62]

Die starke und sehr schroffe Abweisung der Juden in dieser Schrift wird allerding erst deutlich, wenn man sich die folgenden Seiten ansieht. Sie erfolgt mit der Begründung, es sei „ eine scharffe barmhertzigkeit uben.[63] Damit sind die in Kapitel 5.2 bereits beschriebenen sieben Ratschläge an die Obrigkeit gemeint. Erstens sollten die Synagogen vernichtet werden, weil in diesen gegen Christus geredet wird. Weil dieses auch in den Häusern geschieht, sollen auch die Häuser der Juden vernichtet werden. Ebenfalls aus diesem Grund sollen ihre Gebetsbücher und Talmudschriften konfisziert werden. Als vierten Punkt nennt Luther das Lehrverbot der Rabbiner. Fünftens sei den Juden das Geleit auf offener Straße zu versagen. Sechstens sei Wucher zu verbieten. Der siebte und letzte Punkt ist der, die jungen Juden zu körperlicher Arbeit zu nötigen.[64] Dies alles führt darauf hinaus, dass sie „ zum Land ausgetrieben[65] werden sollen. Diese sieben schockierenden Ratschläge sieht Luther gar darin begründet, dass sie aufgrund ihrer angeblichen Gotteslästerung „ ein siebenfeltige schuld verdienen.“ [66] Zwar wurden diese Ratschläge in keinem protestantischen Landesteil durchgeführt, doch das Thema der Austreibung der Juden blieb akut. Luthers Schrift sorgte dafür, dass die Juden, die auch im Jahr 1541 aus Böhmen vertrieben wurden und daraufhin nach Sachsen auswichen, auch zum Teil aus Sachsen vertrieben wurden. Luther hatte den Fürsten empfohlen, dass wenn sie seinem Rat nicht folgen sollten, sollten sie eine bessere Entscheidung treffen. „ Summa, lieben Fürsten und Herrn, so Jüden unter sich haben, Ist euch solcher mein rat nicht eben, so trefft einen bessern, das jr und wir alle der unleidlichen, teuffelschen Last der Jüden entladen werden.“[67]

6. Die Wirkungsgeschichte der Judenschriften Luthers

Bevor der Autor dieser Arbeit auf die Wirkungsgeschichte dieser Schrift eingeht, muss berücksichtigt werden, dass in der dem Autor bekannten Literatur nicht auf die Wirkungsgeschichte der einzelnen Schriften eingegangen wird. Vielmehr wird auf die Wirkungsgeschichte aller oder zumindest mehrerer Judenschriften Luthers eingegangen. Es gibt dennoch einige Tendenzen, die sich vor allem auf „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ und „Von den Juden und ihren Lügen“ beziehen. Seine Schriften bezüglich der Juden gehören nach wie vor, aufgrund seiner hohen Bekanntheit, zu denen am meisten gelesenen Texten auf diesem Gebiet. Im sechzehnten Jahrhundert äußerten sich nur selten reformierte Theologen. Die primäre Rezension Luthers Judenschriften vollzog sich aber innerhalb der lutherischen Konfession: die lutherischen Theologen des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts orientierten sich kompromisslos an den späten Judenschriften des Reformators aus dem Jahre 1543. Im Zusammenhang „ konfessioneller Abgrenzungsidentitäten konnte lutherisch also gleichbedeutend mit antijüdisch sein.[68] Auch Vertreibungen von Juden lassen sich auf seine Schriften zurückführen, wie zum Beispiel 1543 aus Sachsen und 1546 aus Braunschweig, wobei der Rat der Stadt mit Luthers Schrift argumentierte. Auch im Pietismus, also eine Reformbewegung der Evangelischen Kirche nach der Reformation, wurde mit der Erwartung einer endzeitlichen Bekehrung an seine Schrift von 1523 angeknüpft.[69] Für die Zeit bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein, lässt sich sagen, dass Luthers Feindschaft gegenüber den Juden kein wesentliches Merkmal des vorherrschenden Bildes Luthers war. Seine „ Wirkungsgeschichte in Bezug auf die Judenfrage [70] blieb bis ins 20. Jahrhundert ambivalent.[71] Er wurde sowohl von Gegnern, als auch von Befürwortern der Juden zitiert. Erst im späten 19. Jahrhundert wurde im Kontext „ der Artikulation des modernen rassistischen Antisemitismus[72] an die späten Judenschriften Luthers angeknüpft. Mit Hilfe der judenfreundlichen Schriften Luthers wurde die antisemitische Propaganda bis ins Dritte Reich stufenweise gesteigert. Auch protestantische Kirchenführer und Theologen sahen in der nationalsozialistischen Judenpolitik die Verwirklichung der Forderungen Luthers und beriefen sich auf Martin Luther und seine Aufrufe zur Vertreibung der Juden. Sie passten die Worte des Reformators an ihre antisemitische Weltanschauung an. Auch unter angloamerikanischen Autoren, die sich mit dem eleminatorischen Antisemitismus der NS- Zeit beschäftigten, spielte der Bezug auf Luther immer wieder eine starke Rolle.[73] Nicht selten rechtfertigten sich nationalsozialistische Politiker oder Kirchenführer mit Hilfe der Meinung Luthers. Als Juden im September 1941 als Erkennungsmerkmal einen gelben Stern tragen mussten, erklärten die Landeskirchen von Thüringen, Sachsen, Lübeck, Hessen-Nassau, Schleswig-Holstein, Anhalt und Mecklenburg: „ Als Glieder der deutschen Volksgemeinschaft stehen die unterzeichneten deutschen evangelischen Landeskirchen und Kirchenleiter in der Front dieses historischen Abwehrkampfes, der u.a. die Reichspolizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden als der geborenen Welt- und Reichsfeinde notwendig gemacht hat, wie schon Dr. Martin Luther nach bitteren Erfahrungen die Forderung erhob, schärfste Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen und sie aus deutschen Landen auszuweisen. Von der Kreuzigung Christi bis zum heutigen Tage haben die Juden das Christentum bekämpft oder zur Erreichung ihrer eigennützigen Ziele missbraucht oder verfälscht. Durch die christliche Taufe wird an der rassischen Eigenart eines Juden, seiner Volkszugehörigkeit und seinem biologischen Sein nichts geändert…[74] Und auch Julius Streicher führte „ Luther als Gewährsmann seiner menschenverachtenden Hetzpropaganda an, so daß er den Wittenberger Reformator mit auf die Anklagebank zu ziehen versuchte.[75]

7. Zusammenfassung

Wie schon in der Einleitung erläutert wurde, wird nun noch einmal auf die wichtigsten Elemente der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ eingegangen. Festzuhalten ist, dass diese Schrift Luthers eine sehr schroffe Haltung gegenüber den Juden aufweist. Er möchte sie nicht mehr bekehren, sondern rät vielmehr dazu, wie man als Christ mit den Juden umzugehen habe. Der Punkt, dass Luther der Meinung war, dass die Juden Gott als Lügner darstellen würden machte ihn sehr zornig, wodurch er die Juden öffentlich anklagte. Diese Gegebenheiten führen zu den sieben Ratschlägen Luthers an die Obrigkeit. Dazu zählen: die Verbrennung der Synagogen, beschlagnahmen der jüdischen Gebetsbücher, die Häuser der Juden vernichten und sie des Landes zu verweisen, Rabbinern ein Lehrverbot erteilen, den kaiserlichen Schutz aufheben, das vernichten der zu Unrecht erworbenen Reichtümer und körperliche Zwangsarbeit. Luther wollte damit die Vertreibung aus dem Land bezwecken. Zum Ende seiner Schrift hin bedient sich Luther gängigen Klischees über Juden und bezeichnet sie sogar als Teufel. Wenn man sich nun noch einmal den Aufbau der Schrift ansieht, bemerkt man, dass sie in fünf Sinnabschnitte eingeteilt ist. In der Einleitung betont Luther den Grund, warum er diese Schrift schrieb. In den folgenden vier Sinnabschnitten werden die Lügen der Juden wiedergegeben. Im ersten dieser vier Abschnitte wirft er den Juden vor, dass einige der Grundfeiler ihrer Religion nicht aus der Bibel gründen. Im zweiten Abschnitt befasst sich Luther mit dem jüdischen Gedanken der messianischen Weissagung. Im dritten Abschnitt bedient er sich einer jüdischen Schrift und übt scharfe Kritik an dieser aus. Der letzte Sinnabschnitt befasst sich schließlich mit dem Punkt des Umgangs mit den Juden. Luther betont, dass, wenn sich die Christen nicht gegen die Lügen der Juden wehren würden, sie sich mit schuldig machen. Als Hilfe gibt Luther der Obrigkeit die bereits oben genannten sieben Ratschläge mit auf den Weg. Wenn man sich nun diese Punkte zu Gemüte führt, könnte es passieren, dass das Bild Martin Luthers, als der bedeutendste deutsche Kirchenreformator, stark an Ansehen verliert. Es ist bei dieser Art von Arbeit wichtig, eine Person nicht anhand einer seiner vielen Arbeiten zu messen.

Martin Luther war ein Mann, der dazu bereit war, auch den unangenehmen Weg einzuschlagen, wenn es darum ging, Neues zu erreichen. Die Art und Weise, seine Formulierung der sieben Ratschläge und wie er sich über die Thematik der Juden äußert, ist sehr schroff und hart und seine Aufrufe zur Verbrennung der Synagogen sind nicht gerechtfertigt und zu verurteilen. Er wollte zwar stets keine körperliche Gewalt den Juden gegenüber ausüben, dennoch muss man ihm vorwerfen, widerspricht dieses seinem Aufruf zur Vernichtung der Häuser, der Verweisung des Landes und der Aufforderung der körperlichen Zwangsarbeit. All dies bedroht vielleicht nicht aktiv das Leben eines Menschen persönlich, ist aber genauso eine Form von Gewalt. Egal ob psychische oder physische Gewalt. Martin Luther kritisierte sie zeitlebens und dennoch hat er indirekt dazu aufgerufen. Zu beachten ist, dass alle großen Judenschriften nicht unabhängig von Luthers intensiver Arbeit an der Änderung seiner Bibelübersetzung gesehen werden sollen, sondern immer in Kohärenz zu sehen sind. Demnach muss man sich bewusst machen, dass Martin Luther ein Kind seiner Zeit war. In dieser Zeit gehörten Judenverfolgungen und Judenghettos zum Standard. Soziale und ökonomische Beziehungen zwischen Juden und Christen waren unter den Gegebenheiten des sechzehnten Jahrhunderts eine überaus unwahrscheinliche Idee eines Christianisierungsprozesses.[76]

[...]


[1] vgl.: Oberman, Heiko A.: Wurzeln des Antisemitismus. Christenangst und Judenplage im Zeitalter von Humanismus und Reformation. Berlin. 1983, S.56f.

[2] vgl.: Schneider, Ludwig: Martin Luther und die Juden. In: Nachrichten aus Israel, Ausgabe 3/96, S.9.

[3] Degani, Ben – Zion: Die Formulierung und Propagierung des jüdischen Stereotyps in der Zeit vor der Reformation und sein Einfluss auf den jungen Luther. In: Kremers, Heinz (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden: Geschichte, Wirkungsgeschichte, Herausforderung. Neukirchen-Vluyn. 1985, S. 4.

[4] vgl.: ebd., S. 3ff.

[5] vgl.: ebd., S. 5ff.

[6] vgl.: Degani, Ben – Zion: Die Formulierung und Propagierung des jüdischen Stereotyps in der Zeit vor der Reformation und sein Einfluss auf den jungen Luther. Neukirchen-Vluyn. 1985, S. 9f.

[7] vgl.: ebd., S. 11.

[8] vgl.: Bergmann, Werner: Antisemitismus In: Information zur politischen Bildung. Heft 271. Verfügbar über: http://www.bpb.de/izpb/9714/antisemitismus?p=all (abgerufen am 22.05.2018 um 14:30 Uhr).

[9] vgl.: Brosseder, Johannes: Luther und der Leidensweg der Juden. In: Kremers, Heinz (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden: Geschichte, Wirkungsgeschichte, Herausforderung. Neukirchen-Vluyn. 1985, S.114.

[10] Degani, Ben – Zion: Die Formulierung und Propagierung des jüdischen Stereotyps in der Zeit vor der Reformation und sein Einfluss auf den jungen Luther. Neukirchen-Vluyn. 1985, S.14.

[11] ebd.

[12] Kaufmann, Thomas: Luthers „Judenschriften“ in ihren historischen Kontext. Göttingen. 2005, S.8.

[13] vgl.: Kaufmann, Thomas: Luthers „Judenschriften“ in ihren historischen Kontext. Göttingen. 2005, S. 6ff.

[14] Luther, Martin: Daß Jesus Christus ein geborner Jude sei (1523) In: Martin Luthers Werke, Weimarer Ausgabe, Band 11, S.315.

[15] ebd., S. 336.

[16] vgl.: Von der Osten-Sacken, Peter: Martin Luther und die Juden. Neu untersucht anhand von Anton Margarithas „Der gantz Jüdisch glaub“ (1530/31). Stuttgart. 2002, S. 90f.

[17] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen. In: Martin Luthers Werke, Weimarer Ausgabe, Band 53, S.541f.

[18] vgl.: Von der Osten-Sacken, Peter: Martin Luther und die Juden. Stuttgart. 2002, S. 128f.

[19] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen, Weimarer Ausgabe, Band 53, S.416.

[20] ebd., S.412.

[21] ebd., S.414.

[22] ebd., S.419.

[23] ebd., S.415.

[24] vgl.: Ehrlich, Ernst L.: Luther und die Juden. In: Kremers, Heinz (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther-Martin Luther und die Juden: Geschichte, Wirkungsgeschichte, Herausforderung. Neukirchen-Vluyn. 1985, S.80ff.

[25] vgl.: Ahring, Paul Gerhard: Die Theologie der Reformationszeit und die Juden. Unbewältigte Tradition - enttäuschte Erwartung – „Scharfe Barmherzigkeit“. In: Günther B. Ginzel (Hg.): Antisemitismus. Erscheinungsformen der Judenfeindschaft gestern und heute. Köln. 1991, S.106.

[26] L. Ehrlich, Ernst: Luther und die Juden. Neukirchen-Vluyn. 1985, S.84.

[27] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen, Weimarer Ausgabe, Band 53, S.416.

[28] vgl.: Kaufmann, Thomas: Luthers „Judenschriften“ in ihren historischen Kontext. Göttingen. 2005, S.14.

[29] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen, Weimarer Ausgabe, Band 53, S.420.

[30] ebd., S.424.

[31] Johannes Brosseder: Martin Luther und der Leidensweg der Juden. Neukirchen-Vluyn. 1985, S.59.

[32] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen, Weimarer Ausgabe, Band 53, S.424.

[33] Luther, Martin: Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi, Weimarer Ausgabe, Band 53, S.550.

[34] vgl.: Bienert, Walther: Martin Luther und die Juden – Ein Quellenbuch mit zeitgenössischen Illustrationen, mit Einführungen und Erläuterungen. Main. 1982, S. 130.

[35] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen, Weimarer Ausgabe, Band 53, S.417.

[36] ebd., S. 419.

[37] vgl.: Schwarz, Reinhard: Luther, Studienausgabe 2. überarbeitete Auflage. Göttingen. 1998, S. 252.

[38] ebd.

[39] vgl.: ebd.

[40] ebd.

[41] ebd.

[42] ebd.

[43] vgl.: ebd.

[44] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen, Weimarer Ausgabe, Band 53, S.522.

[45] ebd.

[46] ebd.

[47] ebd.

[48] ebd.

[49] Schwarz, Reinhard: Luther, Studienausgabe 2. überarbeitete Auflage. Göttingen. 1998, S. 252.

[50] ebd.

[51] ebd.

[52] ebd.

[53] ebd.

[54] ebd.

[55] ebd.

[56] vgl.: ebd.

[57] vgl.: Wenzel, Edith: Martin Luther und der mittelalterliche Antisemitismus. In: Ebenbauer,Alfred u. Zatloukal, Klaus (Hrsg.): Die Juden in ihrer mittelalterlichen Umwelt. Wien. 1991, S. 310.

[58] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen, Weimarer Ausgabe, Band 53, S.449.

[59] ebd., S. 424.

[60] ebd., S. 427.

[61] ebd., S. 449.

[62] ebd., S. 455.

[63] ebd., S. 522.

[64] Schwarz, Reinhard: Luther, Studienausgabe 2. überarbeitete Auflage. Göttingen. 1998, S. 252.

[65] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen, Weimarer Ausgabe, Band 53, S.526.

[66] ebd., S. 537.

[67] ebd., S.527.

[68] Kaufmann, Thomas: Luthers „Judenschriften“- Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualität. Tübingen. 2013, S. 137.

[69] Vgl. Kaufmann, Thomas: Luthers „Judenschriften“- Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualität. Tübingen. 2013, S. 141.

[70] ebd., S. 142.

[71] vgl.: ebd.

[72] ebd.

[73] vgl.: ebd., S143.

[74] L. Ehrlich, Ernst: Luther und die Juden. Neukirchen-Vluyn. 1985, S. 86.

[75] Kaufmann, Thomas: Luthers „Judenschriften“- Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualität. Tübingen. 2013, S. 144f.

[76] vgl.: Kaufmann, Thomas: Luthers „Judenschriften“- Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualität. Tübingen. 2013, S. 29.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"Von den Juden und ihren Lügen" von Martin Luther. Eine Analyse der Lutherschrift
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar: „Juden und Christen im frühneuzeitlichen römisch-deutschen Reich WS 2017/18“
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V446718
ISBN (eBook)
9783668826144
ISBN (Buch)
9783668826151
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Martin Luther, Luther, Juden, Von den Juden und ihren Lügen, Lutherschrift, Analyse, Frühneuzeitlich, Martin, "Von den Juden und ihren Lügen" von Martin Luther. Eine Analyse der Lutherschrift, Analyse der Lutherschrift, Evangelisch, Katholisch, Jüdisch, Geschichte, Kirchengeschichte, Juden und Christen, Christen, mittlere Kirchengeschichte, neue Kirchengeschichte
Arbeit zitieren
Bachelor Jan-Niklas Brüggemann (Autor), 2018, "Von den Juden und ihren Lügen" von Martin Luther. Eine Analyse der Lutherschrift, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446718

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