Sowohl die Erwachsenpsychiatrie als auch die Kinder- und Jugendhilfe arbeiten in ihrem Alltag mit Familien, in denen ein Elternteil psychisch erkrankt ist. Dennoch gibt es in der Praxis bislang nur wenig kooperative Ansätze zwischen beiden Handlungsfeldern. Für die Jugendhilfe ist es besonders wichtig, einen frühzeitigen Zugang zu den betroffenen Familien zu erhalten und Vertrauen aufzubauen, um präventiv arbeiten zu können und somit das Kindeswohl zu sichern. Ohne die psychiatrische Versorgung des erkrankten Elternteils ist es kaum möglich die Familie zu stabilisieren. Für die Einschätzung der Erziehungsfähigkeit und die Ausgestaltung der Hilfen zur Erziehung ist das Wissen um die Symptome und Krankheitsverläufe psychischer Krankheiten und somit das Wissen und die Kompetenzen der psychiatrischen Fachkräfte für die Jugendhilfe unverzichtbar.
Die Effektivität der psychiatrischen Versorgung ist unter anderem davon abhängig, inwieweit es gelingt, das erkrankte Elternteil in seiner bzw. ihrer Elternrolle wahrzunehmen, die sich daraus ergebenden Probleme zu erkennen und entsprechende Unterstützung und Entlastung anzubieten. Somit zeigt sich, dass eine enge Kooperation zwischen der Erwachsenenpsychiatrie und der Jugendhilfe unabdingbar ist, um die betroffenen Familien zu unterstützen und ihren Hilfebedarf ganzheitlich wahrnehmen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1 Kooperation zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie
2 Strukturelle Konflikte in der Zusammenarbeit
2.1 Zwischen Kindeswohl und „Elternwohl“
2.2 Zwischen Hilfe und Kontrolle
3 Möglichkeiten einer Zusammenarbeit und die Aufgaben des Sozialdienstes
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die notwendige Kooperation zwischen der Erwachsenenpsychiatrie und der Jugendhilfe in Familien, in denen ein Elternteil psychisch erkrankt ist, und beleuchtet die spezifische Rolle sowie die Aufgaben des Sozialdienstes in diesem Kontext.
- Strukturelle Konflikte in der systemübergreifenden Zusammenarbeit
- Das Spannungsfeld zwischen Kindeswohl und dem Wohl der erkrankten Eltern
- Die gesetzlichen und operativen Herausforderungen zwischen Hilfe und Kontrolle
- Möglichkeiten der interdisziplinären Vernetzung und Kommunikation
- Aufgaben des Sozialdienstes bei der frühzeitigen Hilfebedarfserkennung
Auszug aus dem Buch
2.1 Zwischen Kindeswohl und „Elternwohl“
Mit der Erwachsenenpsychiatrie und der Jugendhilfe treffen zwei Systeme mit unterschiedlichen Aufträgen sowie unterschiedlichen Zielgruppen aufeinander. Im Mittelpunkt der Jugendhilfe stehen die Bedürfnisse und Interessen der Kinder. Ihre Aufgabe ist es, das Wohl der Kinder und Jugendlichen zu schützen. Der Fokus der Psychiatrie hingegen liegt auf ihren Patientinnen und Patienten und auf der Behandlung und Genesung dieser. Die professionellen Helfer_innen stehen sich gegenüber, wenn es um das Wohl des Kindes bzw. der Patientinnen und Patienten geht (vgl. Wagenblass/Schone 2001, S. 582). Wagenblass und Schone (2001, S. 584) machen dieses Spannungsfeld mit einem Satz deutlich, den ein Psychiater zu einer Sozialarbeiterin sagte: „Nehmen Sie der Frau um Gottes Willen nicht das Kind weg. Es ist der letzte Halt, den sie noch hat.“ (ebd.) Das Spannungsfeld entsteht somit dort, wo sich das Kindeswohl und das „Elternwohl“ derart gegenüberstehen, sodass einem von beiden ein Schaden droht. An dieser Stelle ist es wichtig, dass sich beide Systeme gegenseitiges Verständnis entgegenbringen und gemeinsam nach Lösungswegen suchen, ohne die Interessen des jeweils anderen zu verletzen (vgl. ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Kooperation zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie: Das Kapitel führt in die Problematik der mangelnden Kooperation ein und verdeutlicht, dass eine enge Zusammenarbeit für die Stabilisierung von Familien mit psychisch erkrankten Elternteilen unerlässlich ist.
2 Strukturelle Konflikte in der Zusammenarbeit: Dieses Kapitel analysiert die systemischen Spannungsfelder zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie, insbesondere hinsichtlich des Kindeswohls gegenüber dem Elternwohl sowie der Diskrepanz zwischen unterstützenden Hilfsangeboten und hoheitlichen Kontrollbefugnissen.
3 Möglichkeiten einer Zusammenarbeit und die Aufgaben des Sozialdienstes: Das letzte Kapitel zeigt auf, wie durch Kommunikation, Fallarbeit und eine klare Aufgabenverteilung eine erfolgreiche Vernetzung gelingen kann und welche Rolle der Sozialdienst dabei einnimmt.
Schlüsselwörter
Jugendhilfe, Erwachsenenpsychiatrie, Kindeswohl, Sozialdienst, Kooperation, Familiensystem, psychische Erkrankung, Hilfe und Kontrolle, Vernetzung, Krisenintervention, Elternwohl, Interdisziplinarität, Prävention, Fallarbeit, Unterstützungsangebote
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die Zusammenarbeit zwischen der Jugendhilfe und der Erwachsenenpsychiatrie bei Familien, in denen ein Elternteil psychisch erkrankt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die strukturellen Konflikte bei der Kooperation der beiden Systeme, die Rollenfindung der Fachkräfte und die Herausforderung, das Kindeswohl trotz elterlicher psychischer Erkrankungen zu sichern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Aufgaben für den Sozialdienst in der Psychiatrie zu definieren, die eine gelingende Kooperation mit der Jugendhilfe fördern, um Familien frühzeitig zu entlasten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung auf Basis von Fachliteratur und theoretischen Diskursen zu den Schnittstellen von Psychiatrie und Jugendhilfe.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse struktureller Konflikte (z.B. Spannungsfeld zwischen Kindes- und Elternwohl) und die Erarbeitung von Möglichkeiten der Zusammenarbeit sowie konkreten Aufgabenfeldern für den Sozialdienst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Jugendhilfe, Erwachsenenpsychiatrie, Kindeswohl, Kooperation und interdisziplinäre Vernetzung beschreiben.
Warum wird das Jugendamt seitens der Psychiatrie oft erst spät eingeschaltet?
Dies geschieht häufig aufgrund von Vorurteilen und der Sorge, dass eine frühzeitige Einbindung des Jugendamtes die Behandlung des erkrankten Elternteils negativ beeinflussen oder eine Inobhutnahme provozieren könnte.
Welche Rolle spielt der Krisenplan für die Kooperation?
Der Krisenplan dient als Dokumentations- und Vorbereitungsinstrument, um für Akutphasen der psychischen Erkrankung klare Vereinbarungen über die Versorgung der Kinder zu treffen und so die Resilienz der Familie zu fördern.
- Quote paper
- Jessica Voet (Author), 2018, Kooperation zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446759