Ausbruch durch Anpassung, Anpassung durch Ausbruch. Céline Sciammas "Bande de Filles" und die weibliche Individualität in der Banlieue


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

14 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Marieme: Eine Andere unter den Anderen?

2. Fünf Stadien: Der Versuch zu erstrahlen
2.1 Gewohnte Unterdrückung in einer gewohnten Welt
2.2 Ein Diamant wird geschliffen
2.3 Ein Diamant erstrahlt
2.4 Ein Diamant zerbricht
2.5 Gewohnte Unterdrückung in einer ungewohnten Welt

3. Die Reise geht weiter - irgendwie

4. Literaturverzeichnis

1. Marieme: Eine Andere unter den Anderen?

Ein Ball fliegt durch die Luft, athletische Körper prallen aufeinander. Beim American Football geht es um Einschüchterung und das Zeigen von Stärke zur Eroberung neuer Territorien. Meter für Meter taktiert und kämpft sich der Spieler dabei in Richtung Endzone, um den großen Coup zu landen: den Touchdown. Der Spieler ist dabei ein „Er“, so zumindest ist man es aus dem Fernsehen gewohnt.

Céline Sciammas FilmBande de Fillesbeginnt mit einem solchen Football-Spiel. Dieses Mal sind es aber keine Männer, die sich in ruppigen Menschentrauben erbitterte Duelle liefern. Unter Helmen verborgen und mit Schulterpads zur Geschlechtsneutralität stilisiert, kämpfen junge Frauen aus dem fiktiven Pariser Banlieue Clos-Français um das Erreichen der Endzone. Unfair wird es dabei nie. Es ist ein Sport und auch wenn man auf dem Feld seinem Gegner keinen Meter zugesteht, so bleibt man am Ende doch eine große Gemeinschaft und feiert zusammen. Der Sieger ist dabei egal. Wichtig ist nur, dass man sich im Frauenverbund für ein paar Stunden der ansonsten männlich dominierten Sozialordnung in der Banlieue entziehen und unter sich bleiben kann.

Bei der Rückkehr ins Viertel sieht dann wieder alles anders aus. Kaum findet sich die Gruppe Mädchen zwischen den Häuserblocks wieder, erstirbt das fröhliche Geschnatter und die Stimmung ist dahin. Hier regieren die Männer des Viertels und wachen wie gesichtslose Schatten über das Treiben auf den Straßen. Als sich die Mädchen nach und nach verabschiedet und als Gruppe aufgelöst haben, begleiten wir die fünfzehnjährige Marieme auf ihrem restlichen Weg Hause. Sie ist die Heldin dieser Geschichte und ihr Kampf gegen männliche Dominanz und Zurechtweisung wird in den nächsten zwei Stunden immer wieder als zentrales Thema des Films präsentiert werden.

In der Einleitung ihres StandardwerksDas andere Geschlecht: Sitte und Sexus der Fraubeschreibt die französische Philosophin Simone de Beauvoir ein Phänomen, das die Frau im sozialen Kontext gegenüber dem Mann als das Andere definiert. Sie benennt Weiblichkeit im Verhältnis zur Männlichkeit als „das Unwesentliche gegenüber dem Wesentlichen.“[1]Ob diese Zuordnung auf Marieme und ihre Freundinnen zutrifft, soll im Folgenden untersucht werden. Wie sehr determiniert die männliche Dominanz im Viertel das Verhalten seiner Bewohnerinnen? Gibt es ein Entkommen? Wenn ja, wie?

Man könnte dabei leicht zu dem Schluss kommen, dass es sich bei Marieme um eine Frau handelt, deren Emanzipation innerhalb der Banlieue erfolgreich verläuft. Wie wir aber in den folgenden Abschnitten bei genauerem Hinsehen feststellen werden, ist genau das Gegenteil der Fall, denn die Ausbrüche der Hauptfigur aus gegebenen Umständen erfolgen stets durch die Anpassung an neue, die wiederum ebenfalls männlich bestimmt sind. Je mehr Marieme somit nach einer eigenen Identität strebt, desto stärker sind ihre Verhaltensweisen bereits von der männlich dominierten Umgebung vorgegeben.

2. Fünf Stadien: Der Versuch zu erstrahlen

Marieme durchläuft im Fortgang der Handlung fünf Entwicklungsstadien. Sciamma trennt diese Kapitel voneinander, indem sie auf das Stilmittel der Abblende auf schwarzen Hintergrund zurückgreift. Durch das Verweilen auf diesem Hintergrund und den Einsatz von Musik erzeugt der Film einen beinahe episodenhaften Eindruck, behält aber gleichzeitig den roten Faden der Identitätssuche seiner Hauptfigur bei. Ebenso ist jedes Stadium von einer bestimmten Kostümwahl geprägt, was die Regisseurin selbst als den Versuch beschreibt, den Einfluss der Kleidung auf das Machtgefüge innerhalb der Banlieue zu untersuchen.[2]Für Sciamma handelt es sich beiBande de Fillesum eine Abhandlung, die sich mit der Konstruktion von Weiblichkeit auseinandersetzt.[3]Die folgenden fünf Untersuchungsabschnitte konzentrieren sich in chronologischer Reihenfolge auf die jeweiligen Phasen dieser Konstruktion. Was dabei immer wieder auffallen wird, ist das ständige Wechselspiel zwischen den äußeren Einflüssen auf Mariemes Verhalten und ihre eigenen Entscheidungen als Reaktion auf diese.

2.1 Gewohnte Unterdrückung in einer gewohnten Welt

Wie bereits eingangs erwähnt, ist die Banlieue für Frauen ein Ort der Zweitrangigkeit. Hier haben die Männer das Sagen und wer sich nicht unterordnet muss mit Konsequenzen rechnen. Das Football-Spiel und der darauffolgende Weg nach Hause illustrieren diese patriarchalischen Umstände. Auf dem Spielfeld und der ersten Hälfte des Heimwegs zeigen sich die Mädchen fröhlich und ausgelassen. Gelangen sie jedoch in Hörweite der Männer im Wohnblock, schwindet die Unbekümmertheit und das Gerede verstummt. Frauen haben hier keine Stimme und auch wenn die Männer vorerst nur schattenhaft dargestellt sind, so strahlen sie doch eine omnipräsente Bedrohung aus. Hannah Pilarczyk beschreibt diesen Kontrast in ihrer Rezension zum Film so: „Die Mädchen erscheinen vogelfrei – wären da nicht die Männer.“[4]

Ebenso betont die Eröffnungssequenz Sciammas dichten Bezug zur Realität, denn auch in Wirklichkeit annektieren Männer in vielen Vorstädten Frankreichs inzwischen die öffentlichen Plätze.[5]Begründet wird dies häufig mit der Tradition und Kultur der Ursprungsländer der Menschen mit Migrationshintergrund.[6]Der Film lässt solch kulturellen Elemente gänzlich außer Acht und präsentiert die Lebensumstände der Mädchen als ein einziges Erlebnis, das von allen geteilt wird und somit verbindet. Es ist ein Film über Freundschaft und Schwesternschaft, nicht einzelne Gangs und individuelle Umstände.[7]

In diesem Rahmen scheint Marieme zu Beginn des Films ihren Platz gefunden zu haben. Gegenüber ihren Schwestern tritt sie als Mutterfigur auf und behauptet sich in der weiblichen Hierarchie des Haushalts meist an der Spitze. Die Mutter der Geschwister wirkt im Film nur wie eine Randerscheinung und spielt keine echte Rolle. Simone de Beauvoir beschreibt dieses Verhalten Mariemes im Einklang mit den Rahmenbedingungen als „Sekundärreaktion auf eine Situation.“[8]

Diese Situation wird vor allem durch die patriarchalische Rolle ihres Bruders Djibril hervorgerufen. Ist er zu Hause wird im Mädchenzimmer nur geflüstert und jede Begegnung vermieden. Gerade deshalb widerspricht Mariemes Verhalten gleich zu Beginn des Films dem fortlaufenden Bestehen eines von de Beauvoirs Prinzipien, nach dem sich die Geschichte der Frauen dadurch auszeichnet, dass sie immer nur das erreicht haben, „was die Männer ihnen zugestehen wollten. Sie haben nichts genommen: sie haben angenommen.“[9]Als Marieme sich also weigert, Djibrils Zimmer zu verlassen und weiter an dessen Konsole spielen will, widersetzt sie sich, diese Entwicklung der Vergangenheit als ein Prinzip der Gegenwart anzuerkennen. Zwar beugt sie sich letztendlich seinen Schlägen, zeigt aber auch gleichzeitig, dass sie den Geist der Auflehnung bereits in sich trägt.

Mariemes Wunsch nach Veränderung wird aber erst gänzlich erweckt, als sie auf Lady, Adiatou und Fily trifft, deren teils divenhaftes, teils derbes Auftreten eine Illusion der Selbstbestimmung erzeugt. Obwohl sie nämlich auf der einen Seite gewisse weibliche Reize betonen, indem sie Wert auf Kleidung und Haare legen, erarbeiten sie sich gleichzeitig nur Respekt unter den Jungen des Viertels, indem sie männliche Verhaltensweisen übernehmen. Statt Küsschen gibt es Handschläge zur Begrüßung, die Sprache ist rabiat und man schreckt auch nicht vor körperlichen Auseinandersetzungen mit anderen Frauen zurück. Sie adaptieren das Gebaren der Männergangs, um sich so zumindest gewisse Formen der Selbstbestimmung und des Respekts zu erarbeiten.

Der wirklich interessante Aspekt an Mariemes ersten Erfahrungen mit der Gruppe ist jedoch, dass erst entscheidet, mit den dreien nach Paris zu fahren, als sie erkennt, dass sie so leichter mit ihrem Schwarm Ismael in Kontakt treten kann. Am Ende sind es daher wieder die Männer des Viertels, die den Frauen ihr Wertesystem aufdrücken und entscheiden, wer Respekt verdient und wer nicht. Ohne sich dessen gewahr zu sein, beugt sich Marieme diesem System und addiert das Patriarchat der Straße zu dem ihres Zuhauses.

2.2 Ein Diamant wird geschliffen

Als der Bildschirm nach diesem ersten Abschnitt der gewohnten Welt wieder aufblendet, ist nichts wie zuvor. Glattes wallendes Haar, Lederjacke, Make-Up – Marieme ist kein Mädchen mehr. Mit der Ergreifung des Messers hat sie ihrer unschuldigen Zeit einen Schlusspunkt gesetzt. Das neue Vorbild heißt Lady. Anstatt zur Schule zu gehen, raubt Marieme nun die Mädchen aus, zu denen sie früher gehört hat. Es ist die erste Stufe auf ihrem langen Weg in ein unabhängiges Leben, das sie vielleicht nie erreichen wird. Denn auch in dieser Welt sind die Regeln von Männern gemacht und selbst die Diven stoßen in der Banlieue auf geschlechterspezifische Grenzen.

[...]


[1] De Beauvoir, Simone:Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Hamburg: Rowohlt 1951. S. 12.

[2] Vgl.Director Céline Sciamma Exclusive Interview – Girlhood. Produzent: HeyUGuys. Großbritannien 2015. https://www.youtube.com/watch?v=1_hcQy3-G8Y (30.03.2018). 02:45.

[3] Vgl.Girlhood (Bande de Filles) – interview with Céline Sciamma. Produzent: Premiere Scene. Kanada 2015. https://www.youtube.com/watch?v=WS8d23t2DZc (29.03.2018). 05:45.

[4] Pilarczyk, Hannah: Film über Mädchengang. Vogelfrei in der Vorstadt. Spiegel Online. Deutschland 2015.http://www.spiegel.de/kultur/kino/bande-de-filles-girlhood-film-ueber-maedchen-in-banlieue-a-1019714.html(28.03.2018).

[5] Vgl.Focus: Women made to keep a low profile in some French suburbs.Produzent: France 24. Frankreich 2016. https://www.youtube.com/watch?v=6gZFGpNdH1A (31.03.2018). 00:35.

[6] Vgl. ebd, 02:00.

[7] Vgl.Girlhood (Bande de Filles) – interview with Céline Sciamma. Produzent: Premiere Scene. Kanada 2015. https://www.youtube.com/watch?v=WS8d23t2DZc (29.03.2018). 00:50.

[8] De Beauvoir, Simone:Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau.Hamburg: Rowohlt 1951. S. 9.

[9] De Beauvoir, Simone: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Hamburg: Rowohlt 1951. S. 15.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ausbruch durch Anpassung, Anpassung durch Ausbruch. Céline Sciammas "Bande de Filles" und die weibliche Individualität in der Banlieue
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1.7
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V446800
ISBN (eBook)
9783668827240
ISBN (Buch)
9783668827257
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ausbruch, anpassung, céline, sciammas, bande, filles, individualität, banlieue
Arbeit zitieren
Yannick Brauner (Autor:in), 2017, Ausbruch durch Anpassung, Anpassung durch Ausbruch. Céline Sciammas "Bande de Filles" und die weibliche Individualität in der Banlieue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446800

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