Frau Holle und die Frage nach der Göttlichkeit. Jacob Grimms (Re)Konstruktion in seiner Deutschen Mythologie


Hausarbeit, 2015
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Frau Holle in Jacob Grimms Deutsche Mythologie
2.1 Holda – etymologische Analyse
2.2 Wesenszüge

3. Percht, eine verwandte Gestalt von Frau Holle
3.1 Frau Percht
3.2 Die Identifikation der Percht mit Holda

4. Belege und Zeugnisse der Frau Holle
4.1. Frau-Holda-Belege vor
4.2 Die Aufzeichnungen von Burkhard von Worms

5. Das wütende Heer – Beispiele aus der Antike und der Neuzeit dem deutschsprachig-nordischen Raum

6. Die Frage nach der Göttlichkeit von Frau Holle

7. Schlusswort

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Idee für diese Hausarbeit kam mir in dem Seminar Deutsche Sagen der Brüder Grimm. In deren Sagensammlungen findet sich als siebte Sage Frau Holle und der treue Eckart, in der Frau Holle mit einem Heer durch Schwarza in Thüringen reitet. Da mir Frau Holle bisher einzig als Märchengestalt bekannt ist, stellt sich mir die Frage nach der Stellung Frau Holles in der Mythologie der Deutschen. Als Anführerin eines Heeres vermute ich eine götterspezifische Zuordnung in der Sagenwelt unter mythologischem Aspekt. Laut Erika Timm findet sich schon im Märchen ein Hinweis auf universelle Beständigkeit ihrer Herkunft. Der Fall in den Brunnen zieht in erster Linie das Ertrinken mit sich und somit das Ende des Lebens. Allerdings gelangt man durch den Fall in das Unterweltreich der Frau Holle. Die drei dort zu erledigenden Aufgaben repräsentieren Fruchtbarkeit. Somit ist alle Fruchtbarkeit im Unterweltreich vereint, das den Quell allen Lebens darstellt. Da es aber durch das Aufschütteln der Betten auf der Erde schneit, ist die Welt der Frau Holle gleichzeitig das Himmelreich, wovon man allerdings zurück in unsere irdische Welt gelangt. „Zusammen ist also das Reich, in dem Frau Holle und nur sie gebietet, belohnt und straft, das Universum“.1

Jacob Grimms Deutsche Mythologie wird Grundlage meiner Hausarbeit sein, in dem ich seine (Re)Konstruktion Frau Holles als germanische Göttin untersuche. Als Vergleichsliteratur befasse ich mich mit den Ausarbeitungen von Erika Timm in ihrem Buch Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten. Zuzüglich werde ich Beate Kellners Grimms Mythen - Studien zum Mythosbegriff und seiner Anwendung in Jacob Grimms Deutscher Mythologie hinzuführen, um das Göttliche an der Sagengestalt Frau Holle kritisch zu betrachten.

Beginnen werde ich mit der etymologischen Analyse um darauffolgend die Wesenszüge zu nennen. Dabei muss gesagt sein, dass ich mich durch die regionalen Namensabwandlungen in Deutschland, auf den Namen Holda beschränken werde. Weiterhin gehe ich auf die Parallelgestalt Percht ein, die sich in vielerlei Hinsicht der Holda ähnelt. Um den geschichtlichen Hintergrund abzudecken, werde ich Erika Timms Ausarbeitungen zu frühen Holda-Belegen aufzeigen. Die Frage nach der Göttlichkeit werde ich im letzen Kapitel noch einmal genauer betrachten. Die lateinischen Übersetzungen habe ich selbst, mit Hilfe der Internetseite www.frag-caesar.de, erarbeitet.

2. Frau Holle in Jacob Grimms Deutsche Mythologie

2.1 Holda – etymologische Analyse

Dem Namen Holda schreibt Jacob Grimm eine ‚reindeutsche‘ Bedeutung zu und beschreibt sie als eine milde, freundliche und gnädig gesinnte Göttin der deutschen Volkssagen. Im Heidentum wurde die Göttin Huldâ verehrt und lässt so einen Rückschluss zu dem negativen Pendant unholdâ zu, das als bösgesinnt und feindselig beschrieben werden kann.2 „Ulfilas verwendet für den entgegengesetzten begriff feindseliger, teuflischer wesen sowohl das fem. unhulþô als auch das masc. un hulþa.“ 3

Holda, als Frau von Hold, wird im gotischen als Hulþs und im altnordischen als Hollr bezeichnet. Für das gotische Volk traten Dämonen vorwiegend als weibliche Wesen auf. In der hymn. 24,3 findet sich für diabolus das ahd. fem. Unholdâ. Das mittelhochdeutsche Wort Holde, als schwaches feminin, war nach Jacob Grimm hauptsächlich bekannt und gebräuchlich für geisterhafte Wesen. Das mittelhochdeutsche unholde (fem.) und neuhochdeutsche unhold (masc.) begegnet uns im Sinne eines finsteren, bösartigen, aber dennoch gewaltigen Wesens.4

Auch in nordischen Überlieferungen tauchen Abwandlungen der deutschen Holda auf. Obwohl in der eddischen Götterlehre keine Holda bekannt ist, findet sich dennoch in Snorris Ynglingasaga (um 1230 n. Chr.; Yngl. Saga c. 16. 17) eine Zauberin mit Namen Huldr. Ebenso ist in einer späteren, aus dem 14. Jh. geschriebenen isl. Sage, von dem Zauberweib Hulda, Odins Geliebte, die Rede.

Weiterhin zu betrachten sind dänische und norwegische Volkssagen, die „von einer Berg- oder Waldfrau Hulla, Huldra, Huldre“ berichten.5

2.2 Wesenszüge

Laut Volkssagen tritt Frau Holda (Holle) als ein höheres Wesen auf, das freundlich und hilfsbereit ist. Sie wird nur dann zornig, wenn Unordnung im Haushalt herrscht. Diese Volkssagen lassen sich geografisch in die hessischen und thüringischen Gebiete einordnen. Aber auch in anderen Gebieten Deutschlands wird Frau Holle als ein himmlisches, die Erde umspannendes Wesen beschrieben, das es durch das Bettenaufschütteln auf der Erde schneien lässt.6 Sie fährt mit ihrem wilden Heer auf einem Wagen im jährlichen Umzug zu den Zwölften und bringt dem Land Fruchtbarkeit. Die Gestalt der Holda war entgegen des Göttlichen hässlich, langnasig und großzähnig. Sie trat als alte Frau und nicht als schöne junge Göttin auf. Je nach Erzählungen tritt Holda entweder als freundlich holdes, oder als ein finsteres, schreckhaftes Wesen auf.7

Weiterhin wird Frau Holle als spinnende Frau dargestellt, die auch dem Flachsbau sorgsam ist. Fleißigen, jungen Mädchen schenkt sie vollgesponnene Spindeln, wobei den faulen Spinnerinnen der Rocken (Teil des Spinnrades) angezündet oder besudelt wird. Diese Züge, also die (Ober)Aufsicht über den Feldbau und die Strenge über die Ordnung im Haushalt, lassen sich in die Stellung einer mütterlichen Gottheit einfügen.8

Holda wird ebenfalls als Göttin der Jagd und des Brunnens angesehen, die auch das Spinnen und den Ackerbau beaufsichtigt.9

In der nordischen Mythologie wird sie einerseits als jung und schön, bald darauf als alt und finster dargestellt und nimmt sich der ungetauften Kinder an. In Erscheinung tritt sie oftmals als „[…] herrin oder königin der berggeister, welche huldrefolk genannt werden […]. […] auch auf Island weiss man von diesem Huldufôlk […], und hier zeigt sich von neuem die Berührung mit dem deutschen Volksglauben, der neben der frau Holde zugleich holden, d.h. freundliche geister, ein stilles unterirdischen volk annimmt, dessen fürstin gleichsam frau Holde ist.“10

3. Percht, eine verwandte Gestalt von Frau Holle

3.1 Frau Percht

Für J. Grimm sind die Göttinnen des germanischen Heidentums „[…] hauptsächlich gedacht als umziehende, einkehrende göttermütter, von denen das menschliche geschlecht die geschäfte und künste des haushalts wie des ackerbaus erlernt: spinnen, weben, hüten den herd, säen und ernten. Diese arbeiten führen ruhe und frieden im lande mit sich, und das andenken daran haftet in lieblichen überlieferungen noch fester als an kriegen und schlachten, deren die meisten göttinnen gleich den frauen sich entschlagen.“11 Er sieht sie als friedliebende Göttermütter. Sie ziehen umher, kehren bei den Menschen ein, lehren sie häusliche Tätigkeiten und überwachen diese.

Als eine dieser Göttinnen sieht J. Grimm die Figur der Percht(a). An ihr könnte man erkennen, dass die germanischen Gottheiten bis in die Zeit der eigenen Gegenwart weiterexistieren. Auch nimmt er an, dass die heidnischen Götter und Göttinnen durch das Christentum herabgewürdigt bzw. dämonisiert worden sind. Als Verbreitungsgebiet der Perchten wähnt er Oberdeutschland und einen Teil von Franken und Thüringen.12

Das zeitliche Auftreten dieser germanischen Göttin und der Brauchfiguren der Neuzeit sieht er kontinuierlich. Dies geschieht in den sogenannten „Zwölften“. Das sind die Nächte zwischen Weihnachten und Neujahr (gemeint ist das Epiphaniasfest, also der 6. Januar). Für das Auftreten der Percht(a) ist besonders der letzte Tag bestimmt.13 Durch das Christentum wird ihr Bild verzerrt, und sie so als „ein fürchterliches, kinderschreckendes scheusal“ dargestellt. Dies wird deutlich, wenn ihr Aussehen und ihr Handlungsbereich beschrieben werden. So wird sie in den Quellen als wilde, eiserne Frau geschildert, die eine lange, eiserne Nase hat.14

Zwei Hauptfunktionen werden der Percht(a) zugesprochen. Zum einen die Kontrolle der Spinnarbeiten, zum anderen die Kontrolle der Speisen.15 „Berchta führt, wie Holda, aufsicht über die spinnerinnen, was sie am letzten tag des jahres unabgesponnen findet, verdirbt sie. Ihr fest muß durch eine althergebrachte speise begangen werden, brei und fische.“16

Nach der Tradition der Sagen sei sie auch die Anführerin weinender und klagender Kinder. Noch bevor diese Kinder getauft werden konnten, starben sie. So seien sie als Heiden der heidnischen Percht(a) verfallen. Percht(a) würde als heidnische Göttin das „wütende Heer“ anführen.

[...]


1 Kellner, Beate: Grimms Mythen. Studien zum Mythosbegriff und seiner Anwendung in Jacob Grimms Deutscher Mythologie. Frankfurt am Main, New York: P. Lang ©1994 (=Mikrokosmos Bd. 41), S. 3.

2 Grimm, Jacob: Deutsche Mythologie. Vollst. Ausg., neu gesetzte, korrigierte und überarb. Ausg. Wiesbaden: Marixverl. 2007, S. 728.

3 Ebd., S. 223.

4 Ebd.

5 Ebd., S. 227.

6 Ebd., S. 224.

7 Ebd., S. 225.

8 Ebd., S. 226.

9 Ebd., S. 226–227.

10 Ebd., S. 227.

11 Kellner, Beate: Grimms Mythen. Studien zum Mythosbegriff und seiner Anwendung in Jacob Grimms Deutscher Mythologie. Frankfurt am Main, New York: P. Lang ©1994 (=Mikrokosmos Bd. 41), S. 319.

12 Ebd.

13 Ebd., S. 319–320.

14 Ebd., S. 320.

15 Ebd., S. 321.

16 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Frau Holle und die Frage nach der Göttlichkeit. Jacob Grimms (Re)Konstruktion in seiner Deutschen Mythologie
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V446809
ISBN (eBook)
9783668835276
ISBN (Buch)
9783668835283
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frau, holle, frage, göttlichkeit, jacob, grimms, kostruktion, deutschen, mythologie
Arbeit zitieren
Jelka Petermann (Autor), 2015, Frau Holle und die Frage nach der Göttlichkeit. Jacob Grimms (Re)Konstruktion in seiner Deutschen Mythologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446809

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