Pornografische Lyrik im 20. Jahrhundert in Bertolt Brechts Liebesgedicht "Über die Verführung von Engeln"


Hausarbeit, 2014

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Pornografische Lyrik
2.1 Begriffsdefinition „Pornografie“
2.2 Pornografische Literarisierung
2.3 Ästhetische und moralische Grenzen in der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts

3 „Über die Verführung von Engeln“
3.1 Gedichtanalyse
3.1.1 Inhaltliche Analyse
3.1.2 Formanalyse
3.2 Gesamtinterpretation

4 Kontextualisierung

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis.

1 Einleitung

Hört man den Namen Bertolt Brecht, so denkt man an „Die Dreigroschenoper“ oder an die „Geschichten von Herrn K.“. Diese Werke sind mitunter die bekanntesten seiner Zeit und werden oft als Lehrmaterial verwendet. Auch seine Liebesgedichte haben Bekanntheitsgrad. Das Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“, welches er seiner Jugendliebe Rosa Maria Amann widmete, ist metaphorisch romantisch. Es handelt von der Vergänglichkeit der Liebe, verglichen mit einer weißen Wolke am Himmel.

Doch Brechts Liebeslyrik findet sich nicht nur auf der romantischen Ebene wieder. Ein Sonett, 1948 veröffentlicht, hat besonders meine Aufmerksamkeit erregt. Das Sonett „Über die Verführung von Engeln“ ist anzüglich, direkt und frei von jedwedem Schamgefühl verfasst. Doch kann dieses Sonett als pornografisch gewertet werden? Die Frage nach dem erotischen Aspekt kann man in Anbetracht der Wortwahl, ausschließen. Daraus resultierend liegt der Schwerpunkt auf der korrekten Definition der Pornografie in dem literarischen Text.

Ziel dieser Arbeit ist es, das oben genannte Sonett zu analysieren. Um den Kontext zur pornografischen Lyrik herzustellen, beginne ich mit einer Beschreibung des Begriffs Pornografie, entnommen aus dem Metzler Lexikon Literatur von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender und Burkhard Moenninghoff. Weiterhin möchte ich die Pornografie in der Literatur ansprechen. Dazu beziehe ich mich auf das Buch Erotik in der europäischen Literatur von Herbert van Uffelen. Die moralischen Grenzen der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts erläutere ich mit Hilfe des Buches Grenzformen der Sinnlichkeit im 20. Jahrhundert von Peter Gorsen. Weiterführen werde ich meine Ausarbeitung mit der Gedichtanalyse, in der ich die Texte auf Merkmale der formalen Gestaltung, der sprachlichen Mittel, die Erzählperspektive und die gedankliche Struktur, mit Hilfe von Sekundärliteratur zu Analysetechniken, untersuchen werde. Die Methode, die Analyse in Unterpunkte zu gliedern, habe ich aus dem Buch Arbeitsbuch Lyrik von Felsner, Kristin; Helbig, Holger und Manz, Therese übernommen. Daraufhin folgt die Gedichtinterpretation. Im Anschluss versuche ich den Kontext im Bezug auf Thomas Mann und dessen Beziehung zu Brecht aufzustellen.

2 Pornografische Lyrik

2.1 Begriffsdefinition Pornografie

Der Begriff Pornografie lässt sich vom griechischen pornográphos = einer, der die Huren beschreibt, ableiten. Meist in der visuellen Darstellungsform wie Film oder Bildern wiederzufinden, ist die Pornografie ebenso in der Literatur vertreten. In der deutschen Sprache wird die Pornografie als schmutzig und schamlos bezeichnet, was sich durch die Gewichtung der sexuellen Handlungsweisen in den Darstellungsformen auszeichnet. Die Darstellung des sexuellen Aktes erfolgt in der Pornografie unter Ausschluss psychischer und partnerschaftlicher Verbindungen, was den Fokus auf das rein Sexuelle legt. {vgl. Burdorf 2007, S.600}

2.2 Pornografische Literarisierung

Die literarische Trennung zwischen erotischen und pornografischen Texten lässt sich nicht einfach werten. In der Erotik sind sämtliche Handlungen und Erzählungen über die Liebe, das Verlangen, aber auch den Sex einzuordnen. Um die Pornografie darin abzugrenzen, ist die Sichtweise jeden Lesers unterschiedlich zu betrachten. Die Denunzierung der pornographischen Literatur findet Unterschiede darin, in welcher Epoche, Region oder Gesellschaft die Texte entstehen und gewertet werden.

{vgl. Burdorf 2007, S.600}

Die Geschlechterrolle ist meist einseitig verteilt. Der Mann als dominierende Instanz beherrscht das devote Frauenbild und zeigt somit seine Überlegenheit.

Die Pornografie ist meist verbunden mit Gewalt und Demütigung, in deren Zentrum die Frau als Ziel der negativen Emotion steht. Pornographische Texte sind phallisch und streng hierarchisch codiert.“ {van Uffelen 2007, S.15}

Die Verfasser beschränken sich hauptsächlich auf die Beanspruchung produktiver, wie auch rezeptiver Reize. Das heißt einerseits, die Verfasser wollen bewusst mit ihren Texten Erregungszustände hervorrufen, in dem sie den Anteil der sexuellen Beschreibungen priorisieren.

Andererseits ist es dem Leser frei, pornografische Texte als solche zu interpretieren und sich dadurch in einen Erregungszustand zu versetzen. Gedichte, Romane oder Dramen, die man als rein pornografisch werten kann, sind spätestens in der alexandrinischen Kinädenpoesie wiederzufinden. {vgl. Burdorf 2007, S.600}

Allerdings war die Kinädenpoesie eine erotische, sexuelle, parodistisch-satiristische Ableitung der alexandrinischen Dichtung, welche den Charakter der romantischen Verskunst aufrechterhält. {vgl. Burdorf 2007, S.379}

2.3 Ästhetische und moralische Grenzen in der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts

1697 veröffentlichte Pierre Bayle sein Dictionnaire historique et critique, welches mitunter als erste Enzyklopädie in Frankreich galt. Anerkennung erntete er dennoch wenig, da seine obszöne und pornografische Verdeutlichung in Schriftform zu Vorwürfen der Verletzung des Schamgefühls des Lesers beitrüge. Johann Christoph Gottsched übersetzte es Mitte des 18. Jahrhunderts als erster in die deutsche Sprache, jedoch erfolgte dies unter strenger Zensur. Sein Wunsch: „[…], daß das Andenken aller Ueppigkeit vormaliger Zeiten mit einer ewigen Nachtheit bedecket, und die Stellen alter Bücher, wo Zoten stehen, zu lauter Lücken würden“ {Gorsen 1987, S.30}, teilte die Gesellschaft noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Selbst Sexualforscher „[…] formulieren dort, wo sie ihr anstößiges Fallmaterial zitieren, in hermetischem Latein“ {Gorsen 1987, S.31}

Nach Ansicht Bayles war aber genau diese Form von Geheimhaltung und Vorenthaltung des Pornografischen ein Auslöser des Interesses, denn „Die stärksten Obszönitäten sind noch immer die ungefährlichsten; erst ihre Geheimhaltung, Verrätselung oder behutsame Andeutung macht sie, […], für die Phantasie interessant […]“ {Gorsen 1987, S.31}

Diese Meinung teilte auch Iwan Bloch und ging sogar noch einen Schritt weiter, denn für ihn gehörte die Pornografie zur Volksbildung. Die ungebildete Gesellschaft sollte ebenso die Ästhetik der Pornografie schätzen lernen, sodass die 'niedere Pornografie' keinen Zuspruch mehr fände.

Ebenso wie Bloch erlaubten sich auch andere Forscher und Ästhetiker des 20. Jahrhunderts wie Alfred Kind, Eduard Fuchs, bekannt als der 'Sitten Fuchs', Paul Englisch uvm. ein Urteil über die Verharmlosung pornografischer Ästhetik in der Kunst. „Doch keiner der fortschrittlichen Autoren machte sich dafür stark, daß wenigstens dieses so liberalisierte Pornographieverbot auf die ungebildeten Massen, auf die an 'Schundpornographie' gewohnten, ästhetisch unprivilegierten Massen ausgedehnt wird.“ {Gorsen 1987, S.34}

Sie begründen Ihre Meinung unter der Annahme, dass es ihre Aufgabe sei, die Masse der Wehrlosen vor der schlechten Pornografie schützen zu müssen.

{vgl. Gorsen 1987,S.34}

3 Über die Verführung von Engeln

Engel verführt man gar nicht oder schnell. Verzieh ihn einfach in den Hauseingang Steck ihm die Zunge in den Mund und lang Ihm untern Rock, bis er sich naß macht, stell Ihn das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen Dann halt ihn fest und laß ihn zweimal kommen Sonst hat er dir am Ende einen Schock. Ermahn ihn, daß er gut den Hintern schwenkt Heiß ihn dir ruhig an die Hoden fassen Sag ihm, er darf sich furchtlos fallen lassen Dieweil er zwischen Erd und Himmel hängt — Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht.

3.1 Gedichtanalyse

3.1.1 Inhaltliche Analyse

Einteilung in Sinnabschnitte

Strophe 1: Die Verführung des Engels

Strophe 2: Aufforderung an den Engel aktiv mitzuwirken.

Strophe 3: Ermahnung des lyrischen Ichs zur Vorsicht im Umgang mit dem Engel.

Brecht verfasste das Gedicht in der Perspektive des lyrischen Ichs.

Die Verwendung dieser Erzählform ist eine Methode, um den „Kurzschluss zwischen Gedicht und Dichter vorzubeugen“. {Felsner 2012, S.15} Damit soll verhindert werden, dass der Leser keine Verbindung zu gedankliche Strukturen, Gefühlen, aber auch Handlungen zu dem Autor herstellt. {vgl. Felsner 2012, S.15}

Die Verwendung des Imperativs „drückt in seiner hauptsächlichen Verwendungsweise eine Handlungsaufforderung […] aus.“ {Bussmann 2002, S.293} Dieser zieht sich durch das gesamte Sonett und hält dazu an, den Aufforderungen nachzukommen.

Aufschluss über den Ort der Handlung findet man in Vers 2, indem der Engel in den Hauseingang gezogen werden soll. Demnach befindet sich der Handlungsort unmittelbar bei einem Wohnhaus. Ob sich dieses Wohnhaus an einer Straße oder einem Weg befindet, ist nicht herauszulesen.

[...]

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Details

Titel
Pornografische Lyrik im 20. Jahrhundert in Bertolt Brechts Liebesgedicht "Über die Verführung von Engeln"
Hochschule
Universität Kassel
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V446811
ISBN (eBook)
9783668830066
ISBN (Buch)
9783668830073
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pornografische, lyrik, jahrhundert, bertolt, brechts, liebesgedicht, über, verführung, engeln
Arbeit zitieren
Jelka Petermann (Autor), 2014, Pornografische Lyrik im 20. Jahrhundert in Bertolt Brechts Liebesgedicht "Über die Verführung von Engeln", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446811

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