Seit dem 19. Jahrhundert beschäftigen sich Soziologen mit der deutschen Gesellschaftsstruktur und der gesellschaftlichen Differenzierung. Der wohl bekannteste von ihnen ist Karl Marx, der die Gesellschaft in zwei Klassen aufteilte – die Bourgeoisie und das Proletariat. Mit der Zeit sammelten sich viele Theorien und Denkansätze zur deutschen Sozialstruktur. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck stellte die These auf, dass sich im Zuge der Individualisierung Klassen- und Schichtstrukturen auflösen bzw. sich bereits aufgelöst haben. Diese These sorgte für viel Aufsehen sowie Diskussionsmöglichkeiten. Es bildete sich ein Gegenpol von Soziologen. Einer von ihnen war Rainer Geißler, der die Auflösungsthese ablehnte. In dieser Arbeit soll die Frage beantwortet werden, ob sich Schichten in Deutschland aufgelöst haben oder ob sie weiterhin bestehen.
Im Folgendem soll sich lediglich auf den Begriff der Schicht bezogen werden. Nach Geiger ist die Klasse eine historische Sonderausprägung der Schicht. Daher wird der Einheitlichkeit halber nur der Begriff der Schicht verwendet. Außerdem bezieht Beck bei seiner Annahme über die Auflösung von sozialen Großgruppen keine genaue Begrifflichkeit mit ein.
Nach einer kurzen Vorstellung beider Positionen wird durch die Suche nach Plausibilität für beide Positionen sich für die zutreffendere Position entschieden und somit die Frage, ob sich Schichten in Deutschland aufgelöst haben oder nicht, beantwortet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Becks Auflösungstheorie
3. Geißlers Gegenposition
4. Empirische Analyse
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die soziologische Debatte um die Auflösung von Schichtstrukturen in Deutschland, indem sie die theoretischen Positionen von Ulrich Beck und Rainer Geißler gegenüberstellt und anhand empirischer Daten kritisch bewertet.
- Individualisierung und Pluralisierung von Lebenslagen
- Der „Fahrstuhl-Effekt“ nach Ulrich Beck
- Soziale Ungleichheit und schichtspezifische Lebenschancen
- Bildungsexpansion und soziale Mobilität
- Subjektive Schichtidentität und politisches Partizipationsverhalten
Auszug aus dem Buch
Haben sich Schichten in Deutschland aufgelöst?
Becks These lautet: Die Ungleichheitsrelationen der Menschen untereinander bleiben stabil, während sich die Lebensbedingungen aller drastisch geändert haben. Aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Bildungsexpansion in den 50er bis 70er Jahren kam es zu Niveauverschiebungen. Durch diese Niveauverschiebungen werden „subkulturelle Klassenidentitäten zunehmend weggeschmolzen, ‚ständisch‘ eingefärbte Klassenlagen enttraditionalisiert und Prozesse einer Diversifizierung und Individualisierung von Lebenslagen und Lebenswegen ausgelöst“ (Beck 1983: 36; Hervorh. im Original).
Durch die Verbesserung des Einkommens und der Bildungschancen profitierten alle Schichten. Die Niveauverschiebung der materiellen Lebensbedingungen ist besonders den unteren Schichten zugutegekommen, denn durch die Verbesserung der materiellen Lage wurden zum ersten Mal überhaupt einige Konsum- und Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet, während obere Schichten lediglich ihren Besitz vermehrten. Selbiges gilt auch für die Bildung (vgl. Beck 1983: 38-39).
Neben den positiven Entwicklungen im Bildungsbereich und Einkommen begünstigen weitere Prozesse die Individualisierung und Pluralisierung von Lebenslagen und -wegen und die damit einhergehende Auflösung von Schichten. Unter wohlfahrstaatlichen Bedingungen werden nicht nur die materiellen Lebensbedingungen verbessert, es werden auch sozialstaatliche Sicherungssysteme ausgebaut, neue Wege für soziale und geografische Mobilität eröffnet und die Arbeitszeit wird verringert. Außerdem wird der Arbeitsmarkt dynamischer und die Konkurrenzbeziehungen werden ausgeweitet (vgl. Beck 1983: 38-40).
Diese Niveauverschiebungen und Verbesserungen der Lebensbedingung fasst Beck unter dem Begriff „Fahrstuhl-Effekt“ zusammen. Durch diese soziokulturellen Entwicklungen steigt die Gesellschaft insgesamt eine Stufe höher (vgl. Beck 1986: 122). Dadurch kommt es zum Wegschmelzen und Bedeutungsverlust von traditionellen Schichtidentitäten. Zudem bilden sich durch die Enttraditionalisierung aus Schichtstrukturen individuelle Existenzformen mit individuellen Wahlmöglichkeiten aus. Nach Beck sind jetzt alle auch von den gleichen Risiken betroffen (z.B. Risiken vor Arbeitslosigkeit und Naturkatastrophen) (vgl. Beck 1986: 154; vgl. Beck 1995: 188; vgl. Beck 1983: 96).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die historische Entwicklung der deutschen Sozialstruktur und Darstellung der zentralen Debatte zwischen Ulrich Beck und Rainer Geißler.
2. Becks Auflösungstheorie: Detaillierte Erläuterung des „Fahrstuhl-Effekts“ und der Annahme, dass Modernisierungsprozesse traditionelle Klassen- und Schichtidentitäten auflösen.
3. Geißlers Gegenposition: Kritik an der Auflösungsthese mit dem Fokus auf fortbestehende schichtspezifische Lebenschancen, Bildungschancen und politische Teilhabe.
4. Empirische Analyse: Überprüfung der gegensätzlichen Theorien anhand von Daten zu Bildungsaufstieg, Arbeitslosenquoten und subjektiver Schichtzugehörigkeit.
5. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfrage, welche die These einer vollständigen Schichtauflösung ablehnt und auf die Persistenz sozialer Ungleichheit verweist.
Schlüsselwörter
Sozialstruktur, Schichtauflösung, Individualisierung, Fahrstuhl-Effekt, Soziale Ungleichheit, Bildungsexpansion, Lebenschancen, Klassengesellschaft, Lebenslagen, Pluralisierung, Ulrich Beck, Rainer Geißler, Mobilität, Sozialstaat, Schichtidentität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziologische Kontroverse darüber, ob sich klassische Schichtstrukturen in der modernen deutschen Gesellschaft aufgrund von Individualisierungsprozessen aufgelöst haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Bereiche Bildungsexpansion, materielle Lebensbedingungen, Arbeitsmarktchancen, politische Partizipation sowie das subjektive Zugehörigkeitsempfinden zu sozialen Schichten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob die These von Ulrich Beck zur Schichtauflösung plausibel ist oder ob die Gegenposition von Rainer Geißler die Realität der sozialen Ungleichheit zutreffender beschreibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die durch den Abgleich mit empirischen Daten (z. B. ALLBUS, IAB-Berichte) ergänzt und untermauert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Vorstellung der Positionen von Beck und Geißler sowie deren anschließende kritische Überprüfung anhand aktueller empirischer Befunde zu Bildung und Arbeitsmarkt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Individualisierung, Fahrstuhl-Effekt, soziale Ungleichheit, Bildungsexpansion und Schichtstrukturen.
Wie bewertet die Autorin den „Fahrstuhl-Effekt“ von Ulrich Beck?
Die Autorin schließt sich der Kritik von Geißler an und hält den Begriff für irreführend, da der Wohlstandsgewinn nicht gleichmäßig verteilt war und die unteren Schichten von dieser Aufwärtsbewegung kaum profitierten.
Welche Rolle spielt die Bildung in der Argumentation gegen die Schichtauflösung?
Die Bildungsexpansion wird als Erfolg gewertet, doch zeigen Daten, dass die Ungleichheiten bei den Bildungschancen zwischen Unter- und Oberschicht bestehen bleiben oder sich sogar vergrößert haben.
- Arbeit zitieren
- Kristina Hagen (Autor:in), 2018, Haben sich Schichten in Deutschland aufgelöst? Ulrich Beck und Rainer Geißler im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446918