Feste im Wunderland. Festtheoretische Analyse des Nicht-Geburtstags und der Teegesellschaft des Märzhasens in Carrolls "Alice"-Büchern und im "Alice"-Disneyfilm


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ein Problem mit Zeit

2. Festliche Konstruktionen in den Alice -Büchern
2.1. »How old did you say you were?« Humpty Dumptys Nicht-Geburtstagserklärung
2.2. »It’s always teatime« Die Teegesellschaft des Märzhasens

3. »A very merry un-birthday to you!« Die Zusammenführung von Carrolls Nicht-Geburtstag und Teegesellschaft im Disney-Film

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis ii

1. Ein Problem mit Zeit

»If you knew Time as well as I do […] you wouldn’t want to talk about wasting it. It’s him. «[1], erklärt der Hutmacher Alice während der Teegesellschaft des Märzhasens, die vermutlich berühmteste Stelle der Alice [2] -Bücher. Über 60 Verfilmungen entstanden aus dem Alice -Stoff, wobei es sich bei der ältesten um einen Stummfilm aus dem Jahr 1903 handelt, und bei der jüngsten um eine Disney-Verfilmung von James Bobin aus 2016. Keiner dieser Filme wäre eine wirkliche Alice -Adaption, würde die verrückte Teegesellschaft nicht in irgendeiner Form auftauchen – und sei es wie im jüngsten Film, in dem der Hutmacher unglücklicherweise während einer Teegesellschaft den Nerv der Zeit trifft.[3]

Alle Filme basieren auf den Büchern des englischen Mathematikers und Fotografen Charles Lutwidge Dodgson, der unter dem Pseudonym Lewis Carroll die Kindergeschichten um das kleine Mädchen Alice veröffentlichte. Alice’s Adventures in Wonderland wurde erstmals 1865 publiziert und gilt als das bekannteste Kinderbuch der Welt.[4] Auch die Fortsetzung Through The Looking-Glass and What Alice Found There aus dem Jahr 1871 inspiriert Künstler, Schriftsteller und Filmemacher bis heute.[5] Die vermutlich bekannteste Adaption ist der Disney-Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1951. In ihm wird die bekannte Buchstelle der Teegesellschaft aus Alice’s Adventures in Wonderland mit einer Idee aus der Fortsetzung Through The Looking-Glass and What Alice Found There zusammengefügt: mit dem Nicht-Geburtstag. Im heutigen kulturellen Gedächtnis sind die Teegesellschaft des Märzhasens und der Nicht-Geburtstag daher untrennbar miteinander verknüpft und werden von Disney-Fans meiner Generation in Anlehnung an den Film auch tatsächlich gefeiert.

Die Disney Studios haben hier allerdings nicht unreflektiert zwei Gegebenheiten aus Carrolls Werk wie Schablonen übereinandergelegt, um eine dritte aus ihrer Kombination zu erschaffen. Stattdessen wurde eine entscheidende Veränderung in der Zusammenlegung von Nicht-Geburtstag und Teegesellschaft vorgenommen. Denn das exakte Zusammenlegen der Gegeben­heiten so wie sie von Carroll in den Büchern beschrieben werden, würde ein Fest ex negativo konstruieren. Ziel der Hausarbeit ist es aufzuzeigen, inwiefern es zu diesem Fest ex negativo kommen würde und weswegen die Veränderung der Disney Studios daher essentiell für das Gelingen der Zusammenlegung von Nicht-Geburtstag und Teegesellschaft des Märzhasens ist.

Um diese These zu belegen, werden zunächst Nicht-Geburtstag und Teegesellschaft aus den Alice -Büchern festtheoretisch betrachtet. In den Alice -Büchern zeigt sich deutlich Carrolls Faszination für Zeitparadoxien. Seine Wandlungen von Sinn zu Unsinn entstehen häufig durch das Außerkraftsetzen der Zeit-Logik.[6] Eine festtheoretische Untersuchung des Nicht-Geburtstags und der Teegesellschaft des März­hasens zeigt, welche Auswirkungen das Entfallen einer gewissen Zeit-Logik auf die Definition von Festen hat. Doch auch in anderer Hinsicht führt Carroll in diesen Buchstellen Fest­definition und Festkonventionen ad absurdum. Daher werden die historischen Gegeben­heiten von Geburtstagsfeier und Teegesellschaft zu Carrolls Zeiten für die Analyse der Text­stellen hinzugezogen. Das Resultat dieses Vergleichs unter Berücksichtigung festtheoretischer Ansätze sind Konstruktionen, die in spezifischen Punkten von der Definition eines Festes zu Carrolls Zeiten abweichen. Sie werden in der Hausarbeit Festkonstruktionen genannt. Ab­schließend wird die Festkonstruktion der Zusammenlegung von Teegesellschaft und Nicht-Geburtstag im Disneyfilm mit der Festkonstruktion verglichen, die bei einer exakten Über­nahme der Gegebenheiten aus den Büchern eigentlich hätte resultieren müssen.

Dafür werden insbesondere Festtheorien von Michael Maurer und Josef Kopperschmidt hinzugezogen. In seinen Texten versucht Maurer ein systematisches Analysemodell für jedes Festgeschehen zu erstellen, das allgemein anwendbar und nicht an eine fachwissenschaftliche Theorie gebunden ist. Diese Offenheit macht sein Analysemodell für eine vielseitige Be­trachtung von festähnlichen Geschehnissen fruchtbar. Zudem geht er auch auf das strukturierende Verhältnis von Fest und Zeit ein. Kopperschmidts Festtheorie basiert auf der Differenz von Fest zum Nicht-Fest, die insbesondere in der Unterscheidung von Geburtstag und Nicht-Geburtstag zentral ist. Um die Festkonstruktion im Disney Film aufzeigen zu können, werden spieltheoretische Ansätze hinzugezogen, wobei auf die bis heute prägende Unter­suchung von Spiel und Alltag von Johan Huizinga zurückgegriffen wird.

2. Festliche Konstruktionen in den Alice -Büchern

Mit ihren bizarren Sprachspielen und Sinnverdrehungen gelten die Alice -Bücher als Parade­beispiele der Nonsens-Literatur. Sie antworten auf die politischen, sozialen und sprach­lichen Konventionen des viktorianischen Zeitalters und führen diese ad absurdum.[7] Bekanntes wird auf den Kopf gestellt und das Wunderbare entsteht durch die Umkehrung des Exis­tierenden, wobei in allen resultierenden Paradoxa stets gilt: Das Absurde bei Carroll darf nicht keinen Sinn ergeben und ist »[…] gewöhnlich eine Frage […] einer auf die Spitze ge­triebenen Folgerichtigkeit und Logizität«[8]

Seine Zeitgenossen aber empfanden die Alice -Bücher nicht als Sozialkritik, während sie heute in die komödiantische Tradition des ›Viktorianischen Lachens‹ eingebettet werden.[9] Das ›Viktorianische Lachen‹ umschreibt eine Art Humor, die herrschende Konventionen bestätigt und zugleich herausfordert.[10] Es ist eine Form des karnevalesken Lachens nach Michail Bachtin, das sich durch einen Ausschluss bei gleichzeitiger Affirmation auszeichnet. So beschreibt Bachtin am Beispiel der Karnevalszeit, dass zwar eine utopische Umkehrung der herrschenden Ver­hältnisse stattfindet, diese Verhältnisse aber stets unter der Oberfläche erkennbar bleibt und nur temporär ausgeblendet wird.[11] Diese zeitlich beschränke Konstruktion ist eine Bestimmungs­figur, die auch der Festtheorie eigen ist: Das Handeln im Fest unterliegt einerseits einem strikten Ablauf, andererseits werden gerade im festlichen Handeln die Beschränkungen des Alltags überschritten und außer Kraft gesetzt, der Alltag aber nicht aufgelöst. Dies liegt an der zeitlichen Begrenztheit des Fests. Das Fest etabliert eine eigene, liminale Zeit, zugleich ist es aber periodisch in die Routinen des Alltags eingebettet. Feste sind demnach durch ein doppeltes Paradoxon gekennzeichnet.[12]

Wie es sich um dieses doppelte Paradoxon in Carrolls Fest­gegebenheiten verhält, soll im Folgenden geklärt werden. Beginnend mit dem Nicht-Geburtstag wird zunächst das Feiern des Geburtstags damals wie heute betrachtet, um anschließend die Veränderungen heraus­zu­arbeiten, die sich ergeben, wenn statt dem Geburtstag der Nicht-Geburtstag gefeiert wird. Anschließend wird die Teegesellschaft des Märzhasens hinsichtlich ihrer Festkonstruktion und ‑konventionen analysiert. Das Stillstehen der Uhr des Hutmachers wird dabei als zentraler Punkt in der Festkonstruktion herausgearbeitet.

2.1. »How old did you say you were?« Humpty Dumptys Nicht-Geburtstagserklärung

Das Kapitel um das eierförmige Wesen Humpty Dumpty gehört zu den bekanntesten der Alice -Bücher, da es von zahlreichen Sprachwissenschaftlern bezüglich Humpty Dumptys Arbitraritätstheorie immer wieder aufgegriffen und zitiert wurde.[13] In diesem Kapitel erklärt Humpty Dumpty Alice nicht nur die vielen kunstvollen Kofferwörter des Jabberwocky-Gedichts, sondern veranschaulicht auch Nutzen und Eigenschaften eines Nicht-Geburtstags (i. O. Un-Birthday). Nachdem er Alice dreihundertfünfundsechzig weniger eins hat rechnen lassen, erklärt er: »[…] [T]here are three hundred and sixty-four days when you might get un-birthday presents […] [a]nd only one for birthday presents, you know. […]«[14] Um das von Humpty Dumpty präsentierte Konzept des Nicht-Geburtstags verstehen zu können, muss zunächst die Konzeption des Geburtstags betrachtet werden, deren Voraussetzungen seit Carrolls Lebzeiten in ihren Grundzügen dieselben wie heute sind.

Um einen Geburtstag feiern zu können, braucht es zunächst angelehnt an Kants »Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit«[15] ein selbstbewusstes Subjekt, mit der Macht und Pflicht, selbst ohne Leitung eines anderen zu denken und sich selbst zu begreifen.[16] Während im Mittelalter der Namenstag einer Person gefeiert wurde, verbreitete sich in Gelehrtenkreisen im 17. und vor allem 18. Jahrhundert allmählich der Geburtstag als Feierlichkeit des Individuums selbst, ohne es in seiner Zugehörigkeit zu einem Heiligensystem oder als jemandes Untertan zu begreifen.[17] Zudem muss sich das Individuum seiner Existenz innerhalb eines Zeitkontinuums bewusst sein. Geburtstag ist der Tag, »an dem wir uns als ein Wesen begreifen, das wächst, größer wird und sich mit der Zeit verändert, von Jahr zu Jahr.«[18] Die Einteilung der Zeit durch die Erfindung des Kalenders und des Datums bietet die Möglichkeit, den Geburtstag staatsrechtlich zu erfassen, zu archivieren und auch in einem jährlichen Rhythmus zu zelebrieren.[19] Dieser datierte und archivierte Zeitpunkt wird dann als Eigentum des/der Menschen betrachtet, der/die an diesem Tag geboren wurde/n, schließlich hat man einen Geburtstag.[20] Das denkende Subjekt vollzieht den Schritt zum hegelschen Eigentümer.[21] Damit wird der Geburtstag zur Feierlichkeit, die keine Unterschiede kennt und alle geborenen Menschen gleich behandelt, denn jeder hat das gleiche Recht und den gleichen Grund, Geburtstag zu feiern.[22] Um von seinem eigenen Geburtstag ausgeschlossen zu werden, müssten diese Grundvoraussetzungen (insbesondere die staatlichen Grundgesetze der Gleichstellung) tief­greifend verändert oder gar abgeschafft werden.

Das Nicht-Wissen des präzisen Geburtstags markiert die Außengrenzen der christlich-abendländischen Kultur im 20. und 21. Jahrhundert.[23] Zu Carrolls Zeiten gab es jedoch nur einen Teil der Bevölkerung, der zwar Geburtstag, aber nicht Namenstag feierte.[24] Nichts­destotrotz wählte der Diakon Carroll den Nicht-Geburtstag statt den Nicht-Namenstag für seine Erzählung, da dieser in seinen Grundzügen frei von jeglicher Konfessionszugehörigkeit ist und das Land und seine Bewohner hinter den Spiegeln somit für Interpretationen offen lässt. In England leistete Königin Viktoria einen großen Beitrag dazu, das Geburtstagsfest populär zu machen, indem sie akribisch über ihre Geburtstagsgeschenke und -feiern Buch führte.[25] Nach ihrem Vorbild tauchten ab der Mitte des 19. Jahrhunderts sogenannte ›Birthday Books‹ auf, die einzig dazu dienten, das Geburtstagsereignis zu dokumentieren und zu planen.[26] Carrolls zeitgenössische Leserschaft hatte vermutlich gute Kenntnisse von Geburtstagsbräuchen und konnte die Verschiebungen, welche die Übertragung der Feierlichkeit vom Geburtstag auf den Nicht-Geburtstag ergibt, erkennen.

Der Nicht-Geburtstag ist ein Neologismus, der auf der Verneinung dessen gründet, worauf er sich unmittelbar bezieht. Ohne das Geburtstagskonzept kann es kein Nicht-Geburtstagskonzept geben und wer seinen Geburtstag nicht kennt, kann nicht Nicht-Geburtstag feiern. Die Konstruktion des Wortes ›Nicht-Geburtstag‹ verweist stets auf die Existenz eines Geburtstags, während dies umgekehrt nicht der Fall ist. Der Nicht-Geburtstag lebt aus seiner Differenz­qualität zum Geburtstag. Dieses Differenzverhältnis ist an die Festdefinition des Rhetorikers Josef Kopperschmidt angelehnt, die besagt: »Das [.] Fest [.] lebt aus seiner Differenzqualität zum Nicht-Fest.«[27] Im Geburtstagskonzept ist der Nicht-Geburtstag der Seite des Nicht-Fests und der Geburtstag als besonderer Jahrestag auf der Seite des Fests zuzuordnen. »Das Fest ist Nicht-Alltag«[28], meint der Kulturhistoriker Michael Maurer und beschreibt ähnlich wie Kopperschmidt ein Ausnahmeverhältnis des Festlichen zum Nicht-Festlichen, dem Alltag. Alltag und Fest werden zusätzlich in ein Ausschlussverhältnis gesetzt, wobei zu beachten gilt, dass Nicht-Alltag nicht zwangsläufig mit dem Fest gleichgesetzt werden darf. Maurer nennt dafür das Beispiel des Kriegszustands, der zwar Nicht-Alltag ist, aber auch kein Fest.[29] Humpty Dumpty deutet mit seinem Nicht-Geburtstagsgeschenk darauf hin, dass sowohl Nicht-Geburtstag als auch Geburtstag feierliche Ereignisse sind. Er lässt Alice ausrechnen, an wie vielen Tagen sie Nicht-Geburtstagsgeschenke im Vergleich zu Geburtstagsgeschenken erhalten würde und zeigt damit, dass auch ihm das Feiern des Geburtstags geläufig ist.[30] In Kopperschmidts Fest – Nicht-Fest Differenz entfällt damit die Seite des Nicht-Fests und die Differenzqualität von Geburtstag und Nicht-Geburtstag erfährt eine Verschiebung dahin­gehend, dass nun beide in ihrem Festcharakter gleichwertig sind.

Doch in Kopperschmidts Theorie braucht es das Nicht-Fest, damit es ein Fest geben kann, denn »Feste sind und bleiben Negation dessen, was sie voraussetzen müssen, um überhaupt möglich zu sein.«[31] Das Fest in der Nicht-Geburtstags­konstruktion wird zur Alltäglichkeit. Diese Konstellation erinnert an die Gegebenheiten des höfischen Fests des 16. und 17. Jahrhunderts, bei dem »alle Zeit Festzeit«[32] war. Einen Hinweis auf die höfische Festkultur bietet Humpty Dumptys Nicht-Geburtstagsgeschenk, das er bezeichnender­weise vom Weißen König und der Weißen Königin erhalten hat.[33] Doch die Nicht-Geburtstagskonstruktion beschränkt sich nicht auf die höfische Gemeinschaft. Humpty Dumpty erklärt vielmehr, dass jeder Tag des Jahres für jede einzelne Person feierlich ist, da man immer entweder Geburtstag oder Nicht-Geburtstag hat. Damit hat jede Person auf jeden Tag einen Eigentumsanspruch. Die Bedeutung des Geburtstags als eigener, besonderer Ehrentag geht dabei nicht zwangsläufig verloren, stattdessen wird jeder Tag zum persönlichen Ehrentag, den man sich allerdings stets mit anderen teilen muss. Was in der Geburtstagskonstruktion zwar häufig aber dennoch außergewöhnlich ist, nämlich dass mehrere Leute am selben Tag gemeinsam Geburtstag feiern, wird in der Nicht-Geburtstagskonstruktion zwangsläufig vorherrschend.

Feste sind stets Ausdruck einer Zeitkultur und strukturieren Zeit auf verschiedene Weise.[34] Wenn nun eine immerwährende Feierlichkeit herrscht, findet sich hier ein massiver Unterschied zur Zeitkultur der Geburtstagskonstruktion, die den Geburtstag als jährliches, feierliches Ereignis hervorhebt. Maurer ordnet in seinem Analysemodell zur Systematik des Fests den Geburtstag den ›Festen des Lebenslaufs‹ zu, welche Schwellenmomente im persönlichen Lebenslauf kennzeichnen. Sie sind Übergangsriten, die sich am kalendarischen System orientieren.[35] In der Ritualtheorie des Ethnologen Victor Turner ist das Ritual eine Schwellenphase und Mittel der Erneuerung und Etablierung einer Gruppe als Gemeinschaft. Dabei wird ein Moment des gesteigerten Gemeinschaftsgefühls erzeugt (communitas), sodass die Grenzen aufgehoben werden, die einzelne Individuen voneinander trennten. Zudem werden Symbole dergestalt verwendet, dass sie als verdichtete und mehrdeutige Bedeutungsträger erscheinen. Letztlich gehen sowohl derjenige, der sich dem Ritual unterzieht, als auch die gesamte Gemeinschaft verändert aus dem Ritual hervor. Meistens handelt es sich dabei um gesellschaftliche Statusveränderungen.[36]

Der Geburtstag markiert die Schwelle des Eintritts ins Leben und im jährlichen Feiern des Geburtstags wird seine erinnernde Funktion in Bezug auf diesen Schwellenmoment evident. Der Eintritt in ein neues Lebensjahr wird gemeinschaftlich gefeiert. Die Ritualität des Geburtstags zeigt sich auch, wenn runde Geburtstage oder der Übergang vom Kindes- ins Erwachsenenalter mit 18 Jahren ausladender gefeiert werden als andere Geburtstage. Das Zählen von Geburtstagen ist eine staatlich festgelegte, rechtliche Notwendigkeit. Als Alice Humpty Dumpty sagt, sie sei sieben Jahre und sechs Monate alt, bemerkt jener, dies sei ein »uncomfortable sort of age.«[37] Er akzeptiert Jahre als Zähleinheit, aber nicht Monate, da er Alice rät, sie hätte bei sieben aufhören sollen. Dadurch akzeptiert er zugleich nur die jährliche Wiederholung des Geburtstags zur Bestimmung des Alters. Auch in der Nicht-Geburtstags­konstruktion wird das Alter also über die Anzahl der Geburtstage ermittelt. In dieser Zeitkultur ist daher jeder Tag feierlich, paradoxerweise zählt aber nur jährlich ein Tag. Da der Nicht-Geburtstag für die Bestimmung des Alters irrelevant ist, hat er insofern keine rituelle Bedeutung, da er keinen Schwellenmoment markiert außer in seiner Verweiskonstruktion auf die Existenz des Geburtstagsfests. Was gefeiert wird ist das Verbleiben in demselben Lebensjahr statt dem Überschreiten einer Schwelle mit dem Beginn eines neuen. Hinsichtlich des rituellen Charakters des Nicht-Geburtstagsfests findet der zählende Aspekt der Veränderung nicht statt.

[...]


[1] Carroll, Lewis. Alice's Adventures In Wonderland. London, 2016. S. 21-140. Hier: S. 84. Herv. i. O. Im Folgenden zitiert als: Carroll, Alice's Adventures In Wonderland, 2016.

[2] Die Kursivschreibweise soll auf beide Buchtitel hindeuten und damit den literarischen Stoff deutlich von der Figur Alice abgrenzen.

[3] Vgl.: Bobin, James (Rg.) Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln. Amazon Video Stream, USA, 2016, 113 Min. TC: 01:00:06-01:00:14.

[4] Vgl.: South, Anna. "Introductin". In: Carroll, Lewis. Alice's Adventures In Wonderland & Through The Looking-Glass, and What Alice Found There. London, 2016. S. 7-15. Hier: S. 7.

[5] Das Tate Museum Liverpool und die Hamburger Kunsthalle widmeten 2001/2012 ganze Ausstellungen den künstlerischen Reaktionen, welche die Alice -Bücher hervorgebracht haben. Vgl. dazu: Hamburger Kunsthalle, 2016, www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/alice-im-wunderland-der-kunst (Letzter Aufruf: 10.09.2018) und Tate, London, 2018, www.tate.org.uk/whats-on/tate-liverpool/exhibition/alice-wonderland (Letzter Aufruf: 10.09.2018).

[6] Vgl.: Görner, Rüdiger. Die Kunst des Absurden: Über ein literarisches Phänomen. Darmstadt, 1996. S. 41. Im Folgenden zitiert als: Görner, 1996.

[7] Vgl.: Görner, 1996. S. 35.

[8] Görner, 1996. S. 39.

[9] Vgl.: Henkle, Roger B. The Mad Hatter's World. In. The Virginia Quarterly Review Vol. 49, No.1, 1973. S. 99-117. Hier: S. 116. Im Folgenden zitiert als: Henkle, 1973.

[10] Vgl.: Henkle, 1973. S. 116-117.

[11] Vgl.: Bachtin, Michail. Literatur und Karneval: Zur Romantheorie und Lachkultur. Frankfurt a. M. / Berlin / Wien, 1985 (1969). Ins. S. 47-60.

[12] Diese Definition des Fests ist Erika Fischer-Lichte entnommen. Vgl.: Fischer-Lichte, Erika. "Einleitung: Theater und Fest in Europa. Perspektiven von Identität und Gemeinschaft". In: Fischer-Lichte, Erika / Warstat, Matthias / Littmann, Anna (Hg.). Theater und Fest in Europa: Perspektiven von Identität und Gemeinschaft. Theatralität Bd. 11. Tübingen, 2012. S. 9-19. Hier: S. 13. Im Folgenden zitiert als. Fischer-Lichte, 2012.

[13] Vgl. Bspw. Köller, Wilhelm. Narrative Formen der Sprachreflexion. Berlin, 2016. S. 331-335.

[14] Carroll, Lewis. Through The Looking-Glass, and What Alice Found There. London, 2016. S. 141-282. Hier: S. 222. Hev. i. O. Im Folgendne zitiert als: Carroll, Through The Looking-Glass, 2016.

[15] Kant, Immanuel. Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? in: Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784, S. 481-494, zitiert nach: Brandt, Horst D. (Hg.). Immanuel Kant: Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleinere Schriften. Philosophische Bibliothek Bd. 512. Hamburg, 1999. S. 20.

[16] Vgl.: Heidenreich, Stefan. Geburtstag: Wie es kommt, dass wir uns selbst feiern. München, 2018. S. 14. Im Folgenden zitiert als: Heidenreich, 2018.

[17] Vgl.: Heidenreich, 2018. S. 157. Vgl.: Maurer, Michael. "Zur Systematik des Festes". In: Maurer, Michael (Hg.). Das Fest: Beiträge zu einer Theorie und Systematik. Köln / Weimar / Wien, 2004. S. 55-80. Hier: S. 57. Im Folgenden zitiert als: Maurer, Beiträge zu einer Theorie und Systematik, 2004.

[18] Heidenreich, 2018. 2018, S. 15.

[19] Vgl.: Heidenreich, 2018. S. 37, S. 51.

[20] Vgl.: Heidenreich, 2018. S. 16.

[21] Eigentum ist an rechtlich geregelte Verhältnisse gebunden. Der Mensch muss sich als rechtliche Person wahrnehmen, bevor er sich als Eigentümer auffassen kann. Vgl.: Hegel, Georg Wilhelm Friedrich. Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. Werke in 20 Bänden mit Registerband, Bd. 7. Frankfurt a. M., 1970. S. 94, § 35 Zusatz. Die Idee des Eigentums als Recht ermöglichte die Aneignung des von staatlichen Behörden archivierten Geburtstags als Besitz des neuzeitlichen Subjekts. Vgl.: Heidenreich, 2018. S. 16.

[22] Vgl.: Heidenreich, 2018. S. 194.

[23] Maurer spricht vom 20. Jahrhundert, doch kann diese Behauptung auch heute im 21. Jahrhundert noch unterstützt werden. Vgl.: Maurer, Beiträge zu einer Theorie und Systematik, 2004. S. 59.

[24] Vgl.: Maurer, Beiträge zu einer Theorie und Systematik, 2004. S. 59.

[25] Vgl.: Heidenreich, 2018. S. 164-168.

[26] Vgl.: Heidenreich, 2018. S. 168.

[27] Kopperschmidt, Josef. "Zwischen Affirmation und Subversion: Einleitende Bemerkungen zur Theorie und Rhetorik des Festes". In: Kopperschmidt, Josef / Schanze, Helmut (Hg.). Fest und Festrhetorik: Zu Theorie, Geschichte und Praxis der Epideiktik. Figuren Bd. 7. München, 1999. S. 9-21. Herv. i. O. Im Folgenden zitiert als: Kopperschmidt, 1999.

[28] Maurer, Michael. "Prolegomena zu einer Theorie des Festes". In: Maurer, Michael (Hg.). Das Fest: Beiträge zu einer Theorie und Systematik. Köln / Weimar / Wien, 2004. S. 19-54. Hier: S. 23. Im Folgenden zitiert als: Maurer, Prolegomena zu einer Theorie des Festes, 2004.

[29] Vgl.: Maurer, Prolegomena zu einer Theorie des Festes, 2004. S. 23-26.

[30] Vgl.: Carroll, Through The Looking-Glass, 2016. S. 222.

[31] Kopperschmidt, 1999. S. 12.

[32] Füssel. Fest – Symbol – Zeremoniell: Grundbegriffe zur Analyse höfischer Kultur in der Frühen Neuzeit. In: Dickhaut, Kirsten / Steigerwald, Jörn / Wagner Birgit (Hg.). Soziale und ästhetische Praxis der höfischen Fest-Kultur im 16. und 17. Jahrhundert. Wiesbaden, 2009. S. 31-53.Hier: S. 33. Im Folgenden zitiert als: Füssel, 2009.

[33] Vgl.: Carroll, Through The Looking-Glass, 2016. S. 221.

[34] Vgl.: Maurer, Prolegomena zu einer Theorie des Festes, 2004. S. 26-31.

[35] Vgl. Maurer, Beiträge zu einer Theorie und Systematik, 2004. S. 55-59, S. 66-69. Hier ist zu vermerken, dass nicht alle Schwellenfeste gleichzeitig Lebenslauffeste sind. Die Festlichkeiten zur Jahrhundertwende kennzeichneten bspw. eine Schwelle, standen aber nicht mit den Lebensläufen einer einzelnen Person direkt in Verbindung. Den Terminus Übergangsriten bzw. ›rites de passage‹ entnimmt Maurer der Arbeit von Arnold van Gennep in: van Gennep, Arnold. Übergangsriten. Frankfurt a. M., 1986. Des Weiteren geht Maurer darauf ein, dass der Ritus dem Begriff der Feier zuzuordnen sei, da er dem Fest im emphatischen Sinne fremd sei. Da Geburtstagsfeier und Geburtstags­fest im alltäglichen Sprachgebrauch synonym verwendet werden und spielerische Darbietungen oder Auf­führungen ebenso zum Zelebrieren des Geburtstags gehören wie der rituelle Charakter, wird auf eine Unterscheidung von Feier und Fest in diesem Zusammenhang verzichtet. Vgl.: Maurer, Prolegomena zu einer Theorie des Festes, 2004. S. 38-42.

[36] Turner, Victor. Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur. Übers. Schomburg-Scherf, Sylvia M. Frankfurt a. M., 2005. Insb. S. 128-158.

[37] Carroll, Through The Looking-Glass, 2016. S. 220.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Feste im Wunderland. Festtheoretische Analyse des Nicht-Geburtstags und der Teegesellschaft des Märzhasens in Carrolls "Alice"-Büchern und im "Alice"-Disneyfilm
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Germanistik)
Veranstaltung
Kulturtheorien des Fests
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V446940
ISBN (eBook)
9783668829244
ISBN (Buch)
9783668829251
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: Der Geburtstag wurde schon in der Antike gefeiert, lange vor dem Ausruf des Grundgesetztes und des selbstbewussten Subjekts. Einleitung und Fazit haben inhaltliche Defizite bzw Ungenauigkeiten im Vergleich zur starken Analyse.
Schlagworte
Fest, Alice, Wunderland, Festtheorie, Feier, Kulturtheorie, Nicht-Geburtstag, Film, Carroll, Disney, Teezeremonie, Low Tea
Arbeit zitieren
Jennifer Münster (Autor), 2018, Feste im Wunderland. Festtheoretische Analyse des Nicht-Geburtstags und der Teegesellschaft des Märzhasens in Carrolls "Alice"-Büchern und im "Alice"-Disneyfilm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446940

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