Was versteht man unter der Mutter-Kind-Bindung und welche Faktoren stärken diese?


Hausarbeit, 2018
12 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

I. Was ist die Mutter-Kind-Bindung?
1. Definition
2. Eltern als sichere Basis

II. Welche Faktoren stärken die Mutter-Kind-Bindung?
1. Faktoren vor, während und nach der Geburt
2. Säuglings- und Kleinkindalter
3. Eigene Kindheitserfahrungen als Einflussgröße
4. Allgemeine Schutzfaktoren

II. Welche Bindungstypen gibt es?
1. Bindungssicheres Verhalten
2. Bindungsvermeidendes Verhalten
3. Bindungsambivalentes Verhalten
4. Desorganisiertes Verhalten

Fazit

Rukiye Hamza

Psychologie

Was versteht man unter der Mutter-Kind-Bindung und welche Faktoren stärken diese?

Einführung

Die Mutter-Kind-Bindung bildet das zentrale Fundament in der Entwicklungspsychologie eines Menschen und kennzeichnet die erste Beziehung des zunächst Ungeborenen und später Säuglings und Kleinkinds zu einer Hauptbindungsperson in seiner sozialen Umwelt. Sie beginnt nicht erst, wie oftmals angenommen nach der Geburt, sondern bereits im Mutterleib, in den frühen Anfängen der Schwangerschaft unmittelbar nach der Zeugung, und ist als Kontinuum zu verstehen, welches im Wesentlichen in der frühkindlichen Zeit herausgebildet wird und uns von dem Zeitpunkt an ein Leben lang begleitet aber auch dynamisch geformt wird. Ich habe mich diesem Thema angenommen, da sie von zentraler Bedeutung für die Entwicklungspsychologie des Menschen ist und damit den größten Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit und somit auch einen signifikanten Einfluss auf die Lebensgestaltung und Biographie eines Individuums einnimmt. Sie beeinflusst somit nicht nur die Entwicklung des Menschen als Individuum, sondern steht auch im Kontext zu seinem sozialen Umfeld, der Gesellschaft.

Beginnend mit einer Definition was genau unter einer Mutter-Kind-Bindung zu verstehen ist, möchte ich im Zuge dieser Arbeit insbesondere den Fragestellungen nachgehen, welche zentrale Bedeutung diese frühe Bindung zur Mutter (oder zu einer gleichwertigen Bezugsperson im Folgenden vereinfachend als Mutter bezeichnet) für unsere gesamte Entwicklung als Menschen hat. Anschließend werde ich darauf eingehen, welche Einflussfaktoren die Mutter-Kind-Bindung positiv beeinflussen und welche Bindungstypen es gibt. Die Arbeit rundet mit einem Fazit ab.

I. Was ist die Mutter-Kind-Bindung?

1. Definition

Unter der Mutter-Kind-Bindung ist ein spezifisches Verhaltensrepertoire zu verstehen, welches sich im Zuge der Schwangerschaft und bald nach der Geburt herausbildet (Bowlby 2008). Gegen Ende des ersten Lebensjahres des Säuglings wird dieses Verhalten internalisiert und in spezifischen Situationen, wie Müdigkeit, Schmerz, Beunruhigung und Angst aktiviert und abgerufen. Der Säugling braucht die Nähe, den Körperkontakt und die Beruhigung durch die Hauptbindungsperson. Nicht nur bei Säuglingen, auch bei Jugendlichen und Erwachsenen wird in Angst- und Stresssituationen das Bindungsverhalten aktiviert, so dass es als „universales, regelhaft aktivierbares Verhalten“ bezeichnet werden kann (Bowlby 2008):

„Eine (passive oder aktive) Bindung setzt ein durch spezifische Faktoren gesteuertes starkes Kontaktbedürfnis gegenüber bestimmten Personen voraus und stellt ein dauerhaftes, weitgehend stabiles und situationsabhängiges Merkmal des Bindungssuchenden dar. Zum Bindungs verhalten gehören hingegen sämtliche auf „Nähe“ ausgerichteten Verhaltensweisen des Betreffenden (Bowlby 2008)“.

Wichtig sind dabei die an das Bindungsverhalten geknüpften positiven Gefühle wie Sicherheit und Freude und im Kontrast die negativen Gefühle wie Wut, Trauer und Angst, Eifersucht und Niedergeschlagenheit. Der Säugling fühlt sich geborgen, wenn es sich auf eine sensible Bindungsfigur verlassen kann. Auch bei Erwachsenen bietet die Gewissheit in bestimmten Krisen auf einen vertrauten Menschen zurückgreifen zu können, eine hohe Rückversicherung (Bowlby 2008).

2. Eltern als sichere Basis

Eltern fungieren in der Entwicklungspsychologie als eine Art „sichere Basis“, von der aus der Säugling und später das Kind und der Jugendliche auf Exploration gehen, allerdings nur, wenn sie auf deren Verlässlichkeit vertrauen können. Diese stabilisierende Funktion wird beispielsweise in extremen Situationen wie Krankheit oder Tod deutlich. Dabei haben Studien demonstriert, dass Kinder nur dann psychische Stabilität und Selbstsicherheit erlangen können, wenn die Eltern ihr Autonomiestreben unterstützen und nicht einengen, jedoch im Ernstfall zur Stelle sind. Laut Bowlby bilden Eltern nur dann eine verlässliche Basis, wenn sie das „Bindungsverhalten ihrer Kinder intuitiv erfassen, respektieren und als angeborenes Merkmal akzeptieren“ (Bowlby 2008).

II. Welche Faktoren stärken die Mutter-Kind-Bindung?

1. Faktoren vor, während und nach der Geburt

Betrachten wir Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett als Einflussfaktoren auf die Mutter-Kind-Bindung, so gilt laut Bowlby die Trennungszeit von Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt als zuverlässigste Konstante zur Prognostizierung der Mutter-Kind-Bindung. Ferner gelten auch der jeweilige Geburtsverlauf sowie die Einstellung und Erwartung der Mutter im Hinblick auf das Ungeborene als Größen mit prognostischer Validität (Bowlby 2008). Im Allgemeinen lässt sich festhalten, dass sich mit der Schwangerschaft - sofern sie erwünscht ist - zwischen den werdenden Eltern eine intensive emotionale Verbindung entwickelt (Brisch 2013). Andererseits können die Sorge um die Entwicklung des Kindes hinsichtlich der Gesundheit und Fehlbildungen oder andere Umstände wie die Wohnungssituation oder Beziehungsprobleme oder finanzielle Probleme sowie soziale Konflikte Ängste auslösen, die die pränatale Bindungsentwicklung zum Fetus negativ beeinflussen können. In einigen Fällen können Eltern gar ihre Bindungsgefühle zum werdenden Kind zurückhalten, bis sie Gewissheit über die Gesundheit des Kindes erlangen. Andererseits wird die Bindungsentwicklung durch die Pränataldiagnostik und die positiven Befunde sowie die Fotos vom Fetus gestärkt. Diese ist begleitet von einer intensiven Vorbereitung auf das kommende Baby und die anstehende Geburt (etwa durch einen Vorbereitungskurs). Kurz vor der Geburt können erneut Sorgen entstehen, ob die Lage des Kindes optimal sein wird und die Geburt positiv verlaufen wird. Verläuft die Geburt ohne weitere Komplikationen, sind die Eltern sehr entlastet. Sowohl dieser Moment als auch die nächsten Tage fördern durch den häufigen Körperkontakt und das Halten und Tragen sowie durch das Stillen intensiv die Bindungsentwicklung der Eltern zum Baby. Im Idealfall wird das Baby sofort nach der Geburt auf die nackte Brust der Mutter gelegt, so dass die Bindung zwischen Mutter und Kind positiv gestärkt wird. Auch das Rooming-in, bei dem Mutter und Kind im gleichen Raum nebeneinander schlafen, dient als positiver Einflussfaktor in der Bindungsentwicklung. Jede Art der Trennung hingegen gilt als negativ für die Entwicklung einer gesunden Bindung. Während der Geburt wird zudem das Hormon Oxytocin ausgestoßen, welches nicht nur die Wehenkontraktion und die Milchproduktion steuert, sondern auch ein Gefühl von Nähe und Vertrautheit auslöst und somit einen wichtigen Beitrag auf die Bindungsentwicklung leistet (ebenda 2013).

Auch durch das Stillen und den Körperkontakt wird Bindungshormon Oxytocin ausgestoßen. Die Mutter entwickelt bereits in diesen Tagen eine intensive Beziehung zu ihrem Kind und möchte es stets in ihrer Nähe haben, so dass es den Säugling vermisst, wenn es beispielsweise zu weiteren Untersuchungen aus dem Zimmer im Hospital gebracht wird. All dies sind Hinweise auf eine positive emotionale sichere Bindung der Mutter zum Kind und werden in der Fachterminologie auch „ Bonding “ genannt (Brisch 2013). Insgesamt lässt sich also festhalten, dass je angst- und stressfreier die Schwangerschaft von der Mutter erlebt wird (u.a. gesicherte soziale Umstände, keine finanziellen Belastungen, intakte Partnerbeziehung geprägt von Sicherheit und Liebe etc.), desto positiver wirkt sich dies auf die sichere Bindungsentwicklung zwischen Eltern und Kind aus. Studien belegen, dass starker Stress und eine große Belastung der Mutter besonders ausgeprägte Ängste auslösen kann, so dass die körperliche und psychische Entwicklung des Kindes beeinträchtigt wird (ebenda 2013). Auch der Vater spielt in der sicheren Bindungsentwicklung eine große Rolle, da er beispielsweise durch seine positive emotionale Zuwendung und seine Präsenz vor, während und nach der Geburt die werdende Mutter emotional und körperlich unterstützen und entlasten kann, ihre Ängste nehmen kann und somit die Bindungsentwicklung positiv beeinflussen kann.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Abläufe die den oben dargestellten entgegenstehen eher einen Risikofaktor für die Bindungsentwicklung darstellen. An dieser Stelle soll jedoch nicht weiter darauf eingegangen werden, da dies den Rahmen sprengen würde. Die Bindung zwischen Mutter und Kind beginnt bereits während der Schwangerschaft, Geburt und in den ersten Lebensmonaten. In diesen Phasen ist sie auch sehr störanfällig und kann durch verschiedene Faktoren oder Entwicklungen irritiert werden. Dabei gilt, dass jede Form von äußerer und innerer emotionaler Sicherheit in der Schwangerschaft, Geburt und in der postnatalen Zeit eine sichere Bindung zwischen den Eltern und dem Kind fördert (Brisch 2013).

2. Säuglings- und Kleinkindalter

Eine gesunde Bindungsentwicklung im Säuglings- und Kleinkindalter zur Mutter und zum Vater oder einer anderen Bezugsperson ist im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet, dass sich der Säugling durch vielfältige und sich immer wieder stattfindende feinfühlige Interaktionserfahrungen beginnt an diese zu binden. In Abhängigkeit davon, welche Person am feinfühligsten mit ihm umging, entwickelt der Säugling eine Art Bindungshierarchie und wählt demnach jene Person als Hauptbezugsperson, die am meisten seine Bedürfnisse befriedigen und feinfühlig auf seine Bedürfnisse reagiert hat. Dabei unterscheidet man in der Interaktion zwischen Mutter und Kind über feinfühlig bis weniger feinfühlig oder gar grob unfeinfühlig. Die Bindungspyramide des Säuglings äußert sich insbesondere in Situationen, wo er die Nähe und den Körperkontakt zur Hauptbindungsperson sucht, wie bei Angst, Schrecken, Trauer, Schmerz, Wut u.a.. In diesen Situationen wendet sich der Säugling an die Bezugsperson und sucht Schutz und Sicherheit. Dabei ist Körperkontakt die beste Art auf sein Bedürfnis nach Nähe zu antworten und den Säugling zu trösten. Steht die Hauptbindungsperson nicht zur Verfügung, wendet sich der Säugling an die Bezugsperson an zweiter oder dritter Stelle, in Abhängigkeit davon, zu wem er Vertrauen in seiner Bindungspyramide aufgebaut hat. Zwar lässt er sich auch von diesen trösten, braucht aber länger um wieder in ein emotionales Gleichgewicht zurückzufinden (Bowlby 2014).

Die sichere Bindung des Säuglings zu seiner Hauptbezugsperson ist eine Art Schutzmechanismus, um in seiner Umwelt überleben zu können. Denn nur diese kann sein Überleben durch eine feinfühlige Interaktion, durch seine Pflege und durch das Stillen seines Bedürfnisses nach Nähe und Geborgenheit sicherstellen und ihn vor Gefahren schützen. Die Suche nach Schutz und Sicherheit bei Bindungspersonen findet sich auch bei allen Säugetieren und darüber hinaus bei Vögeln. Während unmittelbar nach der Geburt der Säugling noch nicht in der Lage ist, zwischen Bezugspersonen zu unterscheiden, entwickelt er bis zum 6./8. Lebensmonat eine Art Bindungshierarchie und kann immer deutlicher zwischen vertrauten Bezugspersonen und fremden unterscheiden. Bis zum 1. Lebensjahr ist die Bindungshierarchie bereits ausgebildet und das Bindungsverhalten des Säuglings ist sehr spezifisch. Sind die Eltern die sicheren Bindungspersonen, so können sie von nun an deutlich sehen, wie ihr Kind ausgehend von ihnen als sichere Basis die Umwelt erkundet und zunehmend seinen Aktionsradius erweitert. Es wird sich immer rückversichern und bei Gefahr oder Unsicherheit zurück zu seinen Eltern als sichere Basis kehren (Bowlby 2014).

3. Eigene Kindheitserfahrungen als Einflussgröße

Neben Schwangerschaft, Geburt und elterlichem Pflegeverhalten spielen die eigenen Kindheitserfahrungen der Mutter eine wesentliche Rolle. Dabei kann eine große statistische Übereinstimmung zwischen der eigenen Bindung als Kind und der Weitergabe dieses Bindungstyps als Mutter an den Säugling festgestellt werden. Mütter, die selbst über negative Kindheitserlebnisse verfügen, haben zu wenig emotionale Ressourcen und kümmern sich deutlich weniger um ihre Kinder, als dies bei liebevoll umsorgten Müttern der Fall ist (Bowlby 2008).

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Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Was versteht man unter der Mutter-Kind-Bindung und welche Faktoren stärken diese?
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V447078
ISBN (eBook)
9783668837720
ISBN (Buch)
9783668837737
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mutter-kind-bindung, faktoren
Arbeit zitieren
Rukiye Hamza (Autor), 2018, Was versteht man unter der Mutter-Kind-Bindung und welche Faktoren stärken diese?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/447078

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