Die Panathenäen zur Zeit der Tyrannis der Peisistratiden - Soziale Identität und Herrschaftslegitimation


Seminararbeit, 2005

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einführung

2 Mythos, Kult und Religion in der Lebenswelt des archaischen Griechenlands

3 Entstehung und Bedeutung der Panathenäen – Mythos und Kult

4 Neuordnung der Panathenäen durch Peisistratos?
4. 1 Die Großen und Kleinen Panathenäen
4. 2 Panathenäen als soziale und politische Identitätsform
4. 3 Legitimation und Sicherung der Herrschaft in der Tyrannis der Peisistratiden

5 Schlussbetrachtung

6 Quellenverzeichnis

7 Literaturverzeichnis

1 Einführung

„[...] [M]an [hat] oft gesagt, die Tyrannis des Peisistratos sei das (goldene) Zeitalter unter Kronos.“[1] – schrieb Aristoteles und gab damit die Überlieferung von der und die Sicht auf die Tyrannis des Peisistratos durch seine Zeitgenossen wieder. Diese aus unserer heutigen Perspektive doch eher erstaunlich gelassene Auffassung der Tyrannis verwundert. So erscheint es nur legitim, die Anstrengungen des Peisistratos und seiner Söhne zum Ausbau, zur Sicherung und Stabilisierung ihrer Alleinherrschaft zu untersuchen. Immerhin gelang es Peisistratos nach zwei missglückten Versuchen der Machtübernahme[2], von 546/545 v. Chr. bis zu seinem Tode 528/527 v. Chr. seine Herrschaft zu behaupten. Die Führung der Tyrannis ging dann überraschend reibungslos auf seine beiden Söhne Hippias und Hipparchos über. Selbst nach der Ermordung des Hipparchos 514 v. Chr. durch Harmodios und Aristogeiton dauerte sie, jedoch erheblich verschärft, fort und wurde erst durch äußeren Einfluss, das Engagement der Spartaner, endgültig 510 v. Chr. gestürzt.

Ziel dieser Seminararbeit ist es, eines der Instrumentarien der Peisistratiden zur Legitimierung ihrer Alleinherrschaft aufzuzeigen. Speziell am Beispiel der Panathenäen wird der Versuch der religiösen Herrschaftslegitimation dargestellt. Dazu wird im folgenden auf die Begriffe von Mythos, Kult und Religion eingegangen, anschließend folgt ein Exkurs in den Mythos von der Entstehung und Gründung der Panathenäen. Das Hauptaugenmerk der vorliegenden Arbeit ist auf die Neuordnung des Festes der Athena in der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. sowie deren soziale und politische Implikationen zur Sicherung und Legitimierung der Tyrannenherrschaft gerichtet. Abgerundet wird das Ganze von einem Blick auf mögliche zukünftige Fragestellungen und Interpretationen der Tyrannenzeit als Übergang von der archaischen zur klassischen Zeit.

Spannend ist dieses Thema insofern, als für den heutigen aufgeklärten Menschen des säkularisierten Westens eine enge Verknüpfung von politischer Herrschaft und religiöser Legitimation obsolet erscheint. Doch übersieht er bei all seiner vermeintlichen Aufklärung meist, dass noch im kürzlich vergangenen Jahrhundert zwei totalitäre Systeme, die auch als Politische Religionen[3] bezeichnet werden, unselig das Weltgeschehen bestimmten. Gern übersehen wird auch die „Wiederkehr der Weltreligionen als Akteure in der internationalen Politik“[4] sowie die Bedeutung des Verhältnisses von Politik und Religion in den USA[5] im neuen Jahrtausend. Religion – also auch weiterhin eines der bedeutendsten Mittel zur Machtsicherung und Herrschaftslegitimation!

2 Mythos, Kult und Religion in der Lebenswelt des archaischen Griechenlands

Um ein Gefühl für die Lebenswelt der Griechen in archaischer Zeit zu bekommen, erscheint es sinnvoll, sich näher mit der Überlagerung und Durchdringung der Begriffe Mythos, Kult und Religion zu beschäftigen.

Selbst den Philologen ist die Herkunft der griechischen Bezeichnung mythos, auf die der Begriff Mythos zurückgeht, unbekannt. Mythos/Mythen sind Erzählungen, quasi historische Dokumente, über frühere, zumeist anfängliche Begebenheiten und zugleich Wissens- und kulturelle Lebensform in der archaischen Gesellschaft.[6] Sie wirken konstituierend, Welt konstruierend und ermöglichen so dem einzelnen Individuum Erkenntnis und Ausrichtung in einer als bedrohlich empfundenen, lebensfeindlichen Umwelt.[7] Gegen den Schrecken der Realität bildet der Mythos ein Orientierung schaffendes, kosmologisches System, das durch Symbolismen weitergegeben wird. Zu seinen Funktionen zählt vor allem, die Erfahrung des Heiligen mitzuteilen und zu gewährleisten. Damit bewahrt er gleichzeitig die Kontinuität und Identität der gelebten Religion.[8] Der Mythos selbst und die Lehre vom Mythos begründen den Kult. Dieser bezeichnet ein ritualisiertes Verhalten, mit dem Gruppen von Menschen ihre Verbindung zu außer- und übermenschlichen Mächten mit einer gewissen Regelmäßigkeit vollziehen und aufrechterhalten. Dies geschieht mittels einer Vielzahl stereotypisierter, magischer Handlungen – Riten, die zu Zeremonien und großen Festen, wie dem der Panathenäen, zusammengefasst werden. Als periodisch wiederholte Dramatisierungen zeugen sie von einer einstigen mythischen Begebenheit. Zentrale Äußerung des Kultes sind sowohl vegetarische als auch Tieropfer. Bei letzteren sind Tötung und anschließendes gemeinschaftliches Verspeisen der geopferten Tiere entscheidende Elemente im Ritual des Kultes. Doch steht im Mittelpunkt des Opfers nicht die Tötung oder das Essen, sondern die Verbindung der Feiernden mit der Gottheit selbst und der Feiernden des Kultes untereinander.[9] Beide soeben kurz skizzierten Begriffe lassen sich in dem Begriff der Religion subsumieren. Religion ist ein Grundphänomen menschlichen Lebens. Sie ist Ausdruck des Strebens und der Suche nach einem Sinn und mit dem Glauben an eine übermenschliche Kraft verbunden. Das Individuum erfährt sich als abhängig von dieser Macht, doch erhält es von ihr Lebensorientierung in individueller und sozialer Hinsicht, was sich im Mythos ausdrückt. Zu dieser Beziehung gehört zusätzlich neben Liebe, Ehrfurcht, Verehrung und Anbetung zusätzlich auch ein ritualisiertes Verhalten – der Kult.

In ihrer polytheistischen Religion sahen sich die Griechen einer Vielzahl göttlicher Mächte gegenüber. Sie beherrschten jeden einzelnen Lebensbereich der natürlichen und sozialen Welt; ihre Macht, ihr Wissen und ihr Wille waren umfassend. Die Subjektivität eines Gottes, sein Wollen und seine Eigenschaften wurden durch kultische Handlungen kommunikationsfähig gemacht. So ist die Sphäre der Götter nicht von der erlebten Welt der Gläubigen trennbar. Im Gegenteil, die griechischen Gottheiten werden in eine gemeinschaftliche Ordnung, Hierarchie, integriert.[10] So lebten die archaischen Griechen in einer vom Sakral-Prinzip durchdrungenen Welt. Nichts ereignete sich auf der physischen Ebene der Wirkungen, was sich nicht bereits schon vorher in der Welt der Götter ereignet hatte.

3 Entstehung und Bedeutung der Panathenäen – Mythos und Kult

Die Panathenäen waren das Hauptfest des attischen Staates, das Gesamtfest der Athena, das alle Bewohner Attikas im Rahmen einer sakralen Zeremonie vereinte. Es wurde am Ende der Hekatombaion über mehrere Tage hinweg begangen. Der Haupttag war der 28. Hekatombaion, der als der Geburtstag der Göttin Athena und somit auch als Geburtstag der Stadt galt. Verweist dies auf einen Synoikismus früher Einzelsiedlungen mit Athena-Kult, drückt sich das im Mythos mit dem Sieg der Athena in der Gigantenschlacht über den Giganten Enkelados[11] oder der Tötung des Giganten Asterios[12] aus. In den peplos, das Gewand, das Athena während der Panathenäen dargebracht wurde, waren Szenen der Gigantenschlacht eingewirkt – eine in erster Linie politische Aussage. Versinnbildlicht wird der Sieg der Ordnung, der Sieg Athenas über das Chaos und die Rebellion. Auch die Begründung des Festes reicht tief in den Mythos. In den antiken Quellen wird die Erstbegehung der Panathenäen dem mythischen Urkönig Athens, Erichthonios[13], zugeschrieben. Erichthonios entstammt der Vereinigung des Samens des Hephaistos, der sich an Athena vergreifen wollte, mit der Erde Gaia. Diese übergibt Erichthonios der Athena, welche ihn in ihrem Tempel auf der Akropolis großziehen lässt. Hier auf der Akropolis hatte er auch seinen Königspalast. Er erfindet das Gespann, den von Pferden gezogenen Wagen und damit das Wagenrennen, das eine wesentliche Rolle im hippischen Agon der Panathenäen spielen wird.

Andere Quellen[14] schreiben die ursprüngliche Stiftung der Panathenäen Theseus als bedeutendstem Nachfolger Erichthonios’ zu. Theseus war im Glauben der Athener das Symbol für die politische Einigung Attikas, der die bis dahin relativ autonomen poleis Attikas aufhob und durch die Einführung eines gemeinsamen Rates mit zentraler Tagungsstätte in Athen eine politische Einheit schuf. Die Panathenäen gaben dieser politischen Maßregelung die religiöse Weihe. Auf erstaunliche Weise wird hier die Vermischung von Mythos und historischer Realität – religiöse Weihung und Erinnerung an den Synoikismus – deutlich, die sich im Kult niederschlugen. Die Panathenäen waren von Beginn an ein politisches Fest, in ihren Riten erneuerte sich das Leben der Gemeinschaft und wurde die Ordnung der polis neugeboren.

[...]


[1] Arist. Ath. Pol. 16, 7.

[2] Erster Versuch der Machtergreifung 561/560 v. Chr., der zweite Versuch 558/557 v. Chr. Vgl. Berve, Helmut: Die Tyrannis bei den Griechen, Band 1, München 1967, 48-49.

[3] Zur Terminologie des Begriffes und den beiden Konzepten der aktuellen Totalitarismusforschung vgl. Maier, Hans (Hrsg.): Totalitarismus und Politische Religionen, Band 1-3, Paderborn 1996, 1997, 2003.

[4] Watzal, Ludwig: Editorial, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 7 (2005), 1.

[5] Zur theo-konservativen Politik der USA vgl. Braml, Josef: Die theo-konservative Politik Amerikas, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 7 (2005), 30-38. Siehe auch Bush, George W.: Rede zur Amtseinführung am 20. Januar 2005, aus: http://usa.usembassy.de/etexts/docs/inauguration2005.htm, [31.03.2005].

[6] Knatz, Lothar: Mythos/Mythologie, in: Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Band 1, Hamburg 1999, 887-894.

[7] Mohn, Jürgen: Mythostheorien. Eine religionswissenschaftliche Untersuchung zu Mythos und Interkulturalität, München 1998, 56.

[8] Ebd., 121.

[9] Richter, Klemens: Kult/Gottesverehrung, in: Waldenfels, Hans: Lexikon der Religion, Freiburg 1988, 359-368 [361].

[10] Vgl. Linke, Untersuchungen, 44-45.

[11] Knell, Heiner: Die Giebelskulpturen des Athenatempels der Peisistratiden in Athen, in: Ders.: Mythos und Polis. Bildprogramme griechischer Bauskulptur, Darmstadt 1990, 39-42 [42].

[12] Vgl. Ziehen, Ludwig: Panathenaia, RE 18, 3, 1949, 457-493 [457].

[13] Marmor Parium 10.

[14] Paus. 8, 2, 1.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Panathenäen zur Zeit der Tyrannis der Peisistratiden - Soziale Identität und Herrschaftslegitimation
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Seminar: Die Tyrannis des Peisistratos
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V44728
ISBN (eBook)
9783638422727
ISBN (Buch)
9783638802390
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Panathenäen, Zeit, Tyrannis, Peisistratiden, Soziale, Identität, Herrschaftslegitimation, Seminar, Peisistratos
Arbeit zitieren
Matthias Rekow (Autor), 2005, Die Panathenäen zur Zeit der Tyrannis der Peisistratiden - Soziale Identität und Herrschaftslegitimation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44728

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