Sex sells. Seitdem der Mensch in der Lage ist, sexuelle Handlungen medial wiederzugeben, macht er davon rege Gebrauch – gleich, ob im Verborgenen oder öffentlich, ob zur persönlichen Erbauung oder zur kommerziellen Nutzung. Abgesehen vom Tod berührt kein anderes Phänomen die menschliche Existenz so intensiv, wie es die Sexualität tut. Wie der Tod offenbart auch die Sexualität eine grundsätzliche Ambivalenz, ein permanentes Schwanken zwischen Faszination und Abscheu, zwischen Ekel und Lust. Selbst die wissenschaftliche Rezeption dieses Phänomens ist davon nicht ausgenommen - insbesondere dann, wenn es um jene Aspekte der Sexualität geht, welche öffentlich als "obszön" wahrgenommen werden. Als "Obszönität" bzw. "ästhetische Grenzüberschreitung" stellen Erotik und Pornographie den sozialen Status quo und dessen Konventionen in Frage. Dieser gesellschaftliche Aspekt ist der Hauptgegenstand der vorliegenden Untersuchung.
Inhaltsverzeichnis
II. Einleitung
III. Hauptteil
1.1. Obszönität: Versuch einer Definition
1.2. Obszönität und Komik
1.3. Zu Batailles "Heterologie"
2.1. Ökonomische Voraussetzungen
2.2. Exkurs: Arbeit und Fest
2.3. Verbot und Überschreitung
3.1. Obszönität als literarisches Stilmittel
3.2. "Erotic Action" in Kunst und Film
3.3. Trivialpornographie
IV. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Phänomen der ästhetischen Grenzüberschreitung durch Erotik und Pornographie, wobei sie primär die philosophischen Ansätze von Georges Bataille heranzieht, um zu analysieren, wie diese Darstellungen gesellschaftliche Konventionen infrage stellen und welchen Stellenwert das Verbot in diesem Prozess einnimmt.
- Die systematische Definition und Untersuchung des Begriffs "Obszönität".
- Die Anwendung von Batailles "Heterologie" und dem solaren Prinzip der Verschwendung.
- Die Ambivalenz zwischen Verbot und bewusster Grenzüberschreitung.
- Der Vergleich zwischen künstlerischer Erotik/Film und Trivialpornographie.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Rezeption von Obszönität.
Auszug aus dem Buch
1.1. Obszönität: Versuch einer Definition
Ich werde mit Definitionen beginnen. Die öffentliche Wahrnehmung ästhetischer Grenzüberschreitungen reduziert sich i.d.R. auf den Vorwurf der "Obszönität". Ein Schlagwort wie "Obszönität" kann allerdings äußerst vielschichtig interpretiert werden. Was soll z.B. eine "Schamlosigkeit" oder "Schlüpfrigkeit" konkret bezeichnen?
Ich werde daher zunächst versuchen, eine brauchbare Erklärung dafür zu liefern, was "Obszönität" eigentlich bedeutet, und wie sie mit dem Phänomen der ästhetischen Grenzüberschreitung konkret zusammenhängt. Ich erhebe dabei nicht den Anspruch, die Genealogie des Begriffes "Obszönität" 1 : 1 wiederzugeben. Im Laufe dieser Arbeit werde ich vielmehr versuchen, ein Modell zu entwickeln, welches die interkulturellen Aspekte der ästhetischen Grenzüberschreitung in einen logisch nachvollziehbaren Zusammenhang stellt.
Das 19. Jahrhundert bringt bereits eine Tendenz zur systematischen Erfassung des Obszönen hervor, und zwar als Negation eines ästhetischen Ideals. Der Hegelianer Karl Rosenkranz etwa definiert das Obszöne als das Häßliche im Kontext einer Metaphysik des "Schönen":
Zusammenfassung der Kapitel
II. Einleitung: Die Einleitung etabliert die theoretische Basis unter Bezugnahme auf Georges Bataille und skizziert die Ambivalenz von Sexualität sowie die gesellschaftliche Funktion des Verbotenen.
III. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert Begriffe wie Obszönität, Heterologie und das solare Prinzip der Verschwendung, um die ästhetische Grenzüberschreitung in Literatur, Film und Kunst zu untersuchen.
1.1. Obszönität: Versuch einer Definition: Es wird der Versuch unternommen, den Begriff der Obszönität jenseits gängiger moralischer Vorwürfe als ästhetisches Phänomen und als Negation eines Schönheitsideals zu bestimmen.
1.2. Obszönität und Komik: Das Kapitel erläutert den Zusammenhang zwischen Lachen und Erotik als entladende Wirkung und als Ausdruck für die menschliche Auseinandersetzung mit der eigenen Animalität.
1.3. Zu Batailles "Heterologie": Hier wird Batailles Konzept des Heterogenen diskutiert, das sich den Standards einer homogenen Gesellschaft entzieht und die ästhetische Grenzüberschreitung begründet.
2.1. Ökonomische Voraussetzungen: Einführung in Batailles Modell der "allgemeinen Ökonomie" und des solaren Prinzips der Verschwendung, das als ökonomische Basis für unproduktive Verausgabung dient.
2.2. Exkurs: Arbeit und Fest: Untersuchung der Trennung zwischen der Welt der Arbeit (Produktion) und der Welt des Festes (Verschwendung) als strukturelles Element archaischer und moderner Gesellschaften.
2.3. Verbot und Überschreitung: Analyse der ambivalenten Struktur von Verboten, die durch bewusste Überschreitung ihre Wirksamkeit behalten und als Substitut für metaphysische Ganzheitserfahrungen dienen.
3.1. Obszönität als literarisches Stilmittel: Untersuchung der literarischen Nutzung von Obszönität bei Autoren wie Bret Easton Ellis und die Frage nach deren Wirkung als Schockeffekt versus Sättigung.
3.2. "Erotic Action" in Kunst und Film: Diskussion der "Antikunst" des Wiener Aktionismus und der pornographischen Elemente in Filmen wie "Im Reich der Sinne" unter Berücksichtigung der "Souveränität" des Künstlers.
3.3. Trivialpornographie: Betrachtung der kommerziellen Funktion von Trivialpornographie und deren Rolle bei der Kompensation unerfüllter Sehnsüchte in einer sexuell gestörten Gesellschaft.
IV. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass ästhetische Grenzüberschreitung autonom sein kann, wenn sie der persönlichen Entwicklung dient, statt nur gesellschaftliche Provokation zu sein.
Schlüsselwörter
Obszönität, ästhetische Grenzüberschreitung, Georges Bataille, Heterologie, allgemeine Ökonomie, Verausgabung, Erotic Action, Trivialpornographie, Wiener Aktionismus, Suveränität, Tabu, Moral, Filmkunst, Existenzphilosophie, Nihilismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der ästhetischen Grenzüberschreitung in erotischen und pornographischen Medien aus einer philosophischen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Funktion des Verbots, die philosophische Bedeutung von "Obszönität", das ökonomische Modell der Verschwendung nach Bataille und die Abgrenzung von Kunst und Trivialpornographie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die ästhetische Grenzüberschreitung durch Erotik und Pornographie als ein Mittel zur Ich-Entgrenzung und existenziellen Erfahrung zu analysieren, statt sie nur moralisch zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine philosophisch orientierte Analyse durchgeführt, wobei vor allem die Theorien von Georges Bataille als theoretischer Rahmen dienen, ergänzt durch kunst- und medienwissenschaftliche Diskurse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt theoretische Grundlagen wie die Heterologie und die Ökonomie der Verschwendung, sowie die Anwendung dieser Konzepte auf Literaturbeispiele, Aktionskunst und den modernen Film.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Obszönität, Grenzüberschreitung, Heterologie, Souveränität, Verschwendung, Tabu und die Unterscheidung zwischen künstlerischem Anspruch und Trivialität.
Wie bewertet der Autor den Wiener Aktionismus?
Der Autor greift auf die Kritik des "Gralshüters" Josef Dvorak zurück, der dem Wiener Aktionismus vorwirft, sich trotz seines Anspruches auf Autonomie letztlich wieder an der bürgerlichen Homogenität zu orientieren.
Welche Rolle spielt die Trivialpornographie in der Argumentation?
Der Autor stellt die These infrage, dass Trivialpornographie per se schädlich ist, und schlägt vor, sie als unverbindliches Angebot für individuelle sexuelle Phantasien zu begreifen.
- Quote paper
- Ulrich Goetz (Author), 2005, Zur ästhetischen Grenzüberschreitung durch Erotik und Pornographie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44732