Lijpharts grundlegendes Entscheidungskriterium zum Vergleich von Demokratien ist es zu untersuchen, ob die politischen Entscheidungsstrukturen eines demokratischen Systems auf die Unterstützung oder die Einschränkung der Mehrheitsherrschaft angelegt sind. Hierzu vergleicht er zwei Idealtypen von Demokratien: die „Westminster“- oder „Mehrheitsdemokratie“ (im folgenden Verlauf dieser Arbeit als Mehrheitsdemokratie bezeichnet) und die „Konsensdemokratie“.
Zum Vergleich dieser beiden Demokratietypen hat Lijphart einen Katalog mit zehn verschiedenen Merkmalen entwickelt, welche zwei Dimensionen, der Exekutive-Parteien-Dimension und der Föderalismus-Unitarismus-Dimension zugeordnet werden. Anhand dieser Merkmale vergleicht er in seiner Studie 36 demokratische Länder, die seit dem Jahr 1989 oder früher bis zum Jahr 2010 kontinuierlich demokratisch waren.
Ziel ist es, neben der genaueren Beschreibung moderner Demokratien, zu analysieren, ob und inwiefern Unterschiede zwischen den beiden Demokratietypen existieren. Hierzu werden die Effektivität des Regierens, die Politikgestaltung, die Qualität der Demokratie, die demokratische Repräsentation und die Politikorientierung genauer betrachtet.
In dieser Arbeit wird untersucht, ob Deutschland nach Lijpharts Demokratietypologie eher ein mehrheitsdemokratisches oder ein konsensdemokratisches Land ist. Folglich soll die Struktur der deutschen Demokratie genauer beschrieben, sowie auf Charakteristika des ihm zugeordneten Demokratietypen der Konsensdemokratie im Vergleich zur Mehrheitsdemokratie genauer eingegangen werden.
Zur Beantwortung der Fragestellung müssen zunächst die theoretischen Grundlagen zum weiteren Verständnis gelegt werden. Dazu wird zuerst auf die Begriffsdefinition von Demokratie eingegangen, von der Lijphart in seiner Studie ausgeht. Es folgt eine grundlegende Beschreibung seiner Demokratietypologie. Im Anschluss daran wird Lijpharts Studie vorgestellt, bevor die zentralen Forschungsergebnisse thematisiert werden.
Im Analyseteil dieser Arbeit folgen die Darstellung der zehn Merkmale innerhalb der zwei Dimensionen und die Diskussion Letzterer am Beispiel Deutschland, wobei sich auf die jeweiligen Untersuchungsergebnisse von Lijphart bezogen wird. Hierdurch soll das Land einem der beiden Demokratietypen zugeordnet werden können. Im Schlussteil wird die Argumentation zusammengefasst. Abschließend wird eine kritische Würdigung der Studie vorgenommen und ein Ausblick am Ende dieser Arbeit gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Begriffsverständnis von Demokratie
2.2 Demokratietypologie nach Arend Lijphart
2.3 Lijpharts Studie „Government Forms and Performance in Thirty-Six Countries“
2.3.1 Zentrale Ergebnisse der Studie
3. Analyse am Beispiel Deutschland
3.1 Diskussion der zehn Merkmale von Demokratietypen am Beispiel Deutschland
3.1.1 Exekutive-Parteien-Dimension
3.1.1.1 Merkmal 1: Einparteienregierung vs. Mehrparteienregierung
3.1.1.2 Merkmal 3: Zweiparteiensystem vs. Mehrparteiensystem
3.1.1.3 Merkmal 2: Exekutivdominanz vs. Balance zwischen exekutiver und legislativer Gewalt
3.1.1.4 Merkmal 4: Mehrheitswahlrecht vs. Verhältniswahlrecht
3.1.1.5 Merkmal 5: Pluralistisches System der Interessensvermittlung vs. Korporatistisches System der Interessensvermittlung
3.1.2 Föderalismus-Unitarismus-Dimension
3.1.2.1 Merkmal 6: Unitarischer, zentralisierter Staat vs. Föderaler, dezentralisierter Staat
3.1.2.2 Merkmal 7: Unikameralismus vs. Bikameralismus
3.1.2.3 Merkmal 8: Flexible Verfassung vs. Rigide Verfassung
3.1.2.4 Merkmal 9: Parlamentssouveränität vs. Verfassungsgerichtsbarkeit
3.1.2.5 Merkmal 10: Von Exekutive abhängige Zentralbank vs. Unabhängige Zentralbank
3.2 Einordnung Deutschlands in die Demokratietypologie
4. Diskussion der Ergebnisse, Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Basis der Demokratietypologie von Arend Lijphart, ob Deutschland als Mehrheitsdemokratie oder Konsensdemokratie klassifiziert werden kann. Dabei wird analysiert, inwieweit die politischen Strukturen des Landes den zehn definierten Merkmalen der beiden Idealtypen entsprechen.
- Vergleich der Idealtypen: Mehrheits- vs. Konsensdemokratie
- Analyse der Exekutive-Parteien-Dimension
- Untersuchung der Föderalismus-Unitarismus-Dimension
- Klassifizierung des deutschen politischen Systems
- Evaluierung der Leistungsfähigkeit von Demokratietypen
Auszug aus dem Buch
3.1.1.2 Merkmal 3: Zweiparteiensystem vs. Mehrparteiensystem
Während Zweiparteiensysteme kennzeichnend für den Idealtypen der Mehrheitsdemokratie seien, charakterisieren Mehrparteiensysteme die Konsensdemokratien (vgl. Lijphart 2012: 61).
„Bei einer möglichen Vielzahl kleiner und kleinster P. stehen sich im Zweiparteiensystem zwei Großparteien (…) gegenüber, die bei allgemeinen Wahlen allein die politische Kraft aufbringen, die Regierungsmacht zu erringen. Im Gegensatz zum Vielparteiensystem ist im Mehrparteiensystem die Zahl der P., die nach Wahlen in der Lage sind, sich als Koalitionspartner an der Regierung eines Landes zu beteiligen, begrenzt“ (Bundeszentrale für politische Bildung, unter: www.bpb.de/nachschlagen/lexika/recht-a-z/22661/partei).
Lijphart bezeichnet das Vorhandensein reiner Zweiparteiensysteme in der Realität als selten. Ihm zufolge existieren meistens mindestens eine oder mehrere zusätzliche kleine Parteien in diesen Systemen (vgl. Lijphart 2012: 63).
In seiner Studie untersucht er die durchschnittliche, niedrigste und höchste effektive Anzahl der Parteien in den sechsunddreißig Ländern, die aus den jeweiligen Wahlen im Zeitraum von 1945 bis 2010 resultieren. In 17 Wahlen misst die durchschnittliche effektive Anzahl an parlamentarischen Parteien in Deutschland 3,09 (vgl. Lijphart 2012: 74). Den höchsten Durchschnittswert erzielt die Schweiz mit durchschnittlich 5,20 Parteien, den niedrigsten Botswana mit 1,38.
Hiermit kann Deutschland eher dem Mehrparteiensystem als dem Zweiparteiensystem zugeordnet werden, wobei die durchschnittliche Parteienanzahl im Vergleich zu den stärksten Mehrparteiensystemen deutlich geringer ist. An dieser Stelle wird noch einmal die bereits beschriebene Variabilität eines einzelnen Merkmals deutlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die vergleichende Demokratieforschung ein und definiert das Ziel, Deutschland mittels Lijpharts Kriterienkatalog als Mehrheits- oder Konsensdemokratie einzuordnen.
2. Theoretische Grundlagen: Hier werden die Definition von Demokratie, Lijpharts Typologie der Demokratiemodelle und die methodische Basis seiner Studie erläutert.
3. Analyse am Beispiel Deutschland: Dieses Kapitel prüft die zehn Merkmale der beiden Dimensionen (Exekutive-Parteien und Föderalismus-Unitarismus) detailliert anhand des deutschen politischen Systems.
4. Diskussion der Ergebnisse, Ausblick: Hier werden die Teilergebnisse zusammengeführt und es wird geschlussfolgert, dass Deutschland eher als Konsensdemokratie einzuordnen ist, gefolgt von einer kritischen Reflexion der Studie.
Schlüsselwörter
Mehrheitsdemokratie, Konsensdemokratie, Arend Lijphart, Demokratietypologie, Exekutive-Parteien-Dimension, Föderalismus-Unitarismus-Dimension, Machtteilung, Deutschland, Wahlsystem, Parteiensystem, Korporatismus, Bikameralismus, Verfassungsgerichtsbarkeit, politische Leistungsfähigkeit, Regierungslehre.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das politische System Deutschlands unter Anwendung der theoretischen Demokratietypologie von Arend Lijphart.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Vergleich von Mehrheits- und Konsensdemokratien sowie der Überprüfung von zehn strukturellen Merkmalen dieser Systeme.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob Deutschland nach Lijpharts Kriterien eher eine Mehrheitsdemokratie oder eine Konsensdemokratie darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt den qualitativen Vergleich und die Zuordnung der deutschen politischen Institutionen zu Lijpharts Skalen und Dimensionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden fünf Merkmale der Exekutive-Parteien-Dimension und fünf Merkmale der Föderalismus-Unitarismus-Dimension detailliert auf Deutschland bezogen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Machtkonzentration, Machtaufteilung, Demokratieformen, Korporatismus, Bikameralismus und politische Institutionen.
Wie schneidet Deutschland in der Exekutive-Parteien-Dimension ab?
Deutschland weist durch das Mehrparteiensystem, Koalitionsregierungen und das personalisierte Verhältniswahlrecht klare Tendenzen zur Konsensdemokratie auf.
Warum wird Deutschland als eher korporatistisch eingestuft?
Der statistische Wert von 0,88 auf der von Lijphart verwendeten Skala ordnet Deutschland deutlich näher am korporatistischen Pol ein als am pluralistischen.
Welche Bedeutung hat die Unabhängigkeit der Zentralbank in dieser Analyse?
Eine unabhängige Zentralbank wird als Machtteilungsinstrument gewertet, was ein Merkmal für die Einstufung als Konsensdemokratie ist.
Wie lautet die abschließende Einordnung Deutschlands?
Deutschland wird als eine Demokratie identifiziert, die sich auf dem Kontinuum zwischen den beiden Idealtypen näher am Typus der Konsensdemokratie befindet.
- Quote paper
- Karin Meyer (Author), 2016, Ist Deutschland nach Arend Lijpharts Demokratietypologie eher eine Mehrheits- oder eine Konsensdemokratie?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/447355