Der Sprung ins vaterländische Schiff - die Motive der SPD-Reichstagsfraktion für die Zustimmung zu den Kriegskrediten am 4. August 1914


Hausarbeit, 2003
18 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Die Positionen von Marx und Engels in der Frage von Krieg und Frieden

2 Die Entwicklungen in der deutschen Sozialdemokratie in der Frage von Krieg und Frieden
2.1 Das Verhältnis zum Staat und dessen Verteidigung
2.2 Das Verhältnis zu Parlament und parlamentarischen Maßnahmen zur Kriegsverhinderung
2.3 Die Rolle der SPD in der zweiten Internationale

3 Schlussbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Der 4. August 1914 gilt als Wendepunkt in der Entwicklungsgeschichte der Sozialdemokratie hinsichtlich der nationalen Frage. An diesem Tag bewilligte die Reichstagsfraktion der SPD zusammen mit den bürgerlichen Parteien im Reichstag die Kriegskredite, die zur Deckung der Kosten des nun beginnenden Weltkriegs dienten.[1] Obwohl deutsche Truppen tags zuvor in Belgien einmarschiert und dessen Neutralität verletzt hatten, obwohl die Abgeordneten Frieden machen mussten mit einem System, welches die deutsche Sozialdemokratie jahrelang heftig bekämpft hatte[2], und obwohl, was am schwersten wog, die Fraktion gegen grundwichtige Resolutionen der zweiten Internationale zur Kriegsverhinderung verstieß[3], stimmten alle 92 Abgeordneten der SPD den Kriegskrediten zu. Nach den Worten Rosa Luxemburgs, die aufgrund dieses Votums zunächst sogar Selbstmord erwog[4], hatte die deutsche Sozialdemokratie damit „politisch abgedankt“ und sei gleichzeitig „die Sozialistische Internationale zusammengebrochen.“[5]

Von nahezu allen sozialistischen Parteien in den Ländern, die direkt oder indirekt in den Konflikt verwickelt waren, wurden nun Bekenntnisse zur Verteidigung ihrer bürgerlich-kapitalistischen Vaterländer abgegeben, für deren Überwindung sie bis dahin gekämpft hatten.[6] Der Übergang von Fundamentalopposition gegen Militarismus und Krieg in eine Politik des Burgfriedens führte in Deutschland und anderswo zur offenen Spaltung der Arbeiterbewegung in konkurrierende Parteien – Spaltungen, die noch lange das Bild der Bewegung prägen sollten.[7]

In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, was die deutsche Sozialdemokratie im August 1914 dazu bewog, den Kriegskurs der deutschen Reichsleitung zu unterstützen und dadurch gleichzeitig den internationalistischen Pfad der Kriegsvermeidung zu verlassen. Laut Butterwege und Hofschen ist dies eine der meistdiskutierten Fragen in der Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung.[8] In der Einleitung zu seinem Buch „War, Peace and Revolution“ schreibt David Kirby, dass viele Historiker die ideologischen Annahmen oder Emotionen der damaligen Protagonisten teilten und deshalb aus Parteinahme eher anhand von polemischem oder ethischen Kriterien über die Vorgänge urteilen würden statt sich dem Thema nüchtern anzunähern: „What the movement ought to have done, rather than what it actually did, is an underlying theme of such analysis.“[9] Mich interessiert eher, wie und warum die Arbeiterbewegung in bestimmter Art und Weise handelte, als was sie von bestimmten Standpunkten aus hätte tun sollen. Dabei werde ich mich Positionen anschließen, die mir bei der Rezeption der Forschungsliteratur am plausibelsten erschienen.

Im ersten Abschnitt der Arbeit untersuche ich die Positionen von Marx und Engels zur Frage nach Krieg und Frieden. Ihre Schriften zu diesem Thema beeinflussten die Theoriebildung der deutschen Sozialdemokratie und der zweiten Internationale naturgemäß von Anfang an. Inwieweit sie der deutschen Sozialdemokratie wirklich als Richtschnur dienten, möchte ich unter anderem im zweiten Abschnitt untersuchen. In den drei Zusammenhängen Verhältnis zum Staat und der Landesverteidigung, Stellung zu Parlament und parlamentarischen Maßnahmen zur Kriegsverhinderung sowie der Rolle der Partei in der zweiten Internationale möchte ich Entwicklungen in der Partei untersuchen, die einen Einfluss auf den Ausgang der Reichstagsabstimmung gehabt haben könnten. Die in diesem Abschnitt erarbeiteten Erkenntnisse möchte ich in der Schlussbetrachtung zusammenzufassen.

1 Die Positionen von Marx und Engels in der Frage von Krieg und Frieden

Die theoretischen Wegbereiter der Arbeiterbewegung, Marx und Engels, formulierten im Zuge ihrer wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftlichen Analysen auch Annahmen über die Rolle des Krieges in der kapitalistischen Gesellschaft. Im „Kommunistischen Manifest“ hatten sie 1848 aufgezeigt, dass der Kapitalismus international für gleiche Produktionsweisen und damit für gleiche Lebensbedingungen für das Proletariat sorgen würde, wogegen das Proletariat „zumindest in den zivilisierten Ländern“ eine vereinigte Aktion stellen müsse. Dies führte 1864 in London zur Gründung der „Internationalen Arbeiterassoziation“. In der Inauguraladresse des Gründungskongresses nimmt Marx auch zur Kriegsfrage Stellung: Internationale Konflikte müssten friedlich auf Grundsätzen von Moral und Gesetz gelöst, Arbeiter sich Einblick in die „geheimen Diplomatie“ der Staatsführung verschaffen und ihrem außenpolitischen Handeln wo nötig entgegentreten. All dies sollte laut Marx eingebunden sein in den Klassenkampf der Arbeiter: Die Selbstbefreiung der Arbeiterklasse aller Länder sollte so zum internationalen Frieden führen. Dies waren die außenpolitischen Grundsätze, an denen sich die junge Arbeiterbewegung international orientierte.[10]

Die zeitgenössischen Kriege der herrschenden Klassen wurden von Marx und Engels, die keine Pazifisten waren, immer von ihrem Nutzen für die Arbeiterklasse und die Revolution her beurteilt. Sie betonten die „Rolle der Gewalt als Geburtshelfer historischer Prozesse“. So goutierten sie Krieg im Hinblick auf die Einigung Deutschlands und Italiens vor dem Hintergrund der Einigung des nationalen Proletariats, wohingegen sie einen vom erzreaktionären, zaristischen Russland ausgehenden Krieg als zivilisationsschädigend und revolutionshemmend ansahen.[11]

Nach dem Aufstieg der Arbeiterbewegungen in den europäischen Ländern zu Massenparteien mit steigendem Einfluss sahen Marx und Engels in einem großen europäischen Vernichtungskrieg keinen Fort- sondern einen großen Rückschritt für die Revolution und die Entwicklung von Klassenbewusstsein. Ab den 1890ern traten sie dafür ein, die bürgerliche Führung im Hinblick auf Abrüstung und Entmilitarisierung unter Druck zu setzen. Dies sollte durchaus im Rahmen der bestehenden Ordnung geschehen, wie etwa durch die Abschaffung der stehenden Heere und deren Ersetzung durch Milizen. Den Weltfrieden hielten Marx und Engels jedoch erst durch die Erlangung der sozialistischen Weltherrschaft, also durch die proletarische Revolution, für möglich.[12]

2 Die Entwicklungen in der deutschen Sozialdemokratie in der Frage von Krieg und Frieden

2.1 Das Verhältnis zum Staat und dessen Verteidigung

Dadurch, dass die kapitalistische Gesellschaftsordnung international war, konnte ihre Beseitigung nach marxistischer Auffassung nur durch internationalen Kampf der Arbeiterklasse geschehen. Die nationalstaatlichen Verfassungen der Länder standen diesem übergreifenden Kampf jedoch im Wege: Wenn die Arbeiterbewegungen der verschiedenen Länder also überhaupt Erfolg haben wollten, so mussten sie innerhalb ihrer staatlichen Grenzen kämpfen.[13]

Schon bald war klar, dass die SPD im Kaiserreich nicht darauf aus war, in Fundamentalopposition zum bestehenden System zu agieren. Vor allem in der parlamentarischen Arbeit der Sozialdemokraten, auf die ich weiter unten genauer eingehen werde, wurde dies deutlich: Die Partei wollte den Staat nach ihren Vorstellungen umwandeln – aus Konsequenz der sozialreformerischen Tätigkeit bestand in der deutschen Sozialdemokratie ein Interesse am Staat. Im Zusammenhang mit dieser sozialreformerischen Tätigkeit, die der Arbeiterbewegung viele Rechte erkämpft hätte, schrieb Eduard Bernstein 1910, dass weiterhin alte Gesetze abgeschafft werden sollten, nicht jedoch das Gesetz überhaupt. Und weiter: „Wo aber diese Stellung zum Gesetz da ist, da ist auch staatsbürgerliches Bewusstsein.“[14]

Die Arbeiter waren also durch ihre Interessen an den Staat gebunden – obwohl das kommunistische Manifest behauptet, dass die Arbeiter kein Vaterland hätten. Hinzu kommt, dass sie sich der bürgerlichen, nationalstaatlichen Ideologie des 19. Jahrhunderts nicht entziehen konnten.[15]

Die Früchte der sozialreformerischen Bemühungen wären im Falle des Sieges einer feindlichen Macht in Frage gestellt worden. Wie schon erwähnt, hatten Marx und Engels besonders Russland als Gefahr für den deutschen Klassenkampf geschildert – ein Krieg gegen das Zarenreich war deshalb geradezu populär unter Sozialdemokraten[16], selbst August Bebel hätte in diesem Fall bis ins hohe Alter noch zur Flinte gegriffen.[17]

Wegen ihrer internationalistischen Gesinnung wurden die Sozialdemokraten im Kaiserreich von ihren Feinden als „vaterlandslose Gesellen“ beschimpft. Durch die Konzeption eines gerechtfertigten Verteidigungskrieges wurde gerade von Seiten der Parteiführung versucht, diesen Vorwurf zu entkräften.[18] 1880 führte Bebel die Haltung der Partei im Falle der Landesverteidigung in einem Artikel für den „Sozialdemokraten“ aus: Die Arbeiter würden ihre Heimat, jedoch nicht das herrschende System verteidigen, da sich im Falle von Fremdherrschaft und Krieg die Bedingungen für den Klassenkampf dramatisch verschlechtern würden. Auch die Arbeiter hätten eine Liebe zur Heimat, die jedoch frei von Nationalchauvinismus sei. Es handele sich vielmehr um einen Patriotismus, „der in der Liebe zu dem Lande besteht, in dem man geboren, in dem unser Sein wurzelt und sich entfaltet.“[19]

Bebels Haltung bedeutete jedoch keine Interessengemeinschaft mit der herrschenden Klasse, die Abwehr einer feindlichen Aggression sollte der Arbeiterklasse vielmehr freie Hand schaffen, um sich mit den Feinden im Inneren „ins Reine“ zu setzen. Bebel sah den „künstlich geschaffenen“ Gegensatz der Nationalitäten im innigen Verhältnis mit der Klassenherrschaft im Inneren.[20]

[...]


[1] Ho-Seong Park: Sozialdemokratie und nationale Frage. Grundsatzdiskussion über Nationalismus, Imperialismus und Krieg in der deutschen Sozialdemokratie vor 1914. Dissertation am Fachbereich Politische Wissenschaft, Berlin 1986. S. 307

[2] David Kirby: War, Peace, and Revolution: International Socialism at the Crossroads 1914-1918. Aldershot 1986. S. 31

[3] Christoph Butterwegge und Heinz-Gerd Hofschen: Sozialdemokratie, Krieg und Frieden. Die Stellung der SPD zur Friedensfrage von den Anfängen bis zur Gegenwart. Eine kommentierte Dokumentation. Heilbronn 1984. S. 91

[4] Kirby, S. 30

[5] Zit. nach Butterwege und Hofschen, S. 91

[6] Park, S. 307

[7] Butterwege und Hofschen, S.91

[8] Ebd., S. 93

[9] Kirby, S. VI

[10] Butterwege und Hofschen, S. 13 f.

[11] Ebd. S. 14

[12] Ebd., S. 14, f.

[13] Johannsen, Harro: Der Revisionismus in der deutschen Sozialdemokratie 1890-1914. Dissertation an der Philosophischen Fakultät, Hamburg 1954. S. 238

[14] Zit. nach Johannsen, S. 238

[15] Ebd., S. 239

[16] Ebd., S. 238

[17] Butterwege und Hofschen, S. 18

[18] Ebd., S. 17

[19] August Bebel über die Haltung der Sozialdemokratie zur Landesverteidigung (aus einer Stellungnahme im „Sozialdemokrat“ gegen Angriffe auf seine Reichstagsrede vom 2. März 1880 unter dem Titel „Erwiderung“). Abgedruckt bei Butterwegge und Hofschen, S. 35

[20] Ebd., S. 18

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Sprung ins vaterländische Schiff - die Motive der SPD-Reichstagsfraktion für die Zustimmung zu den Kriegskrediten am 4. August 1914
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Geschichtswissenschaft. Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V44774
ISBN (eBook)
9783638423069
ISBN (Buch)
9783638902359
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprung, Schiff, Motive, SPD-Reichstagsfraktion, Zustimmung, Kriegskrediten, August, Einführung, Geschichtswissenschaft, Deutsche, Kaiserreich
Arbeit zitieren
Johannes Huhmann (Autor), 2003, Der Sprung ins vaterländische Schiff - die Motive der SPD-Reichstagsfraktion für die Zustimmung zu den Kriegskrediten am 4. August 1914, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44774

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