In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, was die deutsche Sozialdemokratie im August 1914 dazu bewog, den Kriegskurs der deutschen Reichsleitung zu unterstützen und dadurch gleichzeitig den internationalistischen Pfad der Kriegsvermeidung zu verlassen. Laut Butterwege und Hofschen ist dies eine der meistdiskutierten Fragen in der Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung. In der Einleitung zu seinem Buch „War, Peace and Revolution“ schreibt David Kirby, dass viele Historiker die ideologischen Annahmen oder Emotionen der damaligen Protagonisten teilten und deshalb aus Parteinahme eher anhand von polemischem oder ethischen Kriterien über die Vorgänge urteilen würden statt sich dem Thema nüchtern anzunähern: „What the movement ought to have done, rather than what it actually did, is an underlying theme of such analysis.“ Mich interessiert eher, wie und warum die Arbeiterbewegung in bestimmter Art und Weise handelte, als was sie von bestimmten Standpunkten aus hätte tun sollen. Dabei werde ich mich Positionen anschließen, die mir bei der Rezeption der Forschungsliteratur am plausibelsten erschienen. Im ersten Abschnitt der Arbeit untersuche ich die Positionen von Marx und Engels zur Frage nach Krieg und Frieden. Ihre Schriften zu diesem Thema beeinflussten die Theoriebildung der deutschen Sozialdemokratie und der zweiten Internationale naturgemäß von Anfang an. Inwieweit sie der deutschen Sozialdemokratie wirklich als Richtschnur dienten, möchte ich unter anderem im zweiten Abschnitt untersuchen. In den drei Zusammenhängen Verhältnis zum Staat und der Landesverteidigung, Stellung zu Parlament und parlamentarischen Maßnahmen zur Kriegsverhinderung sowie der Rolle der Partei in der zweiten Internationale möchte ich Entwicklungen in der Partei untersuchen, die einen Einfluss auf den Ausgang der Reichstagsabstimmung gehabt haben könnten. Die in diesem Abschnitt erarbeiteten Erkenntnisse möchte ich in der Schlussbetrachtung zusammenzufassen.
Inhaltsverzeichnis
- 0 Einleitung
- 1 Die Positionen von Marx und Engels in der Frage von Krieg und Frieden
- 2 Die Entwicklungen in der deutschen Sozialdemokratie in der Frage von Krieg und Frieden
- 2.1 Das Verhältnis zum Staat und dessen Verteidigung
- 2.2 Das Verhältnis zu Parlament und parlamentarischen Maßnahmen zur Kriegsverhinderung
- 2.3 Die Rolle der SPD in der zweiten Internationale
- 3 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit analysiert die Gründe für die Zustimmung der SPD-Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten am 4. August 1914, welche den Beginn des Ersten Weltkriegs markierte. Das Hauptziel der Arbeit ist es, die komplexen Motive und Entwicklungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie zu beleuchten, die zu diesem folgenreichen Votum führten.
- Die Positionen von Marx und Engels zur Frage von Krieg und Frieden
- Die Entwicklungen in der deutschen Sozialdemokratie in der Frage von Krieg und Frieden
- Die Rolle der SPD in der zweiten Internationale
- Der Einfluss des Verhältnisses der SPD zum Staat und dessen Verteidigung auf die Entscheidung
- Die Bedeutung von parlamentarischen Maßnahmen zur Kriegsverhinderung
Zusammenfassung der Kapitel
- Kapitel 1 beleuchtet die Positionen von Marx und Engels zur Frage von Krieg und Frieden. Dabei wird insbesondere die Bedeutung ihrer Schriften für die Theoriebildung der deutschen Sozialdemokratie und der zweiten Internationale untersucht.
- Kapitel 2 analysiert die Entwicklungen in der deutschen Sozialdemokratie in der Frage von Krieg und Frieden. Es werden drei zentrale Aspekte untersucht: Das Verhältnis zum Staat und dessen Verteidigung, das Verhältnis zu Parlament und parlamentarischen Maßnahmen zur Kriegsverhinderung sowie die Rolle der SPD in der zweiten Internationale.
Schlüsselwörter
Die Arbeit behandelt die Themen Krieg und Frieden, Sozialdemokratie, nationale Frage, internationale Arbeiterbewegung, Marxismus, zweite Internationale, Kriegskredite, Reichstagsabstimmung, 1914, Deutschland, Krieg und Politik, Staat, Parlament, Friedensbewegung.
Häufig gestellte Fragen
Warum stimmte die SPD am 4. August 1914 den Kriegskrediten zu?
Zentrale Motive waren die Furcht vor dem russischen Zarismus, das Bestreben, nationale Solidarität zu zeigen (Burgfrieden), und die Verteidigung des vaterländischen Bodens.
Was war die Position von Marx und Engels zum Krieg?
Ihre Schriften waren komplex; sie unterschieden oft zwischen Verteidigungskriegen und imperialistischen Kriegen, was der SPD später als theoretische Rechtfertigung für die Landesverteidigung diente.
Was bedeutete der "Sprung ins vaterländische Schiff"?
Diese Metapher beschreibt den Wechsel der SPD von einer internationalistischen, kriegskritischen Position hin zur Unterstützung der nationalen Kriegsanstrengungen des Kaiserreichs.
Welche Rolle spielte die Zweite Internationale?
Die Zweite Internationale war ein Zusammenschluss sozialistischer Parteien zur Kriegsvermeidung. Mit der Zustimmung der SPD zu den Krediten brach die internationale Solidarität faktisch zusammen.
Gab es innerhalb der SPD Widerstand gegen die Kriegskredite?
In der Fraktionssitzung gab es heftige Debatten, doch am 4. August stimmte die Fraktion im Reichstag geschlossen ab, um Einigkeit zu demonstrieren.
- Quote paper
- Johannes Huhmann (Author), 2003, Der Sprung ins vaterländische Schiff - die Motive der SPD-Reichstagsfraktion für die Zustimmung zu den Kriegskrediten am 4. August 1914, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44774