Das bekommen-Passiv im Deutschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Restriktionen des bekommen-Passivs

2. Grammatikalisierung des bekommen-Passivs

3. Die Hilfsverben des bekommen-Passivs

4. Das bekommen-Passiv in der journalistischen Prosa

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Deutsche verfügt über eine Konstruktion, die von Grammatikern als bekommen -Passiv, Dativpassiv, Adressatenpassiv, Rezipientenpassiv oder indirektes Passiv bezeichnet wird. Sie weist ein auxiliar verwendetes bekommen/kriegen/erhalten plus Partizip II und enthält ein grammatisches Subjekt, das einem Aktivsatz-Dativ entspricht (Leirbukt 1987: 99).

Die Einordnung der Konstruktion des Typs Er bekommt ein Buch geschenkt als Passiv wird auch heutzutage noch kontrovers diskutiert. Die Verfasser der Grammatik der deutschen Sprache (Zifonun u.a. 1997:1824) sind der Meinung, dass die bisher vorgebrachten Argumente für die Annahme eines bekommen -Passivs im Deutschen stärker ins Gewicht fallen als die Argumente dagegen. Im Rahmen ihrer Grammatik nehmen Zifonun u.a. daher ein bekommen -Passiv an, ordnen es jedoch eher der Peripherie der Konstruktion zu, weil nicht alle für das Passiv konstitutiven Bedingungen hier erfüllt sind. (vgl. Zifonun u.a. 1997:1791).

In ihren Grammatiken stufen Helbig und Buscha (1998:183) so eine Konstruktion als eine Passiv-Paraphrase und Hentschel und Weydt (1994:125) als eine Passivperiphrase ein. Helbig und Buscha schreiben: „Passiv-Parahrasen sind Konkurrenzformen des Passivs, sind aktivische Formen mit passivischer Bedeutung, d.h. solche aktivische Formen, bei denen das Subjekt nicht das Agens ausdrückt und denen eine reguläre Passivform entspricht.“ (Helbig/Buscha 1998:183) und teilen die Konstruktion mit bekommen/erhalten/kriegen + Partizip II in die Gruppe der Konkurrenzformen des Passivs ohne Modalfaktor ein.

Im Lexikon der Sprachwissenschaft (Bußmann 2002:501) wird das bekommen -Passiv als der Gruppe des Vorgangspassivs zugehörend angesehen.

Engel (1996:454) stuft in seiner Grammatik das bekommen -Passiv in die Gruppe „Volles Passiv“ ein, zu der auch werden -Passiv, sein -Passiv und gehören -Passiv zählen.

In dieser Arbeit möchte ich die Restriktionen des bekommen -Passivs untersuchen, d.h. die Fälle, in denen diese Konstruktion nicht bildbar ist. Ob das bekommen -Passiv eine vollendete grammatische Konstruktion ist oder befindet es sich in einer Übergangsphase? Dieses wird im zweiten Kapitel behandelt, welches den Problemen der Grammatikalisierung des bekommen -Passivs gewidmet ist. Weiter versuche ich die Distribution der Hilfsverben bekommen/kriegen/erhalten zu beschreiben, d.h. von welchen Kriterien die Wahl einer der drei Hilfsverbvarianten abhängt. Zum Schluss untersuche ich den Gebrauch des bekommen -Passivs in der heutigen journalistischen Prosa.

1. Restriktionen des bekommen-Passivs

Insgesamt ist bei den Restriktionen für das bekommen -Passiv hinzuweisen, dass nur Verben mit möglichem werden -Passiv überhaupt für das bekommen -Passiv in Frage kommen. Das bedeutet, dass die Verben mit Dativobjekt, die bereits beim werden -Passiv ausgeschlossen werden, auch hier ausgeschlossen werden. Dabei handelt sich um die so genannten schulden -Gruppe (schulden, haben, bekommen, erhalten), gelingen -Gruppe (gelingen, unterlaufen, entfallen, passieren), belieben -Gruppe (fehlen, belieben, gefallen, gehören, schmecken) und gleichen -Gruppe (gleichen, ähneln) (vgl. Zifonun u.a. 1997:1817).

Zifonun u.a. schreiben (1997:1824ff), dass bevorzugt handlungs- oder tätigkeitsbezeichnende Verben mit personalem Dativkomlement in der Rolle des Rezipienten und zusätzlichem Akkusativkomplement ein bekommen -Passiv bilden. Es werden aber auch nur zweiwertige Dativkomplement-Verben und Verben mit nicht-personalem Dativkomplement in das bekommen -Passiv gesetzt. Zifonun u.a. bringen Beispiele in drei folgenden Gruppen[1]:

1) bekommen Passiv bei Verben mit Akkusativkomplement und mit personalem Dativkomlement:

(1) Erst im Sommer dreiunddreißig sollte ich wieder Theater geboten bekommen.

zu

(1a) Erst im Sommer dreiunddreißig sollte man mir wieder Theater bieten.

Das bekommen -Passiv ist sowohl bei Verben mit Dativobjekt (im traditionellen Sinne) als auch bei Verben mir Pertinenzdativ möglich:

(2) Der große bärtige Geselle bekommt eine Aluminiummarke ins rechte Ohr geknipst, genau wie man sie bei Kühen und Schafen verwendet.

Es kann aber auch ein Dativus commodi (und entsprechend incommodi) Subjekt des bekommen -Passivs werden:

(3) Die Kinder bekamen von ihren Eltern jedes ein Haus gebaut.

(4) Er kriegte von ihr häufig die unangenehmen Arbeiten gemacht.

Ausgeschlossen bei der Bildung des bekommen -Passivs sind transitive Verben, bei denen Dativkomplement als Reflexivum realisiert ist:

(5) *Er bekommt von sich die Frage gestellt.

zu

(5a) Er stellt sich die Frage.

2) bekommen -Passiv bei Verben mit Akkusativkomplement und nicht personalem Dativkomplement:

(6) Das aber würde bedeuten, dass ein Element, das (…) in der Oberflächenausprägung (I) den syntaktischen Status einer freien Angabe zugeschrieben erhielte (…).

3) bekommen -Passiv bei Verben ohne Akkusativkomplement (hier handelt es sich um Handlungsverben):

(7) Dass sie von den Andern doch nicht schneller geholfen bekamen.

Ein Beispiel mit einem Pertinenzdativ und einem Direktivkomplement:

(8) Hans bekam ins Gesicht geschlagen/in den Magen geboxt.

Die Konstruktionen mit Pertinenzdativ und Subjekt oder Pertinenzdativ, Subjekt und Situativkomplement von der Dativ-Konversion ausgeschlossen:

(9) *Er bekam vom Rücken wehgetan.

zu

(9a) Der Rücken tat ihm weh.

(10) *Er bekam vom Eintopf im Magen gelegen.

zu

(10a) Der Eintopf lag ihm im Magen.

Ausgeschlossen ist auch die Konversion eines Dativus incommodi bei transitiven Bewegungsverben, die nur in markierten Fällen ein Eintakt-Passiv mit werden zulassen:

(11) *Er bekam (von ihr) davongelaufen.

zu

(11a) Sie lief ihm davon.

(12) *Er bekam (von den Glühbirnen) ausgegangen.

zu

(12a) Die Glühbirnen gingen ihm aus.

Die gelegentliche umgangssprachliche Verwendung eines bekommen -Passivs zu Verben ohne Dativkomplement ist – meist mit ironisierendem Unterton - möglich:

(13) Jetzt bekommst du gleich geschimpft.

Leirbukt (1997:135) schreibt, dass bei der Erörterung der Problematik der Restriktionen des bekommen -Passivs man offenbar vom Aktivsatz ausgehen muss. Er versucht die Restriktionsregularitäten aufgrund der semantischen Analyse der im bekommen -Passiv ausscheidenden Verben sowie aufgrund einiger Eigenschaften der mit den Verben verbundenen Größen wie Agens, Dativ und Akkusativobjekt zu erhellen. Bei seiner Untersuchung werden die Verben in drei Verbbereiche eingeteilt (Leirbukt 1997:142):

- Verbbereich 1: intransitive Verben mit Dativ
- Verbbereich 2: Transitiva mit Dativus commodi/incommodi
- Verbbereich 3: Transitiva , bei denen kein Dativus commodi/incommodi ansetzbar ist

Für Gruppen von Verben mit Dativ, bei denen das bekommen -Passiv von vornherein ausscheidet, setzt Leirbukt keinen Verbbereich an – das gilt z.B. für intransitive Verben mit Dativus incommodi wie in seinem Beispiel (Leirbukt 1987: 109):

(14) Der Zug ist meinem Bruder davongelaufen.

Zusammenfassend sagt er (Leirbukt 1997: 230), dass der Intransitivitätsbereich durch relativ klare Restriktionsverhältnisse gekennzeichnet ist. Etwas komplizierter stehen die Dinge bei den Transitiva. Bei Verben mit Dativus (in)commodi ist [+statisch] ein ziemlich klares Relationskriterium. Bei Transitiva mit subjektfähigem Dativobjekt sind neben der Zugehörigkeit zu den generellen Bedeutungsmustern auch Eigenschaften des Agens, des Dativs und des Dativobjekts für die Bildbarkeit des bekommen -Passivs relevant. Leirbukt hat im Bereich der Transitiva hinsichtlich der Nichtbildbarkeit oder der Zulässigkeit des bekommen -Passivs mehr Idiosynkrasie feststellen können als in jenem der Intransitivität. Generell gilt, dass nur notwendige Bedingungen für die Bildbarkeit der Konstruktion angebbar sind, hinreichende Bedingungen lassen sich aber nicht formulieren.

[...]


[1] Alle Beispiele hier von Zifonun u.a. oder von Zifonun u.a. zitiert.

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Details

Titel
Das bekommen-Passiv im Deutschen
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Fachbereich Literatur- und Sprachwissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar: Diathesen
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V44776
ISBN (eBook)
9783638423076
ISBN (Buch)
9783638763486
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschen, Hauptseminar, Diathesen, Passiv, bekommen-Passiv, Grammatikalisierung, Dativpassiv, Rezipientenpassiv, indirektes Passiv, Passivperiphrase, Passivform, Passivformen, Verb, Verben, Verbformen, Grammatik, deutsche Grammatik
Arbeit zitieren
Maxim Pimanyonok (Autor), 2004, Das bekommen-Passiv im Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44776

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