In der Nacht vom neunten auf den zehnten Mai 1940 nahm der „unerwartete“ Krieg Deutschlands gegen die Niederlande seinen Anfang. „Unerwartet“- so behaupten die damals führenden Köpfe in Politik und Militär der Niederlande. Doch diese Entschuldigung für die zu jener Zeit versäumten Vorsichtsmaßnahmen läßt der niederländische Professor L. Mok nicht gelten. In seinem Buch „collaboratie: personen en patronen“ vertritt er die Auffassung, daß aufgrund der offensichtlich äußerst aggressiven Art des nationalsozialistischen Regimes, welche sich zuletzt im Überfall auf Dänemark und Norwegen im April 1940 bestätigt hatte, mit einem Einfall auch in die Niederlande gerechnet werden mußte. Trotzdem wich die Regierung nicht von ihrer Neutralitätspolitik ab, blieb selbst nach Curchills Aufruf zu „united action“ im Januar 1940 „standhaft“. Statt dessen vertraute sie dem deutschen Außenminister Ribbentrop, der in einer Erklärung „die niederländische Neutralität garantierte.“ 1 Selbst als der niederländische Militärattaché in Berlin genauere Angaben bezüglich des Datums des zu erwartenden Einfalls machen konnte, und die Gefahr eines Überfalls durch die Deutschen auch vom Vatikan bestätigt wurde, wurden keine beziehungsweise kaum notwendige Maßnahmen getroffen. Prof. L. Mok stellt aufgrund dieser Tatsachen die Frage, ob die damaligen Minister „wirklich so naiv“ waren oder „den wirklichen Charakter des Nationalsozialismus nicht erkennen wollten?“ 2 Rückte für sie aufgrund der Begeisterung über die wirtschaftlichen Erfolge in Deutschland der aggressive Charakter und somit die Bedrohung in den Hintergrund? Denn von Unkenntnis über die Schattenseiten des nationalsozialistischen Regimes kann keine Rede sein, fand doch eine „freudige Zusammenarbeit (...) zwischen der deutschen Sicherheitspolizei und der niederländischen Polizei in Bezug auf die Flüchtlinge aus Deutschland (...) schon seit Jahren statt.“ 3 Im Zuge dieser Zusammenarbeit wurden sowohl linksgesinnte als auch jüdische Flüchtlinge nach Deutschland zurückdeportiert. Selbst in der Nacht vom neunten auf den zehnten Mai, auf welche Militärattaché Sas den deutschen Einfall datiert hatte, herrschte im „Allgemeinen Hauptquartier der niederländischen Armee eine gleichgültige Stimmung.“ 4 Die verantwortlichen Offiziere verließen dieses sogar. Auch von Seiten des Oberbefehlshabers der niederländischen Armee, General H.G. Winkelman, wurde es versäumt, die in Anbetracht der bedrohlichen Lage notwendigen Instruktionen zu geben. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Neutralitätspolitik oder Kollaboration avant la lettre
2. Fortgesetzte Regierungskollaboration
3. Reaktionen in konservativ-bürgerlichen Kreisen
4. Die Nederlandse Unie
5. Reaktionen der Parteien
6. Kleinere faschistische Parteien vor 1941
6.1 Die Nationaal Front
6.2. Die Nationaal-Socialistische Arbeiderspartijen
6.3 Die Nationaal-Socialistische Beweging in Nederland
6.3.1 Die Entwicklung der Partei bis zum Mai 1940
6.3.2 Die Rolle der NSB während der ersten Phase der Besatzung
6.3.3 Die veränderte Rolle der NSB während der zweiten Phase der Besatzung
6.3.4 Die NSB während der letzten Phase der Besatzung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die unterschiedlichen Ausprägungen der politischen Kollaboration innerhalb der niederländischen Bevölkerung während der deutschen Besatzungszeit zwischen 1940 und 1945. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie verschiedene gesellschaftliche Institutionen, Parteien und Führungspersönlichkeiten auf die neue politische Realität reagierten, welche Motive ihrem Handeln zugrunde lagen und in welchem Maße sie mit der Besatzungsmacht kooperierten.
- Die Rolle der administrativen Zusammenarbeit der niederländischen Beamtenschaft (Secretarissen-Generaal).
- Die Entstehung und das Scheitern der Einheitsbewegung "Nederlandse Unie".
- Das Verhalten etablierter politischer Parteien und deren Anpassungsversuche.
- Die Entwicklung faschistischer Gruppierungen, insbesondere der "Nationaal-Socialistische Beweging in Nederland" (NSB).
- Die Analyse von Motiven wie politischem Opportunismus, Angst vor Annexion und dem Streben nach politischem Einfluss unter deutschen Bedingungen.
Auszug aus dem Buch
6.3.2 Die Rolle der NSB während der ersten Phase der Besatzung
Auf die negativen Erfahrungen, auf welche hier nicht näher eingegangen werden soll, die Hitler mit dem sich eigenmächtig zum Regierungsleiter Norwegens erklärten Vidkin Quisling im April 1940 gemacht hatte, läßt sich vermutlich die in den Niederlanden anfänglich verfolgte Nazifizierungspolitik Seyss-Inquarts zurückführen. Diese Politik sah keinesfalls eine Berücksichtigung der NSB bei der Bildung einer neuen Regierung vor, ganz zu schweigen von einer Machtübernahme durch Mussert. Dieser fühlte sich nach dem deutschen Einfall durch die Tatsache brüskiert, daß Hitler nicht auf ihn zukam, um mit ihm über das künftige Schicksal des niederländischen Volkes zu beraten. Stattdessen bevorzugten es die Deutschen, sich an den Vertreter des „Groß-Germanischen-Flügels“ innerhalb der NSB, Rost van Tonningen, zu wenden. Bei einem ersten Treffen am 2. Juni 1940 zwischen diesem, dem Reichskommissar und Heinrich Himmler kam man neben der Einsetzung gegen Mussert gesinnter Parteigenossen in hohe staatliche Positionen über die Bildung einer niederländischen Einheit innerhalb der Waffen-SS überein.
Über letzteren Beschluß zeigte sich Mussert entsetzt, dieses Unterfangen trug für ihn das Stigma des Landesverrats. Der Parteivorsitzende, der auch weiterhin an seinen Pläne bezüglich der Gründung eines Groß-Niederländischen Reiches festhielt, bewies vor allem in der Anfangsperiode der Besatzungszeit „seine Naivität und wishful thinking: Nicht in der Lage, das Spiel zu durchschauen, daß mit ihm gespielt wurde, meinte er, daß die taktischen Manöver des Besatzers ohne das Wissen Hitlers stattfanden, oder daß es ein notwendiges Stadium war, bevor seine Partei durchbrechen konnte.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Neutralitätspolitik oder Kollaboration avant la lettre: Beleuchtet das Festhalten an der Neutralitätspolitik trotz absehbarer deutscher Aggression und die bereits vor der Besatzung bestehende administrative Zusammenarbeit mit dem NS-Regime.
2. Fortgesetzte Regierungskollaboration: Analysiert die Rolle der Generalsekretäre, die nach der Flucht der Regierung in London die Verwaltung unter der Kontrolle des Reichskommissars aufrechterhielten.
3. Reaktionen in konservativ-bürgerlichen Kreisen: Beschreibt die Enttäuschung konservativer Kreise über das parlamentarische System und die daraus resultierende politische Anpassung an die neue Besatzungssituation.
4. Die Nederlandse Unie: Untersucht die Entstehung und den massiven Zulauf der Einheitsbewegung, die trotz ihres "konturlosen" Auftretens als Sammelbecken für unterschiedliche politische Interessen diente, bis sie schließlich von den Deutschen verboten wurde.
5. Reaktionen der Parteien: Dokumentiert das Scheitern der traditionellen Parteien, nach der Besatzung eine legale Rolle zu spielen, und deren anschließende Auflösung durch die deutsche Besatzungsmacht.
6. Kleinere faschistische Parteien vor 1941: Analysiert die Splittergruppen des niederländischen Faschismus und deren verzweifelte Versuche, Einfluss zu gewinnen, während sie gleichzeitig die NSB als dominierende Partei kritisch beäugten.
6.1 Die Nationaal Front: Beschreibt die Geschichte der Zwart Front bzw. Nationaal Front und deren Scheitern an den widersprüchlichen Zielen der deutschen Besatzungsmacht.
6.2. Die Nationaal-Socialistische Nederlandse Arbeiderspartijen: Erläutert die Existenz der nach deutschem Vorbild agierenden NSNAP-Parteien, die in der Bevölkerung aufgrund ihrer imitatorischen Natur auf Unverständnis stießen.
6.3 Die Nationaal-Socialistische Beweging in Nederland: Ein Überblick über die Entstehung und Entwicklung der NSB seit 1931 als Hauptkraft des niederländischen Faschismus.
6.3.1 Die Entwicklung der Partei bis zum Mai 1940: Beschreibt die ideologischen Wurzeln und die politischen Rückschläge der NSB unter der Führung von Adriaan Mussert vor Beginn der deutschen Besatzung.
6.3.2 Die Rolle der NSB während der ersten Phase der Besatzung: Analysiert das gestörte Verhältnis zwischen Hitler und Mussert sowie die Marginalisierung der NSB in den ersten Monaten nach dem Einfall.
6.3.3 Die veränderte Rolle der NSB während der zweiten Phase der Besatzung: Dokumentiert, wie die NSB nach dem Scheitern der "Nederlandse Unie" für administrative Zwecke und Rekrutierungen instrumentalisiert wurde.
6.3.4 Die NSB während der letzten Phase der Besatzung: Beschreibt den moralischen und organisatorischen Niedergang der NSB sowie die Verhaftung und Verurteilung ihrer Führungspersönlichkeiten nach Kriegsende.
Schlüsselwörter
Kollaboration, Niederlande, Besatzungszeit, Nationalsozialismus, Seyss-Inquart, NSB, Adriaan Mussert, Nederlandse Unie, Besatzungsmacht, Generalsekretäre, Widerstand, Faschismus, politische Anpassung, Zweiter Weltkrieg, Verwaltung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der politischen Zusammenarbeit (Kollaboration) der niederländischen Akteure mit der deutschen Besatzungsmacht während des Zweiten Weltkriegs.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Verwaltungskollaboration durch die Generalsekretäre, dem Versuch der Einheitsbewegung "Nederlandse Unie", sowie der politischen Rolle verschiedener faschistischer Parteien, allen voran der NSB.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Motive und die verschiedenen Formen der Kollaboration zu dekonstruieren und aufzuzeigen, wie unterschiedliche Gruppierungen versuchten, im besetzten Land politisch relevant zu bleiben.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die auf einer umfassenden Auswertung zeitgenössischer Quellen und der Sekundärliteratur zu den Themen Besatzung und Kollaboration basiert.
Was wird im Hauptteil des Buches behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Untersuchung der administrativen Zusammenarbeit, der Reaktionen bürgerlicher Kreise, des Scheiterns politischer Parteien sowie der detaillierten Geschichte faschistischer Parteien vor und während der Besatzung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kollaboration, Niederlande, NSB, Adriaan Mussert, Besatzung, politische Anpassung, Einheitsbewegung und Verwaltungsapparat sind die zentralen Begriffe.
Warum gelang es der NSB trotz intensiver Bemühungen kaum, die niederländische Bevölkerung zu überzeugen?
Die NSB war in der Bevölkerung stark verhasst und wurde oft als "volksverräterisch" angesehen. Zudem stießen ihre ideologischen Ziele, wie der Anschluss an Deutschland, auf massiven Widerstand.
Welche Rolle spielte die "Nederlandse Unie" in der Besatzungszeit?
Die Unie fungierte als kurzzeitige Einheitsbewegung, die einen "dritten Weg" zwischen traditionellen Parteien und radikalem Nationalsozialismus suchte, letztlich jedoch am Druck der Besatzer und internen Widersprüchen scheiterte.
Was passierte mit den ehemaligen jüdischen Beamten während der Besatzung?
Auf Druck der deutschen Besatzungsmacht und unter Mithilfe des niederländischen Verwaltungsapparates wurden jüdische Beamte im Jahr 1940 suspendiert und 1941 entlassen.
Wie endete die Karriere von Adriaan Mussert, dem Parteivorsitzenden der NSB?
Mussert wurde nach der Kapitulation 1945 verhaftet, wegen Landesverrats zum Tode verurteilt und im Mai 1946 hingerichtet.
- Quote paper
- Angela Schaaf (Author), 2005, Die politische Kollaboration der niederländischen Bevölkerung während der Besatzungszeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44812