Das Schuldmotiv bei Wolfdietrich Schnurre am Beispiel der Kurzgeschichten "Die Tat" und "Auf der Flucht"


Hausarbeit, 2003

15 Seiten, Note: gut


Leseprobe

1. Einleitung

Wolfdietrich Schnurre gehört zu den bekanntesten deutschen Nachkriegsautoren. Er wird am 22. August 1920 in Frankfurt am Main geboren und zieht Ende der 20er Jahre nach Berlin um. Nach abgeschlossenem Volksschul- und Gymnasiumsbesuch wird er ab 1939 Soldat im Zweiten Weltkrieg. Er bleibt bis 1945 in der Armee, zuletzt in einer Strafkompanie. 1945 kehrt er nach Ost-Berlin zu seinem Vater zurück. Dort wird er zunächst Volontär in der Redaktion des Ullstein-Verlags. Nachdem der sowjetische Kulturoffizier die Publikation in westlichen Zeitschriften untersagte, zieht Schnurre nach West-Berlin. Dort begründet er zusammen mit Hans-Werner Richter und Alfred Andersch 1947 die literarische „Gruppe 47“.

„Er veröffentlicht in der Presse Kurzgeschichten im Stil der anglo-amerikanischen ‚short story’, aber auch Novellen, Erzählungen und Gedichte, in denen er sein Kriegs- und Nachkriegserleben dokumentiert.“[1]

In den Jahren ab 1950 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Seine veröffentlichten Sammlungen „Die Rohrdommel ruft jeden Tag“ (1950), „Eine Rechnung, die nicht aufgeht“ (1958) und „Als Vaters Bart noch rot war. Ein Roman in Geschichten“ (1958) schildern seine Erlebnisse in der Kriegs- und Nachkriegszeit.

Ab 1959 ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 1962 veröffentlicht er den Bildband „Berlin. Eine Stadt wird geteilt.“

Im Jahr 1965 begeht Schnurres Frau Eva Selbstmord. Für Schnurre, der über seine Frau sagte: „Aus unserer Ehe sind elf Bücher hervorgegangen, keins denkbar ohne meine Frau, keins denkbar ohne Berlin“ ein schwerer Verlust.

1967 wird das Kinderbuch „Die Zwengel“ veröffentlicht, elf Jahre später die autobiografischen Aufzeichnungen „Der Schattenfotograf“. 1981 erscheint der Roman „Ein Unglücksfall“. Schnurre erhält im gleichen Jahr das Bundesverdienstkreuz. 1983: Schnurre wird mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Am 9. Juni 1989 stirbt Wolfdietrich Schnurre im Alter von 68 Jahren in Kiel.

Im Werk Schnurres findet sich sehr häufig das Thema Schuld als zentraler Begriff. Im Folgenden möchte ich „Schnurres Grundkonstante“[2] ein wenig näher betrachten. Da es den Rahmen einer Seminararbeit sprengen würde, das Thema Schuld im gesamten Werk Schnurres zu beleuchten[3], möchte ich meine Arbeit an zwei Beispielen orientieren, und zwar an den beiden Kurzgeschichten „Die Tat“[4] und „Auf der Flucht“. Ziel dieser Arbeit ist es, das Motiv „Schuld“ bei Schnurre an diesen Werken zu belegen und die Art der Schuld, welche Schnurre thematisiert, zu konkretisieren. Dazu möchte ich in kurzer Form den Inhalt der Kurzgeschichten wiedergeben, gegebenenfalls die Struktur erläutern und den Begriff der Schuld an beiden Beispielen beleuchten.

2. Die Kurzgeschichte „Die Tat“

2.1. Hintergrund der Kurzgeschichte

„’Die Tat’ ist ein frühes literarisches Zeugnis für Schnurres lebenslang anhaltende intensive Beschäftigung mit der Schuld-Thematik.“[5]

Dabei greift er auf seine eigene traumatische Erfahrung zurück, die er nach eigenen Angaben in dieser Kurzgeschichte zu bewältigen versuchte, wobei es sich um einen Katzenmord in seinen Kindertagen[6] handelte.

Die Erzählung wurde am 15.12.1946 erstmals im „Ruf“ veröffentlicht. 1950 erscheint eine weitere Fassung in „Die Rohrdommel ruft jeden Tag“. Bis 1958 wird sie noch erzähltechnisch überarbeitet und entfernt sich zunehmend von der im Krieg angesiedelten Erzählperspektive.

2.2. Inhalt der Kurzgeschichte

Ein Arzt tritt zu einem gerade eingelieferten Unfallopfer um dessen Personalien herauszufinden. Der Patient, ein Anwalt, erzählt von einem Gespräch, das er einige Wochen zuvor mit einem Spätheimkehrer in seiner Kanzlei hatte. Dieser hatte ihm wiederum die Geschichte des Unteroffiziers Zabel erzählt, welcher im Alter von 8 Jahren zusammen mit seinem etwas älteren Freund am grausamen Mord an einer tragenden Katze beteiligt war, die ihm daraufhin als Zeichen seines Schuldgefühls ständig erscheint. Als Soldat im Krieg schafft er es, unter Einsatz seines eigenen Lebens, einer Katze das Leben zu retten. Zwar bringt dies seinem Gewissen Erleichterung, jedoch wird er wegen Befehlsverweigerung und Wehrdienstentzug zu zwei Jahren Gefängnis und einem Jahr Strafkolonie verurteilt. Hier schließt sich der Kreis. Der Spätheimkehrer entpuppt sich als ehemaliger Kamerad Zabels. Er beherbergte die gerettete Katze und wurde deshalb ebenfalls in die Strafkolonie versetzt. Dort vertraut Zabel ihm seine Geschichte an. Kurz darauf wird Zabel bei einer erneuten Rettung der Katze von einer Mine getötet.

Der Anwalt war damals der Richter, welcher das Urteil über Zabel verhängte. Nach dem Besuch des Spätheimkehrers wird auch, er wie vorher Zabel von der Vision einer Katze verfolgt, was schließlich zu seinem Unfall führte.

2.3. Struktur der Kurzgeschichte

2.3.1. Zeitebenen der Kurzgeschichte

Die Kurzgeschichte „Die Tat“ weist einige Zeitsprünge aus. Um systematisch vorzugehen zu können, empfiehlt es sich daher die in der Kurzgeschichte geschilderten Begebenheiten in chronologische Reihenfolge zu bringen, beginnend mit dem, von der Erzählgegenwart ausgehend, am weitesten zurückliegenden.

„Dem Katzenmord – ich kennzeichne diesen Punkt mit der Ziffer (1) – folgt die Phase der inneren Zerrüttung, der Selbstzerwürfnisse Zabels, (2). Ihr Ergebnis ist die Rettung der Katze (3), die die Verurteilung zu Gefängnis und Strafbataillon für die beiden Kriegskameraden nach sich zieht (4). Unter die Ziffer (5) ordne ich den Tod Zabels nach, ihm folgen unter (6) das Gespräch zwischen Heimkehrer und Anwalt und unter (7) der Unfall des Anwalts und das hierdurch veranlaßte (sic!) Gespräch zwischen Arzt und Anwalt. (…) Die chronologisch lineare Ereignisfolge umgreift einen Zeitraum von ungefähr vierzig Jahren. Diesen vierzig Jahren erzählter Zeit stehen die dreißig Minuten Erzählzeit gegenüber, die die Erzählung des Anwalts beansprucht. Aller Chronologie spottend beginnt die Erzählung am Schlußglied (!) der Ereigniskette, schreitet in eigenwilliger Weise die verschiedenen Erzählphasen ab und endet am Ausgangspunkt, den Kreisbogen wieder schließend:

Arzt-Anwalt-Gespräch (7), Heimkehrer-Anwalt-Gespräch (6), Rettung der Katze (3), noch einmal Rückkehr zum Heimkehrer-Anwalt-Gespräch (6), dann Strafbataillonzeit (4), von hier aus die tief in die Vergangenheit schreitende Erzählung vom Katzenmord (1), (4), (1), (4), die unterbrochen und dann abgeschlossen wird durch Rückgriffe auf die Strafbataillonzeit, von hier aus noch einmal in die Vergangenheit strebend: Zabels Zerrüttung (2) und schließlich wieder über die Strafbataillonzeit (4), Zabels Tod (5) und das Heimkehrer-Anwalt-Gespräch (6) zur Ausgangssituation, dem Gespräch zwischen dem Verunglückten und dem Arzt (7).“[7]

[...]


[1] http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/SchnurreWolfdietrich/

[2] Adelhoefer, 1990, Seite V

[3] Bauer (1996) widmet sich dem vollständigen Werk Schnurres und dem Begriff der Schuld, den dieser darin thematisiert. Dabei handelt es sich nicht um eine Seminararbeit, sondern um eine vollständige Dissertation an der Universität München.

[4] In Adelhoefer (1990) findet sich im Inhaltsverzeichnis (Seite V) die Überschrift: „Schuld: Schnurres Grundkonstante / Die Tat“.

[5] Bauer, 1996, Seite 43.

[6] vgl. ebd., Seite 43.

[7] Kalex, 1970, Seite 64 f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Schuldmotiv bei Wolfdietrich Schnurre am Beispiel der Kurzgeschichten "Die Tat" und "Auf der Flucht"
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Grundkurs Literaturwissenschaft
Note
gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V44833
ISBN (eBook)
9783638423519
ISBN (Buch)
9783638791069
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schuldmotiv, Wolfdietrich, Schnurre, Beispiel, Kurzgeschichten, Flucht, Grundkurs, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Stefan Altschaffel (Autor), 2003, Das Schuldmotiv bei Wolfdietrich Schnurre am Beispiel der Kurzgeschichten "Die Tat" und "Auf der Flucht", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44833

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