Digitale Trends in der Raumentwicklung. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die räumliche Entwicklung von Darmstadt?


Fachbuch, 2019
76 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung

2 Struktur und Methodik
2.1 Literaturrecherche
2.2 Experteninterviews

3 Digitalisierung und Raum
3.1 Digitalisierung
3.2 Raum und räumliche Entwicklung

4 Auswirkungen der Digitalisierung auf den Raum
4.1 Wirtschafts- und Erwerbsstrukturen
4.2 Mobilität und Verkehrsverflechtungen
4.3 Siedlungsstruktur
4.4 Raumplanung und Raumordnung

5 Praxisbeispiel Wissenschaftsstadt Darmstadt
5.1 Stand der Digitalisierung in der Wissenschaftsstadt Darmstadt
5.2 Bisherige Auswirkungen
5.3 Aktuelle Entwicklungen - Die Digitalstadt Darmstadt
5.4 Zukünftige Entwicklungen

6 Fazit und Handlungsempfehlungen
6.1 Fazit
6.2 Handlungsempfehlungen
6.3 Weiterer Forschungsbedarf

Quellenverzeichnis

Anlagen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Breitbandversorgung 50 Mbit/s im Bundesgebiet und in Hessen

Abbildung 2: Raumwirksamkeit von Logistikzentren, Beispiel Amazon-Lager in Bad Hersfeld

Abbildung 3: CityTree, Foto von greencity solutions

Abbildung 4: Darmstadt-App

Abbildung 5: DA ist was! Mängelmelder-Plattform

1 Einführung

Mit dem Aufkommen der modernen Informationstechnologie haben sich in kürzester Zeit die verschiedensten Lebensbereiche grundlegend gewandelt. Das Internet ist zum ständigen Begleiter geworden, die Industrie 4.0 verspricht individuell angepasste Produkte für jedermann und soziale Kommunikationsformen haben sich binnen kürzester Zeit gravierend verändert.

Viele der im Zusammenhang mit der Digitalisierung stehenden Transformationsprozesse haben hierbei direkte sowie indirekte Auswirkungen auf räumliche Entwicklungen. Oft genannte Beispiele sind der Onlinehandel, welcher den stationären Einzelhandel zunehmend verdrängt, die neue, vernetzte und intermodale Mobilität oder die Änderung von Wohnstrukturen durch Plattformen wie Airbnb. Hinzu kommen durch die Digitalisierung bedingte wirtschaftliche Disruptionen, welche direkte Auswirkungen auf Wirtschafts- und Erwerbsstrukturen haben. Auch aktuelle Megatrends wie das Internet der Dinge, vernetzte Sensoren und die Industrie 4.0 können den Raum in Zukunft prägen. All diese kurz angeschnittenen Prozesse sind mannigfaltig und interdependent. Sie gilt es zu analysieren, um bevorstehende Herausforderungen und Entwicklungen besser abschätzen zu können. Im Englischen illustriert der Begriff des „Cyberspaces“ hierbei wunderbar die Räumlichkeit des Digitalen.

Die Stadt Darmstadt eignet sich aufgrund mehrerer Faktoren besonders für eine praxisnahe Analyse. Sie hat sich in ihrer jüngeren Geschichte proaktiv dem digitalen Wandel zugewandt und ist Heimat von zahlreichen (inter-)national renommierten Forschungseinrichtungen, die wichtiges Wissen und Informationen zur digitalen Transformation beisteuern können. Jüngst wurde im Dezember 2017 zudem die Digitalstadt Darmstadt GmbH als Teil des städtischen Unternehmensverbundes gegründet, um zukünftigen digitalen Projekten die nötige Struktur zu geben und diesen Ansprechpartner zur Seite stellen zu können. Es ist von vielfältigen Auswirkungen der Digitalisierung auf die zukünftige Entwicklung der Stadt Darmstadt auszugehen.

Ausgehend von diesen Überlegungen sollen in dieser Arbeit folgende Forschungsfragen beantwortet werden:

- Wie ist der Stand der Digitalisierung heute in der Bundesrepublik Deutschland im Allgemeinen und in der Wissenschaftsstadt Darmstadt im Speziellen? Wie sind die erfolgten Transformationen im zeitlichen Kontext einzuordnen?
- Welche räumlichen Auswirkungen der Digitalisierung sind festzustellen? Wie, wo und in welcher Ausprägung zeigen sich diese in der Wissenschaftsstadt Darmstadt?
- Welche weiteren Entwicklungen sind absehbar? Welche Handlungsempfehlungen lassen sich formulieren?

2 Struktur und Methodik

Als Annäherung an die Thematik der Thesis werden im ersten Teil „Digitalisierung und Raum“ zunächst Begriffsabgrenzungen und Definitionen vorgenommen. Verschiedene Auffassungen des Digitalisierungsbegriffs werden diskutiert und neben das Konzept der Raumentwicklung in Deutschland gestellt. Hier werden auch Instrumente der Raumentwicklung erläutert, um bei der Erarbeitung von Handlungsempfehlungen auf bestehende Ansätze zurückgreifen zu können. Zur weiteren Einordnung wird der Stand der Digitalisierung in der Bundesrepublik dargelegt und ein kurzer zeitlicher Abriss gegeben; ferner wird auf den Stadtbegriff und das aktuelle Buzzword „Smart City“ eingegangen.

Im zweiten Teil werden allgemeine Auswirkungen der Digitalisierung auf raumrelevante Themenbereiche aufbereitet und analysiert. Hierzu werden die Themenbereiche „Wirtschafts- und Erwerbsstrukturen“, „Mobilität und Verkehrsverflechtungen“, „Siedlungsstrukturen“ und „Raumordnung und -planung“ gewählt, um ein möglichst breites Spektrum abzudecken. Die Auswirkungen sollen national und zum Teil international betrachtet werden, um in Bezug auf das Praxisbeispiel Darmstadt eine bessere Einordnung der dortigen Auswirkungen im Gesamtbild zu ermöglichen. Hierbei werden alle Auswirkungen in einem städtischen Kontext thematisiert; der ländliche Raum wird innerhalb dieser Arbeit nicht behandelt.

Im dritten Teil „Praxisbeispiel Darmstadt“ wird zunächst der Stand der Digitalisierung in Darmstadt erläutert, um davon ausgehend bereits stattgefundene, aktuelle und zukünftige Entwicklungen aufzuzeigen. Hierbei soll auch überprüft werden, inwiefern die Stadt auf prognostizierte Auswirkungen vorbereitet ist.

Im vierten Teil „Fazit und Handlungsempfehlungen“ werden die zuvor erarbeiteten Erkenntnisse resümiert und Handlungsempfehlungen für unterschiedliche Zielgruppen abgeleitet.

Aus einem methodischen Gesichtspunkt stützt sich die vorliegende Arbeit auf eine breit angelegte Literaturrecherche und Experteninterviews mit Vertretern der Planung und Forschung.

2.1 Literaturrecherche

Eine umfängliche Literaturrecherche dient dem Überblick des bearbeiteten Themenkomplexes und dem Zusammentragen von bereits existentem Wissen. Für diese Arbeit wurde zunächst vor Ort im Präsenzbestand der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt nach wissenschaftlicher Literatur recherchiert, um einen allgemeinen Eindruck der Thematik zu bekommen. Ergänzend wurden die Online-Bestände der Bibliothek sowie Strategiepapiere und andere Veröffentlichungen der zuständigen Ministerien und Bundesinstitute verwendet. Gerade im Hinblick auf aktuelle Themen stützt sich diese Arbeit zudem auf eine breite Internetrecherche im Bereich von Online-Angeboten großer Tages- und Wochenzeitungen, Mediatheken von Radio- und Fernsehsendern und diversen Blogs.

Während die raumwissenschaftliche Literatur gut sortiert und in sich schlüssig ist, Veröffentlichungen von Institutionen mit klar abgegrenzten Zuständigkeitsbereichen publiziert werden und der Diskurs im Allgemeinen sehr „verwissenschaftlicht“ ist, bringt das Themenfeld der Digitalisierung eine schier unüberblickbare Menge an Fachbüchern, Artikeln, Studien und Berichten zu Tage. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass nicht nur viele Wissenschaften und Institute Interesse an der Erforschung dieses Themenkomplexes haben, sondern auch die Industrie, Wirtschaftsverbände, internationale Organisationen und nicht zuletzt die Politik. Dass alleine von 2014-2017 eine koordinierende Digitale Agenda, die Netzallianz Digitales Deutschland, das Aktionsprogramm DE.Digital, die Plattform Digitale Netze, die Modellvorhaben MOROdigital und weitere Programme mit der entsprechenden wissenschaftlichen Begleitung gestartet wurden, soll zeigen, in welchem Umfang Material bereits nur von der administrativen Seite vorhanden ist. Hinzu kommen Unternehmens- und Wirtschaftsverbände und private wie staatliche Forschungseinrichtungen.

Aufgrund der besonderen Praxisrelevanz und dem gesamtheitlichen Charakter der Raumplanung wurde versucht, Literatur von möglichst vielen relevanten Akteuren zu verwenden und miteinander zu verschneiden, um einen allgemeinen Überblick über die raumrelevanten Aspekte zu erhalten. Dieses Vorgehen soll das Beschreiben von einseitigen Interessen verhindern.

2.2 Experteninterviews

Es wurden mehrere Experteninterviews durchgeführt, um aktuelle und praxisnahe Informationen zu erhalten. Hierfür wurden sowohl Planungs- und Unternehmensvertreter der Stadt Darmstadt als auch in der aktuellen Forschung involvierte Wissenschaftler interviewt, um eine vielseitige Einschätzung der Entwicklungen zu erhalten.

In einem Interview mit einem/r Stadtentwicklungsexperten*in der Stadt Darmstadt wurden die allgemeinen räumlichen Auswirkungen der Digitalisierung diskutiert und in einen stadtplanerischen Zusammenhang am Beispiel der Stadt Darmstadt gebracht.

Ein Interview mit einem/r Vertreter*in der Digitalstadt Darmstadt GmbH thematisierte die Agenda und die Aufgaben der Digitalstadt Darmstadt GmbH und die räumlichen Auswirkungen dieser.

Zwei Vertreter*innen eines ortsansässigen Mobilitäts- und Verkehrsunternehmens, der HEAGmobilo, wurden im Speziellen zu den räumlichen Auswirkungen der digitalen Mobilität befragt. Die HEAGmobilo ist der Betreiber des öffentlichen Personennahverkehrs in Darmstadt und Umgebung und nach eigenen Angaben der führende Mobilitätsdienstleister in Südhessen.

Ein Experteninterview mit einem/r Wissenschaftler*in des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation brachte Erkenntnisse zur Bedeutung der Forschung im Themenkomplex Stadtplanung und Digitalisierung, aktuellen Pilotprojekten und möglichen zukünftigen Entwicklungen.

Ein weiteres Interview mit einem/r Wirtschaftswissenschaftler*in des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung wurde zur Thematik Folgen der Digitalisierung im Hinblick auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit durchgeführt; insbesondere wurde auf den Wandel des Arbeitsmarktes und damit einhergehende Veränderungen eingegangen.

Die Einschätzungen der Experten ergänzen in dieser Arbeit die Literatur und sind insbesondere in „Kapitel 5: Praxisbeispiel Wissenschaftsstadt Darmstadt“ Grundlage vieler analysierter aktueller Entwicklungen. Die Fragen der einzelnen Experteninterviews sind im Anhang dokumentiert.

Abschließend soll erwähnt werden, dass die „Auswirkungen“ der „Digitalisierung“ alleine schon aufgrund der weit gefassten Begriffsdefinitionen nicht in ihrer Gesamtheit zu beschreiben sind. Die Annahme, dass sich die Beschreibung und Analyse mehrerer Einzelprozesse zu einem Gesamtbild zusammenfügt, soll Abhilfe schaffen. Ein Vollständigkeitsanspruch kann daher nicht erhoben werden; vielmehr wird davon ausgegangen, dass eine Ergänzung der vorliegenden Untersuchungen um weitere Prozesse zu einem besseren Gesamtbild beitragen würde.

3 Digitalisierung und Raum

Im Kapitel „Digitalisierung und Raum“ sollen zunächst die Grundlagen erläutert werden, auf denen die spätere Analyse der räumlichen Auswirkungen aufbaut. Hierbei spielt sowohl der Digitalisierungsbegriff als auch der Begriff des Raumes / der räumlichen Entwicklung eine große Rolle, weshalb diese umfassend erläutert werden. Um das Beschriebene in einen größeren Zusammenhang zu stellen, wird in diesem Kapitel auch der aktuelle Stand der Digitalisierung in Deutschland beschrieben und in einen zeitlichen Kontext eingeordnet.

3.1 Digitalisierung

Die Digitalisierung ist ein Oberbegriff, unter dem zahlreiche Prozesse von Mikro- bis Makroebene subsumiert werden können. Im engsten Sinn bezeichnet Digitalisierung die Überführung von „Eigenschaften phyischer Objekte in (...) aneinandergereihte[n] Sequenzen aus „1“ und „0““(Neugebauer, 2018, S. 9). So wird beispielsweise ein Bild durch Einscannen „digitalisiert“, Texte können durch Abtippen oder automatische Texterkennung in digitale Form gebracht werden und Töne wie Filme werden durch das Abtasten und Auslesen eines CD/DVD-Laufwerks in (komprimierten) digitalen Dateien gesichert.

In einem weiteren Sinne wird Digitalisierung oftmals als Synonym zur „vierten industriellen Revolution“, der „digitalen Revolution“ oder im internationalen Kontext zu „the second machine age“ verwendet. Gemeint ist hiermit der durch die immer schneller fortschreitende technologische Entwicklung ausgelöste wirtschaftliche und produktionstechnische Wandel. Es wird davon ausgegangen, „ dass die Entwicklung digitaler Technologien ein Stadium erreicht habe, das eine völlig neue Qualität ihrer Anwendung eröffne“ (Hirsch-Kreinsen & Hompel, 2015, S. 2), was den Begriff der „Revolution“ rechtfertigt. Grund hierfür sind immer schnellere, billigere, energieeffizientere und platzsparendere Mikroprozessoren, die neue Formen der Wertschöpfung entstehen lassen sowie die globale Vernetzung der verarbeiteten Daten durch das World Wide Web (Vgl. ebd., S.2). Die Auswirkungen dieses Prozesses sind bislang in ihrer vollen Konsequenz unbekannt, können aber teilweise als disruptiv bezeichnet werden. So haben sich analog zu den oben angeführten Beispielen die zugehörigen Industrien in den vergangenen Jahren massiv verändert. Die Fotoindustrie erlebte mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie einen radikalen Umschwung vom Film zu digitalen Sensoren, die Auflagen von Printmedien gehen stetig zurück und die Musik- und Filmindustrie wurde Zeuge von der Entwicklung der LP/Kassette/VHS-Videoband hin zur CD/DVD/BluRay hin zum Streaming. Dies führte vormals weltweit agierende Unternehmen wie Kodak, Heidelberger Druckmaschinen oder Schallplattenfirmen in schwere wirtschaftliche Krisen bis hin zum Konkurs (vgl. Kaune, 2009). Eine Schreibmaschinenindustrie existiert nicht mehr und erscheint heute wie ein Anachronismus. All diese Prozesse sind Teil des „Megatrends“ Digitalisierung.

Zur Digitalisierung zählen je nach Sichtweise auch soziale und kulturelle Auswirkungen, die mit den nun weltweit verfügbaren digitalen Informationen einhergehen. (vgl. Merritt, 2016, S. 15) Als Beispiele hierfür seien veränderte Kommunikationswege durch Messenger-Dienste und neuartige Debattenkulturen durch Social-Media Nutzung angeführt.

In der vorliegenden Arbeit wird die Digitalisierung analog zu Hirsch-Kreinsen and Hompel (2015) als „Prozess des sozio-ökonomischen Wandels [...], der durch Einführung digitaler Technologien, darauf aufbauender Anwendungssysteme und vor allem ihrer Vernetzung angestoßen wird“ (Hirsch-Kreinsen & Hompel, 2015, S. 3) definiert.

3.1.1 Stand der Digitalisierung in der Bundesrepublik Deutschland

Wie aus dieser Definition bereits ersichtlich wird, ist es schwierig, den Begriff abzugrenzen und somit messbar zu machen. Um den Stand der Digitalisierung untersuchen zu können, entwickelte u.a. die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften gemeinsam mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie, dem Fraunhofer ISI und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung einen „Digitalisierungsindikator“. Dieser setzt sich aus den sechs Teilindikatoren Forschung und Technologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Staat und Infrastruktur, Bildung und Geschäftsmodelle zusammen. Diese wiederum beruhen auf insgesamt 66 Einzelindikatoren (vgl. Deutsche Akademie der Technikwissenschaften e.V. & Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (Hrsg.), 2017, S. 35). Ergebnis des internationalen Benchmarkings ist ein deutlicher Nachholbedarf der Bundesrepublik in den Feldern der Breitbandversorgung und der Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung („E-Government“). Ein vergleichsweise hoher Indexwert wird im Nutzungsgrad digitaler Lösungen und Technologien erreicht, was auf eine überdurchschnittliche Akzeptanz hindeutet. Insgesamt bewegt sich Deutschland nach dem Digitalisierungsindex im internationalen Mittelfeld der Industriestaaten (Platz 17 von 35) (Ebd.).

Das World Economic Forum ordnet die Bundesrepublik in seinem „Networked Readiness Index“ als Maß für die Potentiale einzelner Länder hinsichtlich der von der Infomations- und Kommunikationstechnologie hervorgerufenen Veränderungen auf Platz 15 von 139 untersuchten Ländern ein (Baller et al., 2016, S. 99). Spitzenreiter in beiden Rankings sind die skandinavischen Länder, die USA, Singapur, Großbritannien, Südkorea und Israel.

Notwendige Voraussetzung für die fortschreitende Digitalisierung ist eine funktionierende zugrundeliegende Infrastruktur in Form von Breitband-/Glasfaseranschlüssen und drahtlosen Technologien wie LTE oder 5G. Hier zeigen sich bei bundesweiter Betrachtung starke regionale Unterschiede, wie der Breitbandatlas des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur offenbart.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Breitbandversorgung ³50 Mbit/s im Bundesgebiet und in Hessen

dunkelblau = 0-10% Versorgungsrate, gelb = 95-100% Versorgungsrate (Quelle: Breitbandatlas des BMVI, http://www.bmvi.de/DE/Themen/Digitales/Breitbandausbau/Breitbandatlas-Karte/Kartendownload-Breitbandatlas/kartendownload-breitbandatlas.html, Zugriff am 16.1.2018)

Gerade ländliche Räume sind im Vergleich zu Verdichtungsräumen deutlich unterversorgt. Um in Zeiten der Globalisierung wettbewerbsfähig bleiben zu können, ist die vor Ort verfügbare digitale Infrastruktur längst zu einem entscheidenden Standortfaktor geworden. Daher investiert die Bundesregierung in Kooperation mit den Netzbetreibern seit einiger Zeit verstärkt in den Ausbau der nötigen Infrastruktur (vgl. Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur, 2017, S. 8).

In der FTTP-Versorgung[1] belegt Deutschland im europäischen Vergleich Platz 28 von 32 und ist damit eines der Schlusslichter (IHS Markit Ltd., Piont Topic, & European Commission, 2017, S. 30).

3.1.2 Einordnung im zeitlichen Kontext

Wie bei vielen prozesshaften Entwicklungen ist es schwer, einen konkreten Anfangszeitpunkt der Digitalisierung zu benennen. Die Unterteilung der in dieser Arbeit verwendeten Definition in einen ökonomischen und einen sozialen Wandlungsprozess soll auch bei der Einordnung in einen zeitlichen Kontext helfen.

Für den ökonomischen Wandel nehmen Hirsch-Kreinsen und Hompel eine grobe Einteilung in zwei Phasen vor. Kurz vor der Jahrtausendwende erreichte die erste Phase der Digitalisierung ihren Höhepunkt; die meisten Unternehmen, deren Fokus auf der Nutzung und Verarbeitung von Daten und Informationen liegt, hatten bis dahin ihre Tätigkeiten zu einem großen Teil digitalisiert. Beispiele hierfür sind Finanzdienstleistungen, die Musikherstellung / -distribution und das Verlags- und Zeitschriftenwesen (vgl. Hirsch-Kreinsen & Hompel, 2015, S. 3). Hierbei wurden durch den Einzug von Computersystemen in die Organisation und Verwaltung vor allem Berufe mittlerer Qualifikation automatisiert (vgl. Experteninterview Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, 2018).

Die zweite Phase ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt in vollem Gange. Sie unterscheidet sich im Vergleich zur ersten dadurch, dass nun die digitale Abbildung und Vernetzung bislang physischer Objekte im Vordergrund stehen und aufgrund der verfügbaren Technologien völlig neue Nutzungsarten möglich sind. Dazugehörige Oberbegriffe sind das „Internet der Dinge“ und die „Industrie 4.0“ (vgl. Hirsch-Kreinsen & Hompel, 2015, S. 3). Gleichzeitig wird durch die exponentiell steigende Leistungsfähigkeit der zugrundeliegenden Hardware die Analyse riesiger Datenmengen („Big Data“) und die Simulation neuronaler Netze zur Schaffung von künstlichen Intelligenzen immer preiswerter. Dies eröffnet weitere, bisher unbekannte oder technologisch unmögliche Geschäftsfelder.

Der soziale Wandel schreitet ebenfalls mit einer ungeahnten Geschwindigkeit voran. Beschränkte sich die tägliche Internetnutzung als Indikator für die „Digitalisierung des Sozialen“ im Jahr 2000 noch auf durchschnittlich 17 Minuten (vgl. Birgit van Eimeren, 2001, S. 390), verbrachte im Jahr 2017 ein jeder Bundesbürger durchschnittlich 149 Minuten im weltweiten Netz. Die Altersgruppe von 14 bis 19 Jahren nutzt das Internet heute durchschnittlich mehr als viereinhalb Stunden täglich (vgl. Koch & Frees, 2017, S. 437f.). Dass diese Steigerung um mehr als das Siebenfache bzw. das Vierzehnfache Auswirkungen auf das tägliche Leben eines jeden einzelnen sowie der Gesellschaft an sich hat, wird durch zahlreiche Studien belegt. Die Folgen reichen von verkürzten Aufmerksamkeitsspannen über zunehmende Belastung durch ständige Erreichbarkeit bis hin zu einem Verfall von Werten wie der Verbindlichkeit einer Verabredung (vgl. Köhler, 2012).

In einer allgemeinen Einordnung markiert der Zeitpunkt, an welchem die Menge der weltweit verfügbaren digitalen Daten die der analogen überschritt, einen wichtigen Meilenstein. Nach Martin Hilbert und Priscila López geschah dies Anfang der 2000er-Jahre (Hilbert & Lopez, 2011). Im Jahr 2016 begann die „Zettabyte Era“; der weltweite Datenverkehr belief sich erstmalig über eine Menge von 1021 Bytes (eine Trillion Terrabytes). Bis zum Jahr 2020 wird der weltweite jährliche Datenverkehr auf über 2,3 Zettabyte geschätzt (vgl. Baller et al., 2016, S. ix). Überdurchschnittlicher Wachstum wird ferner für den mobilen Datenverkehr in Deutschland prognostiziert: Bis 2025 soll er im Vergleich zu 2015 um das 43-fache anwachsen (vgl. Czernomotiez et al., 2016, S. 20).

All diese Einordnungen zeigen, dass die Digitalisierung eine Entwicklung ist, deren rasanter Fortschritt das Potential hat, sämtliche Bereiche des heutigen Lebens in radikaler Weise zu verändern. Ob in direkter oder indirekter Form, auch die räumliche Entwicklung wird durch die Digitalisierung beeinflusst werden.

3.2 Raum und räumliche Entwicklung

Der „Raum“ als Begriff kann als eine Überlagerung mehrerer geschichtlich gewachsener Raumverständnisse interpretiert werden. Im Alltag wird er oftmals als einfache „Ausgedehntheit von materiellen Dingen“ (Ritter & Akademie für Raumforschung und Landesplanung, 2005, S. 831) verstanden, den ein jeder subjektiv wahrnimmt. Im wissenschaftlich-physikalischen Diskurs proklamierte Isaac Newton den Raum zunächst als unendlich ausgedehnt und unabhängig von der Materie, die sich in ihm befindet. Albert Einstein widerlegte mit seiner 1915 veröffentlichten allgemeinen Relativitätstheorie diese Auffassung und brachte den Raum in einen direkten Zusammenhang mit Zeit und Materie.

Immanuel Kant wiederum legte den Grundstein für einen modernen subjektbezogenen Raumbegriff, welcher den Fokus auf den Raum als Repräsentation im Geist des Betrachters legt und im heutigen Diskurs immer mehr Beachtung findet. In diesen psychischen Repräsentationen ordnet das Individuum materiellen Dingen Bedeutungen zu; die Materie wird zum Zeichen. Dies beschreibt der Begriff der „Semiotik des Raums“ (ebd. S.835) und macht den Raum zum „kulturellen Zeichensystem im Spannungsverhältnis zum Politischen, Wirtschaftlichen“ (ebd. S.835), der „gelesen“ werden kann. Im Kontext der Digitalisierung ist dies insofern interessant, als dass diese Bedeutungsaufladungen zum einen durch digitale Technologien massenhaft erfasst, ausgewertet und verwendet werden können. Zum anderen fügen digitale Kartendienste wie Google Maps oder Plattformen wie Tripadvisor weitere Ebenen zur psychischen Repräsentation des Raums hinzu und beeinflussen die Wahrnehmung des Raums in einem zum heutigen Zeitpunkt unbekannten Ausmaß.

In die Raumdefinition der heutigen Raumwissenschaften fließen all diese kurz angerissenen Theorien ein. Nach ihr ist Raum „zwei- bzw. dreidimensionaler metrischer Ordnungsrahmen erdoberflächlich lokalisierbarer Objekte“ (ebd., S.834), bei dem „Standorte, Lagebeziehungen und Distanzen“ (ebd.) im Mittelpunkt stehen. Formulierungen im Deutschen Raumordnungsgesetz beziehen sich neben „Teil- und Gesamträumen“ auch auf „soziale und wirtschaftliche Ansprüche des Raums“ und „gleichwertige Lebensverhältnisse“, was auf die soziale Funktion und die individuelle Wahrnehmung des Raums abzielt (vgl. "ROG ", §1).

Als „räumliche Entwicklung“ wird in der vorliegenden Arbeit die Entwicklung des Raumes als beobachtbarer Wandel räumlicher Strukturen und Nutzungen bezeichnet. Unter Raumplanung/Raumordnung wird die aktive und zielgerichtete Entwicklung des Raumes durch behördliche Planungsinstitutionen verstanden.

Räumliche Transformationen können als eine Summe der Auswirkungen von unzähligen individuellen Lebensentscheidungen betrachtet werden, die wiederum von unzähligen wirtschaftlichen, sozialen, politischen oder sonstigen Faktoren beeinflusst werden und sich zusätzlich gegenseitig beeinflussen. Auf staatlicher Ebene beforscht das Bundesinstitut für Bauwesen und Raumordnung diesen Wandel, indem es ein räumliches Informationssystem zur Raumbeobachtung führt. Dieses besteht aus den vier Teilen der Europäischen Raum- und Stadtbeobachtung, der laufenden Raumbeobachtung, der vergleichenden Stadtbeobachtung und der laufenden Bevölkerungsumfrage (vgl. Website Bundesinstitut für Bau- Stadt- und Raumforschung). Der Zweck der Raumbeobachtung ist oftmals die Informationsbeschaffung für eine integrierte und koordinierende Raumordnung/-planung. Mittel zu diesem Zweck sind Indikatoren, welche räumliche Entwicklungen mess- und vergleichbar und damit bewertbar machen sollen.

Die Raumordnung/Planung versteht sich als staatlich legitimierte Institution, die im Sinne des Gemeinwohls verschiedene Nutzungsmöglichkeiten des Raums gegeneinander abwägt und schließlich durch diverse Planungsprozesse den Raum „entwickelt“. Auf der obersten Ebene beschlossen die Raumordnungsminister der Bundesländer hierfür auf der Ministerkonferenz für Raumordnung 2016 vier Leitbilder, welche abstrakte Zielvorgaben an den zukünftigen Raum richten (41. Ministerkonferenz für Raumordnung, 2016). Verschiedenste Instrumente wie der Landesentwicklungsplan, der Regionalplan, der Flächennutzungsplan, der Bebauungsplan etc. stehen den jeweils zuständigen Planungsbehörden zur Umsetzung der Leitbilder zur Verfügung.

Bei der Analyse der Auswirkungen der Digitalisierung auf die räumliche Entwicklung werden in dieser Arbeit neben stadträumlichen Folgen auch die Auswirkungen auf die Raumplanung/Raumordnung angeschnitten. Es wird davon ausgegangen, dass die Digitalisierung der Planung auch Auswirkungen auf den Raum mit sich bringt, beispielsweise durch effizientere Bürgerbeteiligung.

3.2.1 Stadtraum und „Smart City“

Ein besonderer Fokus dieser Arbeit liegt auf dem Stadtraum Darmstadt, weshalb im folgenden Abschnitt zunächst einige Grundlagen zum Stadtbegriff erläutert werden sollen. Dieser kann nicht einheitlich definiert werden, sondern muss durch eine genauere Orts- und Zeitangabe präzisiert werden. Eine antike Stadt ist anders zu beschreiben als eine heutige südostasiatische Stadt, welche sich wiederum von einer heutigen europäischen Stadt unterscheidet. Die letztgenannte Art von Stadt zeichnet sich im Allgemeinen durch ihre lange Historie unter unterschiedlichen Herrschaftssystemen aus, welche auf ihre jeweils eigene Art die Entwicklung der Stadt beeinflussten und unterschiedliche Räume schufen.

Die Bevölkerungsstruktur einer heutigen, mitteleuropäischen Stadt ist geprägt durch geringe Geburtenraten, einem hohen Migrationsanteil, einer alternden Bevölkerung und vielen Ein-Personen-Haushalten (vgl. Wolf, 2005, S. 1049). Zusätzlich ist eine Stadt Arbeitsort vieler Menschen, die oftmals nicht in der Stadt leben, sondern in ihrem Umland beheimatet sind. Hierdurch entstehen Pendelbewegungen zum/weg vom Arbeitsplatz. In einer gesamtdeutschen Betrachtung pendeln 60% aller Beschäftigten durchschnittlich 16,8km zu ihrem Arbeitsort (vgl. BBSR, 2017, S. 23). Aufgrund dieser räumlichen Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz, einer zunehmenden Suburbanisierung sowie der Stadt als Ort von bedeutenden kulturellen Einrichtungen ist die Stadt heute mehr und mehr mit ihrem Umland verbunden; es entsteht die Notwendigkeit von regionalen Kooperationen (vgl. Wolf, 2005, S. 1050).

Die Stadtplanung und -entwicklung durchlief in den vergangenen Jahrzehnten verschiedenste Leitbilder und Entwicklungsziele: Die Gartenstadtbewegung versuchte um 1900 das Grün in die Stadt zurück zu bringen, die „Charta von Athen“ proklamierte 1933/1941 eine räumliche Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit, die „autogerechte Stadt“ legte Anfang der 60er Jahre den Fokus auf das Ermöglichen individueller Massenmobilität, in den 80er Jahren kam der ökologische Städtebau auf und seit der Jahrtausendwende gilt oftmals die Maxime „Die Region ist die Stadt“ (vgl. Heineberg, 2000; Wolf, 2005, S. 1053).

Ein oft verwendetes Schlagwort für die aktuelle wie zukünftige Stadtentwicklung ist der Begriff „Smart City“, welcher „die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien in Städten und Agglomerationen [bezeichnet], um den sozialen und ökologischen Lebensraum nachhaltig zu entwickeln“ (Maier & Zimmermann, 2016, S. 4). Eine Entwicklung hin zur digital vernetzten Stadt schließt verschiedenste Handlungsfelder mit ein, die als „Smart Governance“, „Smart Citizen“, „Smart Education“, „Smart Living“, „Smart Mobility“, „Smart Environment“ und „Smart Economy“ bezeichnet werden (Ebd. S.6). Die Entwicklungsmöglichkeiten sind vielfältig; von elektronischen Wahlen über Austauschplattformen von Bewohnern eines Stadtteils bis hin zu einer Optimierung der Versorgungs- und Infrastrukturnetze durch die Nutzung von Big-Data-Technologien scheint vieles möglich zu sein. All dies hat direkte Auswirkungen auf die räumliche Entwicklung einer Stadt, da für künftige Entwicklungsaufgaben immer die digitale Komponente mitgedacht werden muss.

3.2.2 Instrumente der Raumplanung/-ordnung

Das Raumplanungssystem der Bundesrepublik Deutschland ist in diverse Planungsebenen eingeteilt. Zunächst haben die Kommunen die Planungshoheit; sie entscheiden über die Aufstellung von Flächennutzungs- und Bebauungsplänen, welche direkt ausschlaggebend für die zukünftige Raumstruktur sind. Diese Pläne orientieren sich an den Regionalplänen, die von der jeweiligen überörtlichen Planungsregion aufgestellt werden und Vorrang- bzw. Vorbehaltsgebiete für verschiedene Flächennutzungen festlegen. Auf Landesebene werden Landesentwicklungspläne erstellt, welche Zentrenstrukturen festlegen, überörtliche Räume definieren und Entwicklungsachsen festsetzen. Der Bund ist schließlich für die Legislatur verantwortlich und erstellt zudem Pläne für die ausschließliche Wirtschaftszone in Nord- und Ostsee. Zwischen den verschiedenen Planungsebenen soll Austausch herrschen; das im Raumordnungsgesetz festgehaltene Gegenstromprinzip (§1 Abs. 3 ROG) schreibt vor, dass die unteren Ebenen die Leitvorstellungen der oberen berücksichtigen müssen und die oberen Ebenen die Bedürfnisse der unteren. Alle Pläne der Raumplanung/-ordnung haben einen Text- und einen Kartenteil, in dem die jeweiligen Planungsziele erläutert sind. All diese „harten“ Instrumente der Raumplanung/-ordnung sind rechtlich geregelt; ihre Aufstellung und Durchführung unterliegt den Bestimmungen von Gesetzen und Verordnungen.

Hinzu kommen diverse „weiche“, informelle Instrumente. Hierzu zählen beispielsweise unverbindliche Strategiepapiere, Modellvorhaben oder spezielle, meist wirtschaftliche Förderungen, die gewisse Entwicklungen zum Ziel haben. Diese können je nach Region und/oder spezifischem Vorhaben sehr unterschiedlich ausfallen; es gibt hier keine festgelegten Abläufe oder Formalitäten. Diese Flexibilität macht informelle Ansätze in der Praxis sehr beliebt; sie ergänzen die „harten“ Instrumente.

Zum Instrumentarium der Raumplanung/-ordnung gehört auch bei fast allen formellen Prozessen die Beteiligung der betroffenen Bürger/innen. Diesen soll Gelegenheit gegeben werden, sich zu einem geplanten Vorhaben zu äußern und Kritik und Vorschläge einbringen zu können.

Die Digitalisierung hält auch in die Durchsetzung mancher Instrumente Einzug; sie erweitert das „harte“ und „weiche“ Instrumentarium um neue Bestandteile und Strategien. Genaue Entwicklungen werden im folgenden Kapitel beschrieben.

4 Auswirkungen der Digitalisierung auf den Raum

Die Auswirkungen der Digitalisierung als globalem Phänomen sind mannigfaltig, interdependent und regional dispers. Im Folgenden wird versucht – in verschiedene Teilbereiche gegliedert und auf die Bundesrepublik Deutschland bezogen - eine Übersicht der wichtigsten Transformationen zu geben, die in der Literatur beschrieben werden. Hierbei steht der räumliche Aspekt der Auswirkungen im Vordergrund. Gewählt wurden die Teilbereiche der Wirtschafts- und Erwerbsstrukturen, der Mobilität und den Verkehrsverflechtungen und der Siedlungsstruktur, um einen möglichst großen Bereich der in der Raumentwicklung diskutierten Aspekte abzubilden.

4.1 Wirtschafts- und Erwerbsstrukturen

Die Digitalisierung wird, wie bereits beschrieben, hauptsächlich von wirtschaftlichen Interessen wie der Effizienzsteigerung, der individuellen Massenproduktion oder der Erschließung neuer Geschäftsfelder vorangetrieben. Daher sind große Auswirkungen auch im Bereich der Wirtschafts- und Erwerbsstrukturen zu erwarten, welche sich wiederum direkt oder indirekt auf den Raum auswirken.

4.1.1 Allgemeine Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt

In den vergangenen Jahren sind die Auswirkungen der Digitalisierung und der mit ihr einhergehenden Automatisierung auf den Arbeitsmarkt stark ins öffentliche Interesse gerückt. Unzählige Zeitungsartikel beschreiben, wie bereits in naher Zukunft vernetzte Roboter menschliche Arbeit ersetzen.

Eine der meistzitierten und aufsehenerregendsten Studien, die sich mit diesem globalen Phänomen beschäftigen, trägt den Titel „The future of Employment: How susceptable are jobs to computerisation?“ und beschäftigt sich mit dem US-amerikanischen Arbeitsmarkt. Sie stellt eine Zahl von 47% von der Digitalisierung gefährdeten Jobs bei einem Zeithorizont von ein bis zwei Jahrzehnten in den wissenschaftlichen Diskurs (vgl. Frey & Osborne, 2013). Als die für eine Digitalisierung anfälligsten Berufe werden Transport- und Logistikarbeiter/innen, Sekretär/innen, Geschäftshilfen und Arbeiter/innen in der Produktion genannt. Generell sei im Service- und Dienstleistungssektor eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit der Automatisierung vorhanden (vgl. Frey & Osborne, 2013, S. 44f). Diese Aussage kann in einen Zusammenhang mit dem ständig wachsenden Markt für digitale Assistenzsysteme wie Amazons „Alexa“ oder „Google Home“ gestellt werden.

In einer Vielzahl an Folgestudien und Untersuchungen wurde die Genauigkeit dieser Einschätzungen und die Auswirkungen auf den Deutschen Arbeitsmarkt analysiert. Wissenschaftler vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim kritisieren unter anderem die Fixierung von Frey und Osborne auf Berufsbilder und ihre Methodik der Experteninterviews, die zu einer Überschätzung der technologischen Entwicklung neigten. In ihrer Kurzexpertise „Übertragung der Studie von Frey/Osborne (2013) auf Deutschland“ differenzieren sie nach automatisierbaren Tätigkeiten – nicht Berufen – und kalkulieren eine deutlich niedrigere Zahl von potentiell 9% gefährdeten Arbeitsplätzen in den USA bzw. 12% in Deutschland (vgl. Bonin, Gregory, & Zierahn, 2015, S. 23ff). In einem für diese Arbeit durchgeführten Experteninterview wurde deutlich, dass potentiell automatisierbare Tätigkeiten und tatsächlich automatisierte Tätigkeiten in der Praxis teilweise weit auseinanderliegen können (vgl. Experteninterview Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, 2018).

Dengler und Matthes vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit gingen in ihrem Forschungsbericht 2015 davon aus, dass 15% der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstellen in Deutschland von der Digitalisierung gefährdet bzw. durch die fortschreitende digitale Entwicklung substituierbar seien (vgl. Dengler & Matthes, 2015, S. 4). In einer im Februar 2018 veröffentlichten Aktualisierung dieses Berichts korrigieren sie diese Zahl auf 25% nach oben und begründen dies mit der schnellen Marktreife neuer digitaler Technologien (vgl. Dengler & Matthes, 2018).

Eine aktuelle Umfrage des deutschen IT-Branchenverbandes Bitkom schätzt, dass bis 2023 3,4 Millionen Stellen aufgrund der Entwicklung von Robotern und intelligenten Algorithmen wegfallen. Ebenfalls wird prognostiziert, dass in Deutschland innerhalb der nächsten zwanzig Jahre etwa die Hälfte der aktuellen Berufsbilder wegfallen (vgl. Löhr, 2018).

Trotz stark variierender Einschätzungen des Anteils an automatisierbaren Arbeitsstellen kann festgehalten werden, dass Substitutionspotentiale bestehen und dem Arbeitsmarkt in Zukunft ein signifikanter Umbruch bevorsteht. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Folgestudie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, welche auch die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung mit einbezieht. Diese stellt aber auch fest, dass von 2011 bis 2016 erfolgte betriebliche Investitionen in neue Technologien einen Beschäftigungszuwachs von 1% zur Folge hatten (vgl. Arntz, Gregory, & Zierahn, 2018, S. 107). Dennoch treten signifikante Substitutionseffekte auf; einfache Routine-Berufe werden automatisiert; es entstehen komplexere analytische und interaktive Arbeitsstellen (Ebd.).

Eine derartige Veränderung des Arbeitsmarktes wird auch räumliche Veränderungen nach sich ziehen, da neue Arbeitsplätze neue Anforderungen an den Arbeiter/die Arbeiterin stellen. Im Allgemeinen wird von der Notwendigkeit höherer Qualifikationen ausgegangen, was einen erhöhten Bedarf an Bildungseinrichtungen mit sich bringt. Zu Veränderungen der Industrie- und Gewerbegebiete bzw. Bürogebäuden durch die Digitalisierung sind in der Literatur bislang noch keine Aussagen zu finden. Auch die interviewten Experten schätzen, dass die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt deutlich mehr soziale als räumliche Folgen nach sich ziehen (vgl. Experteninterview Stadtentwicklung Darmstadt, 2018; Experteninterview Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, 2018).

4.1.2 Industrie 4.0

Die Industrie als zweitwichtigster Wirtschaftssektor Deutschlands befindet sich inmitten tiefgreifender Veränderungen, die durch den Digitalisierungsprozess ausgelöst wurden. Jeder vierte Deutsche arbeitet im sekundären Wirtschaftssektor (vgl. Destatis, 2016, S. 128), was im Vergleich zu anderen Industrieländern ein überdurchschnittlich hoher Anteil ist. Dies ist mit den großen deutschen Industriezweigen des Maschinenbaus, des Automobilbaus und der Chemie- und Pharmaindustrie zu erklären.

[...]


[1] Fiber To The Premises bzw. Glasfaser bis zum Grundstück

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Digitale Trends in der Raumentwicklung. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die räumliche Entwicklung von Darmstadt?
Autor
Jahr
2019
Seiten
76
Katalognummer
V448491
ISBN (eBook)
9783956877650
ISBN (Buch)
9783956877667
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Digitalisierung, Entwicklung, Raumplanung, Stadtplanung, Darmstadt, Onlinehandel, digitale Plattformen, Cyberspace, Räumliche Entwicklung, Industrie 4.0, Wohnstrukturen
Arbeit zitieren
Rico Herzog (Autor), 2019, Digitale Trends in der Raumentwicklung. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die räumliche Entwicklung von Darmstadt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/448491

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Digitale Trends in der Raumentwicklung. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die räumliche Entwicklung von Darmstadt?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden