Dieser Untersuchung geht es primär darum, anhand verschiedener Texte Wolfs und Bachmanns deren poetologische Ansätze zu erschließen und dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Wie sich dabei zeigen wird, verläuft die literarische Beziehung beider Autorinnen zueinander einseitig: Während die DDR-Schriftstellerin mehrfach Äußerungen über die österreichische Autorin verlautbart, lässt sich umgekehrt keine Positionierung Bachmanns zu Wolf finden. Im Zuge ihrer Bachmann-Rezeption glaubt Wolf nicht nur, „[d]ie Bachmann ist aber jene namenlose Frau aus Malina, sie ist jene Franza aus dem Romanfragment“, indem sie in „ihrer vierten Vorlesung den Charakter der Unmittelbarkeit weiblichen Schreibens mit Bachmanns Werk [belegt],“ sondern entwirft auch aus dieser historischen Person eine ‚Figur‘, wie sich zeigen wird. Deswegen erscheint es sinnvoll, der Betrachtung des Werks und Lebens Wolfs unter Berücksichtigung ihrer Bachmann-Rezeption hier mehr Gewicht zukommen zu lassen. KON bietet sich in vielerlei Hinsicht zu einer eingehenderen Analyse an, so z.B. auch, inwieweit Wolf eine Nachfolge ihrer Kollegin antritt. So gilt es, Wolfs Gestaltungsprinzip vornehmlich an diesem Werk zu analysieren, um zuvörderst aufzuzeigen, wo und wie der Utopiebegriff bei Wolf konträr zu Bachmann Verwendung findet.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
1.1 Hinführung
1.2 Zielsetzung
II. PRÄLIMINARIEN: ZUR GESCHICHTE DER UTOPIE
2.1 Begriff und Bestimmung
2.2 Zu Christa Wolfs Utopiekonzept: Auf den Spuren Ernst Blochs
III. CHRISTA WOLFS Kein Ort. Nirgends
3.1 Biografisch-sozialhistorischer Kontext
3.2 ‚Gesprächs- und Projektionsraum Romantik‘
3.3 Zu Christa Wolfs Gestaltungsprinzip in Kein Ort. Nirgends
3.3.1 Zum Schreibverfahren in KON
3.3.2 Utopie in KON
IV. ZUSAMMENFASSUNG
4.1 Zur Wahlverwandtschaft Christa Wolfs zu Ingeborg Bachmann
4.2 Zu Christa Wolfs Bachmann-Rezeption
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Leben und Werke von Christa Wolf und Ingeborg Bachmann im Kontext der Literaturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es, poetologische Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten, wobei besonders die Bachmann-Rezeption von Christa Wolf und das Werk Kein Ort. Nirgends analysiert werden, um das utopische Denken der Autorinnen im literarischen Diskurs zu verorten.
- Analyse des Utopiebegriffs und dessen Bedeutung bei Christa Wolf und Ingeborg Bachmann.
- Untersuchung der Frühromantik als Projektionsraum für zeitgenössische literarische Diskurse.
- Die Rolle der Selbstentfremdung als zentrales Motiv im Werk von Christa Wolf.
- Vergleich der Schreibverfahren und der literarischen Verwandtschaft der beiden Autorinnen.
- Untersuchung der "Gefühle der Bedrohtheit" und der Wirkungslosigkeit von Literatur im gesellschaftlichen Kontext.
Auszug aus dem Buch
3.2 ‚Gesprächs- und Projektionsraum Romantik‘
„An den Bruchstellen zwischen den Zeiten wird gebrochen: der Mut, das Rückgrat, die Hoffnung, die Unmittelbarkeit: vieles, was zum Srechenkönnen nötig ist. In die Hohlräume springt die Angst. Vorläufer in der Dichtung sind fast immer auch Vorempfinder einer Angst, die später über viele kommt.42
Laut HELMUTH KIESEL „erschlossen“ sich in den 70er Jahren AutorInnen wie Wolf und GÜNTER DE BRUYN „die Romantik als Reflexionsraum ihrer Subjektivität und zumal ihrer Enttäuschungen durch den ‚real existierenden Sozialismus‘“43. Die späten Texte der 70er Jahre sind jedoch keineswegs Wolfs erste Begegnung mit der Romantik, sondern stellen vielmehr den Kulminationspunkt einer Auseinandersetzung dar, deren Beginn bereits zehn Jahre zuvor anzusetzen ist. So wandte sie sich den dichtenden Frauen – „den ersten weiblichen Intellektuellen“44 – die jene Epoche hervorbrachte, schon früher zu, wobei der Autorin Hauptinteresse dabei einerseits BETTINE VON ARNIM [BVA] und eben der KVG zukam. Diese schwebten Wolf nicht bloß als Modell für Christa T. vor, wie BARBARA BECKER-CANTARINO andeutet, sondern sie hatte sowohl in den Personnages in NüC als auch in der Erzählerin Christa T. die von den beiden Frühromantikerinnen im zeitgenössischen Kontext aufgegriffenen Lebensattitüden gestaltet.45 Gepeinigt von Heimatlosigkeit und getrieben von einer Sehnsucht nach Selbstverwirklichung wird Christa T. zu einer weiteren „Vorläuferin“ neben Kleist und Günderrode, was ebenfalls durch Kongruenz beider Eingangspassagen der Texte deutlich wird.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Hinführung zu den Autorinnen Christa Wolf und Ingeborg Bachmann sowie Darlegung der Forschungszielsetzung im Kontext der Literatur des 20. Jahrhunderts.
II. PRÄLIMINARIEN: ZUR GESCHICHTE DER UTOPIE: Definition des Utopiebegriffs und theoretische Herleitung von Christa Wolfs Utopiekonzept in Anlehnung an Ernst Bloch.
III. CHRISTA WOLFS Kein Ort. Nirgends: Analyse des Werkes im biografisch-sozialhistorischen Kontext sowie Auseinandersetzung mit der Romantik-Rezeption und den Gestaltungsprinzipien der Autorin.
IV. ZUSAMMENFASSUNG: Zusammenfassende Betrachtung der Wahlverwandtschaft und der Bachmann-Rezeption durch Christa Wolf.
Schlüsselwörter
Christa Wolf, Ingeborg Bachmann, Utopie, Frühromantik, Selbstentfremdung, Kein Ort. Nirgends, DDR-Literatur, Poetik, Literaturwissenschaft, Karoline von Günderrode, Ernst Bloch, Schreibverfahren, Subjektivität, Wahlverwandtschaft, Literaturkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das literarische Schaffen von Christa Wolf und Ingeborg Bachmann, mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Auseinandersetzung von Christa Wolf mit der Frühromantik und dem Werk Kein Ort. Nirgends.
Welche zentralen Themenfelder werden beleuchtet?
Zu den Kernbereichen gehören das utopische Denken in der Literatur, das Phänomen der Selbstentfremdung, die literarische Traditionspflege (insbesondere Frühromantik) und die poetologische Verbindung zwischen Wolf und Bachmann.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den poetologischen Ansätzen der beiden Autorinnen herauszuarbeiten und zu analysieren, wie Wolf die Figur der Bachmann und romantische Motive für ihr eigenes Schreiben instrumentalisiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Rückgriff auf biografische Fakten, Textmontagen und die Einbettung in den zeithistorischen Kontext (insbesondere DDR-Literaturgeschichte) nutzt.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse von Kein Ort. Nirgends, der Bedeutung der Frühromantik als Projektionsraum sowie der kritischen Auseinandersetzung Wolfs mit dem "Wesen der Utopie".
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Utopie, Christa Wolf, Ingeborg Bachmann, Frühromantik, Selbstentfremdung und Literaturgeschichte kennzeichnen.
Wie bewertet die Autorin die Beziehung zwischen Wolf und Bachmann?
Die Arbeit stellt fest, dass die Beziehung einseitig verläuft: Während Wolf sich intensiv mit Bachmann auseinandersetzt, findet sich umgekehrt kaum eine Positionierung Bachmanns zu Wolf.
Welche Rolle spielt die Frühromantik in Wolfs "Kein Ort. Nirgends"?
Die Frühromantik dient Wolf als "Gesprächs- und Projektionsraum", um die eigene existentielle Krise und die gesellschaftlichen Bedingungen in der DDR durch das Medium der Vergangenheit kritisch zu reflektieren.
Warum ist der Utopiebegriff in dieser Arbeit so wichtig?
Der Begriff ist zentral, da die Arbeit aufzeigen will, wie Wolf das utopische Potential der Romantik nutzt, um eine "Literatur der Utopie" in der Gegenwart zu etablieren, die sich vom reinen "Spiegel" der Wirklichkeit abhebt.
- Arbeit zitieren
- Jane Hübinger (Autor:in), 2014, "Gezeichnet zeichnend". Frühromantisches in der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/448562