Oberfläche und Nicht-Kommunikation. Figurenerzeugung und ihre Funktion in Christian Krachts Roman 'Faserland'


Hausarbeit, 2004
14 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Nichts als Oberfläche: Karin, Anne, Sergio

3. Gescheiterte Kommunikation: Nigel, Alexander, Rollo

4. „Alles Nazis“: Taxifahrer und andere Randfiguren

5. Schluss

Literaturangaben

1. Einleitung

Christian Krachts Roman Faserland gilt als das Gründungsdokument der deutschen Pop-Literatur. Zwar stehen längst andere Autoren zum Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung, Florian Illies, Benjamin Leber und Alexander v. Schönburg etwa, um nur einige Namen zu nennen, doch der Einfluss Krachts bleibt präsent. Moritz Baßler spricht von einer „initialen Bedeutung“, die das Buch für die Generation der jungen Pop-Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre und Florian Illies gehabt habe[1]. Mehrere intertextuelle Verweise in den Werken eben jener Autoren zeichnen den Einfluss des Romans auf deren Generation nach, und selbst der wesentlich früher geborene Joachim Lottmann lässt in seinem Roman Deutsche Einheit den Erzähler in problematischen Situationen ausrufen: „Christian Kracht Hilf! Was sagt man da?“[2]. Im Kontrast dazu steht die wesentlich kritischere Rezeption etwa Matthias Polityckis, der Kracht stilistische Indifferenz unterstellt, indem er ihn zu denjenigen Autoren zählt, die sich „um überhaupt nichts mehr scheren, am allerwenigsten um die Frage, was ein vollgeschwalltes Stück Papier von einem literarischen Text unterscheide“.[3] Malin Schwerdtfeger wiederum, die der Frage nach den ästhetischen Leistungen jener Generation nachgeht, attestiert: „Ich glaube, in der Literatur wird zum Beispiel Christian Kracht bleiben [...].“[4] In jedem Fall aber wird Kracht eine Bedeutung zuerkannt, die ihn und sein Werk Faserland zum Ausgangspunkt einer literarischen Bewegung macht. Doch woraus speist sich diese Bedeutung?

Es ist die unbefangene Darstellung einer Generation gelangweilter junger Menschen aus reichem Hause, die sich zwischen zwei Polen bewegt: Oberflächlichkeit und Unfähigkeit zur Kommunikation. Kracht zeigt diese Welt, ohne sie zu propagieren. Aus der Mitte heraus führt er die Inhaltsleere des Protagonisten und seiner Umwelt vor, das Sich-Definieren über Marken, Clubs, Urlaubsorte und andere Merkmale, die auf der Oberfläche verbleiben, und erlaubt seinem Ich-Erzähler einen ungezwungenen, provozierenden Umgang mit der deutschen Geschichte und den Wertvorstellungen der 68er-Generation. Beides schien die nachfolgenden Autoren von den Fesseln jeder moralischen Aufgeladenheit zu erlösen. „Die Ernsthaftigkeit, mit der Kracht Markenprodukte einführte und als Fundamente des Lebens Anfang der Neunziger Jahre vor Auge führte, wirkte befreiend“, schreibt Illies in Generation Golf.[5] Auf der anderen Seite steht die Nicht-Kommunikation, die sich als seichter Meinungsaustausch über irrelevante Dinge zeigt oder als vollständig scheiternde Verständigung. Sie steht wohl exemplarisch für die sozialen Defizite der vorgeführten Generation und Bevölkerungsschicht.

Kracht zeigt diese beiden Pole anhand seines namenlosen Ich-Erzählers, der als Teil der Barbour-Sylt-Sportwagen-Welt durch die Bundesrepublik reist und seine Erlebnisse, ergänzt um Erinnerungen an Freunde und Kindheit, im Präsens wiedergibt. Mit all seinen Eigenschaften, Stärken und Schwächen verkörpert er, teils stark überzeichnet, eine Generation junger Menschen zu Beginn der 90er Jahre, ohne dass diese Eigenschaften unmittelbar beim Namen genannt werden. Sie erschließen sich dem Leser erst aus dem Verhalten des Ich-Erzählers, insbesondere dann, wenn er in Kontakt tritt zu den übrigen Personen des Romans.

Die Art und Weise, wie diese eingeführt, beschrieben und erzählerisch erzeugt werden, offenbart viel über den Protagonisten, über seine Fähigkeiten, Defizite und darüber, wie er seine Mitmenschen wahrnimmt. Die von ihm vorgenommene Charakterisierung der übrigen Personen dient in diesem Sinne dazu, den Ich-Erzähler selbst zu charakterisieren. So werden die Figuren zu Formen, an denen der Protagonist Gestalt annehmen und plastisch hervortreten kann.

Die Personen, die im Laufe des Romans auftreten, unterscheiden sich in ihrer Funktion insofern, als sie unterschiedliche Aspekte von Persönlichkeit und Lebenswelt des Erzählers hervortreten lassen. Eine erste Gruppe, die vor allem aus flüchtigen Bekanntschaften besteht, macht die Markenfixierung und oberflächliche Personenwahrnehmung des Ich-Erzählers deutlich. Die drei so genannten „Freunde“, die anhand mehrerer gescheiterter Kontaktversuche seine Kommunikationsunfähigkeit zeigen, bilden die zweite Gruppe. Eine dritte Gruppe, hauptsächlich Taxifahrer und Zufallsbekanntschaften, gibt dem Erzähler Gelegenheit zu undifferenzierten Bemerkungen über Nazi-Deutschland, an denen die ablehnende Haltung gegenüber dem tradierten Wertesystem der 68er-Generation offenkundig wird. Die Charakterisierung dieser Figuren, die Kommunikation mit ihnen und die dadurch gemachten Aussagen über den Protagonisten sollen im Folgenden untersucht werden.

1. Nichts als Oberfläche: Karin, Anne, Sergio

Bereits auf der ersten Seite des Romans, der Ich-Erzähler steht gerade an einer Fischbude auf Sylt, wird Karin eingeführt:

Vorhin hab ich Karin wiedergetroffen. Wir kennen uns noch aus Salem, obwohl wir damals nicht miteinander geredet haben, und ich hab sie ein paar mal im Traxx in Hamburg gesehen und im P1 in München. [...] Karin studiert BWL in München. [...] Sie trägt auch eine Barbourjacke, allerdings eine blaue. [...] Karin ist mit dem dunkelblauen S-Klasse-Mercedes ihres Bruders da, der in Frankfurt Warentermingeschäfte macht.[6]

Der Protagonist charakterisiert Karin und zugleich sich selbst wie beiläufig als Mitglied der Oberschicht. Beide haben das Elite-Internat Salem besucht, dessen Absolventen, in aller Regel Kinder aus außergewöhnlich wohlhabendem Hause, auf Führungsaufgaben vorbereitet werden. Dementsprechend studiert sie Betriebswirtschaftslehre, was zusammen mit Jura als beliebtes Studienfach entsprechender Gesellschaftskreise gilt. Der Erzähler hat Karin in bestimmten Szene-Clubs gesehen, sie trägt, genau wie er, eine Barbourjacke, die als obligatorisches Kleidungsstück der „klassischen“ Garderobe gilt, und fährt einen Oberklassewagen. Bereits mit wenigen identifikatorischen Merkmalen wird Karin hier also als Teil einer bestimmten Kultur charakterisiert.

Bereits diese wenigen Zeilen zu Beginn des Romans zeigen eine stark selektive Wahrnehmungsfähigkeit des Protagonisten gegenüber seinen Mitmenschen. Stellt er Karin vor, so beschränkt er sich auf eine Handvoll kulturell aufgeladener äußerer Merkmale, die sie als Mitglied seiner eigenen sozialen Schicht ausweisen. Während selbst die Farbe ihrer Jacke Erwähnung findet, kommen Charakter, Persönlichkeit und andere „weiche“ Eigenschaften nicht zur Sprache - sie scheinen für ihn keine Rolle zu spielen. Er gibt in den anschließenden Textpassagen zwar seine Meinung über Karins Goldschmuck, Oberweite und Frisur wieder, verliert jedoch kein Wort über Sympathie oder Antipathie. Erst später, am Strand mit Sergio und Anne, heißt es beiläufig: „Ich glaube, ich mag Karin ganz gerne.“[7] Doch selbst diese für des Protagonisten stilistisch typische Aussage offenbart durch die relativierenden Begriffe „ich glaube“ und „ganz“ eine immense Unsicherheit im Beurteilen menschlicher Eigenschaften und zwischenmenschlicher Beziehungen.

Die einzigen Dinge, die ihm beim Einordnen und Beschreiben von Personen Halt geben, jene für die Oberschicht signifikanten Äußerlichkeiten, über die auch Karin näher definiert wird, nennt er - mit einer erstaunlichen Nonchalance und Unbefangenheit - eher nebenbei, statt sie mit Nachdruck in den Vordergrund zu stellen. Dies deutet zum einen auf seine eigene Verankerung in der Welt der Luxuskinder und den für ihn gewohnten Umgang mit entsprechend teuren Markenprodukten hin, zum anderen auf eine allgemeine Akzeptanz des Markenfetischismus und der Oberflächlichkeit bei den Menschen seiner Schicht und Generation.

Auffallend ist auch, dass der Erzähler vor dem beschriebenen Zusammentreffen offenbar nie mit Karin geredet hat. Er kennt sie also lediglich vom Sehen, und bereits das Vorhandensein bestimmter äußerlicher Merkmale - Karins Aussehen, ihre Kleidung, ihr Urlaubsort Sylt -, die Dechiffrierung und die daraus folgende Zuordnung zur Barbourjacken-Schicht genügen ihm als Basis, um mehrere Stunden mit ihr zu verbringen, obwohl er sich ganz offensichtlich langweilt und mit der eigentlichen Person Karins nichts anfangen kann. „Ich hör nicht genau zu“[8], bemerkt er, als sie über Modedesigner spricht, und beschreibt wenig später die gemeinsame Autofahrt: „Ich setze meine Sonnenbrille auf, und Karin erzählt irgend etwas, und ich sehe aus dem Fenster.“[9] Er hat also nicht nur Schwierigkeiten mit der zwischenmenschlichen Kommunikation, wie Moritz Baßler feststellt[10] ; vielmehr werden hier die auf Äußerlichkeiten beschränkten Ansprüche deutlich, die er an eine Bekanntschaft stellt, mit der es immerhin wenig später zum Austausch von Zärtlichkeiten kommt.

[...]


[1] Moritz Baßler: Der deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten. München: Beck 2002, S. 111.

[2] Joachim Lottmann: Deutsche Einheit. Ein historischer Roman aus dem Jahr 1995. Zürich: Haffmanns 1999

[3] Matthias Politycki: Kalbfleisch mit Reis!. Die literarische Ästhetik der 78er-Generation. In: Schreibheft (50/1997), S.3-9.

[4] Malin Schwerdtfeger: Wir Nutellakinder. In: Kursbuch (Nr. 154, 2002). Die 30-Jährigen, S. 42-48; hier S. 47.

[5] Florian Illies: Generation Golf. Eine Inspektion. Frankfurt a. M.: Fischer 2000, S. 154

[6] Christian Kracht: Faserland. Roman [1995]. München: dtv 2002, S. 13.

[7] Kracht: Faserland, S. 19.

[8] Kracht: Faserland, S. 14.

[9] Kracht: Faserland, S. 15.

[10] Moritz Baßler: Der deutsche Pop-Roman, S. 112.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Oberfläche und Nicht-Kommunikation. Figurenerzeugung und ihre Funktion in Christian Krachts Roman 'Faserland'
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Deutsche oder deutsch-deutsche Literatur seit 1989
Note
1,2
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V44867
ISBN (eBook)
9783638423779
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Oberfläche, Nicht-Kommunikation, Figurenerzeugung, Funktion, Christian, Krachts, Roman, Faserland, Deutsche, Literatur
Arbeit zitieren
Johannes Hünig (Autor), 2004, Oberfläche und Nicht-Kommunikation. Figurenerzeugung und ihre Funktion in Christian Krachts Roman 'Faserland', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44867

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