Yogaunterricht als Methode zur Kompetenzentwicklung von Schülern in einer Ausbildungsvorbereitungsklasse (AVDual)


Masterarbeit, 2017

111 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract – Deutsche Version

Abstract – English Version

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie
2.1 Yoga
2.1.1 Körperorientierte Yogamethoden
2.1.1.1 Asanas
2.1.1.2 Pranayama
2.1.2 Auswirkungen der Yogapraxis
2.2 Lebensphase der Jugendlichen
2.2.1 Yoga für Jugendliche

3 Forschungsstand

4 Forschungsfrage

5. Das Yogaprojekt
5.1 Projektrahmen
5.1.1 Bildungsgang „AVDual“
5.1.2 Schülergruppe
5.1.3 Voraussetzungen für das Projekt
5.1.3.1 Lehrer:
5.1.3.2 Umgebung:
5.2 Programmstruktur
5.2.1 Auswahlkriterien für Übungen
5.2.1.1 Asana
5.2.1.2 Pranayama
5.2.2 Programmablauf
5.2.3 Exemplarische Beschreibung einer Übungseinheit – inklusive Auswirkungen der einzelnen Bestandteile

6 Forschungsdesign
6.1 Bezug zur Forschungsfrage
6.2 Darstellung der eingesetzten Methode Interviews
6.1.1 Die Auswahl der Interviewpartner
6.1.2 Erstellung der Interviewleitfäden
6.1.2.1 Allgemeine Struktur
6.1.2.2 konkrete Struktur der einzelnen Interviews
6.1.2.2.1 Erstes Schüler- sowie Lehrerinterview
6.1.2.2.2 Zweites Schülerinterview
6.1.2.2.3 Letztes Schüler- sowie Lehrerinterview
6.1.3 Durchführung der Interviews
6.3 Darstellung der eingesetzten Methode Beobachtung
6.3.1 Beobachtungsfeld
6.3.2 Beobachtungseinheit
6.3.3 Beobachterinnen
6.3.4 Beobachtete/r
6.3.5 Beobachtungsinstrument
6.4 Darstellung der eingesetzten Methode Konzentrationstest
6.5 Darstellung der eingesetzten Methode Selbsteinschätzungszielscheibe
6.6 Methode der Datenauswertung
6.6.1 Interviews
6.6.2 Beobachtung
6.6.3 Konzentrationstest
6.6.4 Zielscheibe

7 Ergebnisse und erkenntnisgeleitete Reflexion
7.1 Schülerbezogene Datenauswertung
7.1.1 Lisa
7.1.2 Anna
7.1.3 Muhammed
7.1.4 Julia
7.1.5 Sven
7.1.6 Sebastian
7.1.7 Abdul
7.1.8 Lennart
7.2 Datenauswertung Konzentrationstest
7.3 Klassenbezogene Datenauswertung

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Abstract – Deutsche Version

In der heutigen Zeit widmen sich die Menschen diversen Aufgaben und versuchen viele davon gleichzeitig zu erledigen. Der Mensch scheint in einem ständigen Wettlauf gegen die Zeit zu sein. Als eine Art Gegenpol zu dieser Schnelllebigkeit unserer heutigen Gesellschaft hat sich Yoga in den letzten Jahrzehnten in Deutschland und in anderen westlichen Ländern zunehmend etabliert. Angesichts der positiven Auswirkungen der Übungspraxis wird Yoga als eine individuelle Bereicherung und als ein Beitrag zur persönlichen Entwicklung betrachtet.

Diese Masterarbeit beschäftigt sich mit den möglichen Potenzialen einer regelmäßigen Yogapraxis auf die Kompetenzentwicklung von Schülerinnen und Schülern in einer dualisierten Ausbildungsvorbereitungsklasse (AVDual). Das Schülerklientel der AVDual weist einen erhöhten Entwicklungsbedarf auf. Oft handelt es sich bei AVDual Schülern um Jugendliche, deren erfolgreiche Schullaufbahnen durch diverse Umstände wie z. B. familiäre Probleme oder Lernschwächen erschwert werden. Das durchgeführte Yogaprojekt untersucht, ob die Jugendlichen durch körperliche Ertüchtigung und meditative Übungen mehr Fokussierung im Leben erhalten und hierdurch Kompetenzen ausbauen, die ihnen auf ihrem persönlichen und beruflichen Werdegang von Vorteil sind.

Die Autorinnen dieser Arbeit entwickeln hierfür ein Yogaprojekt, welches insgesamt 14 Yogaeinheiten mit jeweils 80 Minuten umfasst. Die zu erlangenden Kompetenzen werden in Kompetenzkategorien zusammengefasst, nach denen die Schüler auch im Zeugnis bewertet werden. Für die empirische Erfassung der Potenziale der Yogapraxis auf die zu entwickelnden Kompetenzen wird ein multimethodisches Forschungsdesign eingesetzt. Dieses setzt sich aus Interviews, Beobachtungen, Konzentrationstests sowie einer Selbsteinschätzungszielscheibe zusammen. Die Auswertungen der Daten erfolgen schülerindividuell sowie klassenbezogen.

Mit einer Ausnahme erkannten die Projektleiterinnen bei allen Schülern ein Potenzial des Kompetenzausbaus durch die Yogapraxis. Hervorzuheben sind die beobachteten positiven Kompetenzentwicklungen innerhalb der Kategorien „Selbstvertrauen“, „Konzentration / Belastbarkeit / Frustrationstoleranz“, „Flexibilität / Offenheit / Anpassungsfähigkeit“ und „Motivation / Begeisterungsfähigkeit“. Aufgrund des positiven Projektverlaufes bietet die Programmstruktur weiterführenden Yogaprogrammen eine übersichtliche Orientierung zur Durchführung und die Projektleiterinnen hoffen, dass Yoga sich steigender Popularität erfreut - generell in der westlichen, aber insbesondere in der schulischen Welt.

Abstract – English Version

Nowadays, people deal with many different tasks and try to complete them simultaneously. As a result, people seem to find themselves in a constant race against time. Yoga represents a kind of counterpart to our fast-paced society and has therefore become increasingly popular within Germany and other western countries. In view of the positive effects of practicing yoga, it is considered both as an individual enrichment and as a contribution to personal development.

This master thesis deals with the potential of a regular yoga practice regarding the competence development of pupils in a dualized training preparation class (AVDual). The student clientele of AVDual exhibits increased needs for development. In many cases, the school careers of AVDual pupils are hindered by various circumstances, such as family problems or learning difficulties. The implemented yoga project investigates if physical training and meditative exercises help improving the concentration of pupils. Furthermore, the project examines if the adolescents are able to expand competencies, which are of advantage for their personal and professional career.

The authors of this work develop a yoga project, which includes a total of 14 yoga units with 80 minutes each. The competencies to be achieved are summarised in competence categories according to which the students are also graded in their school report. A multimethod research design is used for the empirical acquisition of the potentials of yoga practice on the competencies to be developed. The multimethod research design consists of interviews, observations, concentration tests, and a self-assessment target. The evaluations of the data are based on both the individual pupil and the whole class.

With one exception, the project managers recognised the potential of competence development through yoga practice among all pupils. The following competence categories are particularly worth mentioning concerning their positive effects: "self-confidence", "concentration / resilience / frustration tolerance", "flexibility / openness / adaptability", and "motivation / enthusiasm". Due to the positive progress of the project, the programme structure can serve further yoga schedules as a clear orientation regarding their executions. Also, the project managers hope that that the positive effects help yoga to gain popularity – generally in the Western world, but especially in schools.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wirkmechanismen körperorientierter Methoden (z. B. Yoga)

Abbildung 2: Gegenüberstellung der Methoden

Abbildung 3: Ausschnitt des Beobachtungsbogens

Abbildung 4: Beispiel für einen Zeilenanfang im Test d2

Abbildung 5: Selbsteinschätzungszielscheibe

Abbildung 6: Beobachtungsdiagramm Lisa

Abbildung 7: Beobachtungsdiagramm Anna

Abbildung 8: Beobachtungsdiagramm Muhammed

Abbildung 9: Beobachtungsdiagramm Julia

Abbildung 10: Beobachtungsdiagramm Sven

Abbildung 11: Beobachtungsdiagramm Sebastian

Abbildung 12: Beobachtungsdiagramm Abdul

Abbildung 13: Beobachtungsdiagramm Lennart

Abbildung 14: Konzentrationsleistungswerte (KL) der Schüler

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Muss nur noch kurz die Welt retten (...), noch 148 Mails checken. Wer weiß, was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel.“ Diese Zeilen aus Tim Bendzkos Pop-Song aus dem Jahr 2011 drücken zwar lediglich poetische Gedanken aus der Musikwelt aus, spiegeln gleichzeitig aber unsere aktuelle westliche Welt wider. In der heutigen Zeit widmen sich die Menschen diversen Aufgaben und versuchen viele davon gleichzeitig zu erledigen Der Mensch scheint in einem ständigen Wettlauf gegen die Zeit zu sein (vgl. Heckmann, 2015: 12).

Als eine Art Gegenpol zu dieser Schnelllebigkeit unserer heutigen Gesellschaft hat sich Yoga in den letzten Jahrzehnten in Deutschland und in anderen westlichen Ländern zunehmend etabliert (vgl. Stück, 2011: 9). Angesichts der positiven Auswirkungen der Übungspraxis wird Yoga als eine individuelle Bereicherung und als ein Beitrag zur persönlichen Entwicklung betrachtet.

Bei der bewegten Meditation in Form von Yoga handelt es sich primär um eine spirituelle Erfahrung (vgl. Heitel, 2007: 25). Ein Bezug zu religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen wird nicht hergestellt (vgl. Marksteiner, 2009: 165). Vielmehr ist Yoga ein Weg der Verbindung und der Zusammenführung verschiedener Glaubensrichtungen, indem durch die Spiritualität die Kernwahrheiten aller Religionen, die aus spiritueller Sicht nicht im Widerspruch zueinander stehen, erlebt werden (vgl. Heitel, 2007: 26). Aus diesem Grund ist das Praktizieren von Yoga jedem Menschen unabhängig von seinen kulturellen Traditionen möglich. Selbst der spirituelle Aspekt wird in unseren kulturellen Kreisen häufig zurückgedrängt und eine körperliche Ertüchtigung tritt in den Vordergrund (vgl. Marksteiner, 2009: 164).

Fernab des spirituellen Aspektes des Yogas gibt es ebenfalls keine nennenswerten Einschränkungen, die eine Yogapraxis ausschließen. Ungeachtet des Alters, der Fähigkeiten und des Erfahrungshintergrundes kann für jeden eine geeignete Übungspraxis entworfen werden (vgl. Mohan, 1994: 204). Innerhalb einer Yogaeinheit mit mehreren Teilnehmern verhelfen zahlreiche Variationen und Anpassungsmöglichkeiten der Haltungen zu einer individuellen Übungspraxis (vgl. ebd.: 73).

Unsere heutige Gesellschaft zeichnet sich neben der bereits genannten Schnelllebigkeit durch Leistungsdruck und Konkurrenzgedanken aus (vgl. Club Carriere, 2003: 718). Viele Menschen u. a Jugendliche erfahren immer mehr Überforderung, die langfristig zu negativen psychischen und physischen Folgen wie bspw. Burn-Out führen (vgl. Stück, 2011: 11). Die vorliegende Masterarbeit beschäftigt sich allerdings nicht mit den langfristig gesundheitsfördernden Aspekten des Yogas, sondern konzentriert sich auf den gegenwärtigen Entwicklungsprozess, der durch das Yoga bei Jugendlichen ausgelöst wird und somit direkt messbar ist. Durch die Yogapraxis und die zum Yoga gehörenden Achtsamkeitsübungen lenken die Jugendlichen ihre Wahrnehmungen auf die Gegenwart und auf sich selbst (Heckmann, 215: 13).

Yoga verfolgt das Ziel, die bestimmte oder unbestimmte Sehnsucht nach Vollkommenheit zu stillen, das Einssein mit dem innersten Kern zu erreichen sowie einen Sinn im Leben zu finden (vgl. Marksteiner, 2009: 264). Yoga verhilft folglich zur eigenen Integration, indem der Geist zentriert und klar wird (vgl. Mohan, 1994: 17). „Wenn wir die Menschen, Dinge und Ereignisse in unserem Leben sehen, wie sie wirklich sind, hat das zur Folge, dass wir Entscheidungen treffen und Schritte unternehmen, die in eine positive Richtung führen“ (vgl. ebd.: 17).

Ausgehend von diesen theoretisch positiven Auswirkungen des Yogas auf Jugendliche entwickeln die Autorinnen dieser Masterarbeit ein Yogaprojekt für Schüler einer dualisierten Ausbildungsvorbereitungsklasse (AVDual Klasse).

Die Wahl fiel durch die Empfehlung der Lehrkräfte auf eine AVDual Klasse, da dieses Schülerklientel einen erhöhten Entwicklungsbedarf aufweist. Die Schulform der AVDual strebt eine Betriebsreife der Jugendlichen an und bereitet die Jugendlichen auf einen Ausbildungsplatz und/oder einen allgemeinen Schulabschluss vor. Oft handelt es sich bei AVDual Schülern um Jugendliche, deren erfolgreiche Schullaufbahnen durch diverse Umstände wie z. B. familiäre Probleme oder Lernschwächen erschwert werden. Durch die Durchführung des Projektes wird untersucht, ob die Jugendlichen durch körperliche Ertüchtigung und meditative Übungen mehr Fokussierung im Leben erhalten und hierdurch Kompetenzen ausbauen, die ihnen auf ihrem persönlichen und beruflichen Werdegang von Vorteil sind.

Die vorliegende Arbeit wird mit einem kurzen Überblick über die theoretischen Grundlagen des Yogas eingeleitet. Daraufhin wird die Lebensphase dargestellt, in der sich die Jugendlichen zur Zeit des Projektes befinden, und die Potenziale des Yogas für Jugendliche werden theoretisch untersucht. Ausgehend vom aktuellen Forschungsstand wurde die folgende Forschungsfrage entwickelt: „Welche Potenziale birgt eine wöchentliche Yogapraxis für Jugendliche in einer Ausbildungsvorbereitungsklasse hinsichtlich der in dieser Schulform zu erlangenden Kompetenzen?“ Anschließend erfolgt die Beschreibung des Yogaprojektes, welche die Darstellung des Projektrahmens und der Programmstruktur einschließt. Nach der Erläuterung hinsichtlich des verwendeten Forschungsdesigns erfolgt die Datenauswertung anhand der zuvor vorgestellten Erhebungsmethoden. Die Masterarbeit schließt mit einem Fazit ab, welches die gewonnen Ergebnisse präzise zusammenfasst und einen Ausblick für eine mögliche Integration von Yoga in der Schule gibt.

2. Theorie

2.1 Yoga

„Yoga citta vritti Nirodha“

Yoga ist das zur Ruhe bringen der Fluktuation des Geistes.

Patanjali Yoga Sutras 1.2 (Barth 2010: 83)

Yoga ist eine aus Indien stammende, seit Jahrtausenden praktizierte Methode zur Harmonisierung von Körper, Geist und Seele. In der Zeit zwischen 2500-800 v. Chr. wurden erste bildliche Darstellungen des Yogas gefunden. Die ersten schriftlichen Niederlegungen erfolgten circa 600 v. Chr. in den Upanishaden, welche eine Sammlung philosophischer Schriften des Hinduismus und Bestandteil der Veda sind (vgl. Baender 2014: 121). Die meisten Yoga-Schriften sind in der Sprache Sanskrit verfasst (vgl. Feuerstein, 2009: 39). Das Phänomen Yoga ist jedoch so facettenreich, dass eine einheitliche Definition nicht vorhanden ist. Alle Zweige des Yoga haben dennoch eines gemeinsam: Sie befassen sich mit einem Sein- und Bewusstseinszustand, der jenseits des Normalzustandes existiert (vgl. Feuerstein 2009: 39).

Der Begriff Yoga stammt von der Sanskrit-Wurzel „Yui“ ab, welche die Bedeutungen „Joch“ und „vereinigen“ beinhaltet. Im Sinne der Samkhya-Philosophie, die der Yoga-Philosophie vorausgeht und in der ein strenger Leib-Seele-Dualismus herrscht, kann dieses als das Unterjochen der leiblichen Komponente unter die Geistige verstanden werden. Vereinigung meint den Kontakt des Menschen mit der Quelle seines eigentlichen Seins (Atman) und somit der Verbindung von Geist-Körper-Seele (vgl. TK Consulting, o.J.). Eine andere Definition von Yoga beschreibt das Ziel, die Bewegungen (Vritti) des Geistes oder des Bewusstseins (Citta) zur Ruhe (Nirodhah) zu bringen (vgl. Baender, 2014: 121-122).

Die Yoga-Sutras des Patanjali, als zentraler Ursprungstext des Yogas, bilden die geistige Grundlage aller Yoga-Systeme. Patanjali (zwischen 500 und 200 v. Chr) ist es gelungen, die Quintessenz aus den uralten Überlieferungen zu ziehen und in bestechend klarer Form herauszuarbeiten (vgl. Barth 2010: 13).

Der in der Yoga Sutra enthaltene achtgliedrige Pfad des Patanjali bildet die Basis für eine Vielzahl von Yogasystemen (vgl. Baender, 2014: 126). Die acht Glieder sind:

1. Yama (Regeln des sozialen Verhaltens)
2. Niyama (Selbstdisziplin)
3. Asana (Körperstellungen)
4. Pranayama (Kontrolle des Atems)
5. Pratyahara (Rückzug des Geistes von den Sinnen)
6. Dharana (Konzentration)
7. Dhyana (Meditation)
8. Samadhi (Versenkung, Verwirklichung des höheren Selbst) (vgl. Barth, 2012: 29).

Im Laufe der Zeit haben sich hieraus unterschiedliche Formen des Yogas entwickelt. Die wichtigsten Yoga-Wege sind Karma Yoga, Jnana Yoga, Bhakti Yoga und Raja Yoga (vgl. Waesse u. Kyrein, 2016: 9).

Unter Karma Yoga wird das selbstlose Handeln verstanden. Die Erbringung einer Tat, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten. Jnana Yoga ist der Weg der spirituellen Erfahrung durch Analyse und Erkenntnis. Es ist der intellektuell orientierte Yoga-Weg, indem der Praktizierende meditiert oder Bücher liest (vgl. Waesse u. Kyrein, 2016: 9). Bhakti Yoga ist der Weg der Gottesliebe und der Hingabe. Praktiziert wird dieser Yoga-Weg u. a. durch das Singen von preisenden Liedern zu Ehren Gottes, durch die Niederwerfung vor dem Bildnis des Göttlichen oder die Erinnerung an Gott (vgl. Feuerstein, 2009: 92-93). Unter Raja Yoga wird der königliche Yoga-Weg aufgrund der intensiven meditativen Übungen verstanden (vgl. Feuerstein 2009: 80). Im Raja-Yoga werden zusätzlich Körperübungen (Asanas) einbezogen, weshalb bspw. das Hatha-Yoga hierunter fällt (vgl. Durgananda et al., 2010: 10).

2.1.1 Körperorientierte Yogamethoden

Das Hatha-Yoga entstand erst im Mittelalter, indem die Glieder drei (Asana), vier (Pranayama) und sechs (Konzentration) verfeinert wurden (vgl. Baender, 2014: 126-127). Es ist der Vorläufer aller Yoga-Varianten, die auf Körperhaltungen ausgerichtet sind (vgl. Broad, 2012: 10). Die Hatha-Übungen werden mit Reinigungsübungen (Kriyas), Muskelkontraktionen (Bandhas) und Siegeln (Mudras) in der Hatha-Yoga- Pradipika (circa 14 Jh. n. Chr.) beschrieben. Die Bezeichnung Hatha setzt sich aus den Silben „Ha“ (Sonne) und „Tha“ (Mond) zusammen. Yoga bedeutet Vereinigung (s.o.), so ist Hatha-Yoga die Vereinigung von Sonne (bzw. dem männlichen Prinzip) und Mond (bzw. dem weiblichen Prinzip). Symbolisch wird hiermit ausgedrückt, dass sich die positiven und negativen Energien im Körper vereinigen und somit die Gegensätze in der Einheit verschmelzen (vgl. Baender, 2014: 126-127).

2.1.1.1 Asanas

Asana bedeutet Stellung, d. h. eine Körperhaltung, die unter voller Beteiligung des Bewusstseins eingenommen wird. Bei der Ausübung eines Asana geht es folglich darum, dass der Praktizierende unter höchster Konzentration im Asana verharrt. Je weiter der Yogi in der Yogapraxis vorangeschritten ist, desto eher wird das Ruhen in der Haltung verwirklicht (vgl. Barth, 2010: 58). Die Asana-Praxis enthält alle Bewegungen, die auch im Alltag vorkommen, und geht darüber hinaus. Sie bezieht Vor-, Rück- und Seitbeugen, Drehungen, Umkehr- und Sitzhaltungen sowie Gleichgewichts- und Atemübungen ein (vgl. Waesse, 2016: 12).

2.1.1.2 Pranayama

„Prana“ bedeutet Lebenskraft und „Ayama“ Aufstieg, Weitung und Ausdehnung. Die normale Atmung ist unregelmäßig und hängt von äußeren Bedingungen sowie der emotionalen Verfassung ab. Diese Unregelmäßigkeiten werden bei der Pranayama Praxis zunächst bewusst unter Kontrolle gebracht, damit die Einatmung und die Ausatmung ganz unverkrampft strömen. Anschließend geschieht die Atemregulation über die Aufmerksamkeit. Pranayama ist folglich die Ausweitung der Lebenskraft durch Atemkontrolle (vgl. Barth, 2010: 61). Yogis messen das Leben nicht in Lebensjahren, sondern in Atemzügen. Ununterbrochen fließt Lebensenergie (prana) u. a. ins Denken, Wollen und Handeln, wodurch Lebenskraft verbraucht wird.. Aus diesem Grund muss diese Kraft ständig nachgeliefert werden, was insbesondere durch die Atmung geschieht (vgl. Vishnu-Devananda, 2014: 250).

2.1.2 Auswirkungen der Yogapraxis

Die Wirkung des Yogas erstreckt sich auf alle Ebenen des menschlichen Lebens: die körperliche, die mentale und die spirituelle. Durch Yoga kann dem Leben eine Richtung, ein Sinn und Würde gegeben werden. (vgl. Barth, 2010: 10). Während im Yogasystem nach Patanjali der Geist im Vordergrund steht, fokussiert das Hatha-Yoga den Körper, bzw. das körperliche Gleichgewicht. Beide zielen allerdings auf die Kontrolle der mentalen Prozesse ab. Im Hatha-Yoga kann der Praktizierende über den Umgang mit dem Körper Einfluss auf seinen Geisteszustand nehmen (vgl. Baender, 2014: 127).

Wie die obige Definition von Yoga, Bewegungen des Bewusstseins zur Ruhe bringen, bereits ausdrückt, kann das Bewusstsein mit Hilfe von Yoga diszipliniert werden. Gedanken, als Teil des Bewusstseins, erzeugen Unruhe. Durch deren Analyse wird Unterscheidungskraft gewonnen und dadurch Gelassenheit. Die Ruhe des Bewusstseins weitet sich anschließend auf die Intelligenz, das Ego, das Ich-Gefühl und das Selbst aus. Durch die Abstinenz von Gedankenwellen erlebt der Yogi Ruhe und Stille, erfährt inneres Gleichgewicht sowie Seelenfrieden und ist im eigentlichen Sinne kultiviert, denn die Gedanken, Worte und Taten werden rein (vgl. Barth, 2010: 32-35).

Yoga kann dazu führen, dass emotional besetzte Themen oder Erinnerungen aus der Vergangenheit aufsteigen. Dies ist häufig ein Zeichen dafür, dass sich alte Muster auflösen. An solchen Gedanken und Vorstellungen zeigt sich die innere Realität des Individuums, welche im Alltag meist übertönt oder ausgeblendet werden. Sie verlieren ihre ablenkende Kraft, wenn sie als innere Realität erkannt und angenommen werden. Durch das Erkennen der eigenen tieferen, unbewussten Schichten und deren Annahme erweitern sich die Entscheidungs- und Handlungsspielräume, wodurch Yoga psychologisch eine neue Form des Umgangs mit sich selbst, mit der Umwelt und den Mitmenschen eröffnet (vgl. Marksteiner, 2009: 270-271). Yoga ist folglich eine psychologisch-geistige Disziplin der Selbstfindung und Befreiung (vgl. Baender, 2014: 121). Zudem erlangt der Yogi die Fähigkeit, sich besser auf soziale Situationen und seine Mitmenschen einzustellen, da er weniger von seinen eigenen Problemen beansprucht wird.

Auf der physiologischen Ebene hat Yoga Einfluss auf eine Verlangsamung der Stoffwechselvorgänge, auf eine Vertiefung der Atmung und eine Senkung der Pulsfrequenz. Auf diese Weise können latente Ängste oder Stress abgebaut werden (vgl. Marksteiner, 2009: 271-272). Bei der Asanapraxis werden Kraft, Flexibilität, Gleichgewichtssinn und Muskelausdauer trainiert. Durch die Aktvierung der Muskeln, Sehnen und Blutgefäße wird die Durchblutung verbessert. Die Rückenmuskulatur wird gestärkt, was zu einer besseren Körperhaltung führt (vgl. ebd.: 167). Die Verknüpfung von Bemühen, Konzentration und Ausgewogenheit im Asana zwingt den Praktizierenden im gegenwärtigen Augenblick zu leben. Dieses Gegenwartserlebnis befreit den Geist von eingefahrenen Denkweisen und Vorurteilen. Auf dieser Ebene, auf der Handeln und Wahrnehmen eins sind, wird das spontane und gleichzeitig richtige Handeln erlernt (vgl. Barth, 2010: 59). Die Asanapraxis schult den Körper, die Sinne und die Intelligenz, wodurch der Yogi Achtsamkeit, Sensibilität und Konzentrationskraft entwickelt. Pranayama verleiht ihm Kontrolle über die subtilen Qualitäten der Elemente, nämlich Klang, Berührungsqualität, Form, Geschmack und Geruch (vgl. ebd.: 22).

2.2 Lebensphase der Jugendlichen

Jugendliche befinden sich in einer Phase des Lebens, in der sie eine Vielzahl von Anforderungen, u. a. in der Schule, zu bewältigen haben. In der Schule werden von den Jugendlichen gute Leistungen erwartet. Diese zu erreichen fällt teils schwer, da die Klassen meist zu groß sind und eine individuelle bzw. differenzierte Förderung oft nicht stattfindet (vgl. Stück, 2011: 11). Die Wichtigkeit eines guten Abschlusses rückt immer weiter in den Vordergrund und bildet einen Teil des Idealbildes der Gesellschaft. Die Gewissheit, sich am Arbeitsmarkt behaupten zu müssen, verstärkt den Leistungsdruck in der Schule. Insbesondere weil den Jugendlichen bewusst ist, dass in der heutigen Gesellschaft die Bildung den privaten und vor allem beruflichen Aufstieg ausmacht (vgl. Bartsch, Gaßmann, 2011: 12). In den dualisierten Ausbildungsvorbereitungsklassen (AvDual Klassen) wird dies in dem beginnenden Wettbewerb um Lehrstellen und Bildungszertifikate sichtbar (vgl. Stück, 2001, 11). Die Gesellschaft lebt den Jugendlichen vor, dass die freie Entfaltung und die Identifikation mit der Berufswahl im Leben wichtig sind. Doch auf der anderen Seite werden durch verschiedene Maßnahmen der Bildungspolitik diese Zukunftsziele für viele Jugendlichen nicht erreichbar sein (vgl. Bäuerle, 1996: 19).

Die Entwicklungsanforderungen der Jugendlichen werden durch die Vorstellungen der Gesellschaft und dem von ihnen entwickelten Idealbild eines Menschen geprägt. Bei einer genaueren Betrachtung der zu entwickelnden Werte stehen diese jedoch oft im Widerspruch zueinander (vgl. ebd.: 18). Die Jugendlichen orientieren sich verstärkt an der Außenwelt sowie an Gleichaltrigen und streben nach mehr Unabhängigkeit von den Eltern bzw. Erziehungsberechtigten. Es wird von den Jugendlichen erwartet, ihre eigene Lebensführung zu verwirklichen und adäquat zu handeln, ohne den ständigen Einfluss oder die Kontrolle der Eltern (vgl. Purperhart 2010: 9). Dennoch wird von den Jugendlichen in vielen Situationen weiterhin verlangt, dass sie sich den Entscheidungen und Anweisungen der Eltern oder anderen Erwachsenen, wie z.B. den Lehrern, beugen.

Die Jugendlichen werden dazu aufgefordert, dass sie sich ein eigenständiges Werte- und Normempfinden aufbauen und ihre eigene Persönlichkeit finden, welches auch die Einübung der Geschlechterrolle beinhaltet. Die Übernahme der Geschlechterrolle wird ihnen durch die herrschende Diskriminierung in verschiedenen Bereichen des Lebens erschwert (vgl. Bäuerle, 1996: 18-22). Sie sind auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und verändern sich mit der Pubertät körperlich (vgl. Purperhart, 2010: 9). Sie erleben die ersten sexuellen Energien und eine Intensivität und Vielzahl an Emotionen. Die hormonelle Veränderung führt oft zu Gefühlsschwankungen, da die Jugendlichen Gefühle stärker wahrnehmen. Von den Jugendlichen wird erwartet, dass sie das verstärkte Empfinden der Emotionen selbst kontrollieren. Die Folge dieser Gefühlskonfrontation sind meist Selbstzweifel und Überforderung (vgl. Fontana, Slack, 1997: 45-47).

Außerdem stehen sich folgende Erwartungshaltungen konträr gegenüber: Die Jugendlichen sollen ihre Durchsetzungsfähigkeit stärken und unter Gleichaltrigen die eigene Position vertreten können. Gleichzeitig wird verlangt, dass sie Rücksicht auf andere nehmen und die eigenen Interessen zurückstellen (vgl. Bäuerle, 1996: 18-21).

Die Jugendlichen sind häufig nicht in der Lage, die Erwartungen anderer vollständig zu erfüllen und stellen auch an sich selbst kaum erfüllbare Anforderungen. Einerseits möchten sie ihr Leben selbstständig gestalten und entscheiden, andererseits haben sie Angst, vertraute Gegebenheiten in ihrem Leben, wie z.B. das Elternhaus oder das Kind-Dasein, aufzugeben. Zu einer zusätzlichen Überforderung führt eine hohe Anzahl an Reizüberflutungen, welche bspw. durch Medien, wie den Fernseher, den Computer und Mobiltelefone, ausgelöst werden. (vgl. Purperhart, 2010: 9). Zudem werden die Jugendlichen nicht mehr in traditionelle Gesellschaften hineingeboren und es existiert ein Überangebot an möglichen Lebensweisen in der heutzutage schnelllebigen Zeit. Das bedeutet für die Jugendlichen, dass sie selbst für ihre Lebensplanung und –gestaltung verantwortlich sind. Es wird von ihnen erwartet, dass sie in der Lage sind, bei diesem Überangebot an Lebensweisen, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Dies kann schnell zur Überforderung führen, da wichtige Konstanten einer bestehenden Ordnung, wie Sicherheit und Verlässlichkeit, selbst konstruiert werden müssen. Das Überangebot an Möglichkeiten in der Entwicklung führt außerdem dazu, dass die Jugendlichen schwerer Entscheidungen treffen, da diese immer mit einem Zweifel belegt sind, ob ein anderer Weg nicht der bessere wäre. Dies kann zu einer permanenten Unzufriedenheit während des Entwicklungsweges führen. Darüber hinaus ist es für die Jugendlichen notwendig zu lernen, dass die theoretische Anzahl an Möglichkeiten im Leben durch reale Bedingungen und Chancen zum Teil stark eingegrenzt sind (vgl. Bartsch, Gaßmann, 2011: 26-27). „Die Lebens-‚Kunst‘ besteht dann darin, mit den nicht gelebten, mit den nicht realisierbaren Möglichkeiten zurechtzukommen“ (Lüders, 1997: 6).

Diese Belastungen beinhalten die Gefahren, dass bei den Jugendlichen körperliche Beschwerden und ein negatives Selbstbild hervorgerufen werden. Abhängig von den individuellen Voraussetzungen des Jugendlichen wirkt die von außen einwirkende Belastung stärker oder schwächer auf den Jugendlichen und führt zur entsprechenden Beanspruchung (vgl. Stück, 2011: 13). Der permanente und störende Gedankenstrom führt dazu, dass die Jugendlichen nur schwer zur Ruhe kommen und ein Unwohlsein entwickeln (vgl. Purperhart, 2010: 9-10). Ein Gefühl der Überforderung hindert die Jugendlichen in ihrer Kreativität und bei der Persönlichkeitsentfaltung. Hierauf reagieren sie oft mit Lustlosigkeit, Desinteresse, Müdigkeit sowie einem Rückgang der Eigeninitiative. (vgl. Pilguj, 2002: 9). Durch die Anforderungs-, Möglichkeits- und Reizüberflutung vergessen die Jugendlichen auf ihren Körper und ihre Seele zu hören und diese zu achten (vgl. Purperhart, 2010: 10). Die Jugendlichen befinden sich während ihres Reifungsprozesses zum erwachsenen Menschen also in einem ständigen Balanceakt. Sie stehen zwischen der völlig freien Entfaltung und Weiterentwicklung sowie der Unterordnung verschiedener Werte und Vorgaben der sozialen, rechtlichen und gesellschaftlichen Außenwelt (vgl. Bäuerle, 1996: 18-22).

2.2.1 Yoga für Jugendliche

Yoga kann den Jugendlichen helfen, die Anforderungen und den damit verbundenen Stress zu bewältigen und ihre Gedankenströme zur Ruhe zu bringen. Yoga gehört, wie im zweiten Kapitel beschrieben, zu den körperbezogenen Verfahren. Daher löst Yoga vor allem körperorientierte Veränderungen aus, die dann aber meist auch psychologische Wirkungen nach sich ziehen (vgl. Stück, 2011: 52).

Abbildung 1: Wirkmechanismen körperorientierter Methoden (z. B. Yoga)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Stück, 2011: 52

Die Abbildung 1 verdeutlicht, dass das Durchführen von Yoga-Übungen Impulse auslöst, die das Hormonsystem stimulieren. Dies steht in enger Wechselwirkung mit dem Immunsystem und dem Zentralnervensystem. Die Stimulation führt zunächst zu physiologischen Wirkungen, die dann aber auch ein verändertes Erleben und Verhalten auf der psychologischen Ebene bewirken. Da beide Ebenen in einer Wechselbeziehung zueinander stehen, resultiert die psychologische Veränderung wieder in eine körperliche Auswirkung (physiologisch) (vgl. Stück, 2011: 52-53).

Kinder und Jugendliche bewegen sich heutzutage meist nicht ausreichend. Dadurch haben viele eine schlechte Körperhaltung und eine eingeschränkte Beweglichkeit (vgl. Vishnu-Devandanda, Swami 2014: 28). Durch Yoga entwickeln die Jugendlichen mehr Körperspannung und bauen Muskulatur auf, ohne dass Gelenke und Sehnen sowie die Muskulatur selbst überstrapaziert werden. Dieser Aspekt wird nur in sehr wenigen Sportarten berücksichtigt, ist aber bedeutend, da sich der Körper bei den Jugendlichen zum Teil noch in der Entwicklung befindet (vgl. Pilguj 2002: 11).

Jugendliche befinden sich permanent unter Leistungsdruck und auch bei vielen Sportarten stehen Wettkämpfe und Leistungen im Vordergrund. Die Yoga-Übungen bauen auf die aktuelle körperliche und geistige Verfassung des Praktizierenden auf. Die Jugendlichen konzentrieren sich beim Yoga nur auf ihren eigenen Körper und nehmen diesen bewusster wahr. Durch die ausschließliche Konzentration auf sich selbst entstehen beim Yoga keine wettbewerbsähnlichen Situationen (vgl. Sriram 2015: 30).

Die Erfahrungen, die Jugendliche beim Yoga erleben, werden von ihnen wahrgenommen und reflektiert, sodass sie eine Verbindung zwischen Körperwissen und Körpereinsatz herstellen (vgl. ebd.: 28). Die Jugendlichen testen und entwickeln mit den Yoga-Übungen ihre körperlichen Fähigkeiten und treten auf diese Weise in eine engere Verbindung mit ihrem eigenen Körper, welchem sie in dieser Phase des Lebens meist sehr kritisch gegenüber stehen. Durch verschiedene Wahrnehmungsübungen erleben und fühlen sie ihren Körper neu und bauen eine verstärkte Verantwortung für diesen auf (vgl. Pilguj, 2002: 11).

Angst, Sorgen und Stress führen häufig zu Verspannungen und Verkrampfungen der Muskulatur. Teilweise wirken sich diese Faktoren auch auf den Bauchbereich aus, sodass medizinisch nicht erklärbare Bauchschmerzen entstehen. Yoga bietet den Jugendlichen die Möglichkeit, den Stress effektiv zu reduzieren, ihr Unwohlsein im Körper wahrzunehmen und diesen bewusst zu entspannen. (vgl. ebd.: 11-12).

Hyperaktive Jugendliche profitieren vom Yoga, da sie mit klaren Regeln konfrontiert sind, die ihnen Sicherheit geben. Zudem erleben sie ruhigere Momente, die sie für sich nutzen können (vgl. ebd.: 12).

Durch die Entspannungsübungen sowie das Strecken und Anspannen der Muskeln in den Asanas lernen die Jugendlichen verschiedene Techniken der Entspannung (vgl. Purperhart, 2010: 17). Diese entwickelte Entspannung durch das Yoga hilft den Jugendlichen, Probleme effektiver zu verarbeiten und ihre Köpfe „frei“ zu machen. Durch den geistigen Freiraum entwickeln sie bspw. andere und effektivere Lösungswege für ihre Probleme. Die Jugendlichen befinden sich in einer Entwicklungsphase, weswegen es wichtig ist, dass sie sich mit ihren Einstellungen und ihrem Verhalten auseinandersetzen, dieses für sich reflektieren und weiterentwickeln (vgl. ebd.: 18-19). Dies führt zu einem veränderten Wahrnehmungsprozess, einer Veränderung des eigenen Charakters sowie einer positiven Verhaltensänderung zu anderen Menschen (vgl. Marksteiner, 2009: 287). Die Jugendlichen erfahren, wer sie selbst sind, und verstehen die Zusammenhänge von Individuum und Ganzheit. Dies ist eine essentielle Voraussetzung dafür, Verantwortung für die Welt zu übernehmen (vgl. ebd.: 15). Durch geleitete Meditationen, in Form von Fantasiereisen, werden Jugendlichen gezielt zu verschiedenen Themenbereichen gelenkt, die sie dann auf sich bezogen überdenken. Die Jugendlichen sind dadurch in der Lage, neue Perspektiven zu entdecken, und lernen ihr Denken und Handeln anders wahrzunehmen und zu verstehen (vgl. Purperhart, 2010: 18-19).

Durch die Übungen schauen die Jugendlichen tief in ihr Inneres und können ihr Unterbewusstsein durchleuchten, sodass auch der Ursprung verschiedener Gedanken und Gefühle deutlich wird (vgl. Fontana, Slack, 1997: 37-38). Durch das Yoga sind die Jugendlichen im Stande, ihren innerlichen Gedanken- und Gefühlsstrom besser zu kontrollieren. Auch negative und zweifelnde Gedanken werden von den Jugendlichen beherrscht, sie nehmen diese durch das Yoga bewusster wahr und sind in der Lage, diese von sich abzuwenden (vgl. ebd.: 37). Durch die innere Ruhe, die das Yoga auslöst, nehmen die Jugendlichen bspw. Situationen anders wahr und reagieren bewusster, ohne dass sie zu stark von Impulsen und Gefühlen geleitet werden. Die Konzentration, die durch körperliche Übungen und Meditationen entwickelt wird, führt dazu, dass die Jugendlichen sich besser auf sich selbst konzentrieren können und dadurch ein stärkeres Selbstbewusstsein entwickeln (vgl. Purperhart, 2010: 20). Die entwickelte Konzentration durch das Yoga und die Meditation unterscheidet sich dabei von einer einfachen, auf Interesse basierenden Konzentration. Die reine Form der Konzentration lässt sich auch auf andere Lebensbereiche effektiver anwenden (vgl. Fontana, Slack, 1997: 36-37).

3 Forschungsstand

Yoga wird von der akademischen Psychologie und Medizin zunehmend zur Kenntnis genommen (vgl. Stück, 2011: 32). Von erkenntnisgeleitetem Interesse für diese Arbeit sind solche Studien, die sich auf Yoga mit Jugendlichen und auf die Komponenten der Kompetenzen beziehen.

Besonders im Erwachsenenbereich gibt es wissenschaftlich evaluierte Yogaprogramme. In diesen Studien wurde die Wirksamkeit des Yogas in verschiedenen Bereichen, u. a. als Methode zur Stressbewältigung bzw. zur Behandlung von Symptomen als Folge von Stress nachgewiesen (vgl. ebd.). Bei einer Zusammenfassung der Ergebnisse aus 29 empirischen Arbeiten im Erwachsenenbereich konnten folgende, für diese Arbeit relevanten, Komponenten nachgewiesen werden: Abbau von Ängstlichkeit, Gefühl der Unterlegenheit, Selbstkritik, geistige Erschöpfbarkeit und eine Zunahme der Selbstachtung, der Konzentration, der Bestimmtheit und der emotionalen Stabilität, der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Offenheit für neue Erfahrungen und der Moral (vgl. ebd.: 37-39).

Der Großteil der Forschungsarbeit zum Yoga wurde im Erwachsenenbereich geleistet, während immer noch wenige Untersuchungen über die Auswirkungen von Yoga- und Entspannungstechniken auf Kinder und Jugendliche zu verzeichnen sind (vgl. ebd.: 41). Entspannungsmethoden sind jedoch an das Alter eines Kindes sowie an seinen sozialen, kognitiven und emotionalen Entwicklungsstand anzupassen, um eine effektive Wirkung zu erzielen (vgl. Petermann et al., 1998: 497-506).

Dennoch lassen die Effektstudien im Erwachsenenbereich eine prognostische Wirksamkeit für den Kinder- und Jugendbereich erwarten. Bis Anfang der 90er Jahre existierten in Deutschland keine hochwertigen wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Yoga mit Kindern und Jugendlichen. Bis heute entstanden drei Dissertationen zum Thema Kinderyogaprogramme. Marcus Stück arbeitete zwei Jahre mit Mittelschülern im Alter von 12 bis 13 Jahren einer Leipziger Schule und entwickelte ein praktikables Yogaprogramm, das er mit wissenschaftlichen Methoden untersuchte. 1997 wurde seine Dissertation „Entwicklung und Evaluation eines Entspannungstrainings mit Yogaelementen für Mittelschüler als Bewältigungshilfe für Belastungen“ veröffentlicht. Das von ihm entwickelte Programm umfasste 18 Sitzungen[1], verteilt auf zwei Sitzungen pro Woche, von jeweils 60 Minuten und wurde im Rahmen eines Kursangebotes nach der Schule durchgeführt. Diese Dissertation untersuchte die folgenden Fragestellungen: 1. Ist das Entspannungstraining mit Yogaelementen geeignet, um kurz- wie langfristig persönlichkeitsstabilisierende Effekte zu erreichen und auf diesem Wege zugleich Schulstress abzubauen? 2. Eignet sich das Training für den Abbau von Prüfungsängsten? 3. Ist die verwendete Methode für Kinder und Jugendliche attraktiv? Als Auswertungsinstrumentarium diente ein mehrdimensionales Verfahren, das sich aus folgenden Komponenten zusammensetzt: zu Beginn und am Ende der Übungsreihe wurde der Stressindikator „Hautwiderstand“ gemessen. Zusätzlich fanden[2] Schüler- und Lehrerbefragungen sowie Beobachtungen hinsichtlich gemachter Erfahrungen statt. Wesentliche Ergebnisse dieser Arbeit sind u. a. eine gesteigerte Kontaktfähigkeit der Trainingsteilnehmer, d.h. dass sie ihre Unsicherheit im Umgang mit Anderen langfristig verbessern konnten. Die signifikanten Verbesserungen der emotionalen Ausgeglichenheit zeigen, dass die Kinder infolge des Trainings ihre Fähigkeit steigern, in leistungs- und sozial relevanten Situationen auf äußere Stimuli weniger ängstlich erregt, bzw. ausgeglichener zu reagieren. Zudem deuten Messwerte darauf hin, dass die schulbegleitende Maßnahme des Entspannungstrainings mit Yogaelementen einen positiven Einfluss auf die Schulmotivation der Teilnehmer ausgeübt hat. Darüber hinaus konnten Ergebnisse aus dem Erwachsenenbereich bestätigt werden, wonach Yoga kurz- und langfristige Entspannungseffekte auslöst. Basierend auf der Dissertation von Marcus Stück folgten zwei weitere Dissertationen von Suzanne Augenstein und Nicole Goldstein. Augenstein (2002) entwickelte und untersuchte ein Programm für Grundschüler im Alter von fünf bis zehn Jahren und Goldstein (2002) ein störungsspezifisches Programm für hyperaktive Kinder im Alter von sieben bis zehn Jahren. Die Ergebnisauswertung der Dissertation von Augenstein mit dem Titel „Auswirkungen eines Kurzzeitprogramms mit Yogaübungen auf die Konzentrationsleistung bei Grundschülern“ zeigte u. a. ebenfalls eine Verbesserung der Konzentrationsleistung sowie eine Verbesserung der sozialen Verhaltensweisen der Kinder. Die Dissertation von Goldstein mit dem Titel „Übungen des klassischen Hatha-Yogas als Interventionsmaßnahme bei Grundschulkindern mit expansiven Störungen“ zeigte eine signifikante Abschwächung der Hyperaktivität und der Impulsivität, eine Verbesserung der Aufmerksamkeit und positive Auswirkungen auf das Sozialverhalten (vgl. Stück, 2011:66 -78).

International betrachtet hat der überwiegende Teil der „Yogaforschung mit Kindern“ in Indien stattgefunden. In den USA erfolgten ebenfalls Untersuchungen zu dem Thema. Die meisten der Publikationen (etwa 85 %) wurden dabei in Journalen veröffentlicht. Es existieren immer noch wenige Monographien bzw. Dissertationen in diesem Bereich (vgl. Stück 2011: 78). Keine der internationalen Dissertationen lässt sich dabei eins zu eins auf die Zielgruppe dieses Forschungsprojektes übertragen.

Die obigen Ausführungen beschreiben einen hohen Anteil der Forschungsarbeit im Erwachsenenbereich sowie einige wenige Dissertationen im Kindesalter bis zum 13. Lebensjahr. Die bisherigen Forschungsergebnisse lassen prognostische Wirkungen auf die in dieser Arbeit untersuchten Zielgruppe einer Ausbildungs- und Vorbereitungsklasse im Alter zwischen 17 und 18 Jahren erwarten.

Bei dieser Forschungsarbeit handelt es sich folglich um eine explorative Studie, welche in Anlehnung an die bisherigen Forschungsstände vollzogen wird.

4 Forschungsfrage

Der Theorieteil sowie der aktuelle Forschungsstand lassen vermuten, dass Yoga positive Auswirkungen auf Jugendliche hat und deren Verhaltensweisen beeinflussen kann. Aus diesem Grund untersucht die vorliegende Masterarbeit die folgende Fragestellung: „Welche Potenziale birgt eine wöchentliche Yogapraxis für Jugendliche in einer Ausbildungsvorbereitungsklasse hinsichtlich der in dieser Schulform zu erlangenden Kompetenzen?“

5. Das Yogaprojekt

5.1 Projektrahmen

Dieser Abschnitt beschreibt den Bildungsgang AVDual und die dort zu erwerbenden Kompetenzen. Zusätzlich werden die Faktoren benannt und erläutert, die für das Projekt nötig sind. Zudem wird die Schülergruppe beschrieben, die an dem Yogaprojekt teilnimmt.

5.1.1 Bildungsgang „AVDual“

Die Berufliche Schule bietet für Jugendliche mit unterschiedlichen Bildungsniveaus und Lernvoraussetzungen die Ausbildungsvorbereitung (AvDual) an. Diese Schulform wurde im Jahr 2011 als ESF[3] -Projekt in ganz Hamburg eingeführt und löste damit das Berufsvorbereitungsjahr ab. Nach einer erfolgreichen zweijährigen Modelllaufphase wurde das AvDual im Schuljahr 2013/14 in das Regelsystem integriert (vgl. Übergang Schule-Beruf, 2009).

Der Ausbildungsgang AvDual wendet sich an schulpflichtige Schulabgänger der Stadtteilschulen und Förderschulen, die keinen höherwertigen Bildungsabschluss an einer anderen Schulform erreichen und noch nicht volljährig sind. Jugendliche, die keine Ausbildung oder weiterführende Bildungsmaßnahmen nach der allgemeinbildenden Schule beginnen, müssen aufgrund der Schulpflicht bis zur Beendigung des 11. Schuljahres an der AvDual teilnehmen (vgl. Li Hamburg, 2014: 12). Das AvDual hilft den Schülern ihre Ausbildungsreife zu entwickeln und unterstützt diese sowohl in ihrer persönlichen Berufsfindung und -wahl als auch auf ihrem Weg in die Arbeitswelt (vgl. BSB, 2009: 9).

In der Ausbildungsvorbereitung befinden sich Jugendliche, bei denen ein stark individueller und differenzierter Entwicklungsbedarf festgestellt wurde. In der Regel können sie aufgrund sozialer Benachteiligung und/oder fehlender Basiskompetenzen keine duale Berufsausbildung beginnen bzw. eine weiterführende Schule besuchen (vgl. ebd.). Die Ausbildungsvorbereitung verbindet die Berufsvorbereitung der Stadtteilschulen mit denen der Förderschulen und entwickelt diese weiter. Die AV orientiert sich curricular überwiegend an den Rahmenbedingungen einer Ausbildung und ist unter anderem mit der Jugendhilfe und der Agentur für Arbeit regional verbunden (vgl. Hogeforster, 2011: 207). Die berufsbildenden Schulen mit AV-Angeboten kooperieren außerdem mit den allgemeinbildenden Schulen ihres Bezirkes im Rahmen der Berufsorientierung, sodass hauptsächlich Jugendliche des eigenen Bezirkes in die AV aufgenommen werden (vgl. Übergang Schule – Beruf, 2009). Die flexible Ausbildungsform AvDual ermöglicht den Jugendlichen eine laufende Einschulung und vorzeitige Entlassungen durch Übergänge in einen Anschlussbereich. Das Ziel dieses Bildungsganges ist der erfolgreiche Übergang in die Ausbildungs- und Arbeitswelt. Außerdem können die Jugendlichen durch entsprechende Leistungsnachweise einen Abschluss erreichen, der dem Hauptschulabschluss entspricht (vgl. BSB, 2009: 9). Hierfür vermittelt der AV-Bereich eine Reihe an Qualifizierungen, u. a. die gezielte Entwicklung der personalen und sozialen Kompetenzen, der berufsübergreifenden Basiskompetenzen sowie der berufsbezogenen Kompetenzen (vgl. ebd.).

Die Betriebsreife der Jugendlichen fördern die Lehrkräfte durch praxisorientierte Unterrichtsformen. Die AvDual erfolgt an zwei Lernorten. Die Schüler verbringen zwei Tage die Woche in der Schule. An einem dieser zwei Tage erfolgt der Unterricht in den Kernfächern Mathematik, Deutsch und Englisch (vgl. [Quelle entfernt], o.J.). An dem anderen Schultag werden Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag besprochen und reflektiert und sich mit betrieblichen Problemen und Konflikten auseinandergesetzt. Zudem können die Schüler die Schulzeit nutzen, um ihren beruflichen Werdegang zu fördern, indem sie sich bspw. für Praktika oder Ausbildungen bewerben oder mit den Lehrkräften Vorstellungssituationen proben.

Die restlichen drei Tage der Woche verbringen die Schüler in einem von ihnen ausgewählten Betrieb und sammeln in Form von Praktika berufsübergreifend unterschiedliche betriebliche Erfahrungen. Dadurch entwickeln die Jugendlichen eine realistische Vorstellung ihrer beruflichen Interessen und Möglichkeiten. Zusätzlich knüpfen sie betriebliche Kontakte und verbessern damit ihre Chance auf einen Ausbildungsplatz (vgl. Köpf-Schuler, 2017). Die Lehrkräfte sind hierbei unterstützend tätig und führen für eine passgenaue Berufswahl Eignungstests und Orientierungsgespräche mit den Schülern durch (vgl. [Quelle entfernt], o.J.).

Teils arbeiten die Schüler auch in schulinternen Praxisprojekten und wechseln anschließend in ihrem individuellen Tempo in ein außerschulisches Praktikum. Wenn bei den Jugendlichen die Betriebsreife für ein Praktikum noch nicht besteht, wird diese in schulischen Produktionsprozessen in den Berufsfeldern Büro, Dienstleitung und Gastronomie gefördert und entwickelt (vgl. ebd.).

Die Jugendlichen werden in der Ausbildungsvorbereitung von einer sechsköpfigen Mentorengruppe pro Klasse unterstützt. Diese setzt sich aus Lehrern und Sozialpädagogen zusammen (vgl. ebd.). Zudem gehören AV-Begleiter von kooperierenden Bildungsträgern zu den Mentoren, die den Schülern helfen, das theoretische Lernen in der Schule mit dem praktischen Lernen im Betrieb zu verbinden (vgl. Übergang Schule – Beruf, 2009). Die Mentoren besuchen die Schüler in ihren Betrieben und fungieren als Ansprechpartner (vgl. [Quelle entfernt], o.J.).

Die Schüler werden in der Ausbildungsvorbereitung nach ihren individuellen Bedürfnissen und Lernvoraussetzungen gefördert. Der schulische Unterricht erfolgt in differenzierten Lerngruppen. Durch eine Kompetenzfeststellung, jeweils zu Beginn des Schuljahres, entwickeln die Lehrkräfte für jeden einzelnen Schüler eine individuelle und geeignete Planung für den Übergang in die Arbeitswelt. Zusätzlich stellen die Mentoren durch regelmäßige Gespräche mit den Schülern deren aktuelle Lernentwicklung fest (vgl. ebd.).

Einen Rahmenlehrplan zu dem Bildungsgang AvDual wurde aktuell noch nicht erstellt. Die Lehrkräfte bereiten die Schüler daher relativ ungebunden auf die Berufswelt vor. Die Jugendlichen im AvDual erhalten ein Zeugnis, das verschiedene zu erreichende Kompetenzen in dieser Bildungsform beinhaltet. Die Schule hat dafür eigenständig Schlüsselqualifikationen zusammengestellt, nach denen sie die Jugendlichen bewerten. Diese Kompetenzen stellen eine Beurteilung der Betriebs- und Ausbildungsreife der Schüler dar. Die Schlüsselqualifikationen sind in Kategorien mit unterschiedlicher Gewichtung zusammengefasst, sodass die Notensumme die Endnote im Zeugnis ergibt.

Die am stärksten gewichteten Kategorien sind:

- Teamfähigkeit / Kooperationsfähigkeit / Kommunikationsfähigkeit / respektvolles Verhalten im Umgang mit Mitschülerinnen und Mitschülern
- Zuverlässigkeit / Einhalten von Regeln und Vorschriften
- Pünktlichkeit/ unentschuldigte Fehlzeiten

Weniger stark gewichtet sind folgende Kategorien:

- Konzentration/ Belastbarkeit/ Frustrationstoleranz
- Konfliktfähigkeit / Kritikfähigkeit / Problemlösungsfähigkeit/ Reflexionsfähigkeit
- Flexibilität / Offenheit / Anpassungsfähigkeit
- Motivation / Einsatzbereitschaft / Begeisterungsfähigkeit
- Organisationsvermögen / planerische Vorgehensweise / Ordnung am Arbeitsplatz
- Respektvolles Verhalten im Umgang mit dem Lehrpersonal/ Kundinnen und Kunden / Höflichkeit

Am geringsten gewichtet ist die Kategorie:

- Selbstständigkeit / Selbstvertrauen

5.1.2 Schülergruppe

Die Projektklasse besucht seit September 2016 den Bildungsgang AvDual. Die Klasse besteht aus vier Mädchen und acht Jungen in dem Alter zwischen 17 und 18 Jahren.

In der ausgewählten Ausbildungsvorbereitungsklasse befinden sich überwiegend Jugendliche, die den allgemeinen schulischen und betrieblichen Anforderungen nicht gerecht werden und daher begründet diese Schulform besuchen. Einige der Jugendlichen sind sozial benachteiligt und/ oder psychisch belastet. In der Klasse herrscht viel Unruhe und die Arbeitsbereitschaft der Jugendlichen ist meist sehr gering. Jeder Schüler braucht eine intensive Betreuung der Mentoren. Die Schüler bleiben auffällig oft und unentschuldigt der Schule fern, aber es besteht ein fester Kern an Jugendlichen, die regelmäßig die Schule besuchen. Die Lehrkräfte weisen auf erhebliche Unterschiede zu bisherigen AV-Klassen hin, da die Projektklasse von deutlich mehr Schwierigkeiten geprägt ist als die Klassen zuvor. Die einzelnen Jugendlichen werden jedoch grundsätzlich als freundlich und offen beschrieben. Viele Schüler öffnen sich bereits zu Beginn des Yogaprojektes und erzählen von ihren privaten und schulischen Problemen. Es entsteht der Eindruck, dass bei einigen Jugendlichen ein hoher Redebedarf besteht.

Die meisten der Schüler befinden sich zu Beginn des Yogaprojektes in einem Praktikum, einige haben ihr Praktikum vorzeitig beendet und andere möchten ihr Praktikum aufgrund von Unzufriedenheit beenden bzw. wechseln. Einen Ausbildungsplatz haben nur zwei Schüler in Aussicht. Die zuständigen Lehrkräfte machen deutlich, dass die meisten Schüler noch nicht die nötige Betriebs- und Ausbildungsreife entwickelt haben, um eine Ausbildung zu beginnen.

Die Schüler befinden sich folglich in einer Findungsphase, in der sie wichtige Entscheidungen für den weiteren Lebensweg treffen. Aus diesem Grund werden die AVDual Schüler für das Yogaprojekt ausgewählt, damit sie während der Yogaeinheiten lernen in sich hinein zu hören und sich Gedanken um ihren weiteren Werdegang zu machen.

Die Schüler und Lehrkräfte der Projektklasse beurteilen vorab das Klassenklima und die Gruppenzugehörigkeit jedes einzelnen Schülers der Klasse als relativ positiv. Diesen Harmonie-Aspekt innerhalb der Gruppe beobachten auch die Projektleiterinnen, sodass die Schüler für den Projektablauf nicht in separate Yogagruppen getrennt werden (vgl. Stück, 2011: 43). Die Klasse besteht aus zwölf Schülern. Diese Gruppengröße ist bei dem Projekt aufgrund des Alters der Jugendlichen sowie durch den Einsatz von zwei Yogalehrerinnen akzeptabel (vgl. Oßbrüggen, 2009: 99).

5.1.3 Voraussetzungen für das Projekt

5.1.3.1 Lehrer:

Das Projekt wird von zwei Projektleiterinnen durchgeführt. Eine Projektleiterin hat im März 2014 ihre erste 200 stündige, Yoga Alliance zertifizierte, Yogalehrerausbildung in Nicaragua im Ashtanga Vinyasa Yoga abgeschlossen. Seit diesem Zeitpunkt unterrichtet sie Yoga in diversen Vereinen, Studios, Firmen und über den Sommer in Surfcamps in Frankreich und Spanien. Im Juli 2017 schloss sie eine weitere 535-stündige Yogalehrerausbildung ab. Diese Yogalehrerausbildung vertiefte die bisherigen Kenntnisse und behandelte die Inhalte aller traditionellen Yogastilrichtungen.

Die andere Projektleiterin besitzt keine Yogalehrerausbildung und hat keine weiteren Erfahrungen mit dem Yoga. Daher steht sie dem Yogaprojekt sehr offen und vor allem objektiv gegenüber. Sie führt nur unter Anleitung leichtere Yoga-Übungen und Justierungen bei den Jugendlichen durch. Hauptsächlich ist sie für die Entspannungs- und geleiteten Meditationsübungen zuständig.

Beide Projektleiterinnen sind aufgrund ihres Studiums pädagogisch ausgebildet und daher auf das Yogaprojekt und den Umgang mit den Jugendlichen vorbereitet. Zudem haben beide Projektleiterinnen bereits neben dem Studium an Stadtteilschulen gearbeitet. Hier lag der Fokus auf der Förderung von lernschwachen und/oder sozial benachteiligten Schülern. Auf diesem Weg sammelten die Projektleiterinnen viele Erfahrungen im Umgang mit den Jugendlichen und sind in der Lage, das Gelernte im aktuellen Forschungsprojekt anzuwenden. Außerdem haben sich die Projektleiterinnen bereits in ihrem Kernpraktikum 2016/2017 im Berufsbildungszentrum mit den Klassen der AvDual beschäftigt und dort einige Hospitationen und Unterrichtsversuche durchgeführt, sodass der Bildungsgang bekannt ist. Dies ermöglicht den Projektleiterinnen bereits zu Beginn des Projektes einen effektiveren Umgang mit den Schülern.

Um einen reibungslosen Projektablauf zu gewährleisten, beachten die Yogalehrerinnen einige übungsmethodische Aspekte während der Durchführung des Projektes. Trotz bestehender Anwesenheitspflicht während des Projektes werden die Jugendlichen zu keiner der Übungen gezwungen und führen die diese in ihrem eigenen Tempo und Schwierigkeitsgrad durch (vgl. Stück 2011: 42). Die Yogaübungen werden ohne jeglichen Leistungsdruck vermittelt, im Vordergrund steht die Wahrnehmung des eigenen Körpers und die Yogaleiterinnen versuchen dies zu fördern. Sie kritisieren die Jugendlichen während der Yogaeinheit nicht, sondern geben ihnen Ratschläge zu Verbesserungen und sprechen ihnen Mut zu, falls eine Yogaübung nicht direkt gelingen will (vgl. Pilguj, 2002: 15-17). Zudem gehen die Yogalehrerinnen spezifisch auf Wünsche und Tagesformen der Jugendlichen ein (siehe Kapitel 5.2.2).

Es ist notwendig, dass die Yogalehrerinnen zu Beginn des Projektes gemeinsam mit den Schülern neue Regeln bestimmen, an denen sich alle Projektteilnehmer während der Yogaeinheiten orientieren. Die ausgearbeiteten Regeln werden sichtbar im Yogaraum angebracht. Durch die gemeinsame Vereinbarung sind die Schüler in der Lage, die konkreten Freiheiten und Grenzen nachzuvollziehen, und die Regeln bieten ihnen während des Yogas Orientierung. Die Abmachungen unterscheiden sich zum Teil von den Regeln in der Schule (vgl. Purperhart, 2010: 23). So ist bspw. das Einschlafen während der Entspannungsübungen erlaubt.

Die Yogalehrerinnen versuchen die eigene Begeisterung der Yogapraxis an die Jugendlichen zu übertragen. Dabei ist es wichtig, dass den Jugendlichen der Spaß an Yoga nahegebracht wird, aber auch eine gewisse Ernsthaftigkeit von den Schülern verlangt wird, um bspw. Entspannungsübungen konzentriert durchzuführen. Bei Störungen versuchen sich die Yogalehrerinnen geduldig und ruhig zu verhalten, sodass diese innere Einstellung auf die Jugendlichen übergeht und eine angenehme und entspannte Atmosphäre ermöglicht wird. Zudem motivieren die Yogalehrerinnen die Schüler, indem sie Erfolgserlebnisse wie z. B. eine Yogaeinheit mit wenigen bzw. keinen Störungen loben. Außerdem sind die Yogalehrerinnen permanent zu den Schülern gewandt. Sie stellen den Jugendlichen ihre Position als Respektperson aber gleichzeitig auch als Ansprechperson dar und versuchen durch regelmäßige Gespräche vor und nach den Yogaeinheiten eine vertraute Verbindung zu den Jugendlichen aufzubauen (vgl. Stück, 2011: 42-43).

5.1.3.2 Umgebung:

Das Yoga-Projekt wird in einem separaten Seminarraum der Turnhalle durchgeführt. Der Wechsel von dem Klassenraum zum Seminarraum gewährleistet, dass die Jugendlichen sich effektiver auf die Yogaeinheit einstellen und die Yogaübungen entspannter durchführen, da sie den Raum nur mit dem Yoga verbinden (vgl. Purperhart, 2010: 23). Der Seminarraum enthält für jeden Schüler eine Matte, die sie ausschließlich für die Yogaübungen nutzen. Die Matten sind während der Yogaeinheiten kreisförmig ausgerichtet, sodass die Jugendlichen ein Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen entwickeln (vgl. Oßenbrüggen, 2009: 99). Der Seminarraum beinhaltet ansonsten nur wenige Einrichtungsgegenstände, die zu einer Ablenkung führen (vgl. Puperhart, 2010: 23).

Der Seminarraum befindet sich in einem Durchgang zwischen der Sporthalle und der Schülerumkleidekabine. Dieser Durchgang ist durch eine Glastür vom Seminarraum getrennt. Durch das Abkleben der Glastür mit Metaplanwänden wird eine bessere Konzentration der Jugendlichen sichergestellt, da so die Ablenkung von außen durch andere Schüler vermieden wird. Ansonsten ist der Raum angemessen temperiert, sodass die Jugendlichen in den Entspannungsübungen nicht frieren, aber auch die Asanas mit viel Kraftaufwand aushalten (vgl. Pilguj, 2002: 22).

5.2 Programmstruktur

5.2.1 Auswahlkriterien für Übungen

Dieser Abschnitt umfasst Erläuterungen und Beschreibungen der Asanas und des Pranayama. Es wird auf den Programmablauf eingegangen sowie eine exemplarische Übungseinheit beschrieben.

5.2.1.1 Asana

Aus dem viele jahrhundertalten Hatha-Yoga wurden in neuerer Zeit unterschiedliche Stile entwickelt, wie bspw. Jivamukti-Yoga, Power–Yoga, Kundalini-Yoga und Iyengar-Yoga, usw.. Je nach Yogastil bzw. -richtung rücken unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund, wie bspw. die körperliche Fitness, die Bewusstseinserweiterung oder die geistige Entwicklung (vgl. Waesse, 2016: 13-15). Zusätzlich gibt es je nach Stilrichtung Unterschiede im Übungsaufbau (vgl. Fuchs 1990: 260). Ein ausgewogenes Hatha-Yogatraining beinhaltet u. a. alle Funktionsgruppen des Halteapparates und eine Stimulierung des Parasympathikus[4] (vgl. Durgananda, 2010: 28 und 35). Der Übungsaufbau erfolgt nach dem Vinyasa Krama Prinzip, dies bedeutet in überlegten, geordneten Schritten und dem angestrebten Ziel angepasst (vgl. Mohan, 1994: 159-160).

An den obigen Prinzipien orientiert, wurden die Übungen im Trainingsprogramm des Yogaprojektes so zusammengestellt, dass sie den körperlichen Haltungsaufbau optimal unterstützen. Ein weiteres Auswahlkriterium war die physiologische Unbedenklichkeit. Aus diesem Grund hat eine Beschränkung auf einfache Asanas stattgefunden, die wichtige Funktionsgruppen des Halteapparates unterstützen. Für die Konzentrationsschulung liegt ein weiterer Fokus auf Gleichgewichts- und Konzentrationsübungen. Zur Verbesserung der Körperkoordinierung kommen bilaterale Übungen zum Einsatz.

Ein weiteres wichtiges Auswahlkriterium für die Übungen ist deren Attraktivität für Jugendliche. Es wird darauf geachtet, dass unsportliche Jugendliche nicht überfordert werden und die Asanas leicht auszuführen sind. Ausgehend von milden Varianten werden je nach individuellen Voraussetzungen Asanas mit einem erhöhten Schwierigkeitsgrad angeboten. Diese Asanas werden nur Jugendlichen angeboten, die entsprechende körperliche Voraussetzungen mitbringen.

5.2.1.2 Pranayama

Pranayama Techniken, die Atemtechniken des Yogas, folgen den Asanas erst, wenn die Asanas gemeistert werden, denn ein entsprechendes körperliches Training bildet die Basis für die Pranayama-Praxis (vgl. Barth, 2012: 83). Die Wirbelsäule und die Muskulatur sind im Pranayama der aktive und die Lunge der empfangende Teil. Zunächst wird die Wirbelsäulenmuskulatur durch die Asana-Praxis gestreckt und mobilisiert, wodurch sie Spannkraft erhält. Asanas verleihen den Lungenfasern Elastizität, um sich nach allen Seiten hin zu weiten (vgl. Barth, 2010: 60). Pranayama-Übungen, die in den natürlichen Atemfluss eingreifen, dürfen folglich erst eingesetzt werden, wenn durch eine entsprechende körperliche Praxis eine gute Grundlage geschaffen wurde. Diese Grundlage kann nach 15-maligem Training noch nicht geschaffen sein.

[...]


[1] Mittlerweile wurde das Programm auf 15 Sitzungen verkürzt und es gibt eine Kita-Version.

[3] Der Europäische Sozialfonds

[4] Der Parasympathikus ist der Gegenspieler des Sympathikus und ebenfalls ein Teil des autonomen Nervensystems. Der Sympathikus wird bei Stress angeregt und ist für das Auslösen einer Kampf- und Fluchtreaktion zuständig. Dahingegen regt Meditation den Parasympathikus an. Er sorgt dafür, dass die Herzfrequenz sinkt und die Durchblutung der inneren Organe verbessert wird (Heitel 2007: 28).

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Yogaunterricht als Methode zur Kompetenzentwicklung von Schülern in einer Ausbildungsvorbereitungsklasse (AVDual)
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich Berufliche Bildung und Lebenslanges Lernen)
Note
1,0
Autoren
Jahr
2017
Seiten
111
Katalognummer
V448741
ISBN (eBook)
9783346079855
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit enthält keinen Anhang.
Schlagworte
Yoga, Kompetenz
Arbeit zitieren
Nicole Denker (Autor)Aenne Kiesbye (Autor), 2017, Yogaunterricht als Methode zur Kompetenzentwicklung von Schülern in einer Ausbildungsvorbereitungsklasse (AVDual), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/448741

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