Stadt, Land, Wahl. Welchen Einfluss nehmen Wohnort und Lebensstil auf das Wahlverhalten in der Landeshauptstadt München


Hausarbeit, 2018

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Literaturdiskussion

Theorie

Forschungsdesign

Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wahlen sind das zentrale Element jeder liberal-pluralistischen Demokratie, die den Anspruch auf kompetitiven Regime- und Machtwechsel erhebt und zugleich das wichtigste Instrument des Volkes, um Einfluss auf das Regierungshandeln und die Gestaltung der sozialen und politischen Situation zu nehmen (Arzheimer und Falter 2003). Damit dienen Wahlen vordergründig zunächst der Funktion der Kontrolle der Regierung und deren Legitimation, erfüllen in stabilen demokratischen Systemen aber auch eine Vielzahl weiterer Aufgaben und Kompetenzen, wie Rekrutierung des politischen Personals oder Repräsentation und Mobilisierung der wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger (Nohlen 2009). All diesen Funktionen wird idealerweise auch die im Oktober 2018 stattfindende Landtagswahl im Freistaat Bayern nachkommen.

Untersuchungsgegenstand des hier vorliegenden Papiers soll allerdings die vorangegangene Wahl des Jahres 2013 sein. In dieser erreichte die CSU wie in der Periode zuvor die absolute Mehrheit der Mandatsträger und kam auf insgesamt 47,7% aller abgegeben, gültigen Stimmen.1 Bei genauerer Analyse der dazu herausgegebenen statistischen Wahldaten erscheint insbesondere das Abstimmverhalten beziehungsweise dessen Repräsentation durch die Stimmabgabe der Stadt München interessant, da es sich sowohl stadtintern als auch im Vergleich zu anderen bayerischen Großstädten und Wahlbezirken bisweilen stark unterscheidet.

Unklar bleibt aus dieser oberflächlichen Analyse allerdings, aus welchen Einflussfaktoren sich das Abstimmverhalten in der Landeshauptstadt München ergibt. Also soll, mit anderen Worten, in dieser Arbeit für das beobachtete Wahlphänomen womöglich ausschlaggebende Aspekte und Erklärungsansätze diskutiert und erläutert werden. Dazu ist es zunächst notwendig zu überprüfen, inwieweit das Wahlverhalten zwischen Bewohnern des ländlichen und des urbanen Raumes differiert. Darüber hinaus wird untersucht, ob und warum eine Diskrepanz zwischen einzelnen Stadtvierteln besteht.

Um diese Fragen zu beantworten wird die Arbeit in vier Teile gegliedert. Zunächst erfolgt die Diskussion der bereits zum Thema der urbanen Wahlforschung verfügbaren und inhaltlich hilfreich erscheinenden Literatur. Diesem Teil schließt sich die theoretische Grundierung der Argumente zur Erklärung der aufgeworfenen Fragen an, sowie deren Definition und Operationalisierung im Rahmen eines potentiellen Forschungsdesigns. Abgeschlossen wird das Papier durch eine kritische Würdigung der aufgeworfenen Ansätze.

Literaturdiskussion

Um ein Wahlergebnis auf lokaler wie überregionaler Ebene zu deuten, kann man sich einer Reihe von verschiedenen Forschungsansätzen und -methoden bedienen. Als besonders gebräuchlich erweisen sich dabei in der modernen politikwissenschaftlichen Forschung mehr und mehr verhaltenspsychologische und individuelle Betrachtungsweisen. Neben diesen soziologischen, psychologischen, ökonomischen und gesellschaftlich-persönlichen, im Folgenden genauer erläuterten Ansätzen (Falter 2005; Roth 2008), scheint auch die inzwischen häufig korrigierte und teils gänzlich verworfene geographische beziehungsweise ökologische Politologie nützlich um die in dieser Arbeit vorgestellten Forschungsfragen, zu mindestens in Teilen, zu beantworten. Schließlich erlaubt die politische Geographie eine genaue Analyse eines zumeist kollektiven Wahlverhaltens, in dem im Rahmen der Studie untersuchten Wahlkreisen. Sowohl J.W Falter (1973) als auch J.A. Agnew (1995) führen dabei an, das soziale räumliche Zugehörigkeit und die Lokalität des Lebensmittelpunkt erhebliche Einflüsse auf das Wahlverhalten haben können. So besteht, hier zur Anschaulichkeit beispielhaft hervorgehoben, eine Diskrepanz bezüglich des Wahlverhaltens von „suburbian people“ (Cox 1969, S. 113) mit dem von Einwohnern der Stadt oder der Landbevölkerung. Diese Unterschiede können sich aber genauso gut auch aus Regionalität und geographischer Lage innerhalb eines Landes oder beobachteten Wahlgebietes ergeben, wie Diamanti (1993) anführt oder durch den direkten Einfluss des geographisch-sozialen Milieus der Nachbarschaft. Diesen Effekt beschreiben Fitton (1973) und Harrop und Heath (1991) als ebenfalls wichtigen Bestandteil einer ganzheitlichen Betrachtung und Analyse der geographisch-politischen Indikatoren.

Regionales Abstimmungsverhalten lässt sich aber neben der bereits kurz skizzierten geographischen Betrachtungsweise auch über eine Reihe weiterer in der Politikwissenschaft deutlich weiterverbreiteten und akzeptierten Methoden erklären. Eine dieser Herangehensweisen ist der soziologische Ansatz nach Lasarzfeld (1944), der von einer Determination des Wahlverhaltens durch die kollektive Sozialstruktur spricht. Demnach bestimmen die Indikatoren des Alters, des Geschlechts, der Religion (Manza und Brooks 1997), der Ethnie, des Lebensstils (Oedegaard 2000) oder des Wohnorts (Harrop und Heath 1991) das individuelle Verhalten in der Abstimmung. Mikrosoziologisch sieht Dahrendorf (1958) den Wähler als „Homo Sociologicus“, also als ein Individuum, das seine Wahlentscheidung ähnlich wie sein gesamtes gesellschaftliches Handeln aus gruppenorientierten Interessen heraus gestaltet. Dieser Argumentation zufolge bestimmen folglich nicht nur individuelle Merkmale das politische Handeln, sondern auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Klasse (Dahrendorf 1957; Evans 1993). Eine solche gesellschaftliche Teilhabe impliziert, so Lipset und Rokkan (1967), zugleich nach dem Cleavage-Theorie-Ansatz, ein bestimmtes auf diese historisch gewachsenen Konfliktlinien angepasstes Wahlverhalten. Demnach wird das Wahlverhalten einer sozialen oder gesellschaftlichen Klasse über eine starke Issue-Orientierung bestimmt, da eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe und deren Interessen durch meist eine Partei oder politische Organisation vertreten werden.

Davon losgelöst geht die politische Verhaltensforschung oder Psychologie deutlich stärker auf das zu betrachtende Individuum, das heißt den Wähler, ein und versucht das beobachtete und gemessene Wahlverhalten beziehungsweise das Abstimmungsergebnis aus dieser Perspektive heraus zu deuten (Falter 2005). Dabei dient als grundlegender Indikator die sogenannte „politische Einstellung“ (Campbell et al. 1954), die sich nach dem Ann-Arbor-Ansatz aus mehreren Teilfaktoren zusammensetzt. Dazu zählen nach Campbell et al. (1954) unter anderem eine individuelle Wahlmotivation. Die endgültige und konkrete Entscheidung wird anschließend durch eine Abwägung und logische Betrachtung aller im Raum stehender Komponenten durch einen „funnel of causality“ gebildet. In diesem metaphorischen Entscheidungstunnel nehmen unter anderem die bereits im Vorangegangenen erläuterten Faktoren des Wohnorts und der sozialen Stellung Einfluss, darüber hinaus ist aber im gleichen Maße die Kandidaten- (Gabriel 2000) und/oder Issue-Orientierung (Roller 1998), das heißt das Verhältnis zu Kandidat und Themen einer Partei, sowie die grundsätzliche Parteiidentifikation einer Person ausschlaggebend (Bartels 2000; Gabriel 2000). Besonders lohnend erscheint hierbei eine tiefergehende Betrachtung des Einflusses auf das Wahlergebnis durch den Spitzenkandidaten. So unterstellt unter anderem Anderson (2003) dem an der Spitze seiner politischen Vereinigung stehenden Aspirant/-in enormes Wahlbeeinflussungspotential. Dieser Einfluss geht soweit, dass Themen und Sachkompetenz, über die ein Kandidat verfügt oder vertritt in den Hintergrund geraten und immer mehr das Charisma, die Persönlichkeit und die Präsentation in das Zentrum der medialen und allgemeinen Betrachtung und Aufmerksamkeit rücken.

Zudem unterstellen Becker und Mays (2003) einen Zusammenhang von Wahlentscheidung mit sozialer Herkunft, der damit zusammenhängenden und teilweise vorbestimmten politischen Sozialisation und dem Lebensverlauf. Konkret bedeutet dies einen Erklärungsansatz für Wechselwahlverhalten sowie zeitlich bedingte Schwankungen in den regionalen Wahlergebnissen. Im Umkehrschluss lassen sich also über eine Auswertung regionaler und lokaler Altersstrukturen Hypothesen über die Stellung einer Partei oder einen ihrer Kandidaten treffen. So kann anhand dieser Strukturen beispielsweise das überproportionale Abschneiden von Parteien erklärt werden, die mit ihrer Issue-Ownership (Wagner und Meyer 2014) bewusst gewisse Altersgruppen ansprechen, die in der untersuchten Region besonders stark oder schwach vertreten sind. Dies wird gestützt von Untersuchungen und Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Eine weitere, und hier zugleich als letzte Möglichkeit Wahlen und ihren Ausgang zu bewerten und zu erklären, angebotene Methode bietet eine ökonomische Betrachtung. Anthony Downs (1957) zufolge, agiert ein Großteil beziehungsweise fast die Gesamtheit aller Wähler, ökonomisch. Das heißt konkret, dass es im Vorfeld von Wahlen zu einer Abwägung diverser Argumente bei einem jeden einzelnen Bürger/ Wähler kommt. Anhand dieser, aus dem wirtschaftlichen Leben abgeleiteten, persönlichen Argumentation heraus, erfolgt die Entscheidungsbildung. Doch nicht nur das Verhalten der Wähler ist dem „Rational-Choice-Ansatz“ (siehe oben) nach ökonomisch ausgerichtet, sondern auch Parteien richten ihr Handeln und Verhalten danach aus, folglich entsteht nach Downs ein der Wirtschaft entlehntes Konsumenten-Anbieter-Verhältnis (Schumpeter 1942), also ein „Markt“ (Behnke 2001, S. 523).

[...]


1 Damit sind hier die Gesamtstimmen gemeint, nicht die Erststimmen (siehe dazu z. B. http://www.landtagswahl2013.bayern.de/taba2990.html).

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Details

Titel
Stadt, Land, Wahl. Welchen Einfluss nehmen Wohnort und Lebensstil auf das Wahlverhalten in der Landeshauptstadt München
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Politikwissenschaftliches Arbeiten
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V449053
ISBN (eBook)
9783668834019
ISBN (Buch)
9783668834026
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahlforschung, Politische Geographie, Politische Theorie, Sozialverhalten, Deutsche Politik
Arbeit zitieren
Simon Holländer (Autor:in), 2018, Stadt, Land, Wahl. Welchen Einfluss nehmen Wohnort und Lebensstil auf das Wahlverhalten in der Landeshauptstadt München, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/449053

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