Der politische Klassenmord an Rosa Luxemburg in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution


Textbook, 2018
280 Pages

Excerpt

Inhalt

Einleitung

Sozialreform oder Revolution?

Die Krise der Sozialdemokratie (Die Junius Broschüre)

Exkurs: Lenins Kritik an der Junius-Broschüre

Zur Gründung der KPD

Der Ablauf der Ermordungen

Anmerkungen

Literaturliste

EINLEITUNG

„In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die sozialdemokratische Partei“. (Gustav Landauer).

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, beide wie Friedrich Ebert 1871 geboren, im Jahr der Pariser Commune, waren aufrechte revolutionäre Klassenkämpfer im Sinne der weltbefreienden Mission der Arbeiterklasse. Nach dem schwerwiegenden Sündenfall der SPD vom 4. August 1914, der Bewilligung von Krediten für den imperialistischen Krieg, arbeiteten beide ab September 1914 sehr eng zusammen, die Theoretikerin und der Aktionist - so war wohl die Aufgabenverteilung in der Antikriegsarbeit, bei der Aufklärung der Massen über den verbrecherischen Charakter des Krieges. Sie führten einen revolutionären Krieg gegen einen imperialistischen. Erst durch den ersten Weltkrieg wurden beide ein kämpferisches Duo, vereint gegen die ‚Politik des 4. August‘. Auf Rosa Luxemburg geht der Satz zurück, dass die Revolution großartig sei und alles andere Quark, bei dem Begriff der Revolution gerät sie ins Schwärmerische. Revolutionen kennen nach Rosa Luxemburg keine Halbheiten und brauchen offene Visiere, klare Prinzipien, entschlossene Herzen, ganze Männer! Auf August Bebel geht der Satz zurück, dass Karl Liebknecht der einzige sei, auf den er seine Hoffnungen setze. Und er sollte Recht behalten. Nur Liebknecht allein nutzte das bürgerliche Parlament revolutionär aus, nur er allein war im Reichstag Manns genug, auszurufen: „Solange Leben in mir ist, werde ich gegen den Militarismus kämpfen …“. Diesen Satz hatte die Reaktion sich sehr genau gemerkt. Karl und Rosa starben im Alter von 48 Jahren am 15. Januar 1919, 67 Tage nach dem Ausbruch der Novemberrevolution, durch ein Komplott, das sich aus mordbejahenden Sozialdemokraten, die sich im Gegensatz zur Arbeiterklasse und zum Volk bereits im Bürgerkriegsmodus befanden, und im Umbringen von Menschen versierten Offizieren der Armee Wilhelms II. zusammengesetzt hatte, nachdem sie den wichtigsten Schritt der deutschen Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert vollzogen hatten: Mitten in einer Revolution die Grundsteinlegung einer sich auf Marx, Engels und Lenin berufenden kommunistischen Partei am 30. Dezember 1918 in Berlin, 52 Tage nach dem Ausbruch der Novemberrevolution. Endlich hatte die revolutionäre Linke, bisher immer noch in der SPD und USPD, wenn auch radikalkritisch beheimatet, eine feste Form gefunden und war nicht länger eine Strömung mit Beliebigkeiten und Illusionen, die SPD von innen heraus revolutionieren zu können. Den bisherigen parteilosen Zustand hatte Lenin als ein großes Unglück und als eine große Gefahr bezeichnet. Die Frage mag hier aufgeworfen werden, ob es ohne die russischen Revolutionen 1917 in Petrograd und Moskau und 1918, ein Jahr später als in den Metropolen, im russischen Dorf, Ende 1918 in Berlin zur Gründung der KPD gekommen wäre? Das ist eine der Fragen, die die Geschichtswissenschaft unbeantwortet lassen muss, es gab diesen mächtigen Einfluss von außen, aus dem Smolny, aus Kronstadt und von der russischen Rätebewegung, aus den Werken Lenins, es gab das Vorbild der Lenin-Partei und es gab die fast uferlose Verräterei der SPD und der rechten Sozialdemokraten in den Gewerkschaften in der innerdeutschen Entwicklung, die sozialdemokratisch unterstützte bewaffnete Formierung der Konterrevolution. Beide Motivstränge zusammen kreuzten sich dann am 30. Dezember 1918. Sowenig man Revolutionen machen kann, sowenig finden sich hundert Menschen aus freien Stücken zusammen, um eine Partei zu gründen. Es liegt eine objektive Gesetzmäßigkeit vor und keine freie Willensbildung, die das Steckenpferd ideologischer Phantasten ist. Die Illusion, die SPD von innen heraus zu erneuern, hatte Karl Liebknecht noch 1914, selbst also nach dem Umfallen der Partei in der Frage der Kriegskredite, 1914 sprach er noch von einer „Regenerierung der Partei von der Haut bis zum Mark“. In vier Jahren war ein steiler Weg unter dem Absolutismus des Belagerungszustandes mit seiner Schutzhaft und mit seinen Redeverboten, unter der und unter die auch revolutionäre Sozialdemokraten fielen, besonders sie, zurückgelegt worden, 1914 waren die marxistischen Kräfte innerhalb der SPD nur „lose Personen“, wie sich Rosa selbst ausdrückte, kleine, fast wirkungslose Wirbel gegen die übermächtige Strömung des Opportunismus und Sozialchauvinismus. Ihre Aufklärungsartikel erreichten die Massen nicht, eine Zeitung stand nicht zur Verfügung. Die KPD war das Endprodukt von Häutungen, sie hatte sich herausgebildet zunächst aus dem kleinen Kreis von sieben Genossinnen und Genossen (Hermann Duncker, Hugo Eberlein, Julian Marchlewski, Franz Mehring, Ernst Meyer und Wilhelm Pieck), der sich zum ersten Mal am 4. August 1914 abends in der Wohnung der ebenfalls anwesenden Luxemburg traf, Karl Liebknecht kam eine Woche später dazu. Siebzehn Monate nach der Kreisbildung im Wohnzimmer gab die Gruppe die Zeitschrift ‚Internationale‘ heraus. Der Kreis verfestigte sich zum Spartakusbund, der aus dem Motiv vorging: „Erst Klarheit, dann Wahrheit!“, dieser wuchs sich aus zur KPD. Gruppe mit der ersten Zusammenkunft im August 1914 mit einer Zeitschrift ‚Internationale‘ (im März 1915 die erste Ausgabe) - Bund (gegründet im Januar 1916) – eine kräftesammelnde Zeitung, die Rote Fahne, als kollektiver Organisator Weg und Ziel vermittelnd, regelmäßig ab dem neunten November 1918 erscheinend - Partei (gegründet am 30. Dezember 1918) – das war organisatorisch der Entwicklungsweg zum Leninismus und einer in seinem Namen tätigen Kaderpartei. Der Weg zum Aufbau der bolschewistischen Partei in Deutschland weist chronologisch also fünf Schwerpunkte auf. Die Gründung sollte das Ende des ‚leichten Spiels im Klassenkampf‘ für die ‚rechte SPD‘ sein, denn bisher hatte die Mehrheits-SPD mit der Staatsmacht im Rücken immer leichtes Spiel, anti-kapitalistische und anti-imperialistische Bewegungen nicht explosiv voll zur Entfaltung kommen zu lassen, um so die brutale Herrschaft des Kapitals zu sichern und zu verlängern. Der große Massenstreik Ende Januar 1918 und die subversive Tätigkeit der Genossen um Ebert in der Streikleitung für seine rasche Beendigung belegen dies. In gewisser Weise hieß die Gründung der KPD für Sozialdemokraten, sich warm anzuziehen, denn mit der Gründung der KPD war aktuell die Frage der revolutionären Gewalt aufgeworfen. Die SPD bekam die Quittung für ihre einseitige, verräterische Burgfriedenspolitik, denn wenn sie den ersten imperialistischen Weltkrieg von deutscher Seite aus auch als antimonarchistischen, zum Sturz des Zaren betriebenen missdeutete, es waren nicht wenige, die bei der Bestimmung des Charakters des Krieges versagten, so bleibt doch die Frage bis heute aufgeworfen, wo die anti-militaristische Propaganda gegen die eigene imperialistische Bourgeoisie blieb, nachdem die Arbeiterklasse in Russland auf Initiative von Textilarbeiterinnen in Petrograd den Zaren selbst gestürzt hatten? Diese Revolution ergab eine neue Lage, die die angeblich deutsche ‚Kulturmission‘ im Osten beendete, sie war ein Ereignis, das eine wirklich marxistische Partei zur Einkehr und Umkehr angehalten hätte, die Gewehre umzudrehen. Das unterließ die SPD selbst nach der Februarrevolution 1917 in Russland. Bereits in einem Flugblatt der Spartakusgruppe, also der organisatorischen Vorform der KPD, war zu lesen, dass die Arbeiterklasse ohne Gewaltanwendung gegen die bestehende Gesellschaftsordnung nichts auszurichten vermag. (Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Reihe II, Bd. 2,137) Es wurde ernst mit dem Klassenkampf. Die KPD war damit auch etwas anderes als die Minderheits-USPD, die dreigespalten war. Rechts ein Klüngel um Bernstein, in der Mitte Kautskys Kreis, Kautsky ihr führender Parteitheoretiker, und auf dem linken Flügel Ledebours Anhang. So ist es nicht verwunderlich, dass in der ‚Leipziger Volkszeitung‘, dem Organ der USPD, auch konterrevolutionäre Hetzartikel menschewistischer Gegner der Oktoberrevolution aus Russland abgedruckt wurden. Geeint blieb die USPD durch die Gegnerschaft zum Krieg. Sehr gut kommt die Differenz zwischen der USPD und Spartakus zum Vorschein, wenn man die Kommentare zur Bildung einer Regierung unter Beteiligung von Mitgliedern der MSPD vergleicht. USPD: Das System des Militarismus hat einen Schlag erhalten …. Spartakus: Scheidemann und die anderen sitzen nicht als eure Führer, sondern als eure Verführer in der Regierung! So waren die Bemühungen der Spartakisten vergebens, linke Mitglieder der USPD in revolutionärer Hinsicht zu mobilisieren, diese Schlappe war ein Stein mehr auf dem Weg zur KPD. Fast alle linken Kräfte hatten sich in der Frage der Vaterlandsverteidigung, die es abzulehnen galt, und in den Anfängen der Novemberrevolution nicht bewährt. Das ergab in Deutschland unter den Linken eine Atmosphäre der Depression, die sich mit der Hoffnung aus dem Osten durchwuchs, eine auf den ersten Augenblick aussichtslose Sache in den schwieligen Händen der Arbeiter und Bauern zu behalten. Abgesehen vom Hauptpunkt, dass die politischen Kräfte im linken Spektrum rechts vom Spartakusbund nicht ernsthaft die Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln in Erwägung zogen, versagten sie auch in der Frage der Demokratie. Die republikanische Demokratie war damals die Decke, mit der die Konterrevolution die Dialektik des Klassenkampfes erstickte. So ist es auch noch heute. Man lallt in allgemein-demokratischen Flausen umher, versteigt sich in Illusionen über die ‚reine Demokratie‘, findet schmückende Worte, Scheidemann warf mit der „freien deutschen Republik“ nur so um sich, kommt aber nicht darauf, dass die reine Demokratie unvereinbar ist mit der marxistischen Herr-Knecht/Lohnarbeiter-Kapitalist- Dialektik. Mit der ‚reinen Demokratie‘ im Kopf wird der Lohnarbeiter nicht frei, unterliegt der Kapitalist nicht der gleichen Arbeitspflicht für alle. Der Lohnarbeiter muss im Kopf haben, dass die proletarische Demokratie primär die Gewalt zum Inhalt hat, durch die der kapitalistische Herr obsolet wird. Absterbende Demokratie beginnt mit der Liquidierung des letzten Kapitalisten. Demokratie und Pluralismus sind heute die Gebetsteppiche, auf denen die Diktatur des Proletariats davonfliegt. Das Spartakusprogramm vom Oktober 1918, zwei Monate vor der Gründung der KPD, endete mit der Losung: Tod dem Kapitalismus! Diese kann auch als die erste der KPD genommen werden. War die ‚Politik vom 4. August‘ schon falsch, so offenbarte die Politik der SPD in der Novemberrevolution für Rosa Luxemburg in vielen Facetten nur eins: die sozialdemokratische Partei war bereits ein stinkender Leichnam geworden, den man nicht wiederbeleben konnte. Das politische Leben der Massen war für sie in dieser Partei schon 1914 völlig erdrückt worden, wie sie am 12. Oktober 1914 in einem Brief an den Schweizer Sozialdemokraten Karl Moor geschrieben hatte. Sehr deutlich wird das bei der Abstimmung über die Kriegskredite am 2. Dezember 1914, der sozialdemokratische Vorstand hatte beschlossen, dass die Kreditvorlage ohne Diskussion und ohne Kürzungen (um mit ihnen die Kriegsregierung zu zwingen, in kürzerem Abstand wieder bewilligen lassen zu müssen) angenommen werden soll. In den Augen Rosa Luxemburgs stand die Novemberrevolution vor weltgeschichtlichen Aufgaben, die ohne einen „untrüglichen Kompaß“, ohne eine revolutionäre Kampfpartei nicht zu lösen waren. Die Novemberrevolution durfte nicht von einem Leichnam angeführt werden und in dieser Revolution wurde ja auch für alle mitdenkende Welt sichtbar, dass die SPD eine modrige Revolutionspartei und eine quicklebendige Partei der Konterrevolution war. Wer sich auch heute noch nach dieser Partei der Volksausbeutung hingezogen fühlt, der stellt eine Gefahr für das deutsche Volk dar, das nicht an diesem Leichnam krepieren möchte. Jetzt endlich gab es auch in Deutschland eine Arbeiterpartei auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus, den auszubilden die alte SPD unvermögend war. Hier mag man anführen, dass der SPD ein neues Sozialistengesetz drohte und der deutsche Spießer eben mehr Neigung zur Seite der Legalität als zur Illegalität aufzuweisen hat. So fror die Partei fest in ihrer einmal gegebenen Organisationsstruktur. Das gilt auch geistig: Das alte Schlachtross war dann doch schon so verkalkt, dass es essentielle Neuerungen aus dem Aufkommen des Imperialismus nicht ausreichend erfassen und ausreichend richtig verarbeiten konnte, wie Lenin es meisterhaft vorexerzierte. Linke Sozialdemokraten konnten wohl, so Heinz Wohlgemuth, in das politische Wesen des Revisionismus eindringen, bis zu seinen sozialökonomischen Wurzeln konnten sie jedoch nicht vordringen. Das ist problematisch genug, kritisch zu hinterfragen, hier aber nicht zu thematisieren. Kann man denn ohne Wurzel die Pflanze begreifen? Statt sich zu einer Partei Leninschen Neuen Typs zu entwickeln, war die SPD schmutzig geworden, war dreigespalten, in rechte, Zentristen („Marxisten in Worten, Opportunisten in der Tat“, so Lenin) und linke. Die Revolutionäre erkannten, dass nur in Opposition sowohl gegen die Rechten als auch gegen die Zentristen, die beide auf dem Boden der Landesverteidigung standen, eine Reinigung der Partei möglich war. In einer Zusammenarbeit in der Dunkelkammer der Politik wäre die Revolution immer von der Mehrheit erdrückt worden. Die Reaktion hat die Dreiteilung gut erkannt, sie spekuliert immer auf die im Imperialismus aus ökonomischen Gründen vorliegende Spaltung des Sozialismus. Das geht gut aus den Worten des ehemaligen Mitglieds des preußischen Herrenhauses Clemens von Delbrück hervor, der am 31. Dezember 1914, auf den Tag genau vier Jahre vor dem Gründungstag der KPD, auf einer Sitzung des Königlichen Staatsministeriums die für die Reaktion richtige Taktik aussprach, dem rechten Flügel der SPD das Leben so leicht wie möglich zu machen und einen Keil in die Partei zu treiben. Hören wir noch einen weiteren Adligen zu den Klassenkämpfen in der Endphase des Kaiserreichs. Eine Rede des rechten SPD-Abgeordneten David kommentierte der Freiherr von Zedlitz wie folgt: „Sie unterscheidet sich in der Tat … kaum noch von den Reden der Vertreter der bürgerlichen Parteien. Der abweichende Standpunkt der Sozialdemokratie in bezug auf das Kriegs- und Friedensziel wird in dieser Rede nur soweit gestreift, als dies aus Rücksicht der politischen Kontinuität und des politischen Anstands unbedingt notwendig war“. Die Gründung der KPD, wie gesagt einer Partei neuen Typs, bildet die Kulmination der anti-imperialistischen Volksrevolution vom November, die Ermordung der Revolutionäre bedeutet langfristig einen Sieg des Imperialismus. Das Komplott kann namentlich fixiert werden: der Sozialdemokrat Ebert und der General Groener, der Sozialdemokrat Noske und der Hauptmann Pabst als die führenden Männer der Verschwörung. Eine Verschwörung war es allemal, denn die in Mannschaftmänteln getarnten Offiziere versprachen sich gegenseitig, über beide Mordvorkommnisse Stillschweigen zu wahren, Stillschweigen für alle Zeiten. Am 14. Januar 1919 war im sozialdemokratischen ‚Vorwärts‘ zu lesen, dass militärische Operationen nicht ohne militärische Fachleute durchgeführt werden können, quasi ein Lockruf für den Hauptmann Pabst und seine Mordgesellen. Die opportunistische Politik der Führung der deutschen Sozialdemokratie auf der rechten Seite, ihr ungeheurer Verrat an der Mission des Internationalismus dagegen, und der Ausbruch der aus dem Krieg hervorgehenden Oktoberrevolution auf der linken Seite, die eine Welt ohne Soldaten in Aussicht stellte, die Friedensfrage war überhaupt die Schlüsselfrage dieser Revolution, man denke an Brest, denke daran, auf was die Bolschewiki verzichteten, bedenke, was es bedeutet, wenn Lenin von einer notwendigen Atempause sprach, zwangen beide Kämpfer, die bisher stets dem linken Flügel der Sozialdemokratie angehörten, um die Jahreswende 1918/19 in Anwesenheit von Karl Radek, der am 20. Dezember illegal nach Berlin als Vertreter der jungen, russischen Sowjetmacht gekommen war, sehr zum Ärger Rosa Luxemburgs („Wir brauchen keinen Kommissar für Bolschewismus“) zur Gründung einer Kommunistischen Partei in Deutschland in einer nichtöffentlichen Sitzung im Festsaal des preußischen Landtags 2., übrigens mit der Gegenstimme von Leo Jogisches, der sich noch zwei weitere zugesellten. Wenn ich sage, beide gehörten bisher der Sozialdemokratie an, so muss doch auch noch bemerkt werden, dass Karl Liebknecht drei Jahre vor seiner Ermordung im Januar 1916 von der SPD aus der 124 Mann starken Reichstagsfraktion (zusammen mit Otto Rühle) ausgeschlossen worden war. Beide, Karl und Rosa, hatten nach der Parteigründung nur noch fünfzehn Tage zu leben. Was für eine missratene Proportion in der deutschen Geschichte! Rosa Luxemburg trat in die SPD ein, als diese bereits 35 Jahre existierte, sie war dann zwanzig Jahre lang Mitglied der SPD bzw. USPD und starb als Parteikommunistin im zarten Alter von fünfzehn Tagen, als die SPD bereits ein halbes Jahrhundert und fünf Jahre auf dem Buckel hatte. Man könnte fast von einer Totgeburt sprechen. Doch halt! Hat nicht die konterrevolutionär gewordene Mutter ihre intelligenteste revolutionäre Tochter ermordet? Die alte SPD wollte ihr Dasein als Wahlverein fristen, wollte Bücher von Marx lesen, wenn überhaupt, und Aufsätze in ihren zahlreichen Presseorganen publizieren; eine Kampfpartei neuen Typs gar mit Banküberfällen à la Stalin war ihr ein Dorn im Auge. Man vergleiche den Monarchisten Ebert mit Stalin. Realpolitisch hat der Macher Ebert mehr bewegt als die Theoretikerin Rosa Luxemburg, aber eben in negativer Richtung. Und dennoch ist die Gründung der KPD als epochal zu bezeichnen. Dass Ebert Monarchist war ist recht bezeichnend. Die alte SPD gehört noch ganz dem 19. Jahrhundert an, dem Übergang vom Feudalismus zum klassischen Kapitalismus, die aus der proletarischen Masse herausgewachsene kommunistische Parteikraft gehört dagegen in einem der höchstentwickelten kapitalistischen Ländern dem 20. Jahrhundert an, denn nur durch sie kann der sprunghafte und gewaltsame Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus unter imperialistischen Bedingungen gelingen. Es liegt Schicksalhaftes im Schlusssatz der Rede von Rosa Luxemburg zum Gründungsparteitag am Silvesterabend 1918: Wenn unser Leben ausreicht, es bis zum Sieg der Revolution zu bringen, und sie meint die Revolution, die nach ihren Worten die „Sterbeglocke für jede Knechtschaft und Unterdrückung“ läutet. „Wenn unser Leben ausreicht …!“ Wenn es ausreicht, aus der Ware Mensch, aus einem Objekt ein Subjekt zu machen. Zündstoff hatte sich angesammelt, Warnungen hatte es gegeben, wie sie in einem Brief an Clara Zetkin im Dezember 1918 mitteilt, in ihm ist von Mordbuben die Rede, die ihr auflauern könnten. „Ich lebe wie im Hexenkessel“. ‚Der Boden von Berlin glüht‘, schrieb um die Jahreswende 1918/19 das ‚Berliner Tageblatt‘. Heinrich Mann bekam wegen seines Untertanenromans, den er bereits im Juli 1914 vor Ausbruch des Krieges beendet hatte, Morddrohungen. Morddrohungen wegen eines Romans!

Schon am 24. Juni 1898, im Alter von 27 Jahren, hatte sie an Leo Jogiches geschrieben: „ … als ob etwas in mir gestorben wäre. Ich fühle keine Angst, keinen Schmerz, keine Einsamkeit, gerade wie eine Leiche“. 3. Hier wird man stutzig, eine Abgeschlossenheit des Lebens im Alter von 27 Jahren. Zweierlei lässt sich aus diesen Worten einer 27jährigen entnehmen, sie braucht theoretisch den belebenden wissenschaftlichen Sozialismus, zugleich praktisch die kommunistische Perspektive und Siegeszuversicht. Und in ihnen steckt zweitens, sie wird dem Klassenfeind entgegentreten, im Klassenkrieg ihr Leben aufs Spiel setzen. Es sei nur auf den für ihren Kampfesmut markantesten Brief vom 11. März 1914 an Walter Stöcker hingewiesen: „Lieber junger Freund, ich versichere Sie, daß ich auch dann nicht fliehen würde, wenn mir der Galgen drohte, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich für durchaus notwendig halte, unsere Partei daran zu gewöhnen, daß Opfer zum Handwerk des Sozialisten gehören und eine Selbstverständlichkeit sind“. 4. Dieser frühe Abschluss setzt Energien frei, aber negative, destruktive, die konstruktive Phase ist ja bereits abgeschlossen. Mit 27 ist die Jugend vorbei, gleichwohl setzt Rosa Luxemburg ihr Leben selbstzerstörerisch sehr früh, zu früh aufs Spiel, objektiv richtet sie ihre Hauptenergien aus auf die völlige Vernichtung der Bourgeoisie. Sie wird zu einer eifrigen Frontsoldatin im Krieg gegen die Bourgeoisie. Die völlige Vernichtung der Bourgeoisie, so steht es geschrieben in Lenins Fundamentalwerk ‚Staat und Revolution‘. Man kann nicht müde werden, immer wieder auf diese Stelle zu verweisen, die umso mehr verdrängt wird, je feiger man ist. Auch Karl Liebknecht hat im antimilitaristischen Kampf sein Leben riskiert. Was bedeutet denn antimilitaristischer Kampf? Er bedeutet, seine Freiheit, ja sein Leben aufs Spiel zu setzen. Liebknecht wurde von dem rechten "Genossen" Heine als der größte Feind des deutschen Volkes bezeichnet, es bedurfte nur noch der Ausführung der Tötung am 15. Januar 1915. Scheidemann oder Liebknecht? Der Sieg Scheidemanns war das Todesurteil für Liebknecht. Diese völlige Vernichtung, von der Lenin spricht, schließt langfristig, nicht kurzfristig, wie die Anarchisten meinen, als ob das Alte sofort mausetot ist, die des aufgeklärten Proletariats ein, das zunächst einen zähen Kampf gegen die alte bürgerliche Welt zu führen hat. Das gewöhnliche Bewusstsein weiß vom Sieg des Proletariats über die Bourgeoisie, es hat davon gehört. Dialektisch durchdacht fällt mit der Bourgeoisie ihr sozialhistorischer Gegenpart. Die fortschrittliche Menschheit hört auf, sich mit Montesquieus Lehre von der Gewaltenteilung selbst zu betrügen, wirft dieses Joch ab und die Aufklärung braucht nicht länger durch den Marxismus über sich selbst aufgeklärt zu werden. Die völlige Vernichtung der Bourgeoisie!! Eine eindeutigere Kriegsansage kann es nicht geben, die eigene Vernichtung miteingeschlossen! Diese Ausrichtung lag bei Rosa Luxemburg schon sehr früh vor, während des Studiums in Zürich, das 1889 beginnt und 1897 endet, wird sie Revolutionärin, die von sich behauptet, nie weich gewesen zu sein. Ihr Doktorvater Julius Wolf bezeichnete sie 1924 als seine begabteste Studentin, ihre Doktorarbeit über die Industrialisierung und Urbanisierung Polens schließt sie mit magna cum laude ab. Jacob Walcher, ein Mitbegründer der KPD, erinnert sich, dass niemand das ‚Kapital‘ von Marx an der 1906 gegründeten Parteischule so verständlich machen konnte, keiner der Lehrer des Marxismus ein so vertrauensvolles Verhältnis herstellen konnte wie sie. Diese Hochbegabung verdammte sie auch zum Gang in die Wüste, nur ein paar Getreue blieben ihr nach dem Kardinalfehler der SPD Anfang August 1914, als die Reichstagsfraktion geschlossen für die Bewilligung der Kriegskredite gestimmt hatte. Das war ein Fluch der Intelligenz, sieben Genossinnen und Genossen waren es gerade mal, die gegen den Strom des sozialchauvinistischen Taumels anschwammen, in allen vier Himmelsrichtungen umgeben von einer penetranten Dummheit. Im Reichstag gab es nur einen Marxisten: Karl Liebknecht. Seine Erklärung, in der er den imperialistischen Charakter des Krieges wissenschaftlich nachwies, wurde nicht im stenografischen Bericht des Reichstages aufgenommen. Bürgerliche Parlamente schmücken sich mit einem wissenschaftlichen Dienst, aber über dessen Qualität sind doch wohl Zweifel angebracht. Wir werden im qualvollen Prozess des sich Herauswindens der Revolutionäre aus dem sozialdemokratischen Sumpf Zeuge, wie der wissenschaftliche Sozialismus gedanklich schon außerhalb der SPD, formal-organisatorisch aber noch innerhalb ihrer, mit dem Brei des Trade-Unionismus einer Massenpartei miteinander ringen. Die SPD hatte durch ihr Einknicken vor dem imperialistischen Krieg einen Kern ausgeschieden, der die Trümmer des wissenschaftlichen Sozialismus unter extrem schwierigen Bedingungen, unter dem massigen Körper der stinkenden Mutterpartei wieder zusammenkitten musste. Der Kern wird sich zur Kommunistischen Partei auf wissenschaftlicher Grundlage umwandeln; die SPD hat für alle Zeit bei fortschrittlichen Menschen ausgedient. Liebknecht war im Stich gelassen und gezwungen worden, als Einzelkämpfer aufzutreten. Als Einzelgänger sah ihn die Regierung, also als politisch bedeutungslos, worin man sich irren kann. Das macht seine bewundernswerte, einmalige Größe in der deutschen Geschichte und in der internationalen Arbeiterbewegung aus. Der rechte Sozialdemokrat Eduard David vertraute im November 1915 seinem Tagebuch an: „Ein Mann bietet hundert Trotz. Respekt vor der inneren Kraft dieser Persönlichkeit, was wäre sie uns wert, wenn auf unserer Seit“. Ein revolutionärer Marxist muss gegen die Strömung schwimmen. Es gilt zu beachten, dass das Flugblatt „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“ bereits im Mai 1915 verteilt worden war, als von einer Niederlage der deutschen Armee noch keine Rede sein konnte, als die chauvinistischen Wellen noch hochschlugen, nicht im September/Oktober 1918, als das Heer zusammenbrach und die Soldaten zu Hunderttausenden die Fronten verließen und für alle Völker die Frage immer brennender wurde, wie aus dem Kriege herauszukommen sei? Das ist sein großer unsterblicher Verdienst in der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und die Reaktionen auf diese heroische Tat sind ein Spiegel spießbürgerlicher Verkommenheit und kapitalistischen Wildwuchses. Heinz Wohlgemuth hat in seinem sehr faktenreichen Buch über die Entstehung der KPD einige Folgen von Liebknechts mutigem Auftreten aufgelistet: Liebknecht wurde zum ‚Fall Liebknecht‘ und gab selbst eine Broschüre heraus mit dem Titel ‚Klassenkampf gegen den Krieg. Material zum Fall Liebknecht‘. Der ‚Vorwärts‘ sprach am 3. Dezember 1914 vom ‚Disziplinbruch‘. Rosa Luxemburg erbrachte im Artikel ‚Parteidisziplin‘ vom 4. Dezember 1914 brillant den Nachweis des Gegenteils. Das Pressebüro sandte am gleichen Tag eine Warnung an alle Redaktionen, dass der Abdruck eines Wortes von Liebknecht strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Genosse Südekum teilte dem kaiserlichen Reichskanzler mit, dass Sorge getragen werde, den Genossen Liebknecht aus der Partei auszuschließen. Aber Liebknecht war bei weitem der beste Mann in der Partei, er überragte den Kehricht turmhoch. Die Nationalisten stießen Morddrohungen aus und schrieben anonyme Briefe. Der Genosse David gab zum Besten: Liebknecht sei kein Volksführer, sondern ein anarchosozialistischer Sektenführer. Diffamierungen sammelten sich an: “Hetzer“, „Quertreiber“, „Parteizerstörer“, um nur einige zu nennen. Das sind immer zwei sehr beliebte Instrumente in den Händen der Reaktion: Sekte und Anarchie.

Vergleicht man Rosa Luxemburg mit Napoleon, der durch den Russlandfeldzug alles aufs Spiel setzte und sein Lebenswerk zerstörte, Hegel deutet den Zug so, vergleicht man sie mit Mao, der durch die unvollendet gebliebene Kulturrevolution alles aufs Spiel setzte, so kann man sie als frühreif bezeichnen, als eine geniale Frühreife. Kaum hatte sie 1898 als bereits überzeugte Marxistin in Berlin Quartier genommen und war im gleichen Jahr auf dem Stuttgarter Parteitag aufgetreten, da grummelte schon die Parteirechte, dass dieser junge Rekrut die alten Veteranen belehren wolle. Aber sie hatte Recht in der Sache. Sie konnte Artikel in „hexenhafter Geschwindigkeit“ schreiben, so Leo Jogiches in einem Brief an Luise Kautsky. Der geniale Mensch ist nicht klug, nicht das, was man patent nennt, aus dem stumpfsinnigen Summieren seiner Lebenstage, aus dem Leben für die Statistik muss er ausbrechen, denn das Genialische kann nur aufblitzen, nicht risikoscheu heranwachsen Tag für Tag. Geniale Gedankenblitze sind Überlebende aus einem höllischen, durchtriebenen Gedankenblitzwirrwarr, den pochenden Schädel des treibenden Organismus durchschlagend. Das Genialische hat eine ausschlagende Objektivität von Welterschütterung, so dass es etwas Höheres gibt als nur klug zu sein. Das Kluge erweist sich im Momentanen oder langfristig nur subjektiv, das Genie hat sein Ich blitzartig abgeworfen.

Die Biographie über Rosa Luxemburg hat den frühen Todesschatten vernachlässigt und den Fokus auf ihre Suizidbemerkungen während ihrer Gefängnishaft am Ende des Krieges geworfen. Ich sehe bereits in den frühen Jahren die Quelle ihrer Aversion gegen Strukturen, Instanzen und Formeln des glücklichen Zusammenlebens und ihres nahezu blinden Vertrauens auf die ‚ewigen‘ Volksmassen. Nahezu – der Rest ist dann die Parteiorganisation. Als sich die Massen 1914 in den Krieg hetzen ließen, hoffte sie guten Glaubens, die Internationale werde eine Massenbewegung des zum Sozialismus zurückkehrenden Proletariats aller Länder. Und ausgerechnet nach Deutschland kommt Rosa Luxemburg, als ob sich Gegensätze anziehen. Die SPD war organisatorisch fixiert und hielt durch eine starke Parteidisziplin zusammen. Die Massen waren nach ihrer festen Meinung bereits so weit, dass sie im gegebenen Moment nicht mehr auf den Taktstock von oben zu warten brauchten, sondern sich selbst entzündeten. Diese Auffassung konnten die Improvisationen abholden und sich mehr und mehr auf den parlamentarischen, sozialpazifistischen Weg festlegenden SPD-Oberen und die sozialdemokratisch ausgerichteten Spitzen der Gewerkschaft auf die Dauer nicht teilen. Rosa Luxemburg zog es auf die Straße, die Bürokraten zog es hinter den Schreibtisch, von dem aus sie die Bewegung mehr bremsten als führten und immer weniger durch eigene Tatkraft den Gang der Dinge beschleunigten. Sie kritisierte die Neigung der SPD-Spitze, Demonstrationen nur mit Organisierten zu organisieren. Der Spartakuskreis war stets in fundamentaler Weise massenorientiert, durch die theoretischen Schriften von Rosa Luxemburg so ausgerichtet, während die Zentristen um Kautsky und die Rechten um Heine besonders unter dem Belagerungszustand politisch alles unterließen, was Massen in Gärung und in Bewegung setzt. Signale für die Brüder in den Schützengräben und in den Fabriken jenseits des Landes mussten so unterbleiben. Für Kautsky war es eine rohe Masse, die da den Spartakusführern folgte. Diese Massen seien ungeschult und verstünden nichts von Liebknechts besonderer Politik, sie sähen in ihm den Friedensbringer. Was der Theoretiker Kautsky nicht versteht, ist, dass es gerade diese rohe Masse ist, die sich vorwärtsbewegend, die Schlagkraft der revolutionären Truppe ausmacht und dass die rohe Masse das Krieg führen im Krieg lernt. Die promovierte Volkswirtin Rosa Luxemburg hatte ihr Leben, ihre praktisch-politische Kraft und Intuition, ihre theoretische Schöpferkraft dieser rohen Masse verpflichtet. Mit der Niederlage der Massenrevolution stand im rauschhaften Rachefeldzug der Konterrevolution ihr Leben ganz oben zur Disposition.

Wenn alles auf dem Spiel steht, dann entwickelt sich ein feines Gespür für die Vergänglichkeit alles geistig Vorgedachten, von humaner Hand Eingerichteten. So Condorcets zukünftige Fortschritte des menschlichen Geistes, er selbst ein Gegner der Todesstrafe, auch die für Ludwig XVI., wird von fanatischen Jakobinern in den Tod getrieben. Lenins Organisationskonzepte sind vergebliche Lebensmühe um das Wohl der Menschheit. Halt gibt sensiblen Menschen nur der Mutterbauch der Weltgeschichte, das Eintauchen in die ewig dahinflutenden Volksmassen, in denen auch der Kommunismus aufgehen wird. Der Selbstmord ist die Rückkehr in den Bauch der Mutter, er deklariert die Geburt als Irrtum. Insofern ist der Kommunismus nicht das Ziel der Arbeiterbewegung. Die durch Textvergleich vorliegende Distanz zu Bernstein, dem das Endziel gleichgültig wurde, ist Nähe zu ihm. Früh hat Rosa Luxemburg ihre Opferrolle akzeptiert, früh hat sie bemerkt, dass der Revolutionsprozess die Revolutionäre bemeistert, diese nicht ihn. Sie tritt illusionslos zur Arbeiterbewegung, alle Träume der Jugend sind bereits verflogen und es öffnet sich ihr unbelastet das Tor zum wissenschaftlichen Sozialismus, durch den sie sich zu einer Doktorin der Revolution schulte. Auch Karl Liebknecht war opferbereit. Am achten September 1918 gibt er in einem Brief an seine Frau preis: „Ich möchte helfen unter Opferung von tausend eignen Leben …“. In einer Beratung von Staatssekretären der Reichsregierung gab Scheidemann zu Protokoll: ‚Liebknecht ist typischer Bolschewist‘. Er muss ein mutiger Mann gewesen sein, denn er sprach die Wahrheit aus und schenkte reinen Wein ein. Er bezeichnete mitten unter Sozialdemokraten deren Führung als konterrevolutionär, die eine soziale Revolution ablehne. „Ich weiß, wie unangenehm ihnen diese Störung ist, auch wenn sie mich erschießen – ich werde das aussprechen, was ich für notwendig halte“. Das ausgesprochen, umgeben von sozialdemokratischen Wölfen, wenige Wochen bevor diese zubissen und ihn töteten.

Es bildete sich eine Schicksalsfront heraus, auf der linken Seite Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Franz Mehring und Leo Jogiches, totgeweihte Agenten der Weltrevolution, und die ‚Arbeitsbrüder‘ Ebert, Scheidemann und Noske auf der rechten Seite, bereit zur Ausgrenzung von Weltrevolutionären und aus Angst vor dem alles durchzuckenden Blitz der Weltrevolution auch zu ihrer Ermordung. Diese ergab sich zwangsläufig aus dem Kardinalfehler der marxistischen SPD, jedenfalls galt sie als eine solche, die Anfang August 1914 meinte, für die Dauer von ein paar Monaten Krieg, mehr war nicht in der Planung, den Klassenkampf aussetzen zu müssen in einer Periode, in der sie ihn vehement hätte führen müssen. Die Folgen dieses Kardinalfehlers waren verheerend, er darf niemals verziehen werden. Das A & O des politischen Marxismus war weggeschleudert worden und ohne den Klassenkampf im Kopf zu haben, kann auch nicht der Gedanke aufkommen, den imperialistischen Krieg im Sinne einer proletarischen Weltrevolution auszunutzen, dem Klassenkampf eine andere Wendung zu geben, indem man die Massen ausrichtet, Millionen Gewehre umzudrehen. Es war verschüttet, keine Selbstverständlichkeit mehr, dass eine revolutionäre Situation nur aus dieser Umdrehung hervorgerufen werden kann. Das war ein wesentlicher Grund für die Niederlage der Novemberrevolution, denn am Anfang einer Revolution schlagen die Waffen der Kritik in eine Kritik der Waffen um. Hier kann es keine Ausrede geben, gerade der erste imperialistische Krieg hatte eine Bewaffnung von Massen im Gepäck, wie sie noch keine Geschichtsperiode kannte. Nur die Bolschewiki in Russland hatten das deutlich gesehen und aus dieser Tatsache durch Lenins Aprilthesen die richtigen Schlussfolgerungen gezogen, während die Spitzen der deutschen SPD und die Spitzen der deutschen Gewerkschaft sich vor der Weltöffentlichkeit so hinstellten, dass der kleine Prolet zu kuschen hat, wenn die hohen Herren Monarchisten im Auftrag der Großbourgeoisie den großen Krieg um Bodenschätze und Territorien führen. Das Blut der Proleten Europas floss tonnenweise und als dann die Arbeiterinnen und Arbeiter, ausgelöst durch die russische Februarrevolution, den Spieß umdrehten, da war die Partei des 4. August wiederum zur Stelle, jetzt musste man die Worte ‚Ruhe‘ und ‚Ordnung‘ gegen die steigende rote Flut herausschreien, so wie ein katholischer Priester das Onanieren aus Angst vor dem erlösenden, befleckenden Blitz abbricht, in den das ganze Hin und Her kulminiert. Die reaktionäre Fratze der deutschen SPD hatte sich zwar schon vor dem ersten Weltkrieg abgezeichnet, aber noch musste man mit den Augen Lenins hinschauen, um ihre Umrisse zu sehen. Erst durch den großen imperialistischen Waffengang war es bei den Spatzen auf den Dächern angekommen, dass die deutsche MSPD und die deutsche USPD sich eingereiht hatten in die heilige Hetzjagd nach einem Gespenst, das bereits der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten gejagt hatten. So wurde Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht geraten, jede Nacht woanders zu schlafen. Das musste besonders an die gesundheitliche Substanz von Rosa Luxemburg gehen, die große Schlafprobleme hatte. „Meine Nerven, meine Nerven, ich kann gar nicht schlafen“, hatte sie ein halbes Jahr vor ihrer Ermordung Luise Kautsky anvertraut. Ihre Post und ihr Wohnungstelefon wurden überwacht. Ihre Ausführung, dass die Kapitalisten, die um ihre Kassenschränke zittern, aufrufen, den Spartakusbund und seinen kleinen Trupp ‚Roter Soldatenbund‘ zu kreuzigen, verführt sofort zur Assoziation mit ihrem Tod. Sie wurde eine Märtyrerin. Radek schrieb, die Massen hörten ihrem Wort „mit religiösem Eifer“ zu. So darf der wissenschaftliche Sozialismus aber nicht empfangen werden. Sie übertrieb beileibe nicht, konnte Sprache aber mündlich und schriftlich radikal anwenden, was Unsauberkeiten in der Reziprozität zwischen Ökonomie und Politik, die manchmal vorlagen, übertünchen konnte. Die mobilmachenden Spartakusschriften sind in einer aggressiven Rhetorik gehalten, so dass sie von den Rechten als Bürgerkriegsvorbereitung gelesen und provokativ aufgenommen werden konnten. Wenn Rosa so anrührt, dann muss ihr kritisch und nüchtern begegnet werden. Selbst ein Offizier aus dem Stab des konterrevolutionären Hauptmannes Pabst sah in ihr eine „Heilige“ mit ungeheurem Sendungsbewusstsein und bat den Hauptmann, sie vor der Truppe sprechen zu lassen. „In diesem Augenblick erkannte ich die ganze Gefährlichkeit der Frau Luxemburg. Sie war gefährlicher als alle anderen, auch die mit der Waffe“. Der Mörder hatte sein Objekt gefunden. Er musste sie für die gefährlichste Person des Landes halten. Natürlich stellten beide, Karl und Rosa, in den Augen der Monopolkapitalisten und der großen Mehrzahl der Sozialdemokraten eine tödliche Gefahr für das christliche Abendland dar, immer schon schwebte der Todesengel über ihre Häupter und Rosa Luxemburg deutete nach Liebknechts Verhaftung am 1. Mai 1916 in dem Flugblatt ‚Was ist mit Liebknecht?‘ die Möglichkeit eines Justizmordes an. Es herrschte mit grausamer Allgewalt der imperialistische Krieg nach außen mit einem konterrevolutionären Krieg nach innen. Und ein, zwei Opfer mehr … Aber noch war es nicht soweit, Liebknecht, den Kautsky bereits den populärsten Mann in den Schützengräben nannte, bekam wegen Durchführung einer verbotenen Maidemonstration am 1. Mai 1916 vier Jahre und einen Monat Zuchthaus und verlor auf sechs Jahre seine bürgerlichen Ehrenrechte. Begründetere Todesahnung muss Karl Liebknecht Anfang 1919 dann selbst gehabt haben: In seinem letzten, für die Rote Fahne geschriebenen Artikel ‚Trotz Alledem‘, der an seinem Todestag erschien, läuten die Todesglocken mit religionssymbolischen Anspielungen: „Noch ist der Golgathaweg der deutschen Arbeiterklasse nicht beendet – aber der Tag der Erlösung naht … Himmelhoch schlagen die Wogen der Ereignisse – wir sind es gewohnt, vom Gipfel in die Tiefe geschleudert zu werden. Aber unser Schiff zieht seinen geraden Kurs fest und stolz bis zum Ziel. Und ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird – leben wird unser Programm: es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen. Trotz alledem!“ Golgatha, Erlösung, Himmel, Opfertod für die erlöste Gattung, ein Programm herrscht über die Menschheit - die KPD als ‚Redemptor hominis‘. In seiner letzten Komposition für die Rote Fahne schlägt Karl Liebknecht nur falsche Tasten an. Befand sich Liebknecht jemals auf dem Gipfel? Der Gipfel wäre die Diktatur des Proletariats gewesen, und die war doch nur angestrebt und wäre auch nur möglich gewesen, wenn sich eine Mehrheit der Räte für die KPD engagiert hätte. Diese revolutionäre Situation konnte gar nicht vorliegen, das Gegenteil war der Fall, die Räte wurden mehrheitlich von sozialdemokratischen Konterrevolutionären dominiert, die den Kapitalismus gewähren ließen, denn er arbeite nach Kautsky automatisch evolutionär für den Sozialismus. Die ganze Geschichte bewegt sich nach dieser Auffassung auf den Kommunismus hin, man studiere ihn, lese die Klassiker, denn er braucht doch nur erlesen zu werden. Das war ihre Beruhigungsformel im wahrsten Sinne des Wortes, die Ruhe dieser Sorte von Berufsrevolutionären, die bereits vom Extraprofit speisten und sich ideologisch im Sozialdemokratismus verdauten. In den braunen Eingeweiden der SPD schlummern die Noskes und die Angst vor bewaffneten Arbeiterinnen und Arbeitern wird den Schließmuskel öffnen. Solange sich Räte als verlängerter Arm der korrupten SPD sehen, ist an eine soziale Revolution kein Gedanke zu verschwenden. „Die Korruption hat euch zerfressen“, rief Liebknecht diesen „Genossen“ zu. Natürlich lag Verrat vor, subjektiv, mehr noch objektiv bedingt. Am 29. Dezember 1918 rief Ebert in Berlin zu einer antikommunistisch ausgerichteten Großdemonstration auf mit übelsten Anfeindungen auf einem Flugblatt des ‚Bürgerrates von Groß-Berlin‘. In ihm wird zum Ende der Spartakisten durch Gewalt aufgerufen. Die bewaffneten Tagediebe Liebknechts müssten unschädlich gemacht werden. Am 13. Januar 1919, zwei Tage vor den Ermordungen, erschien im sozialdemokratischen ‚Vorwärts‘ ein Gedicht ‚Das Leichenschauhaus‘ des Sozialdemokraten Ziegler, das mit folgenden bemerkenswerten Passagen endete: „Vielhundert Tote in einer Reih/Proletarier … Karl, Rosa, Radek und Kumpanei/es ist keiner dabei, es ist keiner dabei!“. Wozu ruft der sozialdemokratische Vorwärts hier auf? Welche Kumpanei ist gemeint? Wobei wohl das Wort ‚Kumpanei‘ die Interpretation doch in eine bestimmte Richtung drängt. Ganz eindeutig kann man es nicht sagen, also nicht von einer ganz bestimmten Richtung sprechen, wohl aber von einer bestimmten. Später schrieb Ziegler, dass er das Gedicht bereue. Für Fred Oelßner hat Ziegler direkt zum Mord aufgerufen. Man braucht auch nicht an diesem mittelmäßigen, eben sozialdemokratischen Gedicht herumdoktern, die historischen Fakten sprechen eine eindeutige Sprache. Auch Karl Liebknecht hatte, wie gesagt, Todesahnungen. Seine Aussage ist überliefert, dass man den Attentäter schonen solle, die Schuldigen seien andere. So verhielt sich auch Rudi Dutschke gegenüber seinem Attentäter Bachmann, die Schuldigen waren andere. Es ist unter lesenden und denkenden Arbeiterinnen und Arbeitern heute unbestritten, dass der geistige Drahtzieher des Attentats auf Rudi Dutschke Axel Cäsar Springer war.

Die Begebenheiten am 15. Januar 1919 zwischen dem 1912 erbauten Hotel Eden und dem Landwehrkanal sind verwickelter als die vom 4. August 1914, dem Tag der einstimmigen Kreditbewilligung für imperialen Massenmord im Namen eines ‚alten Programms‘ von Marx und Engels, dem Tag des großen Versagens und der widerstandslosen Kapitulation. ‚Was ist bloß aus der Partei von Marx und Engels geworden?!, seufzte der alte Franz Mehring. Es müssen also in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie die reaktionären Linien vor 1914 eruiert werden, denn diese Partei hatte sich schon vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges desavouiert. Man denke nur an die Bernsteiniade, an die Debatte über Kautskys Ermattungsstrategie aus dem Jahr 1910, in der Rosa Luxemburg den Vorwurf des Nichtsalsparlamentarimus gegen den Papst geschleudert hatte, der nach ihrer Auffassung alles Heil von der Reichstagswahl erwartete und es ist bezeichnend, dass sich der Papst stets gegen einen parteiinternen Krieg gegen Bernstein ausgesprochen hatte. Mit der Ermattungsstrategie intendierte Kautsky, die revolutionäre Wahlrechtsbewegung zu liquidieren. Wer wird denn, ruft Rosa Luxemburg polemisch aus, an einen Massenstreik denken, wenn für uns Sozialdemokraten der Parlamentshimmel so voller Geigen hänge! Man denke zum Beispiel auch an das Verhalten der Partei während der ‚Los von der Kirche-Bewegung‘. Am 4. August hatte sich Liebknecht noch der Fraktionsdisziplin gebeugt, beides rabenschwarze Tage im Kalender des deutschen Volkes, so schwarz, dass man bei der SPD keine rote Farbe mehr finden kann. Für Rosa Luxemburg begann mit dem vierten August eine mehrjährige „Prostitution des Sozialismus“. Das ist ganz richtig und gilt auch noch heute. Der schäbigste Bordellwirt auf St. Pauli hat mehr Ehrgefühl im Balg als Oliver Scholz, der mit der Wahlkampfdevise ‚Gutes Geld für gute Arbeit‘ die Geschäfte der oberen Zehntausend betrieb. In dem Gleichklang der Devise liegt die Grundtäuschung - und das von einem Mann, der Arbeitsrecht studiert hat. Sigmar Gabriel wandte sich nach dem G-20 Gipfel gegen den Versuch der CDU, seine Sozialdemokraten in die Nähe der militanten Demonstranten zu rücken. Er sah darin eine Verletzung der Ehre seiner Partei, als ob diese eine hätte. Die konterrevolutionären Schandtaten, die diese Partei durch Friedenspredigten zugunsten von Volksfeinden auf sich geladen hat, macht sie für immer ehrlos und stellt sie in eine feindliche Grunddisposition zum Humanismus auf. Gerade umgekehrt: Zu fragen ist, ob ein nur friedlicher Protest angesichts der Millionen Kinder, die durch Mithilfe der SPD bei den Geschäften der Imperialisten verhungern, nicht kriminell, zumindest aber obszön ist? Im Prozess zur Ermordung der Revolutionäre in der Todesnacht vom 15. Januar 1919, der noch im gleichen Jahr stattfand, war immer wieder von einem ‚Helferdienst der SPD‘ des ‚Regiments Reichstag‘ die Rede, dessen Sektion 14 eine Kopfprämie von 100 000 Mark für die Ergreifung der ehemaligen Sozialdemokraten ausgesetzt haben soll, „ … schriftliche Beweise für diese Behauptung gibt es verständlicherweise nicht. In einem Mitteilungsblatt gab Fritz Henck, der Schwiegersohn Scheidemanns, den viele Zeugen mit der ausgesetzten Prämie in Verbindung brachten, am 14. Januar der Berliner Bevölkerung die makabre Versicherung, die Häupter der Bewegung würden nicht ungeschoren davonkommen; schon in wenigen Tagen würde sich zeigen, daß auch mit ihnen Ernst gemacht wird“. 5. Durch den Doppelmord im Januar 1919, Auftakt einer Serie von innenpolitischen Reichswehrmorden, zu erinnern sei an die Ermordung von 29 Matrosen der Volksmarinedivision am 11. März 1919 bei ihrem Löhnungsappell in der Berliner Französischen Straße Nr. 32 auf Anweisung von Oberleutnant Otto Marloh, der unter dem Druck des Oberst Reinhardt stand („Alles, was er erschießen könne, soll er erschießen!“), wurde die Demokratie in Deutschland getötet, durch das KPD-Verbot 1956 wurde sie vom Bundesverfassungsgericht halb totgeschlagen. 6. Die Beweislage am 4. August ist eindeutig, die Abstimmung fand vor aller Augen statt, die Liquidierung der Revolutionäre am 15. Januar wurde aus einem verdunkelten Zimmer des Hotels ‚Eden‘ in Berlin gesteuert; dieser Fall wird bewusst im Zwielicht gehalten und muss in ihm gehalten werden. Eindeutig legen sich die beiden Biografen Luxemburgs Anneliese Laschitza und Günter Radczun fest: „Die Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs war kein zufälliges kriminelles Delikt, kein gewöhnliches Zivilverbrechen. Sie war ein politischer Klassenmord des deutschen Imperialismus und Militarismus an den Führern der Kommunistischen Partei Deutschlands, in denen die revolutionären Kräfte des deutschen Volkes die Initiatoren künftiger Siege und die Todfeinde im eigenen Land sahen“. 7. Beide weisen auch auf die Aussage von Lenin auf dem II. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongress am 20. Januar 1919 hin, dass derjenige, der behauptet, an Liebknecht und Luxemburg sei einfach ein Mord verübt worden, mit Blindheit geschlagen sei. Die von Lukacs aufgezeigte ‚Zerstörung der Vernunft‘ bedeutet nicht, dass die Konterrevolution irrational vorgehen muss, im Gegenteil, die Ermordung der beiden führenden Marxisten Deutschlands beweist eine eiskalte Präzision in der Vorgehensweise und eine kaltblütige, vom Imperialismus gezüchtete, exakt zielgerichtete Menschenverachtung im Geiste instrumenteller Vernunft. Der deutsche Imperialismus zeigte ein besonders hässliches Gesicht. Der erste Giftgaseinsatz bei Ypern, die Bombardierung von Arbeitervierteln nach dem Ausbruch der Novemberrevolution in Berlin, man warf damals noch Bomben aus dem Flugzeug, der erste Einsatz von chemischen Kampfmitteln in einem Bürgerkrieg am Heiligabend 1918 in Berlin durch den Freikorps-Hauptmann Pabst, dem Drahtzieher des Doppelmords an Karl und Rosa drei Wochen später, alles Welturaufführungen, und eben die eiskalte Ermordung der Führer der deutschen Revolution. Und noch einer kann draufgesetzt werden. Die Regierung der sozialdemokratischen Volksbeauftragten bestimmte die Mördertruppe von Offizieren kriegsgerichtlich zum Gerichtsherrn über ihren Doppelmord. Verurteilt wurden natürlich nicht die verantwortlichen Offiziere, die einen Sündenbock in dem ‚armen Schwein‘, dem Husaren Runge gefunden hatten. Wirklich ein ‚armes Schwein‘, denn 1945 stirbt er laut Gietinger im Alter von siebzig Jahren nach NKWD-Verhören in Berlin. Die Perversion des Rechts begann also keineswegs mit den Gerichtsauftritten Roland Freislers, sie begann mit dessen Vorgängern, Ebert, Noske usw. Diese fünf Verbrechen, und es ist nur eine Auswahl, zeigen an, welche Narrenfreiheit sich die Reaktion im klassischen Land der Konterrevolution und des politischen Kretinismus herausnehmen konnte. Ein Auswurf dieses Kretinismus war der Beschluss des ersten Reichsrätekongresses, der ab dem 16. Dezember 1918 in Berlin tagte, die Rätedemokratie zugunsten einer Nationalversammlung aufzugeben. Damit wurde der Konterrevolution Tür und Tor geöffnet. Süffisant ist, dass der preußische Kriegsminister Scheuch sich am achten November 1918 noch weigerte, seine Genehmigung zu erteilen, Berliner Arbeiterviertel aus der Luft zu bombardieren, der Sozialdemokrat Noske aber wenige Wochen später grünes Licht gab. Die Räte waren antipreußisch ausgerichtet und ein Sozialdemokrat überbietet in einer Revolution das preußische Obrigkeitsdenken und bringt Segnungen von oben. Warum? Der schwäbische General Groener sagte 1925 im Kreuzverhör im Dolchstoßprozess, dass der Zweck des Bündnisses der OHL mit der SPD (OHL/SPD) die „ restlose Bekämpfung der Revolution“ gewesen sei. In seinen vor Antisemitismus nur so strotzenden Lebenserinnerungen schrieb der General, er habe gegenüber Ebert die Bekämpfung des Bolschewismus gefordert „und Ebert habe eingewilligt“. Zu Groener ist der rechte Sozialdemokrat Wolfgang Heine zu gesellen, der Liebknechts Worte vom Hauptfeind im eigenen Land subjektiv gegen den Revolutionär selbst umkehrte. Liebknecht sei der gefährlichste Feind des deutschen Volkes. Die reaktionären Offiziere sollten das Todesurteil alsbald vollstrecken. Es muss hier festgestellt werden, dass eine durchdachte Biografie über Adolf Hitler nicht umhinkommt, auf die Vorarbeit der rechten SPD zu seiner Herrschaft einzugehen und sich mit seinem Vorläufer Gustav Noske auseinanderzusetzen. Eine Biografie über den Mann, der von sich behauptete, ganz allein auf sich gestellt, ganz Europa erobert zu haben, ohne dass der Name Noske im Personenregister auftaucht, taugt nichts. Ich bezeichne das widerwärtige Verhalten der SPD-Führung während der Novemberrevolution als ultrapervers und spüre zugleich die Schwäche der Sprache, da das Wort zu mild ist. Oder ist etwa nicht wahr, dass sich Ebert seine Rede anlässlich des Einmarsches konterrevolutionärer Truppen in Berlin von General von Schleicher vorschreiben ließ. Vergleichen wir das Original mit der Version Eberts, mit der Rede, die er dann tatsächlich gehalten hat, so müssen wir feststellen, dass ihm der Entwurf des Generals zu links war. Schleicher sprach von einer Volksregierung, die auf den Wohlstand hinarbeitet. Und dann der General wörtlich, wenn auch demagogisch: ‚Wir wollen alle Brüder sein‘. Dieser Satz störte den Sozialdemokraten, der den Bürgerkrieg im Kopf hatte, offensichtlich, er ließ ihn weg. Bereits Rousseau betonte in seinem berühmten vierten Brief an den Präsidenten Malesherbes, dass Sprache nicht zutrifft, sondern stets nur tendenziell sein kann. („Ich wünschte, mein Herr, ich könnte ihnen das Ereignis schildern, durch das ich Philosoph wurde“.) Wer gegen die deutsche Sozialdemokratie in den Krieg zieht, der muss eine Guillotine hinter sich herziehen. Klaus Gietinger schreibt in seinem Buch ‚November 1918, Der verpasste Frühling‘, dass die Sozialdemokratie sich auf Gedeih und Verderb mit den Kriegsverbrechern des ersten Weltkrieges verbündet hatte und dass das nur zu weiteren Verbrechen führen musste. Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen. Das erste kardinale war der Doppelmord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und dieser Kontinuität des obrigkeitsstaatlichen Terrors wurde erst in der Schlacht von Stalingrad das Genick gebrochen. Dem Einzug der Roten Armee in Berlin folgte die Entfernung des Reiterstandbildes Friedrichs des sogenannten Großen aus dem Stadtbild von Berlin. Es war für die Völker eine Segnung von unten, dass die Oktoberrevolution die imperialistische Kontinuität durchbrechen konnte, die die deutsche Sozialdemokratie bis heute beschwört. Für Clara Zetkin hat die Oktoberrevolution dafür gesorgt, dass in Russland das Leben wert ist, gelebt zu werden und für Karl Liebknecht war sie, wie einem Brief vom elften November 1917 an seine Frau zu entnehmen ist, eine Revolution von unbegrenzten Möglichkeiten, „weit größer als die Große Französ. Revolution“.

Man mag eine Schwierigkeit darin erblicken, nachzuvollziehen, wie die theoretischen Sätze der Revolutionäre mit den verhängnisvollen Schandtaten der Konterrevolution zusammenhängen. Aber der Zusammenhang zwischen den theoretischen Positionen und den praktischen Konsequenzen existiert; es ist nicht so, dass der Zusammenhang zwischen den theoretischen Überlegungen der Revolutionäre und den Morden an ihnen nur Konstruktionen Dritter sein können. Die Schwierigkeit des Übergangs vom Abstrakten zum Konkreten kommt nur daher, dass in den gesellschaftlichen Systemen eine Theorie-Praxis-Diskrepanz vorliegen muss, in denen der praktisch tätige Mensch als eine Nichtigkeit gilt. 8. Am verkehrtesten wäre es, den Mordkomplex Luxemburg-Liebknecht steril als reinen Kriminalfall abzuhandeln, und doch liegt diese Armseligkeit in schriftlicher Form vor. Die Ermordungen erfolgten nicht aus heiterem Himmel. Zwar sind beide Opfer von Elementen geworden, die mit dem Marxismus nichts am Hut hatten. Das ist aber nur eine Seite. Die andere ist die, dass Ebert, Noske und andere Sozialdemokraten den Tod der Revolutionäre aus Ordnungsgründen mit Genugtuung aufnahmen. Was für eine Ordnung, die über Leichen geht! Und diese Genugtuung, diese Perversion unter sozialistischen Brüdern und Schwestern hat allerdings mit Abweichungen vom Marxismus zu tun, durch die den faschistischen Mördern der Weg geebnet worden war. Die letzte Strecke des Weges gingen Sozialdemokraten und faschistisches Offizierspack Hand in Hand. Diesen Umstände und den in ihnen liegenden und aufzuzeigenden Zusammenhängen ist es geschuldet, dass diese Einleitung einen zu breiten Raum im Gesamttext einnimmt, die Theorie beansprucht ihr Terrain, dessen Größe von ihrer Umständlichkeit abhängt und auf das sich nur Leserinnen und Leser mit Geduld begeben sollten. Bereits in den unterschiedlichen Imperialismusbestimmungen von Lenin und Kautsky, der Aufdeckung der antagonistischen Widersprüche des Imperialismus und ihrer Vertuschung, ist der Bruderkrieg unter den Sozialisten angelegt, bzw. er ist bereits im Gange. So nimmt die Kontroverse der Luxemburg gegen Bernsteins Revisionismus theoretisch vorweg, was sich in der Novemberrevolution als präfaschistischer Noskismus auf der einen Seite, als Gründung einer Kommunistischen Partei auf der anderen Seite im politischen Alltag auswalzte. Wenn Josef Stalin die deutschen Sozialdemokraten als Zwillingsbrüder der deutschen Faschisten verächtlich macht, so muss das durch historische Fakten belegt werden. Und es kann durch diese belegt werden. Der vorliegende Text unternimmt einen Versuch dazu, und zwar derart, dass die Bestimmung Stalins keine historische ist, sondern eine immer noch aktuelle. Es ist damit auch schon gesagt, dass die Revolution in Deutschland zu dieser Partei sich nur als Bürgerkriegspartei positionieren kann, dass die Dialektik von Revolution und Konterrevolution es bei Strafe des Untergangs untersagt, Fühler zur deutschen Sozialdemokratie, deren führende Köpfe Luxemburg als die größten Halunken der Weltgeschichte, als die gefährlichsten Vorposten der Konterrevolution bezeichnete, auszustrecken. Die Weltrevolution würde einen wichtigen Sprung nach vorne tun, gelänge es, die Führung der SPD, diese nach Luxemburg „jämmerlichen Feiglinge“, dorthin zu bringen, wo sie nach Luxemburg hingehört: hinter Schloss und Riegel. Wären Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nicht unter Mitbeteiligung von führenden Sozialdemokraten ermordet worden, wer weiß, vielleicht hätten wir heute nicht diesen ganzen perversen Dreck eines Staates des Kapitals am Hals, der mit seinem Netz von Gendarmen im Dienst des Kapitals, die er über das ganze Volk geworfen hat, jedes freie Atmen erstickt und aus dessen Gerichtshöfen Kuckucksschwärme aufsteigen, den Himmel für die Armen, die Centmenschen und für die Habenichtse zu verdunkeln. Die Gründung einer Kommunistischen Partei nach russischem Vorbild durch ‚die rote Hure‘ (auch die ‚blutige Rosa‘ war geläufig, 1923 wird der Luxemburgismus von Ruth Fischer und Arkadi Maslow als ‚Syphilisbazillus‘ innerhalb der deutschen kommunistischen Bewegung bezeichnet) und dem ehemaligen Mitglied des deutschen Reichstages (seit 1912) stellte damals für die herrschenden imperialistischen Kapitalisten in der Tat ein rotes Tuch dar, die bürgerliche ‚Vossische Zeitung‘ meinte noch am 16. Januar 1919, also nach ihrer Ermordung feststellen zu müssen, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hätten auf das denkbar schwerste gesündigt. Es sei nicht zu verkennen, dass an den beiden Terroristen „eine Art Volksgericht“ vollstreckt worden sei. Und man kann gleich einen weiteren Superlativ anschließen: An die Fersen der Spartakusführer hätte sich das wüsteste Verbrechergesindel geheftet. Aber das schrieb keine bürgerliche Zeitung, es ist eine Formulierung des Sozialdemokraten Scheidemann. Hatte Rosa Luxemburg so unrecht, als sie Scheidemann und auch andere führende Sozialdemokraten als die größten Halunken der Weltgeschichte hinstellte? Scheidemann empfand es als seine Aufgabe, die Massen bei der Stange zu halten. Die Reichsregierung schaltet zwei Gänge zurück, ohne Superlativ: Die beiden Getöteten hätten sich schwer am deutschen Volk vergangen. (siehe die Freiheit (USPD) vom 17. Januar 1919). Obwohl die kleine kommunistische Partei im Januar 1919 noch über keine schlagkräftige Massenbasis verfügte, das war erst 1920 der Fall, als eine halbe Millionen Arbeiter von der USPD rübergekommen waren, stellte sie eine rohe Bedrohung dar, was durch ihre gemeinsame Kriminalisierung durch das Bürgertum und durch die Sozialdemokratie noch unterstrichen wurde. Warum war die KPD keine quantité négligéable? Der Bürger rechnet doch und gibt Geld nicht so leichtsinnig aus, der Doppelmord war nicht ganz billig. Die imperialistischen Weltherrschaftspläne der deutschen Bourgeoisie waren nach außen eben durch eine mächtige Friedensbewegung gescheitert. ‚Es ist genug gestorben! Keiner darf mehr fallen!‘, hatte Käthe Kollwitz im ‚Vorwärts‘ geschrieben. Und im Inneren waren ihre Herrschaftsgrundlagen durch eine mächtige Matrosen- und Arbeiterbewegung gefährdet. Die Weltherrschaft war perdu und damit zusammenhängend auch die nationale in Gefahr. Beides zusammen reichte hin zum Doppelmord. Die Stärke der Spartakisten war ihre Publizistik, die spitze Feder von Rosa Luxemburg tat weh. Nachdem Karl Liebknecht am 1. Mai 1916 in Soldatenuniform auf dem Potsdamer Platz mutig diesen Tag unter der Parole: „Brot! Freiheit! Frieden!“ zum Kampftag gegen den Krieg ausgerufen hatte und ausrief: ‚Nieder mit dem Krieg, nieder mit der Regierung!‘, was seine Verhaftung zur Folge hatte, bei der Rosa Luxemburg, wie sie in einem Brief an Clara Zetkin vom 12. Mai 1916 schrieb, mit Fäusten auf die Polizisten losging und an Karl bis zur Wache zerrte, bis sie auf der Wache brüsk abgewiesen wurde, gab es in Berlin Solidaritätsstreiks für diesen Mutigen und den ersten politischen Massenstreik in Deutschland für seine sofortige Freilassung. Da schwammen nun auch die zentristischen und rechten SPDler mit und brachten einen Antrag auf Haftentlassung in den Reichstag ein. Und Lenin sparte nicht mit Lob: Liebknecht ist unser Mann in Deutschland. Er wurde rasch populär, auch international machte sein Name die Runde. „Der Name Liebknechts, des unermüdlichen Kämpfers für die Ideale des Proletariats, wird in Deutschland mit jedem Tag populärer“. 9. Und nun, 1918, hatte Rosa Luxemburg bereits zur Bildung einer proletarischen ‚Roten Garde‘ aufgefordert. Und seit dem 18. November 1918 erschien die ‚Rote Fahne‘ regelmäßig, nachdem Spartakusanhänger, rote Matrosen und rote Soldaten Redaktion und Druckerei des ‚Berliner Lokal-Anzeigers‘, ein gemütliches Spießerblättchen, übernommen hatten, und trug die kommunistische, also auch antiparlamentarische Handschrift Rosa Luxemburgs. Bildung einer ‚Roten Garde‘ und eines Revolutionsgerichtes, die sofortige Einziehung dynastischen Vermögens, Säuberung der Verwaltung, der Armee und der Justiz, die die SPD unangetastet ließ. Die Sozialdemokraten bauten den alten, in obrigkeitsstaatlichen Kategorien denkenden Staatsapparat des kaiserlichen Deutschlands wieder auf, gaben damit der Konterrevolution eine starke Waffe in die Hand und erleichterten ihr die überlegene Organisation der arbeiterfeindlichen Kräfte. Und die Reaktion, die auf den drei Säulen Offizierskorps – Schwerindustrie – Großagrarier fußte, alles Minderheiten, wusste, dass die Lage so war, dass ein Funke genügte, um eine Steppe in Brand zu stecken. Dabei war der Weg für die deutschen Revolutionäre schwieriger als für die Bolschewiki in Russland. Es wird oft übersehen, dass in Russland der Rätegedanke 1917 schon eine zwölfjährige Tradition hatte, während es in Deutschland erst am 8. April 1917 in Leipzig zur Bildung des ersten Arbeiterrats in Deutschland anlässlich einer Kürzung der Brotration gekommen war. Am 5. November 1918 bildete sich dann in Kiel der erste Matrosenrat heraus. Was aber ihr Pfund war, sie repräsentierten die Klasse, die die Vorwärtsentwicklung verkörpert. Und an ihrer Spitze stand eine Frau, die vertrat, dass es ohne Befreiung der Frau keine Befreiung der Arbeiterklasse geben könne. Es sei angemerkt, dass sich unter den dreitausend Delegierten auf der Vollversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte nur etwa fünfzig Frauen befanden. 10. Es sind doch Mitte Januar 1919 nur zwei Menschen durch Mörderhand umgekommen, die sich als Kommunisten sahen und als diese auch wahrgenommen wurden. Nur zwei? Ist das nicht weltgeschichtlich marginal? Je nach der politisch-historischen Konstellation können zwei kampferprobte, gewissenhafte Kommunisten den Funken bilden, aus dem… „Die Novemberrevolution von 1918 war eine Hunger- und Erschöpfungsrevolte, aber als solche ein ebenso reizvoller wie günstiger Nährboden für die bolschewistische Infektion“. 11.

Für den Bourgeois ist die rote Revolution etwas Gespenstisches, Unbestimmtes, Nebelhaftes und Gespenster haben die Eigenart an sich, dass sie einen beschäftigen, mehr als lebende Menschen, dass man sich ihnen zuordnet, sowohl revolutionär als auch konterrevolutionär. Auf dem Gründungsparteitag, an dem 127 Personen aus 56 Orten teilnahmen, stellte Rosa Luxemburg die Parole auf: „Nieder mit dem Lohnsystem. Das ist die Losung der Stunde!“ und auch der Gedanke, der zentrale, die deutsche Revolution müsse zur Weltrevolution des Proletariats eskalieren. Das durfte auf keinen Fall Schule machen. Und dann ihre Forderungen, die sie durch eine rücksichtslose Machtentfaltung der Massen durchsetzen wollte: Enteignung aller Banken – bloß das nicht, hätte Scheidemann aus seiner Bolschewismus-Psychose heraus gesagt, bloß das nicht, der gleiche Scheidemann, dem es ein Rätsel war, wovon sich die Berliner Bevölkerung ernähren konnte. - Entwaffnung der Polizei und der von der Regierung gebildeten Weißen Garde! Stattdessen Volksbewaffnung, Wahl aller Vorgesetzten durch die Mannschaften mit jederzeitigem Rückberufungsrecht, Einsetzung eines Revolutionsgerichts, sechsstündiger Höchstarbeitstag, sofortige Aufnahme der Verbindungen mit den Bruderparteien des Auslandes … usw. 12. Aus ihren Forderungen wird schon deutlich, dass sie den Schwerpunkt der politischen Bewegung nicht im Feudalismus entstandenen Parlament verordnet wissen will, sondern diesen unter Ablehnung individuellen Terrors auf den Asphalt der Straßen verlagert, auf Streiks und Demonstrationen der Massen, auf massenhafte Rätebewegungen, so dass eine kommunistische Partei bei ihr eher eine sekundäre Funktion erhält. 13. Und Rosa Luxemburg sagte den Arbeiterinnen und Arbeitern die Wahrheit: „Die Kapitalisten aller Länder – das sind die wahren Anstifter zum Völkermord. Das internationale Kapital – das ist der unersättliche Baal, dem Millionen auf Millionen dampfender Menschenopfer in den blutigen Rachen geworfen werden“. 14. Die Wahrheit schrieb auch ein junger Autor 1986 im sozialdemokratischen ‚Vorwärts‘: „Diese Blutspur (vom Mord an Luxemburg/Liebknecht über Auschwitz und Dachau, Benno Ohnesorg, Rudi Dutschke und Stammheim bis Günter Sare …) ist das Kainsmal der immer noch herrschenden Klasse, ist das Kainsmal ihrer nationalen Geschichte, die eine Geschichte der Abtreibung ihrer schöneren, menschlicheren Möglichkeiten war – Abtreibungen, an denen übrigens die SPD der Eberts und Scheidemanns, der Lebers und Schmidts stets staatstragend mitwirkte“. 15. Bemerkenswerte Gedankengänge sind hier sprachlich gut zu Papier gebracht worden, die Folge davon war die Entlassung des Redakteurs. Ganz offensichtlich hatte er wunde Punkte getroffen, so dass die Partei nicht souverän, nicht gegenargumentativ, sondern mit inhaltlicher Abstinenz reagierte und wie gemeines Pack handelte. Wie unzivilisiert, Verweigerung der Kommunikation, wie barbarisch, was für ein Armutszeugnis!! Wenn das Kapital in seinem imperialistischen Stadium ein Kapitalverbrechen nach dem anderen begeht, was eben der Fall ist, dann ist die Ermordung zweier Revolutionsführer, die Ermordung zweier ehrlicher Menschen, die die Völker darüber aufklären, eine Bagatelle. Das ist eine Lehre aus dem Doppelmord. Die militante Konterrevolution ist bereits so tief in sich kriminalisiert, dass Kapitalverbrechen systematisch begangen werden, mit einer eiskalten Perfektion. Die Offiziere, die die Mordanweisungen gaben, waren sowohl geschult als auch abgestumpft im Uhrwerk des Tötens im Kriege, sie handelten wie schlaue listige Tiere, wie bösartige, verkleidet in Mannschaftsmänteln. Ein Ebert, der als fleißig und philisterhaft galt, ein Scheidemann, ja selbst ein Noske, nicht in der Menschenmühle des Krieges groß geworden, wären wohl mit klappernden Zähnen zurückgeschreckt. Als Hauptmann Pabst Befehle erbat, wie denn die beiden beiseitegeschafft werden sollen, wich Noske entsetzt aus, dass sei nicht seine Sache, die Partei würde zerbrechen. Trotzdem gehören sie dazu, sie sind sozusagen mit dem Mord mitgegangen, hatten sich Bravos angeheuert. Und Pabst wusste, dass auch sein Vorgesetzter General Lüttwitz, den man den ‚Vater der Freikorps‘ nannte, nicht mitmachen würde. Lüttwitz war ein Vater von ungefähr 365 Kindern, es gab in Deutschland ungefähr so viele Freikorps wie das Jahr Tage hat. Klaus Gietinger sieht in dem Schießbefehl Noske/Pabst vom 9. März 1919 die Einführung des Terrors in die deutsche Innenpolitik. Auch General Maercker, den man den „Städtebezwinger“ nannte, der Verwüster deutscher Arbeiterviertel nach der Ermordung Rosa Luxemburgs, die er für ein Teufelsweib hielt, sah keine Macht, die ihr entgegentreten könnte. Aufschlussreich ist eine Truppenansprache dieses Generals: Im Osten stünden die Bolschewisten, im Inneren des Reiches ginge alles drunter und drüber, vor allem bedrohe Rosa Luxemburg die Regierung Eberts, sie könne das ganze Reich zugrunde richten. 16. Das Bittere in der Vorgeschichte der Menschheit liegt darin, dass es Habgier und Herrschsucht sind, die sich durchsetzen und dass ein Gespann wie Pabst-Noske sich durchsetzt, dass es ‚Spezialaufträge‘ mit Schweigepflicht bis zum Lebensende gibt, denn die Vorgeschichte der Menschheit will mit Blut geschrieben sein. Pabst sagte schlicht, dass beide „sich völlig einig“ waren. So kursierte für Noske dann auch der Name ‚Blutnoske‘, Klaus Gietinger prägt ihn mit seiner Schwäche fürs Militär zu Recht zu einer „präfaschistischen Figur“ 17., obwohl er nicht die Drecksarbeit gemacht hatte, tönte er in seinen Memoiren, dass er ausgemistet und aufgeräumt habe, in dem Tempo, das damals möglich war. Das ist also der Dreischritt im Zusammenhang zwischen Weltkrieg und Novemberrevolution, der Sozialismus, und das hat nicht nur Rosa Luxemburg so gesehen, erleidet im Krieg durch einen angeblich modernen Kulturkrieg gegen den russischen Zarismus unter Berufung auf Marx, Engels und Bebel eine Niederlage, dann treten im November 1918 die Massen selbst auf den Plan, der durch die Oktoberrevolution ein weltgeschichtlicher geworden war, und dann wurde der Sozialismus von ehemaligen Sozialisten wiederum zu Boden geworfen, nur noch mit dem blanken Bajonett, der kälteste, platteste Tod im historischen Milieu der nackten, baren Zahlung, ohne Berufung auf irgendeine Theorie, in der Weimarer Republik zählte nur noch das kalte Geld. Hatte also der erste Weltkrieg noch kulturelle Verzierungen nötig, so wirft Noske diesen Plunder beiseite und steht als waschechter Faschist vor uns, oder ist es nicht die Aufgabe eines Faschisten, Sozialisten auszumisten. In Russland konnte Trotzki den die politische Bühne verlassenden Menschiwiki nachrufen: ‚Geht auf den Misthaufen der Geschichte, wo ihr hingehört‘. Es gehört folglich zu den leichten Übungen der historischen Zunft, eine Kontinuitätslinie zu ziehen von Noskes Befehlen zur Ausrottung der Kommunisten in Deutschland zu denen der deutschen Faschisten zur Ausrottung der kommunistischen Politkommissare in der Roten Armee. Dabei bricht die Linie 1945 nicht ab, die Notstandsgesetze der BRD tragen die Handschrift Noskes und sind ja mit Hilfe seiner Parteigenossen schließlich auch durchgedrückt worden. Was ist überhaupt von einem Bluthund zu halten, der sich im Hintergrund des Geschehens aufhielt? Ein Grundzug der SPD ist die Feigheit, die typisch spießbürgerliche. Nach rechts, zur Obrigkeit hin buckeln, nach links, zu den Lohnsklavinnen und Lohnsklaven hin, nach den Kleinen und Schwachen hin – treten! Diese Partei bricht die sozialen Forderungen des Proletariats und stellt die politischen des Kleinbürgertums in den Vordergrund – so regeneriert sich diese Partei immer wieder. Wir müssen uns diesem allen stellen, dürfen nicht in eine Depression verfallen, wenn nüchtern festgestellt werden muss, dass die SPD auch hundert Jahre nach der Tat von Pabst und Noske immer noch existiert. Nichts in sich hineinfressen, dann lieber auf die konterrevolutionär so stark belastete deutsche Geschichte schimpfen, spucken, kotzen, denn es muss heraus … Die staatlich-universitäre, sprich offizielle Geschichtsschreibung gefällt sich hier in Einseitigkeit. Ossip K. Flechtheim schreibt: „… Rosa Luxemburgs Tod von den Mörderhänden der deutschen Freikorps war eine Tragödie, nicht nur für die deutsche, sondern für die internationale Arbeiterbewegung“. 18. Hier besteht Ergänzungsbedarf; dies wird ganz deutlich werden, wenn der Ablauf der wohl wirkungsmächtigsten Morde im Deutschland des 20. Jahrhunderts im letzten Kapitel (Der Ablauf der Morde) dargestellt wird. Flechtheim vertritt in seinem Buch ‚Die KPD in der Weimarer Republik‘ die für die Herrschenden angenehme Auffassung, dass sich das Verbrechen nicht eindeutig aufklären lasse. Flechtheim liegt hier auf der Linie Noskes, der mit einer Lüge die weitere Verfolgung bzw. eine Wiederaufnahme des ersten Verfahrens, das eine Farce war, verhinderte. In seinem Buch ‚Von Kiel bis Kapp‘ berichtet er von angeblichen juristischen Sachverständigen, in deren Gutachten zu lesen sei, höhere Strafen seien in Zukunft nicht zu erwarten. Damit würgte Noske den Prozess zur Aufklärung der Morde ab, Noske war in Zugzwang, denn dem Hauptmann Pabst hatte er versprochen, dass es überhaupt keinen Prozess geben werde. „Das war schon damals eine Schweinerei, daß es überhaupt zu einem Prozeß kam, den weder Ebert noch Noske gewollt haben“. 19. Natürlich hatte die Konterrevolution kein Interesse an einem Prozess gegen Konterrevolutionäre und drei Namen sind hier zu nennen, die für ihn zuständig waren, ihn aber eigentlich nicht wollten, Jorns, Spatz und Noske. Besonders die beiden Kriegsgerichtsräte schöpften alle ihnen bekannten juristischen Mittel aus, möglichst wenige Verhaftungen vorzunehmen und die Sache zu erschöpfen, sie auf einen toten Punkt zu bringen, wie gesagt, Noske wollte überhaupt keinen Prozess, im Verfahren verschwanden auch Akten, und es scherte ihn nicht, dass in den Berliner Wirren Anfang 1919 seine Physiognomie sich als eine besonders kriminelle herausschälte, Noske war ein Subjekt ohne Ehre, ohne Charakter, ohne jede humane Substanz, eine durch und durch arme und deprimierende Erscheinung, ein Elend für sich, ein negativer Mustermann - ein Mustermann, wie sehr der Imperialismus Menschen degenerieren und in unvorstellbare moralische Tiefen stürzen kann. Herbert Wehner nannte ihn den „Gallifet der deutschen Revolution“. 20. Die progressiven Kräfte in Deutschland hatten es nicht vermocht, diese in Deutschland wütende Canaille dem deutschen Volk in einem Schauprozess zu präsentieren, so konnte sich als sein Nachfolger eine Canaille aus Linz entpuppen, die zum Austoben ihrer perversen Gelüste ein größeres Terrain, ja ein globales benötigte, aber es bleibt nur ein quantitativer Unterschied-Antisemiten waren beide.

Es gärte nicht nur in Deutschland. Die imperialistische Weltkriegsorgie mit ihren Höllenstürmen, der bisher größte Aderlass der Menschheit, in der zum ersten Mal mit professoraler Weihe Giftgas eingesetzt worden war, um wieder Schwung in die Sache zu bringen, war an die substantiellen Lebenskräfte der Völker gegangen. Einem Manifest, das die Zimmerwalder Konferenz verfasst hatte, stand der Satz voran: ‚An die Völker, die man zugrunde richtet und tötet!‘. Dieser Krieg hatte die ganze Zivilisation in Frage gestellt, war wesentlich langwieriger ausgefallen als prognostiziert, hatte Zitterer hervorgebracht und alle Verhältnisse erschüttert. Wer durch den Krieg gekommen war, den erwartete die Unsicherheit des Arbeitsplatzes. Deutschland war ein Land ohne Kolonien und mit ruinierten Staatsfinanzen geworden, wieder ganz Amboss, wie es schon Friedrich List empfand: „Knecht der Menschheit“. „Das ganze Gefüge aufgelockert, flüssig und beweglich geworden“. 21. Ausdruck dieser Erschütterung war eine revolutionäre Massenaktion: der größte politische Massenstreik während des ersten Weltkrieges, der am Montag, dem 28. Januar 1918 in ganz Deutschland ausbrach. An der Spitze der Fahne stand das Wort ‚Demokratischer Friede‘, dann Freiheit, dann Brot. Es zeichnete sich für die Zeitgenossen, besonders für die Herrschenden ab, dass die deutsche Arbeiterbewegung die Höhe erreicht hat, mit der deutschen Reaktion ‚russisch‘ reden zu können. Der Ruf der Reaktion nach der rechten SPD wurde nach dem Streik immer lauter, zumal schon der Streik darlegt hatte, wie geschickt die rechten Sozialdemokraten Braun, Ebert und Scheidemann es verstanden, den Streik nach sechs Tagen zusammenfallen zu lassen. Ebert sagte später, er und seinen beiden anderen Genossen seien in die Streikleitung eingetreten, um den Streik möglichst schnell zum Abschluss zu bringen. Am vierten Februar war es dann auch schon vorbei, die Mehrzahl malochte bereits wieder. Da ein Durchbrechen der kapitalistischen und imperialistischen Front ausblieb, wälzte sich das von der rechten SPD gepflegte kapitalistische Elend fort. Es fehlte eine Leninistische Kaderpartei an allen Ecken und Enden. Erschütterungen und Entwurzelungen hat es gerade in der Neuzeit gegeben, die Aufklärung, 1789, die Pariser Commune, die russische Revolution von 1905/06, sie erschütterten traditionelle Wertesysteme, aber die Erschütterung durch den ersten Weltkrieg war eine im höchsten Stadium des Kapitalismus, von ganz anderer Qualität, es gab nun keine Fundamente mehr, keinen Hegel, keine Romantiker mehr, die Einiger mit mittelalterlichen Tendenzen waren. Ebert erließ 136 Notverordnungen, Hindenburg 109. Regierungskrisen lösten sich mit Koalitionsverhandlungen ab, dadurch nahm das politische Gewicht Hindenburgs zu. Am Ende war die Weimarer Republik eine einzige Krise und die Nazis hielten es sich zugute, dass das ewige Hin und Her der Volksmassen abgelöst worden sei durch einen ruhenden Pol: Adolf Hitler, der Hindenburgs autoritäre, verfassungsmäßig verankerte Position aus der Weimarer Zeit eingenommen und ausgebaut hatte, nachdem er den Parteienpluralismus, der schon Hindenburg störte, beiseite gewischt hatte. Der ruhende Law & Order-Pol war er aber nur vordergründig, in Wirklichkeit steigerten die Nazis den reaktionären Terror und die Anarchie der Gesetzlosigkeit. Millionen fielen darauf hinein und Millionen kamen darin um. Der Expressionismus, den die naiven Nazimaler bekämpfen mussten, brachte das mit Bildern zum Ausdruck, die erschüttert sind. Die Zerstörungen des Krieges wurden wiedergespiegelt in den Zerstörungen von Formen in der Kunst und Harmonien in der Musik. Brecht arbeitete in seinen Stücken mit dem Verfremdungseffekt. Die Kunstrichtung des Expressionismus ist über die Erschütterung zu bestimmen, die Bilder, die im Trend gemalt wurden, wackelten allesamt, ohne Maß und können kunsthistorisch als Ausläufer der Fieberphantasien eines van Goghs entwickelt werden. Der Expressionismus wütet gegen das Identische, Naive, auch gegen den Realismus, eine Wut, zu der die urbanen Metropolen anhalten, und die auf dem naiven flachen Land nicht verstanden werden kann. Was der Nazimob als entartete Kunst brandmarkte, speist sich aus den Ressentiments der Provinz gegen die urbane bürgerliche Salondekadenz. Der Provinzler scheut vor dem Höllenritt durch die Entfremdung zurück wie es die Narodniki in Russland taten, die ebenfalls eine Volksgemeinschaft anstrebten. Die Nachkriegskrise war auch eine Krise des Maßstabes, mit dem Urteile gefällt werden. Für Kant stellt Dummheit einen Mangel an Urteilskraft dar und die brach dann 1933 als totale aus. Stalin unterstellte Hitler noch eine gewisse Rationalität, dass er nicht so dumm sei, einen Zweifrontenkrieg in Europa zu beginnen, doch – so dumm war er. Doch zurück zum ersten Weltkrieg, der von allen imperialistischen Mächten vorbereitet worden war und von denen keine auf eine Lokalisierung des österreichisch-serbischen Krieges hinwirkte. Er trug einen allseitig-imperialistischen Charakter und verallgemeinerte den weltpolitischen Gehalt des Imperialismus. Der Begriff der Weltpolitik hatte in der Periode des höchsten Stadiums des Kapitalismus eine neue Dimension erreicht, der Krieg drang auf eine Vertiefung und Ausbreitung weltpolitischen Denkens. Es war nach 1914 eingetroffen, was Engels über die Folgen eines großen und unvermeidbaren Weltkrieges 1887 in der Einleitung zu Sigismund Borkheims Broschüre ‚Zur Erinnerung für die deutschen Mordspatrioten 1806 – 1807‘ geschrieben hatte: „ … ganz Europa so kahlgefressen wie noch nie ein Heuschreckenschwarm … Verwilderung der Heere wie der Volksmassen … daß die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt“. In den vier Weltkriegsjahren wurden zweimal so viel Menschen getötet wie in sämtlichen Kriegen seit 1789. Und doch wurde außer in Russland doch nur so viel erreicht wie 1789: Die Beseitigung der Dynastien, Russland erreichte mehr. Das zeigt den Unterschied des Aggressionsgehaltes zwischen dem klassischen und dem monopolistischen Kapitalismus an. Die Erschütterungen der neueren Zeit sind globale und für jeden Einzelnen durch Terror und Hunger, man denke an den Steckrübenwinter mit den Brotrevolten, direkt spürbare, die Erschütterungen durch Kopernikus, durch Kant und seine kopernikanische Wende und Darwin, gingen durch die kleine Fachwelt der Gelehrten und spielten sich im Geistigen ab. Die Aufklärung hat das Fachwissen ausgebreitet und auf eine Nivellierung der wissenschaftlichen Fachwelten hingearbeitet, sie globalisierte die in der Wissenschaft unvermeidbare Depression. Philosophen mit einer ‚Fröhlichen Wissenschaft‘ im Gepäck sind so naiv wie naive Maler, die glücklich sind. Im September 1918 war die Westfront zusammengebrochen, am 29. September teilt die Spitzengeneralität der Regierung in Berlin mit, dass sofortige Waffenstillstandsverhandlungen unvermeidbar seien, Lenin ordnet am 1. Oktober 1918 dem Genossen Swerdlow an, „eine Reihe von Referaten über den Beginn der Revolution in Deutschland zu halten“. 22. Der Krieg endete als totaler Horror dermaßen, dass es zur Sprachlosigkeit kam, zum Dadaismus. Heute drückt sich die antihumanistische Zerstörung von Kommunikation im melodiearmen, aus den lumpenproletarischen Ghettos der USA stammenden Hip-Hop aus mit einem Stammeln, das gar nicht verstanden werden will. Ein zerrissenes Wissen grassierte in der Weimarer Republik in den urbanen Zentren wie eine Seuche, während Franz Biberkopf wurzellos durch Berlin hetzte. In Russland breitete sich immer mehr eine Partei wie aus einem Guss aus und erwirkte einen hohen Disziplinierungsgrad und eine hohe Arbeitsproduktivität, auch eine immense Alphabetisierung. Von Anfang an ging es in der labilen Weimarer Republik darum, Licht in das Chaos zu bringen und eine wissenschaftlich fundierte proletarische Klassenpolitik herauszuarbeiten. Am 20. September 1918 schreibt Lenin an W. W. Worowski, dass sein Werk ‚Staat und Revolution‘ möglichst bald in deutscher Sprache herausgegeben werden müsse. 23. Man kann dieses Werk als eine Art Kursbuch der proletarischen Revolution bezeichnen. Der Krieg endete als totaler Horror dermaßen, dass die Völker nun glaubten, es müsse der letzte Krieg überhaupt gewesen sein. Das war denn ja auch das Credo der Leninschen Oktoberrevolution mit ihren bolschewistischen Räten und der deutschen demokratisch-antiimperialistischen, mehr den Geist Wilsons (Sturz des Kaisers) atmenden Novemberrevolution mit ihren menschewistischen Räten, die letztendlich die Physiognomie dieser Revolution bestimmten. Victor Klemperer sprach von ihr als der phrasenlosesten Revolution, die je gewesen. Der qualitative Sprung, der sich in Russland zwischen dem Februarregime und dem roten Aufstand im Oktober ereignete, ein weltgeschichtlicher, und der mit dem Namen Lenin, dem Sieger, und mit dem Namen Kerenski, dem Verlierer, verbunden ist, fand in Deutschland nicht statt; die SPD Eberts wollte das deutsche kapitalistische System vor den Roten und vor den roten Räten retten, Kontinuität bewahren in lokaler Borniertheit. Eine der schlimmsten Folgen des Weltkrieges war, dass an seinem Ausgang die SPD sich reif fühlte, politische Macht und Verantwortung für ganz Deutschland zu übernehmen. Aber auf welchem Wege? Auf dem Weg der Anpassung an die Bourgeoisie, aus der Subkultur zur Zeiten der Wilhelms zur Macht in Berlin, einer konstitutionellen Monarchie den Vorzug gebend, nicht den Räten, die sie vehement bekämpfen wird. Ich hatte am Anfang Gustav Landauer das Wort gegeben: „In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die sozialdemokratische Partei“. Wer über die Arbeiterbewegung in Deutschland zu akademischen Tische sitzt und über sie schreibt, müsste diese großartige Erkenntnis Landauers in jedem Kapitel auftischen. Denn alle wissenschaftlich fundierten Untersuchungen über die deutsche Arbeiterbewegung münden nur in einer Richtung, zeitigen diese Wahrheit über die SPD. Es mag linke Träumer geben, die bedauern, dass sie noch nicht in ihrem roten Nirwana leben, wir aber sind dankbar, noch in der Phase der Vorgeschichte der Menschheit zu leben und zu arbeiten, denn es gibt in der deutschen Arbeiterbewegung keine höhere Berufung als an der Vernichtung dieser Partei durch Aufklärung und Tat mitzuwirken, die Erlösung der arbeitenden Menschen vom Joch des Kapitals ist in Deutschland so eigentümlich verquickt, dass eine konterrevolutionäre Partei noch immer einen großen Teil des Volkes mit rosarotem Licht blenden kann. An die Worte Rosa Luxemburgs, dass die führenden Sozialdemokraten die größten Halunken der Weltgeschichte sind, ist umso vehementer zu erinnern, als diese sich als Mitglieder einer Volkspartei an den politischen Bordellstraßen der Republik prostituieren. Unsere Stellung zur SPD kann daher nur ambivalent sein und ähnelt der Marschall Blüchers zum Krieg im Allgemeinen, der preußische ist hier gemeint, nicht der sowjetrussische, der am neunten November 1938 in Moskau erschossen worden ist. „Unser“ Blücher bekam in Friedenszeiten regelmäßig Depressionen; die Herausforderungen des Krieges aber belebten ihn zu einem Mann, der an Schneid Jünglinge übertraf. Wir fallen in eine tiefe Depression, wenn wir auf die fatale Geschichte der SPD blicken, unsere Augen werden trübe und wir beginnen über die so schnelle Vergänglichkeit des Ruhmes einer revolutionären Partei zu grübeln, tasten unsere Gedanken ab und beginnen, an uns selbst zu zweifeln, angesichts der Tatsache, dass der Satan der Konterrevolution bereits hinter der nächste Ecke lauern kann; die Tatsache aber, dass diese Partei noch existiert und sogar die Führung des deutschen Volkes beansprucht, belebt uns und wischt alle trüben Gedanken beiseite, denn was gibt es für einen Soldaten der Revolution Schöneres, als ein klares Feindbild, einen gesunden Klassenhass und eine fanatische Vernichtungsbereitschaft zu entwickeln. Im Monat Oktober des Jahres 1917, als in Russland die Partei Lenins triumphierte, beschloss die deutsche SPD auf einem Parteitag in Würzburg, den Beschluss vom Dresdner Parteitag 1903 zurückzunehmen, der für Sozialdemokraten eine Beteiligung an bürgerlichen Regierungen ausschloss. Ich lasse das so nebeneinanderstehen, es passt so gut zueinander. Während die Leninisten dem imperialistischen Krieg den Krieg erklärten, nutzte die Partei Eberts und Scheidemanns die Gewöhnung einer Soldateska an Gewalttaten gnadenlos gegen links aus, gegen Menschen, die zu den Massen von den Dächern der Autos sprachen. Rosa Luxemburg, rot, jüdisch, Hure, wurde viehisch ermordet, und die SPD brachte so in der Tat eine innenpolitische Kontinuität der Rohheit hervor, die das ganze Jahrhundert durchziehen sollte bis in unsere Tage. In ihrer Ermordung unter der Schirmherrschaft Gustav Noskes steckt bereits der Kommissarbefehl Hitlers. Dass heute eine reaktionäre Polizei in Deutschland alles niederknüppelt, was links ist und eine von Uniformen freie Gesellschaft anstrebt, das hat das deutsche Volk nicht unerheblich Gustav Noske, dem Magister der Weimarer Polizei, und dem Reichsführer SS Heinrich Himmler, dem Magister der Bonner Polizei, zu verdanken. Der Mord an Rosa Luxemburg war ein zeit- und milieugemäßer. Er wurde mit Kopfnicken Noskes ausgeführt von einer im ersten Weltkrieg aktiven, jetzt herumlungernden, arbeitsscheuen Offizierskamarilla. Die Drecksarbeit musste aber der subalterne Husar Runge verrichten, und im klassischen Land der Konterrevolution, in dem alle die Luft von gestern atmeten, den Pestgestank des Weltkrieges. Lenin hatte darauf hingewiesen, dass im Imperialismus die Grenzen zwischen der republikanisch- demokratischen Bourgeoisie und der reaktionär-monarchistischen verwischen, in Deutschland lag jetzt zudem vor, dass die Grenzen zwischen Sozialdemokraten, Reaktionären, Monarchisten und Militaristen immer mehr verwischten, dass die Sozialdemokraten ihre Bestimmung erreicht hatten, die Konterrevolution anzuführen, der das nicht schmeckte. Deshalb der Hick-Hack: wie sehr war Noske am Doppelmord beteiligt? Er wusste davon und behielt es für sich als Geheimnisträger der Konterrevolution.

Alles, was vor 1914 feinsinnig war, war nach 1918 verroht, und Deutschland schlief unruhiger. Gegen die waghalsigen Versailler Konstruktionen halfen keine Schlaftabletten, man strampelte jetzt nachts viel mit den Beinen und wachte mit verrutschten Bettlaken auf. So musste es kommen, dass es in der Dreigroschenrepublik überhaupt nur zeitgemäße politische Morde gegeben haben konnte. Hier zu verharren hieße aber, den expressionistischen Zug der Dreigroschenrepublik, die Kultur und Ästhetik der von Kiel nach Berlin gewanderten Revolution im Dunkeln zu lassen. Denn nach dem Weltkrieg, dem Waffenstillstand am 11. November 1918 im Wald von Compiègne und der Kapitulation zog nicht nur eine Periode der Kontinuität herauf, sondern auch eine diffuser Experimente, der Krieg hatte zu viel durcheinandergewirbelt, die Vorkriegswelt war in sich erschüttert. Schon die Weimarer Republik war in ein politisches Klima eingetaucht, in dem Menschen, die Spieler waren und zwar Vabanquespieler, viele Türen offenstanden. Einen österreichischen Vabanquespieler sollte es nach seinen Attacken gegen die Judenrepublik durch das Weimarer Wirrwarr ganz nach oben schleudern. Keiner hätte in der Vorkriegszeit daraufgesetzt, dass sich die SPD nach dem Krieg als Retter der alten Welt, als Retter in der Not, als Retter des Parlaments prostituieren würde. Es lag eine doppelte Prostitution vor, 1914 sollte in der Stunde der Not das Vaterland gerettet werden, was scheiterte, weil es nicht nur eine deutsche Sache war, 1918 der bürgerliche Staat, was glückte, weil es eine weitgehend deutsche Angelegenheit war. Die SPD ist nach ihrer Wandlung aus einer verhalten revolutionären Partei zu einer glühenden konterrevolutionären, eben eine Partei der Unintelligenten und Lernunfähigen geworden, sie hatte 1914, 1918, 1933, 1945 … u.s.w. nichts gelernt. Räteblumen räkelten sich auch in Deutschland trotz tristen Novemberwetters mit seinen glasigen Sonnentagen ab und an verstreut über das ganze Gebiet zum Tageslicht, in Braunschweig, Bremen (die Gruppe der Linksradikalen, beeinflusst von Pannekoek und Radek), Düsseldorf, München, wo Heinrich Mann sogar Vorsitzender des ‚Politischen Rates geistiger Arbeiter‘ war, und Stuttgart, wo sich der Sammelpunkt für Deserteure aus der deutschen Armee befand. Die Räte waren einfache, unmittelbare, für alle zugängliche Organisationen. Revolutionäre Obleute kamen aus den Gewerkschaftsreihen hervor und suchten den Kontakt zur radikalen Linken. Bis November 1918 hatten sich in rund dreißig Großbetrieben geheime bewaffnete Milizverbände gebildet, die sogenannten ‚schwarzen Katzen‘. 24. Die Fabrik und die Kaserne gaben den Takt vor. Im Zirkus Busch, in dem der Reichsrätekongress tagte, gab es ein volles Haus. Wilhelm Pieck war aus seinem Unterschlupf in Holland illegal nach Berlin gekommen. Am 6. November 1918 forderte der Stuttgarter Arbeiter- und Soldatenrat die sofortige Freilassung aller politisch Inhaftierten und aller Militärangehörigen im ganzen Reich, einen siebenstündigen Arbeitstag, die Festsetzung von Mindestlöhnen und den gleichen Lohn für Frauen und Männer. Am 8. November sprach Lenin in Moskau von der „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution des Proletariats“, am gleichen Tag wurde Rosa Luxemburg aus der Haft entlassen und in Bayern die Monarchie der Wittelsbacher in der Person Ludwigs III. gestürzt, einen Tag später floh Wilhelm nach Holland. ‚Immer leiser hört der Kaiser hinter sich das Stöhnen seines Landes‘.

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Excerpt out of 280 pages

Details

Title
Der politische Klassenmord an Rosa Luxemburg in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution
Author
Year
2018
Pages
280
Catalog Number
V449113
ISBN (eBook)
9783668835115
ISBN (Book)
9783668835122
Language
German
Tags
klassenmord, rosa, luxemburg, dialektik, revolution, konterrevolution
Quote paper
Heinz Ahlreip (Author), 2018, Der politische Klassenmord an Rosa Luxemburg in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/449113

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