Homosexualität bei Klaus Mann: Betrachtung in Leben und Werk des Literaten


Hausarbeit, 2005

26 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Eine definitorische Einführung

2. Ein biografischer Exkurs
2.1. Die Emigration im Jahr 1933
2.2. Der Suizid im Jahr 1949

3. Die Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts

4. Die Homosexualität der Person Klaus Mann
4.1. Die Ätiologie seiner Homosexualität
4.2. Der Umgang mit seiner Homosexualität
4.3. Das Verhältnis zu Thomas Mann
4.4. Der Sadomasochismus

5. Die Homosexualität in Symphonie Pathétique
5.1. Ein Resümee des Romans
5.2. Die Charakteristik der Homosexualität
5.3. Eine autobiografische Interpretation

6. Die Schlussbetrachtung

7. Das Literaturverzeichnis
7.1. Die Primärliteratur
7.2. Die Sekundärliteratur

1. Eine definitorische Einführung

Ich möchte mich in dieser Hausarbeit mit dem Thema der Homosexualität bei Klaus Mann beschäftigen und dabei sowohl dem Leben als auch dem Werk des Literaten Beachtung schenken. Da in der Diskussion um Klaus Mann sexualwissenschaftliche Fachtermini aller Couleur fallen, ist es meiner Meinung nach unerlässlich, sich zunächst mit den gängigsten dieser Begriffe vertraut zu machen. Folgerecht möchte ich an dieser Stelle einen kurzen definitorischen Überblick über die zentralen sexologischen Ausdrücke dieses Themenkomplexes geben:

Der Terminus Homosexualität (auch: Gleichgeschlechtlichkeit) bezeichnet eine sexuelle Orientierung von Männern und Frauen, bei der Liebe und sexuelles Begehren auf das jeweils gleiche Geschlecht projiziert werden.1

Der Begriff Homoerotik, der oft synonym zu Homosexualität verwendet wird, benennt ursprünglich die gleichgeschlechtliche Neigung und weniger den sexuellen Aspekt.2

Eine veraltete Bezeichnung für Homosexualität ist der Ausdruck Sodomie, der im heutigen Sprachgebrauch auf den Geschlechtsverkehr mit Tieren Bezug nimmt.3

Die Homophobie charakterisiert indes die krankhafte Angst vor und die Abneigung gegen Homosexualität. Homophobie resultiert zumeist aus traditionellen Norm- und Wertvorstellungen oder aus der Unterdrückung eigener homosexueller Sehnsüchte.4

Unter der so genannten Päderastie versteht man die sexuelle Affinität eines erwachsenen Mannes für einen pubertären Jungen. In der altgriechischen Kultur gehörte die Päderastie zur gesellschaftlichen Norm und galt als staatlich anerkannte Form der Erziehung.5

Der Terminus Sadomasochismus bezeichnet eine Veranlagung, bei der die sexuelle Erregung durch das Ausführen und Erleiden von Schmerzen und Demütigungen erreicht wird.6

Die Bandbreite dieser Begriffsdefinitionen lässt bereits erahnen, dass der Ausdruck der Sexualität in Leben und Werk des Schriftstellers sehr komplex ist und bisweilen konträre Züge annimmt (hier: Homosexualität und Homophobie). Ich möchte mich in meinen Ausführungen zu Klaus Mann auf die Relevanz der Homosexualität konzentrieren. Die Gleichgeschlechtlichkeit soll sowohl an der Person Klaus Mann (siehe Kapitel 4.) als auch an seinem Werk „Symphonie Pathétique. Ein Tschaikowsky-Roman“ (siehe Kapitel 5.) vorgestellt werden.

Im Folgenden möchte ich jedoch zunächst in einem kurzen biografischen Exkurs die faktische Lebensgeschichte von Klaus Mann aufzeigen und damit einen ersten Einblick in das Leben des Literaten gewähren.

2. Ein biografischer Exkurs

Klaus Mann (eigtl. Klaus Heinrich Thomas Mann) wird am 18. November 1906 als zweites Kind von Thomas und Katia Mann in München geboren. Im Alter von neun Jahren erleidet der junge Mann eine akute Darmentzündung, an deren Folgen er beinahe stirbt. Nach dem Besuch des Münchener Wilhelm-Gymnasiums wechselt Klaus Mann 1922 zur Odenwaldschule in Oberhambach. Als Theaterkritiker geht er zwei Jahre später nach Berlin und gründet dort mit Pamela Wedekind, mit der er sich im selben Jahr verlobt, seiner Schwester Erika Mann und deren Ehemann Gustaf Gründgens ein Theaterensemble, welches seine Dramen „Anja und Esther. Ein romantisches Stück in sieben Bildern“ (1925) und „Revue zu Vieren“ (1926) uraufführt.

Mit „Kind dieser Zeit“ legt der Schriftsteller 1932 seine erste Autobiografie vor. Im Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme (1933) emigiert Mann ins Ausland. Ein Jahr darauf wird ihm die deutsche Staatsbürgerschaft formell aberkannt. Während des Exils entstehen mit „Symphonie Pathétique. Ein Tschaikowsky-Roman“ (1935), „Mephisto. Roman einer Karriere“ (1936) und „Der Vulkan. Roman unter Emigranten“ (1939) seine vielleicht bedeutendsten Werke.7 Die Verbreitung des Mephisto-Romans wird in der Bundesrepublik Deutschland 1966 wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte von Gustaf Gründgens zunächst untersagt.8 Mit der Wiederveröffentlichung im Jahr 1981 setzt sich der Rowohlt-Verlag über das bestehende Verbot hinweg.

Ab 1936 lebt Klaus Mann, abgesehen von einigen kurzzeitigen Aufenthalten (beispielsweise 1937 in Budapest, wo sich der Literat einer Drogenentziehungskur unterzieht), fortwährend in den USA. Hier redigiert er 1941 die Zeitschrift „Decision. A Review of Free Culture“ und legt 1942 mit „The Turning Point“, welches in deutscher Fassung 1952 unter dem Titel „Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht“ erscheint, eine Autobiografie in englischer Sprache vor. Im Jahr 1943 erhält Mann die amerikanische Staatsbürgerschaft und tritt der amerikanischen Armee im Kampf gegen das nationalsozialistische Regime bei. In der Folge schreibt er unter anderem als Korrespondent für die Armeezeitung „Stars and Stripes“ (1945).

Nach einer erneuten Drogenentziehungskur stirbt Klaus Mann am 21. Mai 1949 im Alter von 42 Jahren an einer Überdosis Schlaftabletten in Cannes.9

Um ein möglichst vollständiges und vor allem verständliches biografisches Bild von Klaus Mann zu erhalten, sollen nachfolgend noch einmal zwei wesentliche Aspekte aus der vorhergehenden Darstellung erörtert werden.

2.1. Die Emigration im Jahr 1933

Zum einen stellt sich die Frage nach den Gründen für Manns Emigration im Jahr 1933. Stefan Zynda spricht in diesem Zusammenhang von drei möglichen Motiven:

„Er hatte sich bereits in den letzten Jahren der Weimarer Republik politisch gegen die Nazis engagiert, er war Halbjude [...] und er war homosexuell.“10

Zynda ist ohne weiteres zuzustimmen, wenn er ferner darauf hinweist, dass jeder dieser Gründe ausgereicht hätte, Mann im nationalsozialistischen Deutschen Reich strafrechtlich zu belangen.11 Diese Ahnung teilte selbst Klaus Mann:

„Die Luft im Dritten Reich war für gewisse Lungen nicht zu atmen. In der Heimat drohte Erstickungstod. Ein guter, ein wahrhaft zwingender Grund, sich fernzuhalten!“12

Harald Neumann sieht die Exilierung des Literaten ähnlich begründet:

„Mußte [sic!] aber ein Klaus Mann nicht nur wegen seiner deutlichen demokratischen Gesinnung, sondern auch wegen seiner homosexuellen Veranlagung und Betätigung nach der Machtübernahme 1933 sogleich ins Exil gehen?“13

2.2. Der Suizid im Jahr 1949

Der Suizidgrund ist ein weiterer Gesichtspunkt, den es zu hinterfragen gilt. In „Der Wendepunkt“ liefert Klaus Mann eine Erklärung dafür, warum jemand Selbstmord begeht:

„Weil man die nächste halbe Stunde, die nächsten fünf Minuten nicht mehr erleben will, nicht mehr erleben kann. Plötzlich ist man am toten Punkt, am Todespunkt. Die Grenze ist erreicht - kein Schritt weiter! Wo ist der Gashahn? Her mit dem Phanodorm [Betäubungsmittel gegen Schlafstörungen, Anm. d. Verf.]! Schmeckt es bitter? Was tut’s? Das Leben hat nicht eben süß geschmeckt. Je suis dégouté de tout ...1415

Bei genauerer Betrachtung verrät diese eher allgemein gehaltene Stellungnahme die Suizidalität dieses Menschen. Tatsächlich ist man sich in der Klaus-Mann-Forschung weitestgehend einig, dass die Todessehnsucht des Schriftstellers ein Grund für dessen Selbsttötung war. Daneben werden die Misserfolge seiner letzten Werke, die subtile politische Weltlage und insbesondere seine homosexuelle Identität als denkbare Motive angeführt.16 Denn Klaus Mann litt infolge der gesellschaftlichen Homophobie in seinen letzten Lebensjahren an stetiger Vereinsamung.17 Ferner gestaltete sich das Verhältnis zu Thomas Mann nicht zuletzt aufgrund seiner Homosexualität größtenteils diffizil.18

Annette Wohlfahrt resümiert folgerichtig, dass nur alle Gründe zusammengenommen den Suizid von Klaus Mann begreiflich machen.19

In meiner Darlegung zur Suizidfrage ist bereits angeklungen, dass einem homosexuellen Menschen im beginnenden 20. Jahrhundert vielfach mit Ressentiments und Argwohn begegnet wurde. In der nachfolgenden Betrachtung möchte ich mich mit dem politischen und gesellschaftlichem Bild der Homosexualität zu jener Zeit ein wenig näher auseinander setzen.

3. Die Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Im Europa des ausklingenden 19. Jahrhunderts sieht man in der Homosexualität eine destruktive psychische Störung,20 die - mit Sodomie umschrieben21 - in schärfster Form strafrechtlich geahndet wird.22 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeichnen sich durch die intensive publizistische und medizinische Diskussion über Gleichgeschlechtlichkeit erstmals juristische Liberalisierungstendenzen ab.23 Erwähnt seien hier vor allem die Bestrebungen des deutschen Nervenarztes und Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld (* 14. Mai 1868, † 15. Mai 1935), der sich vehement für die Aufhebung der männlichen Homosexualität als Strafrechtsdelikt einsetzt.24 Ist der homosexuelle Mann noch wenige Jahrzehnte zuvor genötigt, seine sexuelle Neigung auch aufgrund der allgemeinen gesellschaftlichen Homophobie geheim zu halten, kann er beispielsweise im Berlin der Zwanzigerjahre allmählich aus der Anonymität heraustreten:

„Sündiger und widerlicher konnte nichts mehr sein, es war wirklich ganz herrlich, [...].“25

Durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 verschärfen sich die homophoben Tendenzen wieder. Gleichgeschlechtlichkeit gilt als Verstoß gegen die nationalsozialistische Rassenideologie, weshalb tausende von Homosexuellen in Konzentrationslagern denunziert oder getötet werden.26 Einige Freigeister wie der deutsche Soziologe und Schriftsteller Klaus Theweleit sehen heute eine strukturelle Verbindung von homosexueller und nationalsozialistischer Gesinnung,27 was sich angesichts der oben erwähnten inhumanen Vorkommnisse jedoch fraglos negieren lässt.

Die Gleichgeschlechtlichkeit erfährt zwar nach dem Zweiten Weltkrieg auch auf juristischer Ebene eine Entkriminalisierung,28 wird aber in der medizinischen Praxis

[...]


1 vgl. Siegfried Rudolf Dunde (Hrsg.): Handbuch Sexualität. Weinheim: Deutscher Studien Verlag, 1992. S. 364.

2 vgl. Dunde 1992. S. 364.

3 vgl. Dunde 1992. S. 377.

4 vgl. Dunde 1992. S. 364.

5 vgl. Dunde 1992. S. 371.

6 vgl. Dunde 1992. S. 375.

7 vgl. Armin Strohmeyr: Klaus Mann. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2000. S. 152-153.

8 vgl. Eberhard Spangenberg: Karriere eines Romans. Mephisto, Klaus Mann und Gustaf Gründgens. Ein dokumentarischer Bericht aus Deutschland und dem Exil 1925-1981. München: Edition Spangenberg im Ellermann Verlag, 1982. S. 173.

9 vgl. Strohmeyr 2000. S. 153-154.

10 Stefan Zynda: Sexualität bei Klaus Mann. Bonn: Bouvier Verlag, 1986. S. 86.

11 vgl. Zynda 1986. S. 86.

12 Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. München: Edition Spangenberg im Ellermann Verlag, 1976. S. 331.

13 Harald Neumann: Klaus Mann. Eine Psychobiographie. 2. und überarbeitete Auflage. Sternenfels: Wissenschaft & Praxis Verlag, 2003. S. 47.

14 Die Äußerung „Je suis dégouté de tout ...“ kann im Deutschen mit „Ich bin von allem angeekelt ...“ übersetzt werden.

15 Mann 1976. S. 387-388.

16 vgl. Annette Wohlfahrt: Die Vater-Sohn-Problematik im Leben von Thomas und Klaus Mann. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag, 1989. S. 110.

17 vgl. Zynda 1986. S. 129-130.

18 vgl. Wohlfahrt 1989. S. 102.

19 vgl. Wohlfahrt 1989. S. 110.

20 vgl. Peter Fiedler: Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung. Heterosexualität - Homosexualität - Transgenderismus und Paraphilien - sexueller Missbrauch - sexuelle Gewalt. Mit einem Geleitwort von Andreas Marneros. Weinheim, Basel: Beltz Verlag, 2004. S. 4-5.

21 vgl. Neumann 2003. S. 42.

22 vgl. Neumann 2003. S. 54.

23 Es sei darauf hingewiesen, dass der Lesbianismus von jeher keinen Straftatbestand in Deutschland darstellt. (vgl. Neumann 2003. S. 52.)

24 vgl. Neumann 2003. S. 51-53. [Harald Neumann spricht hier irrtümlich vom 25. Mai 1935 als Todestag.]

25 Klaus Mann: Kind dieser Zeit. Mit einem Nachwort von William L. Shirer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1967. S. 156-157.

26 Homosexuelle müssen eine rosafarbene Armbinde als Erkennungszeichen tragen. (vgl. Neumann 2003. S. 48.) [Harald Neumann spricht hier irrtümlich von einer violetten Farbgebung.]

27 vgl. Neumann 2003. S. 48. [Harald Neumann nennt den Schriftsteller hier irrtümlich Theleweit.]

28 vgl. Neumann 2003. S. 53.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Homosexualität bei Klaus Mann: Betrachtung in Leben und Werk des Literaten
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Klaus Mann
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V44918
ISBN (eBook)
9783638424219
ISBN (Buch)
9783638692663
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Homosexualität, Klaus, Thomas, Mann, Betrachtung, Leben, Werk, Literat, Biografie, Symphonie, Pathetique, Tschaikowsky, Roman, suizid, Erzählung, homosexuell, russisch, Komponist
Arbeit zitieren
Michael Möllmann (Autor), 2005, Homosexualität bei Klaus Mann: Betrachtung in Leben und Werk des Literaten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44918

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