Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre". Der Sonnenwirt im Kontext von Influxionismus, Kriminalanthropologie und psychologischem Erzählen


Hausarbeit, 2016
27 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Rahmung des Werks in einen literarischen, sozialgeschichtlichen und anthropologischen Kontext
2.1 Der Verbrecher im 18. Jh. in Strafjustiz und Literatur
2.2 Schillers Anthropologie – Der Ganze Mensch

3 Influxionismus und Commercium am Beispiel des Sonnenwirtes Christian Wolf
3.1 Influxus corporis bei Christian Wolf – Wie und wann spricht der Körper?
3.1.1 Christian Wolfs Aussehen – Schiller und Lavaters Physiognomie
3.1.2 Christian Wolfs sinnliches Handeln – Die Rache der Natur
3.2 Influxus animae bei Christian Wolf – Wie und wann spricht die Seele?
3.3 Influxionismus und Commercium – Christian Wolf als „ganzer Mensch“

4 Kriminalanthropologische Aspekte des „Verbrechers“
4.1 Schillers Aufwertung des Leib-Sinnlichen

5 Fazit

1 Einleitung

Der Verbrecher – das ist und war vor allem im 18. Jahrhundert die Schnittstelle, an der sich zwei anthropologisch relevante Fragestellungen getroffen haben, und zwar die Frage „Wie ein Mensch überhaupt hatte so werden können?“ (Der Begriff „werden“ war zu dieser Zeit noch nicht einmal relevant, vgl. Rybska 2011, 41; Köpf 1978, 51) und zweitens „Was uns davon abhält, uns mit so einem ‘Geschöpf fremder Gattung […], dessen Blut anders umläuft‘ (Schiller 2014, 10) zu identifizieren?“.

Diese Fragen erhielten vor allem im Zuge der Erneuerung bzw. Humanisierung des Strafrechts im 18. Jh. neue Relevanz (vgl. Kawa 1990, 14). Es galt ein geeignetes und v.a. menschenwürdiges Strafmaß zu finden, die psycho-sozialen Beweggründe eines Verbrechers nachzuvollziehen und ob dazu nur ein Blick in die Gesetzesbücher oder doch „in die Gemüthsfassung des Beklagten“ (Schiller 2014, 14) reichte, das veranlasste einen jungen Mediziner namens Schiller dazu, ein philosophisches Programm auszurufen.

Ihm ging es als Arzt darum, den ganzen Menschen zu begreifen (vgl. Hinderer 1998; Noetzel 2009; Schuller 1994; Riedel 1985); sein Augenmerk verlagerte sich von der Wirkung auf die Ursache. In einer Zeit, in der der aufklärerische Rationalismus das Menschenbild noch in seinen Fängen hielt und den cartesianischen Dualismus von Leib und Seele zugunsten der Ratio aussprach (vgl. Tschierske 1988, 17ff), formulierte Schiller seinen eigenen „Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“ (1780) und wollte das Verhältnis von Körper und Seele als ein gleichberechtigteres verstanden sehen.

Er wollte den Verbrecher – die „thierischste“ Ausformung des Menschen – nicht als von der Gesellschaft separiert, sondern als aus ihr hervorgehend und in ihr wirkend wissen (vgl. Bösmann 2006, 38, 46; Kawa 1990, 41; Hinderer 1998, 156). Aus diesem Grund wählte er einen Stoff mit realhistorischem Hintergrund, den er für seine literarischen Zwecke verarbeitete. „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ ist bis heute eines der prägendsten Werke Schillers und unter seinen Erzählungen wohl die bekannteste. Ihre Rezeption hatte in dem literarischen Diskurs ihrer Zeit nur mäßige Relevanz, kann sich aber vor allem retrospektiv als sehr zeitbezogen ausweisen (vgl. Köpf 1978, 15ff; Hinderer 1998, 115; Jacobsen 1993, 16f; Rybska 2011, 39).

In ihr reichen sich anthropologische, kriminalliterarische und sozial-geschicht-liche Aspekte die Hand. Ganz besondere Beachtung verdient dabei der Influxionismus, der als Antwort auf das dualistische Leib-Seele-Problem seiner Zeit hervortrat und repräsentativ für das vielschichtige Wechselspiel zwischen Innen und Außen, zwischen Individuum und Gesellschaft stand (vgl. Bösmann 2006, 25ff; Tschierske 1988, 196ff; Willems). An ihm, wie auch dem generellen Zusammenhang von Leib und Seele, dem Commercium, wird sich diese Hausarbeit versuchen.

Mit Hilfe der beiden Kategorien influxus corporis und influxus animae (dem körperlichen und seelischen Einfluss) soll am Beispiel des literarischen Sonnenwirtes Christian Wolf gezeigt werden, wie Schiller mit seinen beiden „Antagonisten“ von Leib und Seele verfährt und ob er sie im Sinne seiner eigenen Anthropologie zu vereinen weiß. Ob und inwieweit diese Vorgehensweise in den nachfolgenden Diskurs von Kriminalliteratur und -anthropologie hineinwirkte, wird im Argumentationsgang aufgezeigt.

2 Rahmung des Werks in einen literarischen, sozialgeschichtlichen und anthropologischen Kontext

Zunächst scheint es ratsam ganz im Sinne Rybskas zwei Kontexte herbeizuziehen, die für das Verständnis des „Verbrechers aus verlorener Ehre“ unerlässlich sind; das wäre zum einen der sozial-geschichtliche Hintergrund, in dessen literarischen Diskurs der „Verbrecher“ entstanden ist, und zum anderen Schillers eigene Anthropologie, die als Teil seines umfassenden Lebenswerks in die Entstehung dieser Geschichte mit einfloss. Bei der sozialgeschichtlichen Rahmung interessieren v.a. zwei Dinge: Welches Verbrecherbild herrschte damals in Strafjustiz und Gesellschaft und wie wurde dieses Verbrecherbild im literarischen Diskurs verarbeitet?

Schillers Anthropologie wird dabei eine entscheidende Rolle spielen. Er war damals maßgeblich an der Entwicklung eines ganzheitlichen Menschenbildes beteiligt (vgl. Bösmann 2006; Hinderer 1998, Riedel 1985). In seiner Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ wird daher relevant sein zu fragen, wie er seine eigene Auffassung vom Menschen verarbeitete und welchen Anlass er darin sah, das realhistorische Vorbild eines Verbrechers zu wählen. Im Verbrecher (und ganz besonders im realhistorischen) vermutete Schiller nämlich eine ganz besondere anthropologische Fundgrube, diente ihm diese real- und zeitbezogene „Leichenöffnung“ (Schiller 2014, 12) menschlichen Lasters doch dazu, das volle Potenzial menschlichen Seins aufzuzeigen. Denn wie heißt es gleich zu Beginn seiner Vorrede: Selten war etwas „unterrichtender für Herz und Geist [für Gefühl und Verstand; M.B.], als die Annalen seiner [des Menschen] Verirrungen“ (ebd., S. 9).

2.1 Der Verbrecher im 18. Jh. in Strafjustiz und Literatur

Folgt man dem Argumentationsgang von Rybska, Köpf und Kawa, so zeigt sich, wie oben genannt, dass man Schillers Erzählung eine gewisse Zweidimensionalität entnehmen kann. Da wäre zum einen die schon angesprochene psychologische Seite, mit der er sein neues Menschbild zu entkleiden sucht, und die unüberhörbare Tendenz einer Justiz- bzw. Gesellschaftskritik (vgl. u.a. Köpf 1978, 51; Jacobs 2000, 157f; Rybska 2011, 40f; Aurnhammer 1990, 266). Dies zeigt sich vor allem, wenn Schiller in seiner Erzählung etwa vom „Schlachtopfer der Gesetze“ oder von Wolfs Kritik an der Justiz anhand seines verlorenen Ehrgefühls spricht (Schiller 2014, 15, 30). Es scheint, dass die Richter mehr Zeit darauf verwendeten, in ihre Gesetzesbücher zu schauen als „in die Gemüthsfassung des Beklagten“ (ebd., S. 14). Genau an diesem Zitat macht Schiller das Fehlen der Menschlichkeit in der Justiz fest. Es geht mehr um göttliche Vergeltung und Abschreckung, es geht mehr um die Tat an sich, als um Vorbeugung und Prävention (vgl. Rybska 2011, 41; Köpf 1978, 51). Hier setzt Schiller an und greift vor allem die unterstellte „thierische“ Seite des Verbrechers auf.

Man war sich dieser tierischen Seite bewusst, befand sie aber als etwas Hinderliches und Lästiges, was den Menschen in seiner Entwicklung behinderte (vgl. Tschierske 1988, 76ff). Dementsprechend wurden diejenigen, die diese tierische Seite in sich nicht zügeln konnten, von der Gesellschaft als Verbrecher und Außenseiter geächtet. Es schien, als hätten sie ihren Anspruch auf den „Geist der Duldung“ (Toleranz; Schiller 2014, 12) verwirkt. Dieses Bild fand sich auch in der zeitgenössischen Literatur wieder, die von verbrecherischer Literatur nur so überschwemmt war. Man konzentrierte sich dabei aber ebenfalls mehr auf das Verbrechen an sich als auf den Verbrecher, die juristische Gerechtigkeit wurde i.d.R. bestätigt (vgl. Kawa 1990, 23). Dem wirkte Schiller entgegen, der wie viele andere seiner Kollegen (u.a. Wieland, Meißner, Seybold; ebd., S. 23f) das Gewicht zunehmend von den verbrecherischen Wirkungen auf die psychologischen Ursachen legte.

Seine Erzählung kann in dieser Hinsicht (und v. a. in ihrem Humanisierungsappell an das Strafrecht) als sehr zeitbezogen aufgefasst werden. Ihm ging es nicht nur um die psychologischen und sozialen Aspekte eines Verbrechers, sondern auch darum, wie die Institution die Verbrechen, die sie verhindern soll, allererst hervorbringt.

2.2 Schillers Anthropologie – Der Ganze Mensch

Wie schon oben erwähnt, war Schiller daran gelegen alle Facetten des menschlichen Seins aufzuzeigen. Die Guten wie die Schlechten, die Sinnlichen wie die Sittlichen und v.a. deren Existenz nicht nur anschaulich aufzuzeigen, sondern sie auch in einen harmonischen Zusammenhang zu bringen. Das ist generell eines der Kernthemen in Schillers Philosophie: Die Versöhnung von Dichotomien.

Seine philosophischen Schriften sind nahezu voll davon. Egal ob Natur und Vernunft, Stoff und Form, Pflicht und Neigung, Herz und Verstand, Individuum und Gesellschaft, überall versucht Schiller die Mitte zu finden. Er vertritt somit eine „Philosophie der Mitte“. Nur über die „Mittellinie der Wahrheit“ (Schiller 1867, 1) lässt sich laut ihm der Weg zur Wahrheit finden. Einseitigkeit, Dogmen, Voreingenommenheit, das sind Dinge, die es zu vermeiden gilt (vgl. Hinderer 1998, 21). Der Zugang zum Ganzen erschließe sich einem nur über den Einbezug aller Realitäten und nicht durch den Ausschluss einzelner (vgl. Schiller 1871, 52). Dabei geht es ihm nicht darum, alles in vorhandende Kategorien einzuteilen. Vielmehr sollte alles in einem größeren Zusammenhang und unter dem Einbezug von Kontext und Relativität betrachtet werden. Denn wie sagt Schiller selbst: „In jener Betrachtung sind die Vorfälle bald gut, bald böse; in dieser sind sie alle auf gleiche Weise gut.“ (Schiller 1867, 10)

Was nun die Frage nach der eigentlichen Ursache der Dinge angeht, so lässt sich für ihn als Mediziner, Philosoph und Schriftsteller keine Antwort darauf finden. In seinen Berichten über Grammont spricht er selbst darüber (vgl. Riedel 1985, 37ff). Ihm als Philanthrop geht es aber auch mehr um das menschliche Ideal – die Vollkommenheit, zu der der Mensch in seiner Bestimmung mit all seinen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln als „schöne Seele“ hinreifen soll. Die Vermittlung zu diesem Ideal – gleichsam sein Katalysator – sieht Schiller im Ästhetischen, das er eng bei seinem medizinischen Begriff der „Mittelkraft“ oder auch später bei seinem philosophischen Ausdruck der „mittleren Stimmung“ ansiedelt (vgl. Tschierske 1988, 236; Hinderer 1998, 21). Die Literatur scheint ein effektiver Zugang zu sein, um diesen temporären Zustand der Entfremdung und Getrenntheit zu lösen. Aus diesem Grund sieht sich Schiller durchaus in der Verantwortung, diesen idealen Zustand auf literarischem Weg vorzubereiten. In seinen Händen – den Händen des Dichters – formt sich das Ideal, hier kann der Mensch, Mensch sein (vgl. Köpf 1978, 27ff). Vor diesem Hintergrund wird vielleicht ersichtlich, warum Schiller für sein Anliegen das realhistorische Exempel eines Verbrechers gewählt hat.

In seinem real- und zeitbezogenen Kontext – dem historischen Fall des Verbrechers Friedrich Schwan – rät er dem Leser das Gelesene ernst zu nehmen und überwindet damit die Lücke zwischen Rezipient und historischem Subjekt (ebd., S. 37ff). Für ihn, der nach Ganzheit strebt, sind die menschlichen Verirrungen fast lehrreicher als die sittlichen Vorbilder (vgl. Schiller 1871, 11), braucht es doch genau dieses dichotomische Spannungsfeld, um einen Weg der Moral aufzuzeigen.

Der Verbrecher ist die extremste Zuspitzung des Kampfes zwischen Natur und Vernunft. Das Gefälle liegt dabei immer in Richtung Natur, wobei es spannend bleibt aufzuzeigen, wie Schiller das Pendel des nimmer ruhenden Influxionismus in jede Richtungen ausschlagen lässt. Genau das Aufzeigen dieser Pendelbewegung wird der Inhalt dieser Hausarbeit sein. An ihr wird sich Schillers philosophisches Programm symptomatisch nachvollziehen lassen.

3 Influxionismus und Commercium am Beispiel des Sonnenwirtes Christian Wolf

Im Folgenden soll nun gezielt das komplexe Wechselspiel, der Influxionismus, in Schillers Erzählung im Ansatz beleuchtet werden und das exemplarisch am Beispiel des literarischen Sonnenwirtes Christian Wolf. Der Körper und gerade das Leib-Seele-Problem eignen sich in dieser Hinsicht anschaulich, um die dualistischen, einseitig gewichteten Verhältnisse der Aufklärung wie auch die Bildung eines neuen, ganzheitlichen Menschenbildes aufzuzeigen. Der Körper nimmt im Sinne der „Philosophischen Ärzte“, zu denen Schiller durchaus zu rechnen ist (vgl. Bösmann 2006; Hinderer 1998; Noetzel 2009; Schuller 1994; Riedel 1985), nämlich eine gesonderte Stellung ein, lässt sich doch an ihm die Empirie menschlichen Seins nachvollziehen (vgl. Bösmann 2006, 28f).

Ganz im Sinne Lavaters, der die Ansicht vertritt, dass der Körper „nicht lügt“ (vgl. Fink 1998, 116), lässt sich auch an Christian Wolfs Physis veranschaulichen, inwiefern sich der Influxionismus nach außen hin und später – auf der Seelenebene – auch nach innen hin unter der Oberfläche zeigt. Auch wenn dieser Prozess wie mehrfach betont, nicht zu trennen oder zu kategorisieren ist, und sich in einem System, in dem alles zugleich Zweck als auch Ursache sein kann, niemals ein fester, statischer Zustand bestimmen lässt (vgl. Tschierske 1988, 203f, 211f, 228), so soll mit Hilfe der beiden Kategorien influxus corporis und animae zumindest versucht werden ein paar hilfreiche Aussagen zu treffen (vgl. Bösmann 2006, 27). Wo Christian Wolf sinnlich und wo er eher sittlich handelt, das soll der Inhalt der beiden nachfolgenden Kapitel sein.

3.1 Influxus corporis bei Christian Wolf – Wie und wann spricht der Körper?

Ganz im Zeichen der Aufklärung beginnen wir diese Untersuchung also mit einer Dichotomie. Dabei bietet es sich an dieses Kapitel, das den Körperlichkeiten des Christian Wolfs gewidmet ist, ebenfalls in zwei Abschnitte zu unterteilen. Im ersten soll es um die Physiognomie Christian Wolfs gehen, d.h. welche „naturgegebene“ Veranlagung bringt er mit und wie verändert sich diese im Lauf der Geschichte bzw. wie nimmt sie selbst auf den Verlauf der Geschichte Einfluss. Im zweiten Abschnitt soll es dann um die körperlichen Affekte und Emotionen gehen, die Christian Wolfs Handlungen mitbestimmen. Wie viel Umfang die Körperlichkeit generell bei Schiller einnimmt, soll anhand der aufgebrachten Seitenzahl bereits ersichtlich werden. Dennoch wird auf Schillers Verständnis von Körperlichkeit später noch einmal zu kommen sein.

3.1.1 Christian Wolfs Aussehen – Schiller und Lavaters Physiognomie

Wenn man Christian Wolfs körperliche Konstitution mit einem Begriff zusammenfassen müsste, dann wäre dies wohl: „Mangel“.

Schon von Geburt an hat ihn die Natur in seiner Erscheinung „verabsäumt“ (Schiller 2014, 12). In der Anfangserläuterung der Geschichte, in der Schiller Wolfs Vorgeschichte gerafft zusammenfasst, räumt er dessen Physis viel Raum ein, betont dessen ungünstigen Ausgangbedingungen. Wolf ist kleinwüchsig, hässlich, später auch kränklich (ebd., S. 15), er besitzt eine „plattgedrückte Nase“, eine „geschwollene Oberlippe“ und schwarzes, „kraußes Haar“ (ebd., S. 12). Diese körperliche Beschaffenheit führt dazu, dass Wolf von seinem Umfeld (von den Frauen) gemieden oder – im Falle der Männer – schikaniert wird (ebd., S. 12). Im Umkehrschluss heißt das, dass Wolfs Physis mitunter dafür verantwortlich ist, dass seine menschlichen Bedürfnisse nach Liebe und Anerkennung (oder körperlich gesprochen: nach Nähe und Sexualität) nicht gedeckt werden. Zudem muss er sich auch mit äußerlich bedingtem Mangel herumschlagen, der sich in einer schlechten Wirtschaft und dem Verlust seiner Existenzgrundlage (dem Sterben der Mutter, dem Pfänden des Hauses) äußert (ebd., S. 17). Wolf findet und hat somit keinen Ort, an dem er mit seinem Körper in Ruhe verweilen oder mit ihm eine harmonische Beziehung entwickeln kann.

Selbst in Gefangenschaft nimmt man ihm sein einziges Bezugswesen – seinen Hund (ebd., S. 15). Die permanente Ablehnung treibt ihn schließlich in die Natur hinein. Auch dort hat er jedoch mit harten körperlichen Bedingungen zu tun. Hunger und Angst sind sein ständiger Begleiter. Alles in allem ist Wolf ein Getriebener – ein Entflohener, der durch den ständigen Mangel gezeichnet wird und mit seinem Körper nie in Harmonie kommt – auch dann nicht als er mit der Räuberbande eine kurze Zeit des Überflusses genießt („Wollust“, „Gunst“, „zügellose Vergnügungen“, ebd., S. 27). Dem Mangel folgt das Zuviel. Wolf findet hier im Schillerschen Sinn nicht die Mitte.

Was dann folgt, ist ein noch größerer Mangel, der sich in Wolfs Physis bemerkbar macht. So gelingt es ihm z.B. nicht, die wütenden Affekte auf seinem Gesicht vor dem Schlagbaummann zu verbergen (ebd., S. 31). Was diese Tatsache noch unterstreicht, ist, dass es Wolf offenbar nicht schafft seine Ver-gangenheit aus seinem Antlitz zu streichen. Es zeigt, dass Körper zum einen „ist“ und zum anderen (durch verschiedene Lebenseinflüsse wie Gefühlswelt, Lebensweise, Gesellschaft etc.) „gemacht“ wird. Das macht schon den influxionistischen Aspekt des Reinkörperlichen zwischen Innen und Außen, zwischen „Sein“ und „Werden“ deutlich.

In dieser Hinsicht wird auch die größte Differenz von Schiller zu Lavater, dem „Vater aller Physiognomen“, ersichtlich. Denn während Schiller für Lavater durchaus Achtung und Anerkennung für dessen Arbeit entgegenbringt, so un-terscheidet er sich doch von dessen kategorisierender, eher statischen Physiognomie (vgl. Fink 1998, 117; Stern 1994, 148f), indem er beispielsweise zwischen „stummen“ (angeborenen) und „sprechenden“ (werdenden) Gesichtszügen differenziert. Für Schiller ist die Physiognomie mitunter ein habitueller, performativer Prozess; gerade in der Medizin und Anthropologie kann sie auf wertvolle Hinweise zum Seelenleben eines Menschen verweisen. Dennoch weist er große Differenz zu Lavater auf (vgl. Fink 1998, 118). So beginnt Schiller seine physiognomische Sichtweise auf Christian Wolf durchaus im Lavater’schen Sinn, indem er Wolf mit krausen, dunklen Haaren und einer missgestalteten Nase (beides verbrecherische Züge im Sinne Lombrosos; vgl. Stingelin 1994, 129) ausstattet und ihm dementsprechend einen sinnlichen Charakter zuordnet, aber während Lavater und v.a. auch Lombroso auf eine „Physiognomik der Schuld“ (vgl. ebd., S. 114) oder – noch radikaler – auf einer Physiognomie des „geborenen Verbrechers“ plädieren (vgl. ebd., S. 129; Breitenfellner 1999, 178), zeigt Schiller, dass die Beziehung von Innen und Außen sich nicht immer kongruent verhält.

Gerade am Anfang und am Ende der Geschichte wird dies deutlich. Während Wolf zu Beginn zwar das Aussehen eines Verbrechers besitzt, aber innerlich vor seinem Gesetzesübertritt durchaus moralische Werte aufweist, hat er am Ende ein vom Verbrecherleben gezeichnetes Antlitz, dem man das Bedürfnis nach Rechtschaffenheit nicht ansieht (vgl. Fink 1998, 121). Die Deckungsgleichheit, so führt Fink eindrücklich aus, herrscht, wenn dann nur kurzfristig in seiner Zeit als Verbrecher (ebd., S. 120). Des Weiteren kann man nicht von einer zweifelsfreien Deckungsgleichheit sprechen. Ein weiteres Beispiel hierfür wäre die Szene mit dem Jungen, in der Wolf seine größte emotionale Verletzlichkeit zeigt. In diesem Moment sehnt er sich nach nichts mehr als die Anerkennung seiner guten Tat, seiner Menschlichkeit vor dem unschuldigsten Wesen, das es gibt – einem Kind. Doch während das hinter seiner verwachsenen Miene, die gleichsam als Symbol von der übermächtigen, ihn alles verschlingenden Natur gelten kann, nur das Tierische sieht, fängt auch Wolf an zu zweifeln, ob er auf der Stirn als Unmensch gebrandmarkt ist (Schiller 2014, 18). Es zeigt, dass Wolf beständig im Kampf zwischen Innen und Außen liegt, dass er performativ und habituell zu dem gemacht wird, was man ihm vorgibt und sich schließlich selbst dazu macht, bis er sich letztendlich selbstständig daraus befreit. Er findet auch da nicht die Mitte, findet auch da keine oder nur kurzfristige (in der Räuberhöhle) Einheit. In diesem Sinne erteilt Schiller mit seiner Erzählung Lavaters Physiognomie literaturanthropologisch eine Absage (vgl. Fink 1998, 121, 137).

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre". Der Sonnenwirt im Kontext von Influxionismus, Kriminalanthropologie und psychologischem Erzählen
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft)
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
27
Katalognummer
V449701
ISBN (eBook)
9783668848566
ISBN (Buch)
9783668848573
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schiller, Verbrecher aus verlorener Ehre, Sonnenwirt, Lavater, Influxionismus, Influxus corporis, Influxus animae, 18. Jahrhundert, Christian Wolf, Commercium, Kriminalanthropologie, Literarische Anthropologie, Verbrecherliteratur, Rybska, Kawa, Tschierske, Leib-Seele, Dualismus, Verbrecher, Wille, Kriminalliteratur, Ganzer Mensch, Humanisierung, Strafrecht, Psychologisches Erzählen, Engagiertes Erzählen, Friedrich Schwan, Philosophische Ärzte, Physiognomie, Lombroso, Physiognomik der Schuld, Rache der Natur, Sinn- und Sittlichkeit, Schuld, Anthropologie, Erhabenheit, Täterschaft, Republikanische Freiheit
Arbeit zitieren
Melinda Büdtz (Autor), 2016, Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre". Der Sonnenwirt im Kontext von Influxionismus, Kriminalanthropologie und psychologischem Erzählen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/449701

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