Der Verbrecher – das ist und war vor allem im 18. Jahrhundert die Schnittstelle, an der sich zwei anthropologisch relevante Fragestellungen getroffen haben, und zwar die Frage „Wie ein Mensch überhaupt hatte so werden können?“ (Der Begriff „werden“ war zu dieser Zeit noch nicht einmal relevant) und zweitens „Was uns davon abhält, uns mit so einem ‘Geschöpf fremder Gattung […], dessen Blut anders umläuft‘ zu identifizieren?“.
Diese Fragen erhielten vor allem im Zuge der Erneuerung bzw. Humanisierung des Strafrechts im 18. Jh. neue Relevanz. Es galt ein geeignetes und v.a. menschenwürdiges Strafmaß zu finden, die psycho-sozialen Beweggründe eines Verbrechers nachzuvollziehen und ob dazu nur ein Blick in die Gesetzesbücher oder doch „in die Gemüthsfassung des Beklagten“ reichte, das veranlasste einen jungen Mediziner namens Schiller dazu, ein philosophisches Programm auszurufen.
Ihm ging es als Arzt darum, den ganzen Menschen zu begreifen; sein Augenmerk verlagerte sich von der Wirkung auf die Ursache. Er wollte den Verbrecher – die „thierischste“ Ausformung des Menschen – nicht als von der Gesellschaft separiert, sondern als aus ihr hervorgehend und in ihr wirkend wissen. Aus diesem Grund wählte er einen Stoff mit realhistorischem Hintergrund - den historischen Fall des Verbrechers Friedrich Schwan, den er für seine literarischen Zwecke verarbeitete.
„Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ ist bis heute eines der prägendsten Werke Schillers und unter seinen Erzählungen wohl die bekannteste. In ihr reichen sich anthropologische, kriminalliterarische und sozialgeschichtliche Aspekte die Hand. An dem für das 18. Jh. charakteristischen Zusammenhang von Leib und Seele, dem Commercium, wie auch dessen Zusammenspiel, dem Influxionismus, wird sich diese Hausarbeit am Beispiel des literarischen "Sonnenwirts" Christian Wolf versuchen. Mit den beiden Unterkategorien influxus corporis und influxus animae wie auch Schillers "engagierter" Erzählstrategie werden kriminalanthropologische Aspekte der Erzählung aufzeigt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Rahmung des Werks in einen literarischen, sozialgeschichtlichen und anthropologischen Kontext
2.1 Der Verbrecher im 18. Jh. in Strafjustiz und Literatur
2.2 Schillers Anthropologie – Der Ganze Mensch
3 Influxionismus und Commercium am Beispiel des Sonnenwirtes Christian Wolf
3.1 Influxus corporis bei Christian Wolf – Wie und wann spricht der Körper?
3.1.1 Christian Wolfs Aussehen – Schiller und Lavaters Physiognomie
3.1.2 Christian Wolfs sinnliches Handeln – Die Rache der Natur
3.2 Influxus animae bei Christian Wolf – Wie und wann spricht die Seele?
3.3 Influxionismus und Commercium – Christian Wolf als „ganzer Mensch“
4 Kriminalanthropologische Aspekte des „Verbrechers“
4.1 Schillers Aufwertung des Leib-Sinnlichen
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Schillers Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ unter dem Aspekt der literarischen Anthropologie und des Influxionismus. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schiller das komplexe Wechselspiel von Leib und Seele am Beispiel der Figur des Christian Wolf darstellt, um ein ganzheitliches Menschenbild zu entwickeln, das den Verbrecher nicht als isoliertes Subjekt, sondern als Teil gesellschaftlicher und natürlicher Prozesse begreift.
- Die Rahmung des Werks in den literarischen, sozialgeschichtlichen und anthropologischen Kontext des 18. Jahrhunderts.
- Die Analyse des Influxionismus (Influxus corporis und Influxus animae) als Antwort auf das dualistische Leib-Seele-Problem.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Physiognomie, insbesondere Lavaters, anhand der Darstellung von Christian Wolf.
- Die Untersuchung der Erzählstrategie als "engagiertes Erzählen", das den Leser in den Prozess moralischer Urteilsbildung einbezieht.
- Die Betrachtung kriminalanthropologischer Aspekte und der Frage nach Zurechnungsfähigkeit und individueller Freiheit.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Christian Wolfs Aussehen – Schiller und Lavaters Physiognomie
Wenn man Christian Wolfs körperliche Konstitution mit einem Begriff zusammenfassen müsste, dann wäre dies wohl: „Mangel“.
Schon von Geburt an hat ihn die Natur in seiner Erscheinung „verabsäumt“ (Schiller 2014, 12). In der Anfangserläuterung der Geschichte, in der Schiller Wolfs Vorgeschichte gerafft zusammenfasst, räumt er dessen Physis viel Raum ein, betont dessen ungünstigen Ausgangbedingungen. Wolf ist kleinwüchsig, hässlich, später auch kränklich (ebd., S. 15), er besitzt eine „plattgedrückte Nase“, eine „geschwollene Oberlippe“ und schwarzes, „kraußes Haar“ (ebd., S. 12). Diese körperliche Beschaffenheit führt dazu, dass Wolf von seinem Umfeld (von den Frauen) gemieden oder – im Falle der Männer – schikaniert wird (ebd., S. 12). Im Umkehrschluss heißt das, dass Wolfs Physis mitunter dafür verantwortlich ist, dass seine menschlichen Bedürfnisse nach Liebe und Anerkennung (oder körperlich gesprochen: nach Nähe und Sexualität) nicht gedeckt werden. Zudem muss er sich auch mit äußerlich bedingtem Mangel herumschlagen, der sich in einer schlechten Wirtschaft und dem Verlust seiner Existenzgrundlage (dem Sterben der Mutter, dem Pfänden des Hauses) äußert (ebd., S. 17). Wolf findet und hat somit keinen Ort, an dem er mit seinem Körper in Ruhe verweilen oder mit ihm eine harmonische Beziehung entwickeln kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die anthropologische Relevanz des Verbrecherbegriffs im 18. Jahrhundert ein und umreißt Schillers Bestreben, den Verbrecher durch eine ganzheitliche Betrachtung von Leib und Seele in den gesellschaftlichen Kontext einzubetten.
2 Rahmung des Werks in einen literarischen, sozialgeschichtlichen und anthropologischen Kontext: Das Kapitel verortet die Erzählung im historisch-kritischen Diskurs und erläutert Schillers Interesse an einem ganzheitlichen Menschenbild sowie dessen Kritik an der zeitgenössischen Strafjustiz.
3 Influxionismus und Commercium am Beispiel des Sonnenwirtes Christian Wolf: Hier wird Schillers philosophisches Konzept des Influxionismus anhand der Figur Christian Wolf erläutert, wobei das komplexe Wechselspiel von körperlichen Einflüssen und seelischen Zuständen im Fokus steht.
3.1 Influxus corporis bei Christian Wolf – Wie und wann spricht der Körper?: Dieses Kapitel untersucht die physischen Aspekte Christian Wolfs, insbesondere im Hinblick auf seine physiognomische Veranlagung und seine körperlichen Affekte.
3.1.1 Christian Wolfs Aussehen – Schiller und Lavaters Physiognomie: Hier wird Schillers kritische Distanz zu Lavaters statischer Physiognomie analysiert, indem aufgezeigt wird, wie Wolfs Aussehen durch äußere Faktoren geformt wird und nicht statisch bleibt.
3.1.2 Christian Wolfs sinnliches Handeln – Die Rache der Natur: Dieses Kapitel widmet sich dem Hang Wolfs zur Sinnlichkeit und analysiert, wie sich das Pendel zwischen Natur und Vernunft in seinen Handlungen – etwa in der Mordszene – niederschlägt.
3.2 Influxus animae bei Christian Wolf – Wie und wann spricht die Seele?: Hier liegt der Fokus auf den seelischen Impulsen Wolfs und der schrittweisen Umwandlung moralischer Werte durch leidvolle Erfahrungen.
3.3 Influxionismus und Commercium – Christian Wolf als „ganzer Mensch“: In diesem Kapitel wird die künstliche Trennung von Leib und Seele aufgehoben, um Christian Wolf als ein ineinandergreifendes, „ganzes“ Wesen im Schillerschen Sinne zu begreifen.
4 Kriminalanthropologische Aspekte des „Verbrechers“: Dieses Kapitel diskutiert die Fragen von Schuld, Täterschaft und Zurechnungsfähigkeit unter Berücksichtigung von Schillers innovativer psychologischer Erzählweise.
4.1 Schillers Aufwertung des Leib-Sinnlichen: Hier erfolgt eine abschließende Reflexion über die Bedeutung des Leiblich-Sinnlichen für Schillers Menschenbild und die daraus resultierende moralische Rehabilitation Wolfs.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Relevanz der Erzählung als ein influxionistisches System, in dem alle Aspekte einem stetigen Wandel unterliegen.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Verbrecher aus verlorener Ehre, Literarische Anthropologie, Influxionismus, Commercium, Leib-Seele-Problem, Christian Wolf, Physiognomie, Johann Caspar Lavater, Kriminalliteratur, Aufklärung, Engagiertes Erzählen, Zurechnungsfähigkeit, Menschenbild, Erhabenheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Schillers Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ unter dem Fokus der literarischen Anthropologie, insbesondere unter Anwendung des philosophischen Begriffs des Influxionismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind das Leib-Seele-Problem, die Kritik an der zeitgenössischen Justiz, die Auseinandersetzung mit physiognomischen Theorien des 18. Jahrhunderts und die Analyse des menschlichen Potenzials zur Selbstläuterung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schiller durch die Figur Christian Wolf sein Konzept des "ganzen Menschen" illustriert und dabei ein komplexes, wechselseitiges System von Natur, Vernunft und gesellschaftlichen Einflüssen entwirft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text unter anthropologischen, sozialgeschichtlichen und diskursanalytischen Gesichtspunkten interpretiert und dabei mit zahlreichen Sekundärquellen arbeitet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Influxus corporis und Influxus animae am Beispiel von Christian Wolf, die kritische Analyse von Schillers Verhältnis zur Physiognomie sowie die Diskussion der kriminalliterarischen und anthropologischen Relevanz der Erzählung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Influxionismus, Schillers Anthropologie, Leib-Seele-Dualismus, Christian Wolf, Physiognomie und das "engagierte Erzählen".
Wie unterscheidet sich Schillers Sicht auf die Physiognomie von der Lavaters?
Schiller lehnt Lavaters eher statische, kategorisierende Sicht ab. Für Schiller ist die Physiognomie ein dynamischer, habitueller Prozess, der sich durch Lebenseinflüsse wandelt und nicht als schicksalhafte Vorbestimmung zu verstehen ist.
Welche Rolle spielt der Leser bei Schiller?
Der Leser wird durch Schillers "engagierte Erzählweise" in den Prozess der moralischen Urteilsfindung einbezogen, um eine eigene, reflektierte Haltung zum Geschehen und zur Figur des Verbrechers zu entwickeln.
- Quote paper
- Melinda Büdtz (Author), 2016, Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre". Der Sonnenwirt im Kontext von Influxionismus, Kriminalanthropologie und psychologischem Erzählen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/449701